Kein Via­gra für Poli­zis­ten

Für die Medi­ka­men­te Levi­tra und Cia­lis besteht kein Anspruch auf Kos­ten­über­nah­me im Rah­men der frei­en Heil­für­sor­ge für Poli­zis­ten. Meint jeden­falls das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver.

Kein Via­gra für Poli­zis­ten

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver lässt es dabai offen, ob der frü­he­re bis März 2009 gel­ten­de § 224 Abs. 2 NBG iVm. mit den Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen für den Poli­zei­voll­zugs­dienst des Lan­des Nie­der­sach­sen (HFB) 1 ursprüng­lich recht­staat­li­chen Anfor­de­run­gen genüg­te oder nicht. Grund­sätz­lich gilt der Vor­be­halt des Geset­zes auch für das Recht der Heil­für­sor­ge 2. § 224 Abs. 2 NBG hat­te indes kei­ne inhalt­li­chen Maß­stä­be vor­ge­ge­ben. Dar­auf kommt es aber für den vor­lie­gen­den Fall nicht mehr an. Denn § 120 NBG n.F. hat in Kennt­nis der HFB die­se bis zum Inkraft­tre­ten einer Ver­ord­nung nach § 114 Abs. 5 NBG aus­drück­lich wei­ter­hin für anwend­bar erklärt. Dies ist eine hin­rei­chend gesetz­li­che Grund­la­ge.

In dem vom Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver ent­schie­de­nen Fall hat der Klä­ger gemäß §§ 114, 120 Abs. 3 NBG bis Ende des Jah­res 2010 zwar Anspruch auf Heil­für­sor­ge nach den Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen. Grund­sätz­lich umfasst die Heil­für­sor­ge dabei auch die Ver­sor­gung mit Arz­nei­mit­teln, § 2 Abs. 2, § 8 HFB.

Nach § 8 Abs. 2 HFB wer­den für Heil­für­sor­ge­be­rech­tig­te die Kos­ten für die Ver­sor­gung mit Arz­nei­mit­teln über­nom­men, soweit die­se vom Arzt nach Art und Umfang schrift­lich ver­ord­net wer­den und soweit in den Absät­zen 3 und 4 nichts ande­res bestimmt ist.

Zwar han­delt es sich bei den in Rede ste­hen­den Prä­pa­ra­ten um Arz­nei­mit­tel, auch lie­gen hin­sicht­lich der gel­tend gemach­ten Kos­ten in Höhe von 221,81 € ärzt­li­che Ver­ord­nun­gen vor. Die hier strei­ti­gen Medi­ka­men­te fal­len wei­ter­hin nicht unter den Wort­laut des § 8 Abs. 3 und 4 HFB. Im Absatz 3 der Vor­schrift ist grund­sätz­lich die Kos­ten­über­nah­me für Arz­nei­mit­tel gegen Mund- und Rachen­the­ra­peu­ti­ka, aus­ge­nom­men bei Pilz­in­fek­tio­nen, Abführ­mit­tel, Arz­nei­mit­tel gegen Rei­se­krank­heit und Mit­tel, die geeig­net sind, Güter des täg­li­chen Bedarfs zu erset­zen, aus­ge­schlos­sen. Nach Absatz 4 der Vor­schrift sind dane­ben unwirt­schaft­li­che Arz­nei­mit­tel von der Ver­sor­gung nach Absatz 1 aus­ge­schlos­sen.

Gleich­wohl kann nach den Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen dem Klä­ger nicht die Kos­ten­über­nah­me zuge­spro­chen wer­den. Denn die Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen wur­den durch den Rund­erlass des Nie­der­säch­si­schen Innen­mi­nis­ters vom 15. Novem­ber 1995 ein­ge­führt, der selbst noch Rege­lun­gen hin­sicht­lich des Umfangs der Heil­für­sor­ge trifft. Die­se Rege­lun­gen gehö­ren eben­falls zu den Vor­schrif­ten über die Gewäh­rung von Heil­für­sor­ge iSd § 120 Abs. 3 NBG. Nach dem genann­ten Rund­erlass fin­den die Richt­li­ni­en des Bun­des­aus­schus­ses der Ärz­te und Kran­ken­kas­sen ent­spre­chen­de Anwen­dung, mit­hin auch die sog. "Arz­nei­mit­tel-Richt­li­ni­en" (AMR). Nach Ziff. F 18.2 der AMR sind ins­be­son­de­re Arz­nei­mit­tel, die über­wie­gend zur Behand­lung der erek­ti­len Dys­funk­ti­on die­nen, aus­ge­schlos­sen. Die Medi­ka­men­te Cia­lis und Levi­tra mit den Wirk­stof­fen Tata­la­fil und Var­dena­fil sind aus­drück­lich in der Anla­ge II zum Abschnitt F der AMR genannt. Die­ser Aus­schluss umfasst alle Fäl­le der erek­ti­len Dys­funk­ti­on 3, unab­hän­gig davon, auf wel­cher Ursa­che sie beruht.

Nach alle­dem kann ein Poli­zist kei­ne Kos­ten­über­nah­me für die Medi­ka­men­te Cia­lis und Levi­tra bean­spru­chen.

Soweit der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg 4 rügt, das Land Baden-Würt­tem­berg habe durch Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten die vom Land erlas­se­ne Heil­für­sor­ge­ver­ord­nung ein­ge­schränkt, ist dies nicht mit dem hier vom Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver ent­schie­de­nen Fall ver­gleich­bar. In Nie­der­sach­sen gibt es noch kei­ne Heil­für­sor­ge­ver­ord­nung, die ein­ge­schränkt wer­den könn­te.

Aller­dings führt der Ver­wal­tungs­ge­richts Baden-Würt­tem­berg Mann­heim dane­ben aus: Die Rege­lung in Nr. 10.1.1 HVOV­wV stellt auf den (jewei­li­gen) Inhalt der Arz­nei­mit­tel-Richt­li­ni­en und somit auf die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­aus­schus­ses der Ärz­te und Kran­ken­kas­sen ab. Die­se "Über­tra­gung" der Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz über den Aus­schluss bestimm­ter Arz­nei­mit­tel auf ein Selbst­ver­wal­tungs­or­gan ver­schie­de­ner Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaf­ten (vgl. § 91 Abs. 1 SGB V) begeg­net ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken im Hin­blick auf die durch Art. 33 Abs. 5 GG gewähr­leis­te­te Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn und die grund­le­gen­den Struk­tur­un­ter­schie­de der bei­den Siche­rungs­sys­te­me; die auf dem über­kom­me­nen Grund­satz der Vor­sor­ge des Staa­tes für sei­ne Beam­ten und deren Fami­li­en beru­hen­de beam­ten­recht­li­che Kran­ken­für­sor­ge, zu der auch die Heil­für­sor­ge zählt, steht in deut­li­chem Gegen­satz zur auf dem Gedan­ken der Soli­dar­ge­mein­schaft beru­hen­den, wesent­lich durch Bei­trä­ge der Betei­lig­ten unter­hal­te­nen Sozi­al­ver­si­che­rung 5. Es liegt des­halb nahe, die Tat­be­stän­de heil­für­sor­ge­recht­li­cher Leis­tungs­aus­schlüs­se nor­ma­tiv fest­zu­le­gen, anstatt ihre nähe­re Bestim­mung einem Gre­mi­um zu über­las­sen, in dem der Dienst­herr nicht ver­tre­ten ist und das sei­ne Ent­schei­dun­gen nach Maß­ga­be des Rechts der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­run­gen unter Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaf­ten trifft 6.“

Im Rund­erlass vom 15. Novem­ber 1995 hat sich der nie­der­säch­si­sche Innen­mi­nis­ter jedoch bereits vor­be­hal­ten, ggf. abwei­chen­de Rege­lun­gen in den Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen zu tref­fen. Nie­der­sach­sen hat mit­hin nicht die Bestim­mung über Art und Umfang der Heil­für­sor­ge einen Drit­ten über­las­sen, son­dern behält die Aus­schluss­re­ge­lun­gen der AMR unter Kon­trol­le. Im Übri­gen hat sich der Gesetz­ge­ber in § 120 NBG n.F die bis­he­ri­ge Fas­sung der Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen ein­schließ­lich der Bezug­nah­me auf den Stand der Arz­nei­mit­tel-Richt­li­ni­en 2009 jeden­falls als vor­läu­fi­ge Rege­lung bis zum Erlass einer nie­der­säch­si­schen Heil­für­sor­ge­ver­ord­nung zu Eigen gemacht. Es ist auch sach­ge­recht, sich bei den Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen an die Vor­schrif­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung anzu­leh­nen, um eine mög­lichst weit­ge­hen­de Gleich­be­hand­lung in der Gesund­heits­für­sor­ge zu errei­chen.

Der heil­für­sor­ge­be­rech­tig­te Poli­zist kann sich wei­ter­hin nicht auf Ungleich­be­hand­lung gegen­über Bei­hil­fe­be­rech­tig­ten beru­fen. Denn bei­hil­fe­be­rech­tig­te Beam­ter haben eben­falls kei­nen Anspruch auf eine Bei­hil­fe für die hier in Rede ste­hen­den Prä­pa­ra­te 7.

Zwar kann der pau­scha­le Aus­schluss der Erstat­tung der Kos­ten für die hier strei­ti­gen Medi­ka­men­te zu gewis­sen Här­ten füh­ren. Jede pau­scha­lie­ren­de Rege­lung bringt Här­ten mit, die grund­sätz­lich in Kauf zu neh­men sind. Durch den Aus­schluss der strei­ti­gen Arz­nei­mit­tel wird jeden­falls die beam­ten­recht­li­che Für­sor­ge­pflicht des Dienst­herrn noch nicht in ihrem Wesens­kern berührt. Grün­de der Für­sor­ge­pflicht gebie­ten nicht die Erstat­tung jeg­li­cher not­wen­di­ger Auf­wen­dun­gen des Beam­ten im Krank­heits­fall 8. Mit Blick auf den ihm zuste­hen­den Gestal­tungs­spiel­raum hat der Vor­schrif­ten­ge­ber abschlie­ßend durch das Pro­gramm der Heil­für­sor­ge­be­stim­mun­gen die Für­sor­ge­pflicht kon­kre­ti­siert. Der Aus­schluss der Kos­ten­über­nah­me von Auf­wen­dun­gen für die hier in Rede ste­hen­den Arz­nei­mit­tel ver­letzt nicht den Wesen­kern der Für­sor­ge­pflicht, weil sich der Aus­schluss inner­halb des Gestal­tungs­spiel­raums hält. Hier­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die beam­ten­recht­li­che Für­sor­ge­pflicht nicht gebie­tet, einem Beam­ten an medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung mehr zu gewähr­leis­ten als das, was den Mit­glie­dern der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ent­spre­chend dem Inhalt ihrer ver­si­che­rungs­recht­li­chen Ansprü­che als medi­zi­nisch gebo­te­ne Behand­lung garan­tiert wird 9. Der Beam­te kann ohne Ver­stoß gegen die Für­sor­ge­pflicht dar­auf ver­wie­sen wer­den, dass er Auf­wen­dun­gen für ärzt­lich ver­ord­ne­te Arz­nei­mit­tel, deren Ein­nah­me durch die pri­va­te Lebens­füh­rung bedingt sind, nicht tätigt oder aber selbst trägt. Inso­weit ist auch eine Ver­let­zung des in Art. 33 Abs. 5 GG ver­an­ker­ten Ali­men­ta­ti­ons­prin­zips nicht ersicht­lich. Ein Beam­ter bzw. Ver­sor­gungs­emp­fän­ger, der Arz­nei­mit­tel, deren Ein­nah­me zumin­dest auch durch die indi­vi­du­el­le pri­va­te Lebens­füh­rung bedingt ist, wei­ter zu sich neh­men möch­te, muss für die dadurch ent­ste­hen­den Kos­ten selbst auf­kom­men. Die so begrün­de­ten finan­zi­el­len Ein­bu­ßen sind nur die Kehr­sei­te sei­ner Frei­heit, sei­ne Dienst- bzw. Ver­sor­gungs­be­zü­ge so zu ver­wen­den, wie er es möch­te 10. Der Aus­schluss beruht auf der Erwä­gung, dass die­se Mit­tel unge­ach­tet der krank­heits­be­ding­ten Ursa­che der behan­del­ten Lei­den nicht erfor­der­li­che sind, um einen vom Wil­len und vom Ver­hal­ten des Pati­en­ten unab­hän­gi­gen Lebens­zu­stand zu besei­ti­gen oder zu lin­dern und des­halb zu den Arz­nei­mit­teln zu rech­nen sind, die in ihrer Wir­kung nicht von soge­nann­ten Life­style-Pro­duk­ten abzu­gren­zen sind, von denen auch Gesun­de Gebrauch machen 11

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urteil vom 24. Mai 2011 – 13 A 916/​11

  1. RdErl. des MI vom 15.11.1995, Nds. MBl. 1996, 30; zuletzt geän­dert durch Erlass vom 28.08.1997, Nds. MBl. S. 1540[]
  2. vgl. VGH Bad.-Württ., Urteil vom 23.06.2009 – 4 S 87/​08[]
  3. vgl. LSG NRW, Urteil vom 03.03.2005 – L 5 KR 169/​04; LSG Hes­sen, Beschluss vom 01.09.2005 – L 8 KR 80/​05 ER[]
  4. VGH Bad.-Würt., Urteil v. 23.06.2009, a.a.O.[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.12.1982 – 2 BvL 12/​79, BVerfGE 62, 354; BVerwG, Urteil vom 26.11.1987 – 2 C 52.85, Buch­holz 237.6 § 130 NdsL­BG Nr. 1; Urteil vom 28.05.2008 – 2 C 24.07, Buch­holz 232 § 79 BBG Nr. 126; Urteil vom 26.06.2008 ‑2 C 02.07, BVerw­GE 131, 234; Urteil vom 18.02.2009 – 2 C 23.08[]
  6. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 28.05.2008 – 2 C 24.07; und vom 26.06.2008, jeweils a.a.O.[]
  7. so schon VG Han­no­ver, Urteil vom 16.09.2008 – 13 A 2963/​06; VG Lüne­burg, Urteil vom 18.01.2006 – 1 A 109/​05; BVerwG, Urteil vom 28.05.2008 – 2 C 24/​07, NVwZ 2008, 1378, 1380[]
  8. vgl. BVerwG, Urteil vom 31.01.2002 – BVerwG 2 C 01.01, Buch­holz 237.0 § 101 BaWüLBG Nr. 1 S. 3[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 07.11.2002 – 2 BvR 1053/​98, NVwZ 2003, 720, 722 zum Aus­schluss der Bei­hil­fe­fä­hig­keit von Auf­wen­dun­gen für ärzt­li­che Wahl­leis­tun­gen[]
  10. so auch VG Lüne­burg, a.a.O.[]
  11. VG Han­no­ver, a.a.O, BVerwG, Ent­schei­dun­gen vom 28.05.2008 – 2 C 24.07 und 2 C 108.07[]