Sexu­el­le Über­grif­fe eines Leh­rers

Ein Leh­rer ver­stößt im Kern­be­reich gegen sei­ne dienst­li­chen Pflich­ten, wenn er sexu­el­le Hand­lun­gen zwi­schen ihm und Schü­lern zulässt – unab­hän­gig davon, ob der Schü­ler min­der­jäh­rig oder voll­jäh­rig ist. Dabei wer­den sexu­el­le Über­grif­fe auf Min­der­jäh­ri­ge grund­sätz­lich mit der dis­zi­pli­na­ri­schen Höchst­maß­nah­me geahn­det, d.h. der Leh­rer muss aus dem Beam­ten­ver­hält­nis ent­fernt wer­den.

Sexu­el­le Über­grif­fe eines Leh­rers

Das hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Leh­rers an einer För­der­schu­le ent­schie­den. Die­ser Leh­rer besuch­te im Juni 2010 besuch­te im Rah­men des „Sport- und Erleb­nis­ta­ges“ sei­ner Schu­le mit meh­re­ren Schü­lern der sechs­ten bis zehn­ten Klas­sen ein Frei­zeit­bad. Nach den Fest­stel­lun­gen im spä­ter gegen ihn ergan­ge­nen Straf­be­fehl, mit dem der Beklag­te zu einer Frei­heits­stra­fe von zehn Mona­ten auf Bewäh­rung ver­ur­teilt wur­de, griff der Beklag­te – zunächst im Rutsch‑, dann im Spru­del- und sodann wie­der im Rutsch­be­cken – einem 14-jäh­ri­gen Schü­ler mehr­fach an Hoden, Penis und Po, gab ihm meh­re­re Zun­gen­küs­se, zog des­sen Kopf an sei­ne Geni­ta­li­en her­an, fass­te ihm in die Bade­ho­se, drück­te dann sei­nen eri­gier­ten Penis an den des Jun­gen und schob den Schü­ler spä­ter auf sei­nem Schoß sit­zend wie beim Geschlechts­akt vor und zurück. Wegen die­ses sexu­el­len Miss­brauchs ent­fern­te das Ver­wal­tungs­ge­richt den Leh­rer aus dem Beam­ten­ver­hält­nis.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Rhein­land-Pfalz ver­pflich­te die Wah­rung der Per­sön­lich­keits­rech­te der Schü­ler, die Pflicht zur Gewähr­leis­tung ihrer behut­sa­men per­sön­li­chen Ent­wick­lung sowie Anspruch und Ver­trau­en der Eltern dar­auf, dass Leh­rer das auf­grund der all­ge­mei­nen Schul­pflicht bestehen­de Obhuts- und Nähe­ver­hält­nis zu den Schü­lern nicht zur Ver­fol­gung eige­ner Bedürf­nis­se aus­nut­zen, den Leh­rer dazu, sich in sexu­el­ler Hin­sicht unein­ge­schränkt kor­rekt zu ver­hal­ten. Die­se Ver­pflich­tung bestehe nicht nur gegen­über min­der­jäh­ri­gen, son­dern wegen des erfor­der­li­chen Ver­trau­ens in die Unvor­ein­ge­nom­men­heit der Leh­rer auch voll­jäh­ri­gen Schü­lern gegen­über. Des­halb ver­sto­ße ein Leh­rer im Kern­be­reich gegen sei­ne dienst­li­chen Pflich­ten, wenn er sexu­el­le Hand­lun­gen zwi­schen ihm und Schü­lern zulas­se. Dies gel­te unab­hän­gig von einem kon­kre­ten Abhän­gig­keits- oder Obhuts­ver­hält­nis zwi­schen Leh­rer und Schü­ler und auch dann, wenn die Hand­lung mit dem (ver­meint­li­chen) Ein­ver­ständ­nis des Schü­lers erfol­ge.

Die im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren aus­zu­spre­chen­de Sank­ti­on bemes­se sich maß­geb­lich nach Art und Aus­maß der Pflicht­ver­let­zung sowie des Ver­trau­ens­ver­lus­tes des Dienst­herrn und der All­ge­mein­heit. Wel­che Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me ange­mes­sen sei, hän­ge des­halb nicht davon ab, ob das Ver­hal­ten des Beam­ten einen Straf­tat­be­stand erfül­le und wel­cher Straf­rah­men hier­für gel­te. Da sexu­el­le Über­grif­fe auf Min­der­jäh­ri­ge in höchs­tem Maße schäd­li­che Aus­wir­kun­gen auf die see­li­sche und sozia­le Ent­wick­lung der Kin­der und Jugend­li­chen hät­ten sowie das Ver­trau­en der Eltern in ein part­ner­schaft­li­ches Zusam­men­wir­ken mit der Schu­le bei der Erfül­lung des staat­li­chen Erzie­hungs­auf­tra­ges zer­stö­re, sei­en sol­che Hand­lun­gen grund­sätz­lich mit der dis­zi­pli­na­ri­schen Höchst­maß­nah­me zu ahn­den. Des­halb habe der Beklag­te aus dem Beam­ten­ver­hält­nis ent­fernt wer­den müs­sen. Mil­de­rungs­grün­de, die aus­nahms­wei­se ein Abse­hen von der Dienst­ent­fer­nung recht­fer­ti­gen könn­ten, lägen nicht vor. Ins­be­son­de­re der Ein­wand, es habe sich um einen ein­ma­li­gen Über­griff gehan­delt, erlau­be nicht den Ver­bleib des Beklag­ten im Beam­ten­ver­hält­nis. Schließ­lich kön­ne der Beklag­te zu sei­nen Guns­ten nichts dar­aus her­lei­ten, dass er zu einer Frei­heits­stra­fe von weni­ger als einem Jahr ver­ur­teilt wor­den sei. Wegen der unter­schied­li­chen Zwe­cke von Straf- und Dis­zi­pli­nar­recht kom­me es auf das Maß der straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung für die Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nicht an.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 24. Febru­ar 2012 – 3 A 11426/​11