Kein Son­der­ur­laub für die Welt­um­seg­lung

Die Teil­nah­me eines Berufs­sol­da­ten an einer pri­va­ten drei­jäh­ri­gen Welt­um­se­ge­lung ist kein wich­ti­ger Grund für die Ge­wäh­rung von Son­der­ur­laub.

Kein Son­der­ur­laub für die Welt­um­seg­lung

Für den Son­der­ur­laub der Sol­da­ten gel­ten gemäß § 28 Abs. 3, Abs. 4 Satz 1 SG i.V.m. § 9 der Ver­ord­nung über den Urlaub der Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten (Sol­da­tin­nen- und Sol­da­ten­ur­laubs­ver­ord­nung – SUV) die Vor­schrif­ten für Bun­des­be­am­te ent­spre­chend, sofern sich aus den fol­gen­den Vor­schrif­ten (der SUV) nichts ande­res ergibt. Nach der hier über § 9 SUV allein ein­schlä­gi­gen Bestim­mung des § 13 Abs. 1 Satz 1 der Ver­ord­nung über den Son­der­ur­laub für Bun­des­be­am­tin­nen, Bun­des­be­am­te, Rich­te­rin­nen und Rich­ter des Bun­des (Son­der­ur­laubs­ver­ord­nung – SUr­lV) kann einem Sol­da­ten Son­der­ur­laub unter Weg­fall der Besol­dung (nur) gewährt wer­den, wenn ein wich­ti­ger Grund vor­liegt und dienst­li­che Grün­de nicht ent­ge­gen­ste­hen. Eine ent­spre­chen­de Rege­lung ent­hält Nr. 83 Abs. 1 Satz 1 AusfBest­SUV (ZDv 14/​5 F 511). Urlaub für mehr als drei Mona­te kann nur in beson­ders begrün­de­ten Fäl­len durch die obers­te Dienst­be­hör­de bewil­ligt wer­den (§ 13 Abs. 1 Satz 2 SUr­lV; Nr. 83 Abs. 1 Satz 2 AusfBest­SUV).

Für die vom Antrag­stel­ler bean­trag­te Gewäh­rung von Son­der­ur­laub liegt kein wich­ti­ger Grund vor. Des­halb ist es uner­heb­lich, ob dem Son­der­ur­laubs­ge­such dienst­li­che Grün­de ent­ge­gen­ste­hen.

Die Fra­ge, ob ein wich­ti­ger Grund für die Gewäh­rung von Son­der­ur­laub anzu­neh­men ist, unter­liegt in vol­lem Umfang der gericht­li­chen Nach­prü­fung 1. Der Ver­tei­di­gungs­auf­trag der Bun­des­wehr erfor­dert grund­sätz­lich, dass Berufs­sol­da­ten und Sol­da­ten auf Zeit die frei­wil­lig über­nom­me­nen Ver­pflich­tun­gen zur Dienst­leis­tung voll erfül­len. Da eine Beur­lau­bung aus wich­ti­gem Grund die Erfül­lung der Dienst­pflicht tan­giert, kann sie nicht schon in Betracht gezo­gen wer­den, wenn der Sol­dat sei­ne Belan­ge selbst für wich­tig erach­tet, son­dern nur, wenn sie bei objek­ti­ver Betrach­tung gewich­tig und schutz­wür­dig sind. Je län­ger der bean­trag­te Son­der­ur­laub dau­ern soll, umso stär­ker wird das öffent­li­che Inter­es­se an der vol­len Dienst­leis­tung des Sol­da­ten berührt und umso höhe­re Anfor­de­run­gen sind an die Gewich­tig­keit und Schutz­wür­dig­keit des gel­tend gemach­ten Beur­lau­bungs­grun­des zu stel­len. Han­delt es sich um einen beson­ders lan­gen Son­der­ur­laub, kön­nen die per­sön­li­chen Belan­ge des Sol­da­ten als wich­ti­ger Grund nur dann aner­kannt wer­den, wenn er sich in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on befin­det, die sich als eine wirk­li­che Zwangs­la­ge dar­stellt 2.

An die­ser Recht­spre­chung – auch und ins­be­son­de­re zu den erhöh­ten Anfor­de­run­gen bei einem bean­trag­ten beson­ders lan­gen Son­der­ur­laub – hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt fest.

Zwar trifft der Hin­weis des Antrag­stel­lers zu, dass das Vor­lie­gen einer beson­de­ren Här­te kei­ne not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für die Bewil­li­gung eines Son­der­ur­laubs dar­stellt. Dem ent­spricht auch die Rege­lung in Nr. 83 Abs. 3 Satz 2 AusfBest­SUV, wonach der Tat­be­stand des wich­ti­gen Grun­des die Vor­aus­set­zun­gen einer beson­de­ren Här­te nicht erfül­len muss. Der Aspekt der beson­de­ren Här­te hat aber kei­ne Bedeu­tung für die Fra­ge, unter wel­chen Bedin­gun­gen im Wege der Abwä­gung der per­sön­li­chen und dienst­li­chen Belan­ge ein bean­trag­ter beson­ders lan­ger Son­der­ur­laub geneh­mi­gungs­fä­hig sein kann; er berührt des­halb nicht die in der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­te Anfor­de­rung, dass die Aner­ken­nung eines wich­ti­gen Grun­des bei einem beson­ders lan­gen Son­der­ur­laub in der Per­son des antrag­stel­len­den Sol­da­ten eine Aus­nah­me­si­tua­ti­on vor­aus­setzt.

Für die vom Antrag­stel­ler begehr­te Urlaubs­ge­wäh­rung liegt kein wich­ti­ger Grund vor. Den Begriff des wich­ti­gen Grun­des hat der Bun­des­mi­nis­ter der Ver­tei­di­gung als Erlass­ge­ber der ZDv 14/​5 in Nr. 83 Abs. 3 Satz 1 AusfBest­SUV durch eini­ge Regel­bei­spie­le kon­kre­ti­siert. Danach kann ein wich­ti­ger Grund z.B. in fol­gen­den Fäl­len vor­lie­gen: Stu­di­en­ab­schluss, Stu­di­en­rei­sen, Besuch von Tagun­gen, Ern­te­hil­fe im Fami­li­en­be­trieb oder Vor­be­rei­tung eines Berufs­wech­sels außer­halb der Berufs­för­de­rung. Dem Antrag­stel­ler ist zuzu­bil­li­gen, dass die­ser Kata­log der Bei­spiels­fäl­le nicht abschlie­ßend gere­gelt ist. Gleich­wohl kann die von sei­ner Ehe­frau geplan­te Welt­um­se­ge­lung, an der er im Rah­men des bean­trag­ten Son­der­ur­laubs teil­neh­men möch­te, nicht als wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 13 Abs. 1 Satz 1 SUr­lV und der Nr. 83 Abs. 1, Abs. 3 Satz 1 AusfBest­SUV qua­li­fi­ziert wer­den.

Kenn­zeich­nend für einen wich­ti­gen Grund sind bestimm­te Tat­be­stän­de oder Situa­tio­nen, die in einem über­schau­ba­ren Zeit­raum unter selbst­ge­setz­tem Zeit­druck oder vor­ge­ge­be­nem Ter­min­druck absol­viert, d.h. "bewäl­tigt" 3 wer­den müs­sen und bei denen nicht ein per­sön­li­cher Erho­lungs- oder Erleb­nis­zweck im Vor­der­grund steht. Die­se Vor­aus­set­zun­gen prä­gen die in Nr. 83 Abs. 3 Satz 1 AusfBest­SUV genann­ten Bei­spiels­fäl­le, ins­be­son­de­re auch die Durch­füh­rung einer Stu­di­en­rei­se. Son­der­ur­laub stellt daher nicht einen "beson­de­ren Erho­lungs­ur­laub" dar.

Die strit­ti­ge Welt­um­se­ge­lung erfüllt die vor­ge­nann­ten Kom­po­nen­ten eines wich­ti­gen Grun­des nicht. Die von der Ehe­frau des Antrag­stel­lers geplan­te Segel­rei­se weist bei der erfor­der­li­chen objek­ti­ven und typi­sie­ren­den Betrach­tung alle Aspek­te eines Erho­lungs- und Erleb­nis­un­ter­neh­mens auf, bei dem vor allem die Freu­de am Segeln und das gemein­sa­me Erle­ben einer Welt­rei­se in über­wie­gend tro­pi­schen und sub­tro­pi­schen Gebie­ten ("Bar­fuß­rou­te") domi­nie­ren. Bezeich­nen­der­wei­se qua­li­fi­ziert der Antrag­stel­ler selbst die vor­ge­se­he­ne Welt­um­se­ge­lung als "Aus­zeit" bzw. als "Dienst­pau­se".

Aus die­sen Grün­den und weil die Pla­nung der Segel­rei­se aus­schließ­lich von den per­sön­li­chen Dis­po­si­tio­nen des Antrag­stel­lers und sei­ner Ehe­frau abhängt, befin­det sich der Antrag­stel­ler im Hin­blick auf die ange­streb­te Dau­er der Beur­lau­bung auch nicht in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on, die sich für ihn als wirk­li­che Zwangs­la­ge dar­stellt. Es kommt hin­zu, dass die gewünsch­te Dau­er der Beur­lau­bung den noch akzep­ta­blen Zeit­ho­ri­zont für einen Son­der­ur­laub bei wei­tem über­schrei­tet.

Auch der Schutz­ge­dan­ke des Art. 6 Abs. 1 GG recht­fer­tigt nicht die Annah­me eines wich­ti­gen Grun­des im Sin­ne des § 13 Abs. 1 Satz 1 SUr­lV. Bereits für Ver­set­zun­gen gilt, dass der Sol­dat – auch mit Blick auf sei­ne per­sön­li­chen, ehe­li­chen und fami­liä­ren Belan­ge – grund­sätz­lich kei­nen Anspruch auf eine bestimm­te ört­li­che (oder fach­li­che) Ver­wen­dung hat. Erst recht kann er nicht ver­lan­gen, zum Zweck der Ehe­füh­rung an einem bestimm­ten Ort oder für einen bestimm­ten lan­gen Zeit­raum von sei­nen frei­wil­lig mit der Begrün­dung des Wehr­dienst­ver­hält­nis­ses über­nom­me­nen Ver­pflich­tun­gen voll­stän­dig ent­bun­den zu wer­den. Weder der staat­li­che Schutz von Ehe und Fami­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) noch die Für­sor­ge­pflicht des Vor­ge­setz­ten (§ 10 Abs. 3 SG) gebie­ten inso­weit die Gewäh­rung von Son­der­ur­laub 4.

Ein sub­jek­ti­ves Recht des Antrag­stel­lers, "fami­li­en­ge­recht" ver­wen­det bzw. hier von der Dienst­pflicht befreit zu wer­den, ergibt sich schließ­lich auch nicht, wie der Antrag­stel­ler meint, aus dem "Hand­buch zur Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Dienst in den Streit­kräf­ten" des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Ver­tei­di­gung vom 13.01.2010 (All­ge­mei­ner Umdruck 1/​500) und aus der "Teil­kon­zep­ti­on Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Dienst in den Streit­kräf­ten" vom 21.05.2007. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat wie­der­holt ent­schie­den, dass hier­aus kein kon­kre­ter Rechts­an­spruch eines ein­zel­nen Sol­da­ten auf bestimm­te Maß­nah­men folgt. Unab­hän­gig von dem Feh­len eines indi­vi­du­el­len Rechts­an­spruchs rich­tet sich der Auf­trag, die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Dienst zu för­dern, im Übri­gen nicht dar­auf, gera­de die von dem betrof­fe­nen Sol­da­ten favo­ri­sier­te Pla­nung zu ver­wirk­li­chen 5.

Ins­ge­samt über­schrei­tet die vom Antrag­stel­ler gewünsch­te "Aus­zeit vom Dienst" bei wei­tem den Rah­men, der der Insti­tu­ti­on des Son­der­ur­laubs gezo­gen ist. Sie zielt letzt­lich auf ein Arbeits­zeit­mo­dell, wie es dem sog. Sab­bat­jahr (oder Sab­ba­ti­cal) zugrun­de liegt. Eine der­ar­ti­ge lang­fris­ti­ge Frei­stel­lung vom Dienst aus per­sön­li­chen Grün­den kann nur auf der Grund­la­ge einer beson­de­ren gesetz­li­chen Rege­lung bewil­ligt wer­den. Sol­che Rege­lun­gen bestehen – in unter­schied­li­cher Aus­ge­stal­tung – im Beam­ten­recht der Län­der 6, nicht jedoch für Sol­da­ten.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 21. März 2013 – 1 WB 24.12

  1. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 26.10.1973 – 1 WB 85.73, BVerw­GE 46, 173, vom 19.05.1992 – 1 WB 137.91ZBR 1992, 310 und vom 30.01.1996 – 1 WB 46.95, Buch­holz 236.12 § 9 Nr. 1 = NZWehrr 1996, 162 m.w.N.; vgl. fer­ner – auch zum Fol­gen­den – Beschlüs­se vom 28.06.2007 – 1 WDS-VR 5.07, Buch­holz 449.3 § 9 SUV Nr. 8, Rn. 23 m.w.N. und vom 09.02.2012 – 1 WDS-VR 10.11, 11.11, 12.11 – Rn. 28 m.w.N.[]
  2. eben­so bereits: BVerwG, Beschlüs­se vom 15.03.1989 – 1 WB 161.88 – Dok­Ber B 1989, 241, vom 30.01.1996 a.a.O., vom 15.12.1998 – 1 WB 58.98 -, vom 01.07.1999 – 1 WB 37.99, Buch­holz 236.12 § 9 SUV Nr. 6 sowie vom 30.06.2005 – 1 WDS-VR 2.05 -[]
  3. so aus­drück­lich: BVerwG, Beschluss vom 30.01.1996 – 1 WB 46.95, Buch­holz 236.12 § 9 SUV Nr. 1[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 28.06.2007 a.a.O. Rn. 32, inso­weit nicht in Buch­holz abge­druckt[]
  5. vgl. BVerwG, Beschluss vom 22.03.2011 – 1 WB 23.10 – Rn. 26 m.w.N.[]
  6. sie­he z.B. das Modell der Jah­res­frei­stel­lung nach § 64 des Beam­ten­ge­set­zes für das Land Nord­rhein-West­fa­len vom 21.08.2009, GV NRW 2009, S. 224; vgl. z.B. auch Art. 88 Abs. 4 des Baye­ri­schen Beam­ten­ge­set­zes vom 29.07.2008, GVBl.2008, S. 500[]