Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dung – und die Schutz­zeit

Für Strei­tig­kei­ten über die Fest­set­zung des Beginns der Schutz­zeit im Sin­ne des § 4 Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dungs­ge­setz ist der Rechts­weg zu den Wehr­dienst­ge­rich­ten eröff­net.

Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dung – und die Schutz­zeit

Die Wehr­dienst­ge­rich­te sind unter ande­rem für Strei­tig­kei­ten sach­lich zustän­dig, die Ent­schei­dun­gen über die dienst­li­che Ver­wen­dung eines Sol­da­ten betref­fen 1. Trup­pen­dienst­li­che Ver­wen­dungs­ent­schei­dun­gen sind sol­che Maß­nah­men oder Ent­schei­dun­gen, die sich nicht auf den dienst­recht­li­chen Sta­tus des Sol­da­ten (z.B. Begrün­dung, Ände­rung und Dau­er des Wehr­dienst­ver­hält­nis­ses), son­dern auf die Gestal­tung des mili­tä­ri­schen Dienst­be­triebs bezie­hen und durch die der zustän­di­ge mili­tä­ri­sche Vor­ge­setz­te oder die zustän­di­ge Dienst­stel­le der Bun­des­wehr fest­legt, wann, wo und wie – d.h. zu wel­chen Zei­ten, an wel­chem Ort, mit wel­chem Inhalt und unter wel­chen fach­li­chen und/​oder per­sön­li­chen Vor­aus­set­zun­gen – der Sol­dat sei­nen Dienst zu ver­rich­ten hat 2. Die hier strit­ti­ge Fest­set­zung des Beginns der Schutz­zeit im Sin­ne des § 4 des Geset­zes zur Rege­lung der Wei­ter­ver­wen­dung nach Ein­sat­zun­fäl­len (Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dungs­ge­setz – Ein­satz­WVG) vom 12.12 2007 3 stellt hier­nach für Sol­da­ten eine Ver­wen­dungs­ent­schei­dung dar. Mit ihr wird der Zeit­punkt fixiert, von dem an die dienst­li­che (Weiter-)Verwendung eines ein­satz­ge­schä­dig­ten Sol­da­ten (§ 1 Nr. 1 Ein­satz­WVG) ohne Ver­än­de­rung sei­nes Sol­da­ten­sta­tus unter bestimm­ten; vom Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dungs­ge­setz kon­kre­ti­sier­ten per­sön­li­chen und/​oder fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfolgt.

Ziel und Schutz­zweck des am 18.12 2007 in Kraft getre­te­nen Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dungs­ge­set­zes ist es, ein­satz­ge­schä­dig­ten Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten grund­sätz­lich die Her­stel­lung der Dienst­fä­hig­keit für die Wie­der­auf­nah­me der bis­he­ri­gen beruf­li­chen Tätig­keit, für eine Wei­ter­ver­wen­dung beim Bund oder für eine sons­ti­ge Ein­glie­de­rung in das Arbeits­le­ben sowie die hier­für erfor­der­li­che beruf­li­che Qua­li­fi­zie­rung im Sol­da­ten­sta­tus zu ermög­li­chen 4. Das Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dungs­ge­setz rich­tet sich also – wie bereits die Geset­zes­be­zeich­nung belegt – vor­ran­gig auf die Wei­ter­ver­wen­dung der ein­satz­ge­schä­dig­ten Sol­da­ten, ohne zunächst in ihre sta­tus­recht­li­che Posi­ti­on ein­zu­grei­fen. Die Vor­aus­set­zun­gen und Rah­men­be­din­gun­gen für die ange­streb­te Wei­ter­ver­wen­dung haben einer­seits fach­li­che Kom­po­nen­ten (vor­nehm­lich die beruf­li­che Qua­li­fi­zie­rung nach Maß­ga­be des § 3 Ein­satz­WVG), ande­rer­seits per­sön­li­che Kom­po­nen­ten (ins­be­son­de­re die medi­zi­ni­sche Behand­lung der gesund­heit­li­chen Schä­di­gung); sie prä­gen die ange­streb­te Wei­ter­ver­wen­dung als inhalt­li­che Modi­fi­ka­ti­on der dienst­li­chen Ver­wen­dung des Betrof­fe­nen und sind gleich­zei­tig die gesetz­li­chen Kri­te­ri­en für die Defi­ni­ti­on der Schutz­zeit im Sin­ne des § 4 Ein­satz­WVG. Schutz­zeit ist danach die Zeit, in der Ein­satz­ge­schä­dig­te ent­we­der medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen zur Behand­lung der gesund­heit­li­chen Schä­di­gung oder Leis­tun­gen zur beruf­li­chen Qua­li­fi­zie­rung nach § 3 Ein­satz­WVG oder ande­ren Geset­zen benö­ti­gen, um die Auf­nah­me der bis­he­ri­gen beruf­li­chen Tätig­keit, eine Wei­ter­ver­wen­dung nach dem Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dungs­ge­setz oder eine sons­ti­ge Ein­glie­de­rung in das Arbeits­le­ben zu errei­chen. Aus den Ein­schrän­kun­gen bzw. Ver­bo­ten einer Ent­las­sung oder Kün­di­gung in § 4 Ein­satz­WVG sowie aus den Rege­lun­gen zum Ende der Schutz­zeit in § 4 Abs. 3 Ein­satz­WVG ergibt sich, dass die Fest­set­zung des Beginns der Schutz­zeit unter kei­nem recht­li­chen Gesichts­punkt eine Vor­ent­schei­dung oder Teil­re­ge­lung zum Sta­tus des ein­satz­ge­schä­dig­ten Sol­da­ten ent­hält. Sie kon­zen­triert und beschränkt ihren Rege­lungs­ge­halt viel­mehr auf einen ver­wen­dungs­be­zo­ge­nen Gesichts­punkt, näm­lich auf den Zeit­punkt, ab dem die dienst­li­che (Weiter-)Verwendung des ein­satz­ge­schä­dig­ten Sol­da­ten eine fach­li­che und/​oder per­sön­li­che Modi­fi­ka­ti­on erfährt. Inso­weit kann offen­blei­ben, ob die Zustän­dig­keits­vor­schrift in § 4 Abs. 4 Ein­satz­WVG (für die Stel­len, die über Sta­tus­än­de­run­gen zu ent­schei­den haben) im Fall des Sol­da­ten Aus­wir­kun­gen auf den Rechts­weg hat. Denn die­se Bestim­mung betrifft allein die Zustän­dig­keit für die hier nicht in Rede ste­hen­de Ent­schei­dung über das Ende der Schutz­zeit gemäß § 4 Abs. 3 Satz 1 und Satz 3 Ein­satz­WVG.

Die Ent­schei­dung über den Beginn der Schutz­zeit ist kei­ne Vor- oder Zwi­schen­ent­schei­dung über die dienst­li­che Ver­wen­dung des ein­satz­ge­schä­dig­ten Sol­da­ten, die nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts einer iso­lier­ten Über­prü­fung durch die Wehr­dienst­ge­rich­te nicht zugäng­lich ist 5. Viel­mehr wird durch sie mit unmit­tel­ba­rer Bin­dungs­wir­kung für die Per­so­nal­füh­rung und Per­so­nal­ver­wal­tung fest­ge­legt, ab wann die Ver­wen­dung eines ein­satz­ge­schä­dig­ten Sol­da­ten den dar­ge­stell­ten inhalt­li­chen Modi­fi­ka­tio­nen unter­liegt.

Die Fest­set­zung des Beginns der Schutz­zeit ist die wesent­li­che Vor­aus­set­zung für die Ver­wirk­li­chung (unter ande­rem) der beruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on, auf die ein Ein­satz­ge­schä­dig­ter gemäß § 3 Abs. 1 Ein­satz­WVG einen Rechts­an­spruch hat. Im Hin­blick auf die­se mate­ri­el­le Vor­wir­kung der ange­streb­ten Fest­set­zung für ein sub­jek­ti­ves Recht des Ein­satz­ge­schä­dig­ten kann die­ser sich unmit­tel­bar aus dem Ein­satz-Wei­ter­ver­wen­dungs­ge­setz auf die mög­li­che Ver­let­zung eines indi­vi­du­el­len Rechts beru­fen. Über­dies stellt die strit­ti­ge Fest­set­zung eine spe­zi­fi­sche Aus­prä­gung der ver­wen­dungs­be­zo­ge­nen Für­sor­ge­pflicht des Vor­ge­setz­ten bzw. der zustän­di­gen per­so­nal­be­ar­bei­ten­den Stel­le der Bun­des­wehr aus § 10 Abs. 3 SG dar. Der Anspruch eines Sol­da­ten auf Wah­rung die­ser Pflicht gehört zu den indi­vi­du­el­len geschütz­ten Rech­ten, die er im Rah­men des § 17 Abs. 1 WBO gel­tend machen kann.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Febru­ar 2016 – 1 WB 33.15

  1. stRspr, z.B. BVerwG, Beschlüs­se vom 27.01.2010 – 1 WB 38.09, Buch­holz 232.2 § 7 AZV Nr. 2 Rn.20; und vom 26.10.2012 – 1 WDS-VR 6.12 und 1 WDS-VR 7.12, BVerw­GE 145, 24, Rn. 23 ff. jeweils m.w.N.[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 27.01.2010 – 1 WB 38.09, Buch­holz 232.2 § 7 AZV Nr. 2 Rn.20[]
  3. BGBl. I S. 2861, zuletzt geän­dert durch Art. 12 GKV-Finanz­struk­tur- und Qua­li­täts-Wei­ter­ent­wick­lungs­ge­setz vom 21.07.2014, BGBl. I S. 1133[]
  4. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, Abschnitt A "Pro­blem und Ziel", BT-Drs. 16/​6564 vom 04.10.2007, S. 1[]
  5. stRspr, z.B. BVerwG, Beschlüs­se vom 23.10.2012 – 1 WB 59.11, Buch­holz 450.1 § 17 WBO Nr. 84 Rn. 26; und vom 25.09.2014 – 1 WB 49.13, Rn. 21[]