Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren – und die Bin­dungs­wir­kung des Straf­ur­teils

Nach § 41 Dis­zi­pli­nar­ge­setz des Lan­des Ber­lin (DiszG Be) 1 i.V.m. § 57 Abs. 1 Satz 1 BDG sind die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Urteils im Straf­ver­fah­ren im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, das den­sel­ben Sach­ver­halt zum Gegen­stand hat, für das Ver­wal­tungs­ge­richt bin­dend.

Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren – und die Bin­dungs­wir­kung des Straf­ur­teils

Die­se Bin­dungs­wir­kung soll ver­hin­dern, dass zu ein- und dem­sel­ben Sach­ver­halt unter­schied­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen getrof­fen wer­den. Der Gesetz­ge­ber hat sich dafür ent­schie­den, die Auf­klä­rung eines sowohl straf­recht­lich als auch dis­zi­pli­nar­recht­lich bedeut­sa­men Sach­ver­halts sowie die Sach­ver­halts- und Beweis­wür­di­gung pri­mär den Straf­ge­rich­ten zu über­las­sen.

Dem liegt die Annah­me zugrun­de, dass tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen, die ein Gericht auf der Grund­la­ge eines Straf­pro­zes­ses mit sei­nen beson­de­ren rechts­staat­li­chen Siche­run­gen trifft, eine erhöh­te Gewähr der Rich­tig­keit bie­ten. Daher haben die Ver­wal­tungs­ge­rich­te die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teils ihrer Ent­schei­dung unge­prüft zugrun­de zu legen, soweit die Bin­dungs­wir­kung reicht. Sie sind inso­weit weder berech­tigt noch ver­pflich­tet, eige­ne Fest­stel­lun­gen zu tref­fen.

Die Bin­dungs­wir­kung ent­fällt nur, wenn die straf­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen offen­kun­dig unrich­tig sind 2.

Die Reich­wei­te der gesetz­lich ange­ord­ne­ten Bin­dungs­wir­kung ergibt sich aus deren tra­gen­dem Grund: Die erhöh­te Rich­tig­keits­ge­währ der Ergeb­nis­se des Straf­pro­zes­ses kann nur für die­je­ni­gen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teils ange­nom­men wer­den, die sich auf die Tat­be­stands­merk­ma­le der gesetz­li­chen Straf­norm bezie­hen. Die Fest­stel­lun­gen müs­sen ent­schei­dungs­er­heb­lich für die Beant­wor­tung der Fra­ge sein, ob der objek­ti­ve und sub­jek­ti­ve Straf­tat­be­stand erfüllt ist. Im Fal­le einer Ver­ur­tei­lung müs­sen sie die­se tra­gen. Dage­gen bin­den Fest­stel­lun­gen nicht, auf die es für die Ver­ur­tei­lung nicht ankommt 3.

Dem­entspre­chend umfasst die Bin­dungs­wir­kung straf­ge­richt­li­cher Urtei­le auch die Fest­stel­lung, dass der Beam­te vor­sätz­lich und schuld­haft gehan­delt hat. Dies folgt aus der Tat­sa­che der Ver­ur­tei­lung, die eine straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit des Betrof­fe­nen vor­aus­setzt 4.

Somit ist es rechts­feh­ler­frei, dass das Dis­zi­pli­nar­ge­richt auch hin­sicht­lich Vor­satz und Schuld der Betrugs­hand­lun­gen der Beam­tin auf die Fest­stel­lun­gen des Straf­ur­teils abge­stellt hat.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Febru­ar 2016 – 2 B 1.15

  1. vom 29.06.2004, GVBl. S. 263[]
  2. stRspr, vgl. nur BVerwG, Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 3.12, BVerw­GE 146, 98 Rn. 13[]
  3. BVerwG, Urtei­le vom 08.04.1986 – 1 D 145.85, BVerw­GE 83, 180; und vom 29.05.2008 – 2 C 59.07 29; Beschlüs­se vom 01.03.2012 – 2 B 120.11 – IÖD 2012, 127, 129; und vom 09.10.2014 – 2 B 60.14, Buch­holz 235.1 § 13 BDG Nr. 26 Rn. 11[]
  4. BVerwG, Urteil vom 16.06.1992 – 1 D 11.91, BVerw­GE 93, 255, 261 m.w.N.[]