EDV und die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit

Zur Fra­ge einer Beein­träch­ti­gung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit durch den Betrieb und die Admi­nis­tra­ti­on des EDV-Net­zes im Bereich der recht­spre­chen­den Tätig­keit muss­te jetzt der Bun­des­ge­richts­hof Stel­lung neh­men:

EDV und die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit

In dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Ver­fah­ren sahen die Antrag­stel­ler, meh­re­re Vor­sit­zen­de Rich­ter, ihre rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit dadurch als beein­träch­tigt an, dass der Betrieb und die Admi­nis­tra­ti­on des EDV-Net­zes der Hes­si­schen Jus­tiz für den Recht­spre­chungs­be­reich des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main bei der Hes­si­schen Zen­tra­le für Daten­ver­ar­bei­tung (HZD), einer Ober­be­hör­de der Lan­des­fi­nanz­ver­wal­tung, und nicht bei den Gerich­ten, d.h. allein dem Gerichts­prä­si­di­um ver­ant­wort­li­chen Per­so­nen, ange­sie­delt ist, und der Antrags­geg­ner dies bil­ligt und dul­det.

Der Bun­des­ge­richts­hof teil­te die­se Beden­ken jedoch nicht: Die Bil­li­gung und Dul­dung der Admi­nis­tra­ti­on des EDV-Net­zes der Hes­si­schen Jus­tiz für den Recht­spre­chungs­be­reich des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main durch die HZD beein­träch­tigt als sol­che die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit der Antrag­stel­ler nicht.

Die Beob­ach­tungs­funk­ti­on gehört zur Dienst­auf­sicht, der Rich­ter gemäß § 26 Abs. 1 DRiG unter­ste­hen, soweit nicht ihre Unab­hän­gig­keit beein­träch­tigt wird. Die dienst­auf­sicht­füh­ren­de Stel­le kann ihre Auf­ga­ben, eine geord­ne­te Rechts­pfle­ge zu gewähr­leis­ten und die Ein­hal­tung der Dienst­pflich­ten zu kon­trol­lie­ren, nur erfül­len, wenn sie befugt ist, sich durch stän­di­ge Beob­ach­tung des Dienst­be­triebs und der Arbeit der Rich­ter zu infor­mie­ren [1]. Dazu gehört auch das Recht, den Gebrauch tech­ni­scher Gerä­te und ande­rer Hilfs­mit­tel zu beob­ach­ten, etwa um einer miss­bräuch­li­chen Benut­zung für pri­va­te Zwe­cke vor­zu­beu­gen und unnö­ti­ge Kos­ten zu ver­mei­den [2].

Eine Ver­let­zung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit kommt aller­dings in Betracht, wenn mit der Beob­ach­tung Maß­nah­men ver­bun­den wer­den, die dazu bestimmt oder geeig­net sind, die rich­ter­li­che Rechts­fin­dung durch psy­chi­schen Druck oder auf ande­re Wei­se unmit­tel­bar oder mit­tel­bar zu beein­flus­sen. Dabei sind in den Schutz­be­reich der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit nicht nur die End­ent­schei­dun­gen, son­dern alle der Rechts­fin­dung auch nur mit­tel­bar die­nen­den – sie vor­be­rei­ten­den oder ihr nach­fol­gen­den – Sach- und Ver­fah­rens­ent­schei­dun­gen ein­be­zo­gen [3]. Erfasst wer­den alle rich­ter­li­chen Hand­lun­gen, die in einem kon­kre­ten Ver­fah­ren mit der Auf­ga­be des Rich­ters, Recht zu fin­den und den Rechts­frie­den zu sichern, unmit­tel­bar in Zusam­men­hang ste­hen [4]. Dazu gehö­ren auch von einem Rich­ter zur Vor­be­rei­tung sei­ner Ent­schei­dung ange­fer­tig­te und in das EDVNetz gestell­te Doku­men­te, z.B. Ent­schei­dungs­ent­wür­fe, Voten, Noti­zen oder Ver­mer­ke über Bera­tun­gen. Maß­nah­men der Dienst­auf­sicht, die einen Rich­ter ver­an­las­sen kön­nen, sei­nen Dienst­com­pu­ter und das EDVNetz zur Erle­di­gung die­ser oder ande­rer rich­ter­li­cher Auf­ga­ben nicht in dem von ihm für sach­ge­recht gehal­te­nen Umfang zu benut­zen, kön­nen die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit beein­träch­ti­gen [5].

Gemes­sen hier­an liegt eine Ver­let­zung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit der Antrag­stel­ler nicht vor.

Die Admi­nis­tra­ti­on des EDV-Net­zes der Hes­si­schen Jus­tiz für den Recht­spre­chungs­be­reich des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main durch die HZD gibt Rich­tern ver­nünf­ti­ger­wei­se kei­ne Ver­an­las­sung, damit zu rech­nen, das EDVNetz wer­de von dienst­vor­ge­setz­ten Stel­len oder Drit­ten, die nicht allein der Auf­sicht und Lei­tung der Gerich­te, d.h. der Rich­ter bzw. der Gerichts­prä­si­di­en, unter­ste­hen, zu einer inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Doku­men­te im Kern­be­reich der Recht­spre­chung genutzt, und des­halb von der Erstel­lung und Spei­che­rung sol­cher Daten im EDVNetz abzu­se­hen. Die sys­tem­im­ma­nen­te Ein­sichts- und Zugriffs­mög­lich­keit der obers­ten Admi­nis­tra­to­ren des EDV-Net­zes ist nicht zur inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Doku­men­te bestimmt. Sie dient viel­mehr dem sach­ge­rech­ten Betrieb und der ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­wal­tung des EDV-Net­zes und ist zu die­sem Zweck uner­läss­lich. Allein die – nach den Fest­stel­lun­gen des Dienst­ge­richts­ho­fes bestehen­de – Eig­nung des EDV-Net­zes zur inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Doku­men­te im Kern­be­reich der Recht­spre­chung beein­träch­tigt die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit der Antrag­stel­ler ent­ge­gen ihrer Auf­fas­sung auch dann nicht, wenn die Admi­nis­tra­ti­on des EDV-Net­zes nicht allein der Auf­sicht und Lei­tung der Gerich­te, d.h. der Rich­ter bzw. Gerichts­prä­si­di­en, unter­steht. Sie eröff­net zwar die tech­ni­sche Mög­lich­keit, dass das EDVNetz zur inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Doku­men­te, etwa zur sys­te­ma­ti­schen Suche, Ein­sicht­nah­me, Kopie, Bear­bei­tung und Wei­ter­lei­tung rich­ter­li­cher Doku­men­te, genutzt wird. Die­se Mög­lich­keit besteht aber unab­hän­gig davon, ob das EDVNetz durch eine nicht zum Geschäfts­be­reich des Minis­ters der Jus­tiz gehö­ren­de Behör­de wie die HZD oder durch den Minis­ter der Jus­tiz bzw. die Gerichts­prä­si­den­ten als unmit­tel­ba­re Dienst­vor­ge­setz­te betrie­ben und ver­wal­tet wird. Eine sol­che theo­re­ti­sche Zugriffs­mög­lich­keit der dienst­auf­sicht­füh­ren­den Stel­len auf rich­ter­li­che Doku­men­te im Kern­be­reich der Recht­spre­chung ist in der deut­schen Jus­tiz weit­hin gege­ben. Es gibt aber unge­ach­tet etwai­ger Feh­ler in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len kei­nen Anhalts­punkt dafür, dass sie bewusst zur inhalt­li­chen Kon­trol­le die­ser Doku­men­te genutzt wird. Eben­so wenig ist ersicht­lich, dass die rich­ter­li­che Arbeits­wei­se durch die Befürch­tung einer sol­chen Kon­trol­le beein­flusst wird. Da somit nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass die blo­ße Eig­nung des EDV-Net­zes zu einer inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Doku­men­te Rich­ter ver­an­lasst, das EDVNetz nicht in dem von ihnen für sach­ge­recht gehal­te­nen Umfang zu nut­zen, liegt eine Beein­träch­ti­gung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit nicht vor.

Dies gilt hier jeden­falls des­halb, weil der Dienst­ge­richts­hof in sei­ner inso­weit nicht ange­foch­te­nen Ent­schei­dung die Über­las­sung der Ver­wal­tung des EDV-Net­zes an die HZD zum Schutz vor einer unzu­läs­si­gen inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Doku­men­te von weit rei­chen­den Auf­la­gen abhän­gig gemacht hat. Danach dür­fen Mit­ar­bei­ter der HZD auf rich­ter­li­che Doku­men­te inhalt­lich nur Zugriff neh­men, wenn dies, z.B. bei Repa­ra­tu­ren oder Neu­in­stal­la­tio­nen, für das EDVNetz betriebs­not­wen­dig ist. Fer­ner dür­fen rich­ter­li­che Doku­men­te weder an den Minis­ter der Jus­tiz noch an den Finanz­mi­nis­ter als Dienst­auf­sichts­be­hör­de noch an sons­ti­ge Drit­te wei­ter­ge­ge­ben wer­den. In glei­cher Wei­se ist die Spei­che­rung oder Wei­ter­ga­be so genann­ter Meta­da­ten rich­ter­li­cher Doku­men­te, z.B. des Autors oder der Zeit ihrer Erstel­lung, unzu­läs­sig. Aus­nah­men sind nur bei einem kon­kre­ten Ver­dacht des Miss­brauchs des EDV-Net­zes zu dienst­frem­den Zwe­cken zuläs­sig. Die­se Rege­lun­gen sind schrift­lich nie­der­zu­le­gen. Ihre Ein­hal­tung ist durch den Minis­ter der Jus­tiz unter gleich­be­rech­tig­ter Mit­wir­kung von gewähl­ten Ver­tre­tern der Rich­ter­schaft zu über­wa­chen. Jeden­falls unter die­sen Umstän­den besteht für einen Rich­ter kein Grund anzu­neh­men, das EDVNetz wer­de zur inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Doku­men­te im Kern­be­reich der Recht­spre­chung genutzt, und die­ses Netz des­halb bei sei­ner rich­ter­li­chen Tätig­keit nicht in dem von ihm für sach­ge­recht gehal­te­nen Umfang zu benut­zen. Dies und nicht die blo­ße Eig­nung tech­ni­scher Ein­rich­tun­gen wie einer Tele­fon­an­la­ge oder eines EDV-Net­zes zur inhalt­li­chen Kon­trol­le rich­ter­li­cher Tätig­keit ist, anders als die Antrag­stel­ler mei­nen, nach der Recht­spre­chung des Dienst­ge­richts des Bun­des [2] das maß­geb­li­che Kri­te­ri­um zur Beur­tei­lung einer Beein­träch­ti­gung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit. Danach liegt eine Beein­träch­ti­gung der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit der Antrag­stel­ler nicht vor.

Ob dies auch ohne die Auf­la­gen des Dienst­ge­richts­ho­fes der Fall wäre, ist im vor­lie­gen­den Revi­si­ons­ver­fah­ren nicht zu ent­schei­den, weil die Ent­schei­dung des Dienst­ge­richts­ho­fes inso­weit nicht mit der Revi­si­on ange­foch­ten wor­den ist. Im Übri­gen ist das Dienst­ge­richt des Bun­des an die im Beru­fungs­ur­teil getrof­fe­nen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen gebun­den (§ 80 Abs. 1 Satz 1 DRiG, § 137 Abs. 2 VwGO). Der im Revi­si­ons­ver­fah­ren gehal­te­ne Vor­trag der Par­tei­en über die nach Erlass des Beru­fungs­ur­teils erfolg­te bzw. künf­tig beab­sich­tig­te Aus­ge­stal­tung des Betriebs und der Admi­nis­tra­ti­on des EDV-Net­zes der Hes­si­schen Jus­tiz ist für die Ent­schei­dung unbe­acht­lich [6].

Bun­des­ge­richts­hof – Dienst­ge­richt des Bun­des, Urteil vom 6. Okto­ber 2011 – RiZ® 7/​10

  1. BGH, Urteil vom 14.09.1990 – RiZ® 1/​90, BGHZ 112, 189, 193[]
  2. BGH, Urteil vom 24.11.1994 – RiZ® 4/​94, NJW 1995, 731, 732[][]
  3. BGH, Urtei­le vom 23.10.1963 – RiZ® 1/​62, BGHZ 42, 163, 169, vom 14.04.1997 – RiZ® 1/​96, DRiZ 1997, 467, 468 f.; und vom 22.02.2006 – RiZ® 3/​05, NJW 2006, 1674, 1675[]
  4. BGH, Urteil vom 14.04.1997 – RiZ® 1/​96, DRiZ 1998, 467, 469[]
  5. vgl. für die Nut­zung von Tele­fon­an­la­gen BGH, Urteil vom 24.11.1994 – RiZ® 4/​94, NJW 1995, 731, 732[]
  6. vgl. Kopp/​Schenke, VwGO, 17. Aufl., § 137 Rn. 24 mwN[]