Kon­kur­ren­ten­streit der Gerichts­prä­si­den­ten

Die Beför­de­rung eines Rich­ters oder Beam­ten in ein höhe­res Amt kann von einem unter­le­ge­nen Mit­be­wer­ber vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten mit Erfolg ange­foch­ten wer­den, wenn der Dienst­herr den aus­ge­wähl­ten Bewer­ber unter Ver­let­zung des Grund­rechts des Mit­be­wer­bers auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz ernannt hat. Der Grund­satz der Ämter­sta­bi­li­tät steht dem nicht ent­ge­gen. Die Kla­ge hat Erfolg, wenn die Bewer­ber­aus­wahl Rech­te des Mit­be­wer­bers ver­letzt. Dies hat jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig ent­schie­den.

Kon­kur­ren­ten­streit der Gerichts­prä­si­den­ten

Die Vor­ge­schich­te

In dem Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat­ten sich der Klä­ger als Prä­si­dent des Land­ge­richts Koblenz und der Bei­ge­la­de­ne als dama­li­ger Prä­si­dent des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Rhein­land-Pfalz um das Amt des Prä­si­den­ten des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz bewor­ben, nach­dem der bis­he­ri­ge Prä­si­dent des OLG Koblenz zum rhein­land-pfäl­zi­schen Jus­tiz­mi­nis­ter ernannt wor­den war. Der Jus­tiz­mi­nis­ter ent­schied sich für den Bei­ge­la­de­nen. Der Antrag des Klä­gers, dem rhein­land-pfäl­zi­schen Jus­tiz­mi­nis­ter die Ernen­nung des Bei­ge­la­de­nen zum Prä­si­den­ten des Ober­lan­des­ge­richts durch einst­wei­li­ge Anord­nung zu unter­sa­gen, blieb vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz [1] und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz [2] erfolg­los. Der Klä­ger erhob dar­auf­hin Ver­fas­sungs­be­schwer­de, die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men wur­de, weil der Klä­ger, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, sein Rechts­schutz­ziel, näm­lich Prä­si­dent des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz zu wer­den, noch durch eine Kla­ge errei­chen kön­ne.

Unmit­tel­bar nach Ein­gang der Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um – nach Anga­ben des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums 21 Minu­ten nach dem Ein­gang – hän­dig­te der Jus­tiz­mi­nis­ter dem Bei­ge­la­de­nen die Ernen­nungs­ur­kun­de aus.

Die sodann in der Haupt­sa­che erho­be­ne Kla­ge, mit der der Klä­ger sei­ne Ernen­nung anstel­le oder neben dem Mit­be­wer­ber errei­chen, hilfs­wei­se die Rechts­wid­rig­keit der Ableh­nung sei­ner Bewer­bung fest­ge­stellt wis­sen will, blieb in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz [3] und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz [4] erfolg­los. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat dar­auf abge­stellt, die Ernen­nung des Mit­be­wer­bers kön­ne nach dem Grund­satz der Ämter­sta­bi­li­tät nicht rück­gän­gig gemacht wer­den. Die dop­pel­te Beset­zung der Stel­le sei aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den aus­ge­schlos­sen. Das Fest­stel­lungs­be­geh­ren sei unzu­läs­sig. Ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­se bestehe nicht. Im Übri­gen kön­ne der Klä­ger unmit­tel­bar Scha­dens­er­satz­kla­ge erhe­ben.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat ges­tern der in den Vor­in­stan­zen erfolg­lo­sen Kla­ge statt­ge­ge­ben und damit gleich­zei­tig den bis­her stets ver­tre­te­nen Grund­satz der Ämter­sta­bi­li­tät zuguns­ten des Rechts­schut­zes ein­ge­schränkt. Es hat die Ernen­nung des Bei­ge­la­de­nen mit Wir­kung ab Zustel­lung des Urteils auf­ge­ho­ben und den Beklag­ten ver­pflich­tet, das Amt des Prä­si­den­ten des Ober­lan­des­ge­richts auf­grund eines neu­en Aus­wahl­ver­fah­rens zu ver­ge­ben.

Ernennt der Dienst­herr den aus­ge­wähl­ten Bewer­ber, bevor unter­le­ge­ne Bewer­ber die Mög­lich­kei­ten der gericht­li­chen Nach­prü­fung aus­ge­schöpft haben, so ver­letzt er deren Grund­recht auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz. Bei der­ar­ti­ger Rechts­schutz­ver­ei­te­lung kön­nen die Rech­te der unter­le­ge­nen Bewer­ber auf gericht­li­che Nach­prü­fung der Bewer­ber­aus­wahl nur durch eine Kla­ge gegen die Ernen­nung gewahrt wer­den. Daher muss in Fäl­len die­ser Art der Grund­satz der Ämter­sta­bi­li­tät, nach dem die Ver­ga­be eines Amtes rechts­be­stän­dig ist, zurück­ste­hen.

Die hier getrof­fe­ne Aus­wahl­ent­schei­dung des Jus­tiz­mi­nis­ters hat das grund­recht­lich gewähr­leis­te­te Recht des Klä­gers auf eine sach­ge­rech­te, allein an Leis­tungs­ge­sichts­punk­ten ori­en­tier­te Ent­schei­dung über sei­ne Bewer­bung ver­letzt. Ins­be­son­de­re hat der Jus­tiz­mi­nis­ter die Aus­wahl des Bei­ge­la­de­nen auf nicht trag­fä­hi­ge Erkennt­nis­se gestützt. Er durf­te dem Bei­ge­la­de­nen nicht bereits auf­grund sta­tis­ti­scher Anga­ben über die Arbeits­er­geb­nis­se der Sozi­al­ge­richts­bar­keit des Lan­des in des­sen Amts­zeit und auf­grund der Ein­drü­cke des Jus­tiz­mi­nis­ters bei den Tagun­gen der Ober­prä­si­den­ten den Vor­zug geben.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die neue Recht­spre­chung, wonach Ernen­nun­gen nicht mehr ohne jede Aus­nah­me rechts­be­stän­dig sind, bereits im vor­lie­gen­den Fall ange­wandt. Das Ver­trau­en des Bei­ge­la­de­nen in die Rechts­be­stän­dig­keit sei­ner Ernen­nung ist nach Abwä­gung der gegen­läu­fi­gen Inter­es­sen nicht schutz­wür­dig. Zwar hat der Bei­ge­la­de­ne auf­grund des rechts­wid­ri­gen Ver­hal­tens des rhein­land-pfäl­zi­schen Jus­tiz­mi­nis­ters erheb­li­che Nach­tei­le zu tra­gen. Sei­nen Anspruch auf amts­an­ge­mes­se­ne Beschäf­ti­gung kann der Beklag­te nicht mehr erfül­len, weil die eins­ti­ge Stel­le des Prä­si­den­ten des Lan­des­so­zi­al­ge­richts bereits ander­wei­tig besetzt ist. Jedoch ist der Beklag­te auf­grund sei­ner Für­sor­ge­pflicht gehal­ten, die Fol­gen für den Bei­ge­la­de­nen so weit als mög­lich aus­zu­glei­chen. Er kann den Bei­ge­la­de­nen mit des­sen Zustim­mung in ein ande­res gleich­wer­ti­ges Amt ver­set­zen. Der Bei­ge­la­de­ne kann sich erneut um das Amt des Prä­si­den­ten des Ober­lan­des­ge­richts bewer­ben.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 4. Novem­ber 2011 – 2 C 16.09

  1. Ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz, Beschluss vom 25.04.2007 – 6 L 258/​07.KO[]
  2. OVG Rhein­land-Pfalz, Beschluss vom 13.06.2007 – 10 B 10457/​07.OVG[]
  3. VG Koblenz, Urteil vom 01.07.2008 – 6 K 1816/​07.KO[]
  4. OVG Rhein­land, Urteil vom 30.01.2009 – 10 A 10805/​08[]