Gesund­heit­li­che Eig­nung eines über­ge­wich­ti­gen Pro­be­be­am­ten

Die gesund­heit­li­che Eig­nung eines Pro­be­be­am­ten zur Über­nah­me in das Lebens­zeit­ver­hält­nis kann grund­sätz­lich nur dann beur­teilt wer­den, wenn der Dienst­herr die kör­per­li­chen Anfor­de­run­gen der jewei­li­gen Lauf­bahn bestimmt hat. Bei Fest­le­gung die­ser Vor­ga­ben steht dem Dienst­herrn ein wei­ter Ein­schät­zungs­spiel­raum zu, bei des­sen Wahr­neh­mung er sich am typi­schen Auf­ga­ben­be­reich der Ämter der Lauf­bahn zu ori­en­tie­ren hat 1.

Gesund­heit­li­che Eig­nung eines über­ge­wich­ti­gen Pro­be­be­am­ten

Nach § 23 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 BeamtStG kön­nen Beam­tin­nen auf Pro­be und Beam­te auf Pro­be ent­las­sen wer­den, wenn sie sich in der Pro­be­zeit nicht bewährt haben. Die Ernen­nung zur Beam­tin auf Lebens­zeit oder zum Beam­ten auf Lebens­zeit ist nach § 10 Abs. 1 Satz 1 BeamtStG nur zuläs­sig, wenn die Beam­tin oder der Beam­te sich in einer Pro­be­zeit von min­des­tens sechs Mona­ten und höchs­tens fünf Jah­ren bewährt hat. Ent­schei­dend ist also, ob die Beam­tin sich in ihrer Pro­be­zeit hin­sicht­lich der in § 9 BeamtStG genann­ten Kri­te­ri­en der Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­chen Leis­tung bewährt hat. Zur Eig­nung einer Beam­tin oder eines Beam­ten gehört auch deren oder des­sen gesund­heit­li­che Eig­nung.

Der Dienst­herr war nicht wegen des Vor­brin­gens der Beam­tin, sie sei bereits zum Zeit­punkt ihres Ein­tritts in das Pro­be­be­am­ten­ver­hält­nis über­ge­wich­tig gewe­sen, dar­an gehin­dert, ihre Ent­las­sung aus dem Pro­be­be­am­ten­ver­hält­nis sowie die Ableh­nung ihrer Über­nah­me in das Beam­ten­ver­hält­nis auf Lebens­zeit auf den Gesichts­punkt der man­geln­den gesund­heit­li­chen Eig­nung zu stüt­zen. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in sei­nem Zurück­ver­wei­sungs­be­schluss vom 13.12.2013 2 aus­ge­führt, dass der Dienst­herr bei unver­än­der­ter Sach­la­ge an sei­ne Bewer­tung der gesund­heit­li­chen Eig­nung vor Begrün­dung des Pro­be­be­am­ten­ver­hält­nis­ses gebun­den sei und er die gesund­heit­li­che Eig­nung einer Beam­tin bei der anste­hen­den Ernen­nung zur Beam­tin auf Lebens­zeit nur dann im Hin­blick auf eine bereits vor der Begrün­dung des Beam­ten­ver­hält­nis­ses auf Pro­be bekann­te Erkran­kung ver­nei­nen dür­fe, wenn sich die Bewer­tungs­grund­la­gen inzwi­schen geän­dert hät­ten. Letz­te­res ist hier der Fall. Wäh­rend die Beam­tin zum Zeit­punkt ihres Ein­tritts in das Beam­ten­ver­hält­nis auf Pro­be 86 kg wog, wies sie am 1.03.2010 und somit unmit­tel­bar nach Ablauf ihrer (ver­län­ger­ten) Pro­be­zeit ein Kör­per­ge­wicht von 105 kg auf. Es kann auf sich beru­hen, ob das sei­ner­zei­ti­ge Kör­per­ge­wicht der Beam­tin von 86 kg bereits als "Über­ge­wicht" ein­zu­stu­fen war. Denn die Zunah­me ihres Kör­per­ge­wichts wäh­rend der Pro­be­zeit in Höhe von 19 kg stellt eine erheb­li­che Ände­rung der inso­weit maß­geb­li­chen Bewer­tungs­grund­la­gen dar. Dem hat auch der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beam­tin im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung nicht mehr wider­spro­chen.

Hin­sicht­lich der Fest­stel­lung der gesund­heit­li­chen Eig­nung von Beam­ten­be­wer­bern hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nem Urteil vom 25.07.2013 3 auf der Grund­la­ge des nie­der­säch­si­schen Lan­des­rechts aus­ge­führt:

Die Ver­wal­tungs­ge­rich­te haben über die gesund­heit­li­che Eig­nung von Beam­ten­be­wer­bern zu ent­schei­den, ohne an tat­säch­li­che oder recht­li­che Wer­tun­gen des Dienst­herrn gebun­den zu sein; die­sem steht inso­weit kein Beur­tei­lungs­spiel­raum zu. Auch inso­weit hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt an sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung nicht fest 4.

Satz 1 GG über­trägt die Letzt­ent­schei­dungs­be­fug­nis für die Aus­le­gung und Anwen­dung nor­ma­ti­ver Rege­lun­gen den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten. Ein Beur­tei­lungs­spiel­raum der Ver­wal­tung mit der Fol­ge einer nur ein­ge­schränk­ten gericht­li­chen Kon­troll­dich­te muss zum einen nor­ma­tiv ange­legt sein, d.h. sich durch Normaus­le­gung ermit­teln las­sen. Zum ande­ren muss die Bestim­mung des Bedeu­tungs­ge­halts einer Rechts­norm so vage oder ihre fall­be­zo­ge­ne Anwen­dung so schwie­rig sein, dass die gericht­li­che Kon­trol­le wegen der hohen Kom­ple­xi­tät oder der beson­de­ren Dyna­mik der gere­gel­ten Mate­rie an die Funk­ti­ons­gren­zen der Recht­spre­chung stößt. Es reicht nicht aus, dass eine recht­li­che Wür­di­gung auf der Grund­la­ge eines kom­ple­xen Sach­ver­halts zu tref­fen ist. Hin­zu kom­men muss, dass die Gerich­te die Auf­ga­be, die ent­schei­dungs­re­le­van­ten tat­säch­li­chen Umstän­de fest­zu­stel­len und recht­lich zu bewer­ten, selbst dann nicht bewäl­ti­gen kön­nen, wenn sie im gebo­te­nen Umfang auf die Sach­kun­de der Ver­wal­tung zurück­grei­fen oder sich auf ande­re Wei­se sach­ver­stän­di­ger Hil­fe bedie­nen 5.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind in Bezug auf die Pro­gno­se der gesund­heit­li­chen Eig­nung von Beam­ten­be­wer­bern nicht erfüllt:

Der Spiel­raum des Dienst­herrn bei der Bestim­mung der gesund­heit­li­chen Anfor­de­run­gen für eine Lauf­bahn recht­fer­tigt kei­ne Ein­schrän­kung der gericht­li­chen Kon­troll­dich­te bei der Beur­tei­lung der dar­an anknüp­fen­den gesund­heit­li­chen Eig­nung. Dabei ist der Gesund­heits­zu­stand des Beam­ten­be­wer­bers in Bezug zu den Anfor­de­run­gen der Beam­ten­lauf­bahn zu set­zen. Es ist zu beur­tei­len, ob der Bewer­ber den Anfor­de­run­gen genügt und ob Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass sich dar­an bis zum Errei­chen der gesetz­li­chen Alters­gren­ze mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit etwas ändert.

Wie dar­ge­stellt hat der Dienst­herr die gesund­heit­li­che Eig­nungs­pro­gno­se auf der Grund­la­ge einer fun­dier­ten medi­zi­ni­schen Tat­sa­chen­grund­la­ge zu tref­fen. Es ist kein Grund dafür ersicht­lich, dass die Ver­wal­tungs­ge­rich­te im Gegen­satz zum Dienst­herrn gehin­dert wären, sich auf die­ser Grund­la­ge ein eigen­ver­ant­wort­li­ches Urteil über die vor­aus­sicht­li­che Ent­wick­lung des Gesund­heits­zu­stan­des und die Erfül­lung der dienst­li­chen Anfor­de­run­gen zu bil­den. Dem­entspre­chend ist aner­kannt, dass dem Dienst­herrn für die Beur­tei­lung der Dienst­un­fä­hig­keit als Vor­aus­set­zung für die vor­zei­ti­ge Ver­set­zung eines Beam­ten in den Ruhe­stand kein Beur­tei­lungs­spiel­raum zusteht 6.

Die­se Aus­füh­run­gen hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nem Urteil vom 30.10.2013 7 teil­wei­se wie­der­holt und ergän­zend fest­ge­stellt, maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Beur­tei­lung der gesund­heit­li­chen Eig­nung eines Pro­be­be­am­ten sei der Ablauf der Pro­be­zeit, nicht der Zeit­punkt des Erlas­ses der letz­ten Ver­wal­tungs­ent­schei­dung. Die Vor­aus­set­zun­gen, denen ein Bewer­ber in gesund­heit­li­cher Hin­sicht genü­gen müs­se, um sich durch die erfolg­rei­che Ableis­tung der Pro­be­zeit zu bewäh­ren, ergä­ben sich aus den kör­per­li­chen Anfor­de­run­gen, die der Beam­te erfül­len müs­se, um die Ämter sei­ner Lauf­bahn wahr­neh­men zu kön­nen. Der Dienst­herr lege die­se Anfor­de­run­gen in Aus­übung sei­ner Orga­ni­sa­ti­ons­ge­walt fest; sub­jek­ti­ve Rech­te der Beam­ten wür­den hier­durch grund­sätz­lich nicht berührt. Die­se Vor­ga­ben bil­de­ten den Maß­stab, an dem die indi­vi­du­el­le kör­per­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit der Bewer­ber zu mes­sen sei.

Schles­wig ‑Hol­stei­ni­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 30. Juli 2014 – 2 LB 2/​14

  1. im Anschluss an BVerwG, Urtei­le vom 25.07.2013 – 2 C 12.11; und vom 30.10.2013 – 2 C 16.12[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 13.12.2013 – 2 B 37.13[]
  3. BVerwG, Urteil vom 25.07.2013 – 2 C 12.11[]
  4. vgl. BVerwG, Urtei­le 17.05.1962 – 2 C 87.59, Buch­holz 232 § 31 BBG Nr. 6 S. 14 f.; und vom 18.07.2001 – 2 A 5.00, Buch­holz 232 § 31 BBG Nr. 60 S. 2[]
  5. BVerfG, Beschlüs­se vom 17.04.1991 – 1 BvR 419/​81 und 213/​83, BVerfGE 84, 34, 49 f.; und vom 31.05.2011 – 1 BvR 857/​07, BVerfGE 129, 1, 20 f.; BVerwG, Urteil vom 28.05.2009 – 2 C 33.08, BVerw­GE 134, 108 = Buch­holz 240 § 58a BBesG Nr. 2 jeweils Rn. 11[]
  6. vgl. nur BVerwG, Urteil vom 26.03.2009 – 2 C 73.08, BVerw­GE 133, 297 = Buch­holz 232 § 42 BBG Nr. 25 jeweils Rn. 14 f.[]
  7. BVerwG, Urteil vom 30.10.2013 – 2 C 16.12[]