Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren – und die Bei­ord­nung des bis­he­ri­gen Wahl­ver­tei­di­gers als Pflichtverteidiger

Ein Wahl­ver­tei­di­ger kann nach § 90 Abs. 1 Satz 2 WDO als Pflicht­ver­tei­di­ger bei­geord­net wer­den, wenn er für die­sen Fall das Wahl­man­dat nie­der­ge­legt hat. Sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zur Unzu­läs­sig­keit beding­ter Pflicht­ver­tei­di­gungs­an­trä­ge in Wehr­dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren1 hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aufgegeben. 

Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren – und die Bei­ord­nung des bis­he­ri­gen Wahl­ver­tei­di­gers als Pflichtverteidiger

Nach § 90 Abs. 1 Satz 2 WDO bestellt der Vor­sit­zen­de der Trup­pen­dienst­kam­mer dem Sol­da­ten, der noch kei­nen Ver­tei­di­ger gewählt hat, auf Antrag oder von Amts wegen einen Ver­tei­di­ger, wenn des­sen Mit­wir­kung gebo­ten erscheint. Die Rege­lung zielt dar­auf ab, im dis­zi­pli­nar­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren bei sach­li­cher Not­wen­dig­keit und unab­hän­gig von den sozia­len Ver­hält­nis­sen des Sol­da­ten eine den rechts­staat­li­chen Erfor­der­nis­sen ent­spre­chen­de wirk­sa­me Ver­tei­di­gung sicher­zu­stel­len2.

Zwar ist nach dem Wort­laut der Vor­schrift die Bestel­lung eines Pflicht­ver­tei­di­gers nur mög­lich, wenn der betrof­fe­ne Sol­dat „noch kei­nen Ver­tei­di­ger gewählt hat“. Die Bestel­lung eines Pflicht­ver­tei­di­gers setzt danach das Nicht­be­stehen eines Wahl­man­dats vor­aus. Dies schließt jedoch die Bei­ord­nung eines bis­he­ri­gen Wahl­ver­tei­di­gers als Pflicht­ver­tei­di­ger nicht aus. Die­se kommt vor allem in Betracht, wenn eine Wahl­ver­tei­di­gung bereits vor der Bestel­lung zum Pflicht­ver­tei­di­ger endet3.

Einem Sol­da­ten, der noch kei­nen Ver­tei­di­ger gewählt hat, ist ein Sol­dat gleich­zu­stel­len, des­sen Ver­tei­di­ger das Man­dat nie­der­ge­legt hat. Nichts ande­res gilt, wenn der Ver­tei­di­ger erklärt hat, das Wahl­man­dat mit der Bestel­lung zum Pflicht­ver­tei­di­ger nie­der­zu­le­gen. Soweit das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eine sol­che bedingt erklär­te Nie­der­le­gung des Wahl­man­dats in sei­nem Beschluss vom 05.10.20164 als unwirk­sam ange­se­hen hat, hält er dar­an nicht mehr fest.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt folgt inso­weit der nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers gebo­te­nen Aus­le­gung des am 13.12.2019 in Kraft getre­te­nen § 141 Abs. 1 Satz 1 StPO i.d.F. des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Rechts der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung vom 10.12.20195. Danach wird in den Fäl­len der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung dem Beschul­dig­ten, dem der Tat­vor­wurf eröff­net wor­den ist und der noch kei­nen Ver­tei­di­ger hat, unver­züg­lich ein Pflicht­ver­tei­di­ger bestellt, wenn der Beschul­dig­te dies bean­tragt. Zu der For­mu­lie­rung „noch kei­nen Ver­tei­di­ger hat“ heißt es in der Geset­zes­be­grün­dung, Grund­vor­aus­set­zung für die Antrag­stel­lung sei, „dass der Beschul­dig­te noch kei­nen Ver­tei­di­ger hat oder der gewähl­te Ver­tei­di­ger bereits mit dem Antrag ankün­digt, das Wahl­man­dat mit der Bestel­lung nie­der­zu­le­gen„6. Mit die­ser Klar­stel­lung hat der Gesetz­ge­ber einer dahin­ge­hen­den straf­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zu § 141 StPO a.F.7 nun­mehr aus­drück­lich Rech­nung getragen. 

Dem schließt sich das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auch für die Rege­lung des § 90 Abs. 1 Satz 2 WDO an. Die Erklä­rung eines Wahl­ver­tei­di­gers, das Wahl­man­dat auto­ma­tisch mit der Bestel­lung zum Pflicht­ver­tei­di­ger nie­der­zu­le­gen, bil­det somit eine zuläs­si­ge inner­pro­zes­sua­le Bedin­gung. Dies steht im Ein­klang mit der inzwi­schen gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wonach der Antrag eines Wahl­ver­tei­di­gers, ihn zum Pflicht­ver­tei­di­ger zu bestel­len, kon­klu­dent die Erklä­rung ent­hält, die Wahl­ver­tei­di­gung sol­le mit der Bestel­lung zum Pflicht­ver­tei­di­ger enden8. Der Bun­des­ge­richts­hof sieht eine sol­che bedingt erklär­te Nie­der­le­gung des Wahl­man­dats als pro­zes­su­al zuläs­sig an und geht davon aus, dass mit der Antrags­statt­ga­be das zivil­recht­li­che Auf­trags- bzw. Geschäfts­be­sor­gungs­ver­hält­nis (§ 675 BGB) des Rechts­an­walts erlischt.

Dies bedeu­tet nicht, dass dem Antrag eines Sol­da­ten, ihm sei­nen bis­he­ri­gen Wahl­ver­tei­di­ger als Pflicht­ver­tei­di­ger bei­zu­ord­nen, stets statt­zu­ge­ben ist. Viel­mehr muss die Mit­wir­kung eines Ver­tei­di­gers nach § 90 Abs. 1 Satz 2 WDO gebo­ten erschei­nen. Dies ist der Fall, wenn sie zur Gewähr­leis­tung eines fai­ren Ver­fah­rens unter Berück­sich­ti­gung auch des öffent­li­chen Inter­es­ses an der Durch­set­zung der Zwe­cke des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens und des Beschleu­ni­gungs­ge­bo­tes, in ers­ter Linie aber zum Schutz des Ange­schul­dig­ten erfor­der­lich ist, was ins­be­son­de­re wegen der Aus­wir­kun­gen der dro­hen­den Sank­ti­on anzu­neh­men sein kann9. Dar­über hin­aus darf der Bestel­lung des vom Sol­da­ten bezeich­ne­ten Pflicht­ver­tei­di­gers kein wich­ti­ger Grund ent­ge­gen­ste­hen. Zwar for­dert der Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens, die Wün­sche eines Ange­schul­dig­ten auf Bei­ord­nung eines bestimm­ten Ver­tei­di­gers – soweit wie mög­lich – zu berück­sich­ti­gen. Ein Ange­schul­dig­ter hat jedoch kei­nen Anspruch auf Bei­ord­nung des von ihm bezeich­ne­ten Rechts­bei­stands. Viel­mehr kann ihm in begrün­de­ten Aus­nah­me­fäl­len die Bei­ord­nung eines bestimm­ten Ver­tei­di­gers ver­sagt oder eine bereits erfolg­te Bestel­lung wider­ru­fen wer­den10

Nach Maß­ga­be des­sen war dem frü­he­ren Sol­da­ten im vor­lie­gen­den Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren sein bis­he­ri­ger Wahl­ver­tei­di­ger A als Pflicht­ver­tei­di­ger beizuordnen:

Der frü­he­re Sol­dat ist einem Sol­da­ten gleich­zu­stel­len, der noch kei­nen Ver­tei­di­ger gewählt hat. Denn er hat auf Hin­weis des Trup­pen­dienst­ge­richts, dass beab­sich­tigt sei, ihm einen Pflicht­ver­tei­di­ger zu bestel­len, sei­nen Wahl­ver­tei­di­ger man­da­tiert, der dar­auf­hin für ihn bean­tragt hat, ihm als Pflicht­ver­tei­di­ger bei­geord­net zu wer­den. Der Wahl­ver­tei­di­ger hat bereits mit dem Antrag ankün­digt, das Wahl­man­dat mit der Bestel­lung zum Pflicht­ver­tei­di­ger nie­der­zu­le­gen. Er hat im Schrift­satz vom 10.12.2020 erklärt: „Im Fal­le der Bei­ord­nung lege ich das Wahl­man­dat nie­der“. In der Beschwer­de­be­grün­dung hat er erläu­tert, dass damit gemeint war, dass das Wahl­man­dat mit der Bei­ord­nung enden sol­le; es sol­le nur fort­be­stehen, wenn er nicht als Pflicht­ver­tei­di­ger bei­geord­net wer­den soll­te. Sei­ne Erklä­rung ist dem­entspre­chend so aus­zu­le­gen, dass das Wahl­man­dat mit der Bestel­lung zum Pflicht­ver­tei­di­ger auto­ma­tisch nie­der­ge­legt wird. 

Die Mit­wir­kung eines Ver­tei­di­gers ist in aller Regel gebo­ten, wenn nach den ange­schul­dig­ten Pflicht­ver­let­zun­gen die Höchst­maß­nah­me Aus­gangs­punkt der Zumes­sungs­er­wä­gun­gen ist. Denn der Ver­lust der wirt­schaft­li­chen Exis­tenz­grund­la­ge stellt in der Regel eine so gra­vie­ren­de Fol­ge für den Ange­schul­dig­ten dar, dass ihm auch unter Berück­sich­ti­gung des Kos­ten­ri­si­kos juris­ti­scher Sach­ver­stand zur effek­tivs­ten Wah­rung sei­ner Rech­te und Inter­es­sen bei­zu­ord­nen ist. Dies ist typi­scher­wei­se der Fall, wenn die Ent­fer­nung aus dem akti­ven Dienst oder die Aberken­nung des Ruhe­ge­halts im Raum steht11. Dies ist hier der Fall. Denn dem frü­he­ren Sol­da­ten, … als erkann­ter Extre­mist bewer­tet wur­de, wer­den in der Anschul­di­gungs­schrift meh­re­re Ver­let­zun­gen der poli­ti­schen Treue­pflicht zur Last gelegt; die Ver­hän­gung der Höchst­maß­nah­me kann inso­weit nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Die­se bestün­de ange­sichts der ein­be­hal­te­nen Über­gangs­bei­hil­fe und der noch bis Ende März 2022 fort­lau­fen­den Zah­lung von Über­gangs­ge­bühr­nis­sen in einer Aberken­nung des Ruhe­ge­halts (vgl. § 1 Abs. 3, § 58 Abs. 2 Satz 1 Nr. 4 und Satz 2 WDO). 

Es ist auch kein wich­ti­ger Grund ersicht­lich, der es gebie­ten wür­de, dem frü­he­ren Sol­da­ten aus­nahms­wei­se einen ande­ren als den von ihm benann­ten Ver­tei­di­ger sei­nes Ver­trau­ens als Pflicht­ver­tei­di­ger beizuordnen. 

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 27. April 2021 – 2 WDB 2.21

  1. BVerwG, Beschluss vom 05.10.2016 – 2 WDB 1.16, Buch­holz 450.2 § 90 WDO Nr. 3[]
  2. Dau/​Schütz, WDO, 7. Aufl.2017, § 90 Rn. 9; ein­ge­hend BVerwG, Urteil vom 05. Mai 2015 – 2 WD 6.14 – Buch­holz 450.2 § 90 WDO 2002 Nr. 2 Rn. 24 m.w.N.[]
  3. vgl. BVerwG, Beschluss vom 05.10.2016 – 2 WDB 1.16, Buch­holz 450.2 § 90 WDO 2002 Nr. 3 Rn. 9 m.w.N.[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 05.10.2016 – 2 WDB 1.16, Buch­holz 450.2 § 90 WDO 2002 Nr. 3[]
  5. BGBl. I 2128[]
  6. vgl. BT-Drs.19/13829, S. 36; vgl. auch Schmitt, in: Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 63. Aufl.2020, § 141 Rn. 4; Kraw­c­zyk, in: Beck­OK StPO, 39. Aufl.2021, § 141 Rn. 2[]
  7. vgl. etwa OLG Nürn­berg, Beschluss vom 14.01.1987 – Ws 58/​87 – AnwBl 1987, 236; OLG Olden­burg, Beschluss vom 20.04.2009 – 1 Ws 235/​09 – NJW 2009, 3044; OLG Mün­chen, Beschluss vom 29.07.2014 – 1 Ws 526/​14 13; Thü­rO­LG, Beschluss vom 10.10.2014 – 1 Ws 453/​14 10[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 13.08.2014 – 2 StR 573/​13 – NJW 2014, 3320 und Beschluss vom 05.10.2016 – 3 StR 268/​16 2[]
  9. vgl. BVerwG, Urteil vom 05.05.2015 – 2 WD 6.14, Buch­holz 450.2 § 90 WDO 2002 Nr. 2 Rn. 25[]
  10. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 24.07.2008 – 2 BvR 1146/​08, m.w.N.[]
  11. vgl. BVerwG, Urteil vom 05.05.2015 – 2 WD 6.14, Buch­holz 450.2 § 90 WDO 2002 Nr. 2 Rn. 31 m.w.N.[]

Bild­nach­weis:

Weiterlesen:
Paßwort-Spionage im Beamtenbüro