Fami­li­en­zu­schlag bei einer nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft

Ein Beam­ter, der in einer nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft lebt, hat kei­nen Anspruch auf Gewäh­rung eines Fami­li­en­zu­schlags der Stu­fe 1 wegen sitt­li­cher Unter­halts­ver­pflich­tung.

Fami­li­en­zu­schlag bei einer nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft

Bei einer ehe­än­li­chen Lebens­ge­mein­schaft besteht nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts grund­sätz­lich kei­ne sitt­li­che Ver­pflich­tung, dem nicht­ehe­li­chen Part­ner Unter­halt zu gewäh­ren. Denn es ent­spricht dem Sinn eines sol­chen Zusam­men­le­bens, dass sein Fort­be­stehen im frei­en Ent­schluss der Part­ner liegt und grund­sätz­lich kei­nen Part­ner eine sitt­li­che Pflicht trifft, das Zusam­men­le­ben und die damit ver­bun­de­ne Unter­kunfts- und Unter­halts­ge­wäh­rung nicht nur vor­über­ge­hend auf­recht zu erhal­ten; es steht jedem der Part­ner frei, jeder­zeit – unab­hän­gig von der Dau­er der ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft – und ohne recht­lich gere­gel­tes Ver­fah­ren sein bis­he­ri­ges Ver­hal­ten zu ändern und sein Ein­kom­men aus­schließ­lich zur Befrie­di­gung eige­ner Bedürf­nis­se oder zur Erfül­lung eige­ner Ver­pflich­tun­gen zu ver­wen­den [1].

Vor die­sem Hin­ter­grund kann der Beam­te nicht mit Erfolg dar­auf ver­wei­sen, dass nach der neu­en fami­li­en­recht­li­chen Recht­spre­chung sich die nicht­ehe­li­che Lebens­ge­mein­schaft als Ver­ant­wor­tungs- und Ein­ste­hens­ge­mein­schaft dar­stel­le, die sich durch inne­re Bin­dun­gen aus­zeich­ne, die ein gegen­sei­ti­ges Ein­ste­hen der Part­ner für­ein­an­der begrün­de­ten, also über die Bezie­hung in einer rei­nen Haus­halts- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft hin­aus­gin­gen. In beson­ders gepräg­ten Situa­tio­nen könn­ten fami­li­en­recht­lich inner­halb der nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft Unter­halts­an­sprü­che aus einem ver­trags­ähn­li­chen Ver­trau­ens­ver­hält­nis in Betracht kom­men. Denn nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts kommt es für die Fra­ge des Bestehens einer sitt­li­chen Unter­halts­ver­pflich­tung weder dar­auf an, ob und gege­be­nen­falls wel­che gegen­sei­ti­gen Ver­pflich­tun­gen wäh­rend des Zusam­men­le­bens nicht ver­hei­ra­te­ter Part­ner bestehen, noch auf die recht­li­che Ein­ord­nung nicht­ehe­li­cher Lebens­ge­mein­schaf­ten. Maß­ge­bend ist allein, ob der Ent­zug von Leis­tun­gen (Unter­kunft und Unter­halt) nach dem Urteil aller bil­lig und gerecht Den­ken­den gegen ein Gebot des Anstan­des ver­stie­ße und damit mora­lisch anstö­ßig wäre, d. h. wenn auf­grund der per­sön­li­chen Bin­dun­gen der Part­ner einer sol­chen Gemein­schaft nach der Ver­kehrs­auf­fas­sung eine Pflicht zum Hel­fen bestehe. Das ist bei einer ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft ohne Hin­zu­tre­ten beson­de­rer Umstän­de nicht der Fall [2].

Auch rei­chen der Weg­fall des Unter­halts­an­spruchs der Lebens­ge­fähr­tin des Beam­ten gegen ihren frü­he­ren Ehe­mann nach § 1579 Nr. 7 BGB und die Ein­be­zie­hung des Beam­ten in die Bedarfs­ge­mein­schaft gemäß § 7 Abs. 3 Nr. 3 Buchst. b) SGB II mit der Fol­ge des Nicht­be­stehens eines Anspruchs auf Grund­si­che­rung („Hartz IV“) auf Sei­ten der Lebens­ge­fähr­tin als hin­zu­ge­tre­te­ne beson­de­re Umstän­de nicht aus, um von einer sitt­li­chen Unter­halts­pflicht im Rah­men einer nicht ehe­ähn­li­chen Lebens­ge­mein­schaft [3] aus­zu­ge­hen.

Der Weg­fall der Unter­halts­pflicht des frü­he­ren Ehe­man­nes der Lebens­ge­fähr­tin nach § 1579 BGB beruht auf dem Ver­hal­ten und dem frei­en Wil­lens­ent­schluss der Lebens­ge­fähr­tin, mit dem Beam­ten eine nicht­ehe­li­che Lebens­ge­mein­schaft füh­ren zu wol­len. Die Aus­übung die­ser Frei­heit schließt kei­nen Anspruch des Beam­ten auf beson­de­re Besol­dungs­leis­tun­gen ein. Das Besol­dungs­recht ist auch unter die­sem Gesichts­punkt mit Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar, der nicht gebie­tet, Part­ner einer nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft besol­dungs­recht­lich ver­hei­ra­te­ten, ver­wit­we­ten oder geschie­de­nen, zum Unter­halt aus der Ehe ver­pflich­te­ten Beam­ten gleich­zu­stel­len. Inso­weit ist zu beach­ten, dass das indi­vi­dua­li­sie­ren­de gesetz­li­che Merk­mal der sitt­li­chen Ver­pflich­tung sei­ner Natur nach unge­eig­net ist, Anwen­dung auf gan­ze Per­so­nen­grup­pen zu fin­den [4]. Daher begrün­det auch der Umstand, dass die Lebens­ge­fähr­tin des Beam­ten die gesam­te Haus­halts­füh­rung über­nimmt, eine sitt­li­che Ver­pflich­tung zur Unter­halts­ge­wäh­rung nicht. Denn die Auf­tei­lung der häus­li­chen und finan­zi­el­len Leis­tun­gen ist untrenn­bar mit dem Zusam­men­le­ben ver­bun­den und Gegen­stand einer jeden nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft.

Wenn der Beam­te dem­ge­gen­über meint, eine Nicht­ge­wäh­rung von Unter­halt gegen­über sei­ner Lebens­ge­fähr­tin in einer sol­chen Situa­ti­on ver­sto­ße gegen Treu und Glau­ben, sodass dar­aus im Umkehr­schluss eine sitt­li­che Ver­pflich­tung zur Gewäh­rung von Unter­halt fol­ge, ist ihm ent­ge­gen zu hal­ten, dass die Gewäh­rung von Unter­halt inner­halb der von ihm geführ­ten nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft ein­zig die Betä­ti­gung sei­ner grund­recht­lich durch Art. 2 Abs. 1 GG ver­bürg­ten Frei­heit dar­stellt, in ehe­ähn­li­cher Gemein­schaft leben zu wol­len. Fasst er inso­weit einen ande­ren Ent­schluss, lässt sich hier­aus weder ein Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben noch eine sitt­li­che Unter­halts­ver­pflich­tung her­lei­ten.

Schließ­lich kann sich der Beam­te nicht mit Erfolg auf den Grund­satz der Ein­heit der Rechts­ord­nung beru­fen, den er als ver­letzt ansieht, wenn er einer­seits dar­auf ver­wie­sen wer­de, sei­ne Lebens­ge­fähr­tin ver­fü­ge auf­grund der nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft zu Recht über kein eige­nes Ein­kom­men, und ande­rer­seits ihm abge­spro­chen wer­de, ver­pflich­tet zu sein, unter Ein­satz sei­ner Ver­sor­gungs­be­zü­ge den Unter­halt sei­ner Lebens­ge­fähr­tin bestrei­ten zu müs­sen.

Die Bedürf­tig­keit der Lebens­ge­fähr­tin des Beam­ten wegen feh­len­der eige­ner Ein­künf­te recht­fer­tigt die Gewäh­rung des Fami­li­en­zu­schlags auf der Grund­la­ge einer sitt­li­chen Unter­halts­ver­pflich­tung gemäß § 40 Abs. 1 Nr. 4 BBesG nicht. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt schließt sich der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts an, wonach der Umstand, dass die Ein­kom­men der Part­ner einer ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft hin­sicht­lich der Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen und des Umfangs der Sozi­al­hil­fe bezie­hungs­wei­se der Grund­si­che­rung [5] einer ande­ren Rege­lung unter­lie­gen, besol­dungs­recht­lich ohne aus­schlag­ge­ben­de Bedeu­tung ist. Die Vor­schrif­ten im SGB II und SGB XII ver­fol­gen einen ande­ren Rege­lungs­zweck; sie wol­len ent­spre­chend dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebot des Art. 6 Abs. 1 GG sicher­stel­len, dass Ehe­paa­re bei der Prü­fung der Bedürf­tig­keit im Rah­men von Leis­tun­gen nach die­sen Geset­zen nicht schlech­ter gestellt wer­den als nicht­ehe­li­che Lebens­ge­mein­schaf­ten [6]. Nichts ande­res folgt unter dem Gesichts­punkt der Ein­heit der Rechts­ord­nung aus dem Weg­fall der Unter­halts­be­rech­ti­gung der Lebens­ge­fähr­tin des Klä­gers nach § 1579 BGB. Denn die Vor­schrift betrifft allein das Ver­hält­nis der geschie­de­nen Ehe­gat­ten zuein­an­der und bringt als sog. nega­ti­ve Här­te­klau­sel zum Aus­druck, dass auf Bil­lig­keits­ab­wä­gun­gen auch in einem ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­gen Schei­dungs­recht nicht völ­lig ver­zich­tet wer­den kann, um dem Gerech­tig­keits­emp­fin­den grob wider­spre­chen­de Ergeb­nis­se im Unter­halts­recht zu ver­mei­den, wenn der Berech­tig­te vom Unter­halts­ver­pflich­te­ten nach­ehe­li­che Soli­da­ri­tät for­dert, die er selbst ver­mis­sen lässt (sog. Gegen­sei­tig­keits­prin­zip [7]). Die­se Zweck­rich­tung recht­fer­tigt eben­falls nicht die Zuer­ken­nung von besol­dungs­recht­li­chen Leis­tun­gen auf Sei­ten des Beam­ten.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 30. Novem­ber 2010 -5 LA 286/​09

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 04.08.1982 – 2 B 101.81, Buch­holz 235 § 62 BBesG Nr. 1 = NJW 1982, 2885 = ZBR 1983, 125; BVerwG, Urteil vom 28.10.1993 – 2 C 39.91, BVerw­GE 94, 253 = NJW 1994, 1169 = ZBR 1994, 184 m. w. N.[]
  2. vgl. nur BVerwG, Urteil vom 28.10.1993 – 2 C 39.91, BVerw­GE 94, 253 = NJW 1994, 1169 = ZBR 1994, 184 m. w. N; Schmidt, in: Plog/​Wiedow, BBG/​BeamtVG/​BBesG, Stand: Okto­ber 2010, § 40 BBesG, Rn. 57 f.[]
  3. zur Defi­ni­ti­on die­ses Begrif­fes vgl. nur BGH, Urteil vom 22.04.2009 – IV ZR 160/​07, BGHZ 180, 272, m. zahlr. N.[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.10.1993 – 2 C 39.91, BVerw­GE 94, 253 = NJW 1994, 1169 = ZBR 1994, 184 m. w. N[]
  5. sie­he § 7 Abs. 3 Nr. 3 Buchst. b SGB II und § 20 SGB XII[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.10.1993 – 2 C 39.91, BVerw­GE 94, 253 = NJW 1994, 1169 = ZBR 1994, 184 m. w. N zu § 11 BSHG und § 137 Abs. 2 a AFG; eben­so Möl­ler, in: Schwegmann/​Summer, Besol­dungs­recht des Bun­des und der Län­der, Stand: Juli 2010, § 40 Rn. 9l; a. A. zur Fra­ge der sitt­li­chen Unter­halts­ver­pflich­tung in die­sen Fäl­len Kümmel/​Pohl, Besol­dungs­recht Nie­der­sach­sens, § 40 BBesG Rn. 53; sowie im Rah­men der Abzugs­fä­hig­keit von Unter­halts­leis­tun­gen im Steu­er­recht: BFH, Urteil vom 21.09.1993 – III R 15/​93, BFHE 172, 516[]
  7. vgl. Bru­der­mül­ler, in: Palandt, BGB, 69. Aufl. 2010, § 1579, Rn. 1[]