Kon­kur­ren­ten­streit bei der Gene­ral­staats­an­walt­schaft Frank­furt

In einem Kon­kur­ren­ten­streit um die Stel­le als Lei­ten­der Ober­staats­an­walt bei der Gene­ral­staats­an­walt­schaft Frank­furt am Main blieb jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ohne Erfolg:

Kon­kur­ren­ten­streit bei der Gene­ral­staats­an­walt­schaft Frank­furt

In der mit dem Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung ver­bun­de­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de wand­te sich ein seit 2010 Ober­staats­an­walt bei der Gene­ral­staats­an­walt­schaft (Bes­Gr. R 2) täti­ger, ehe­ma­li­ger wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gegen die Ver­sa­gung einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes in einem Kon­kur­ren­ten­streit um die Stel­le als Lei­ten­der Ober­staats­an­walt als Abtei­lungs­lei­ter bei der Gene­ral­staats­an­walt­schaft (Bes­Gr. R 3).

Er begann sei­ne Lauf­bahn im Juli 2002 als Rich­ter auf Pro­be bei der Staats­an­walt­schaft und war von Okto­ber 2005 bis August 2010 an das Hes­si­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um abge­ord­net, wo er als Refe­rats­lei­ter und spä­ter als Koor­di­nie­ren­der Refe­rats­lei­ter in der Straf­rechts­ab­tei­lung tätig war. Wäh­rend sei­ner Abord­nung wur­de er im Jahr 2006 zum Staats­an­walt auf Lebens­zeit und 2008 zum Ober­staats­an­walt als Dezer­nent bei einer Staats­an­walt­schaft bei einem Ober­lan­des­ge­richt ernannt. Zum August 2010 wur­de er an die Gene­ral­staats­an­walt­schaft ver­setzt, wo er spä­ter mit je hälf­ti­ger Arbeits­kraft in den Abtei­lun­gen II (Aus- und Durch­lie­fe­rungs­sa­chen sowie sons­ti­ge Rechts­hil­fe­an­ge­le­gen­hei­ten) und VI (Geld­wä­sche­ver­fah­ren, aus­ge­wähl­te Berei­che der Umwelt­kri­mi­na­li­tät, Kon­takt­stel­le im Euro­päi­schen Jus­ti­zi­el­len Netz, Zen­tral­stel­le für die Bekämp­fung der Betäu­bungs­mit­tel­kri­mi­na­li­tät, Zen­tral­stel­le für die Bekämp­fung der Orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät) beschäf­tigt war. Von April 2012 bis März 2015 war der Stel­len­be­wer­ber als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt abge­ord­net. Im April 2015 kehr­te er zur Gene­ral­staats­an­walt­schaft und dort in die Abtei­lung VI zurück, wobei sein Dezer­nat Auf­ga­ben der Zen­tral­stel­le für die Bekämp­fung der Betäu­bungs­mit­tel­kri­mi­na­li­tät und der Zen­tral­stel­le für die Bekämp­fung der Orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät umfasst.

Mit Schrei­ben vom 12.11.2014 bewarb er sich auf die im Jus­tiz-Minis­te­ri­al-Blatt für Hes­sen vom 01.11.2014, S. 556 Nr. 3, berich­tigt im Jus­tiz-Minis­te­ri­al-Blatt für Hes­sen vom 01.12 2014, S. 766 Nr. 3 aus­ge­schrie­be­ne Stel­le einer Lei­ten­den Ober­staats­an­wäl­tin als Abtei­lungs­lei­te­rin oder eines Lei­ten­den Ober­staats­an­wal­tes als Abtei­lungs­lei­ter bei einer Gene­ral­staats­an­walt­schaft.

Der Aus­schrei­bungs­text ent­hielt fol­gen­den Zusatz:Die vor­zu­le­gen­den dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen haben sich an dem im JMBl. vom 01.06.2012 ver­öf­fent­lich­ten Anfor­de­rungs­pro­fil aus­zu­rich­ten.

Da der Stel­len­be­wer­ber zum Zeit­punkt sei­ner Bewer­bung an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter abge­ord­net war, erstell­te der zustän­di­ge Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter auf Bit­ten des Hes­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums gemäß § 13 Abs. 3 Satz 1 der Geschäfts­ord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in der Fas­sung vom 15.12 1986 (GOB­VerfG a.F.) eine dienst­li­che Anlass­be­ur­tei­lung. Die­se Beur­tei­lung vom 26.11.2014 erfass­te sei­ne Tätig­keit als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter seit dem 1.04.2012 und ent­hielt fol­gen­de Abschluss­for­mel:Ins­ge­samt ist Herr V… ein aus­ge­zeich­net befä­hig­ter und hoch­qua­li­fi­zier­ter Jurist. Er hat sich zu einem aus­ge­spro­chen wert­vol­len Mit­ar­bei­ter mei­nes Dezer­na­tes ent­wi­ckelt und die an ihn gestell­ten Anfor­de­run­gen bei Wei­tem über­trof­fen. Für die Über­nah­me wei­ter­ge­hen­der Ent­schei­dungs­ver­ant­wor­tung ist er nach mei­ner Über­zeu­gung unein­ge­schränkt geeig­net.

Frau G… ist eine sehr erfah­re­ne Ober­staats­an­wäl­tin mit her­aus­ra­gen­den Fach- und Füh­rungs­kom­pe­ten­zen. Sie hat in ihrer lang­jäh­ri­gen Tätig­keit die Auf­ga­ben­fel­der mei­ner Behör­de in einer beson­de­ren Viel­falt ken­nen­ge­lernt und zählt zu den abso­lu­ten Leis­tungs­trä­gern mei­ner Behör­de. Ins­ge­samt kom­me ich zu der Bewer­tung, dass Frau Ober­staats­an­wäl­tin G… die an das von ihr ange­streb­te Amt zu stel­len­den Anfor­de­run­gen her­aus­ra­gend über­trifft.Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch) 1.

Die Ermitt­lung des – gemes­sen an den Kri­te­ri­en der Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­chen Leis­tung – am bes­ten geeig­ne­ten Bewer­bers hat stets in Bezug auf das kon­kret ange­streb­te Amt zu erfol­gen. Maß­geb­lich ist inso­weit der Auf­ga­ben­be­reich des Amtes, auf den bezo­gen die ein­zel­nen Bewer­ber unter­ein­an­der zu ver­glei­chen sind und anhand des­sen die Aus­wahl­ent­schei­dung vor­zu­neh­men ist. Die Kri­te­ri­en der Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­chen Leis­tung kön­nen vom Dienst­herrn für den Auf­ga­ben­be­reich eines Amtes durch die Fest­le­gung eines Anfor­de­rungs­pro­fils bereits im Vor­feld der Aus­wahl­ent­schei­dung kon­kre­ti­siert wer­den 2.

GG eröff­net mit den Begrif­fen "Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­che Leis­tung" und dem Pro­gno­se­cha­rak­ter der Aus­wahl­ent­schei­dung von Ver­fas­sungs wegen einen Beur­tei­lungs­spiel­raum des Dienst­herrn, der nur ein­ge­schränk­ter Kon­trol­le durch die Ver­wal­tungs­ge­rich­te unter­liegt. Die ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Recht­mä­ßig­keits­kon­trol­le ist daher beschränkt und hat sich nur dar­auf zu erstre­cken, ob die Ver­wal­tung gegen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­sto­ßen, anzu­wen­den­de Begrif­fe oder den recht­li­chen Rah­men, in dem sie sich frei bewe­gen kann, ver­kannt hat oder ob sie von einem unrich­ti­gen Sach­ver­halt aus­ge­gan­gen ist, all­ge­mei­ne Wert­maß­stä­be nicht beach­tet oder sach­frem­de Erwä­gun­gen ange­stellt hat 3.

Der Ver­gleich der Bewer­ber im Rah­men einer Aus­wahl­ent­schei­dung hat vor allem anhand dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen zu erfol­gen 4. Dabei sind vor allem zeit­na­he 5 bezie­hungs­wei­se aktu­el­le 6 dienst­li­che Beur­tei­lun­gen her­an­zu­zie­hen.

Die Beur­tei­lun­gen sind, soweit sie aus­sa­ge­kräf­tig sind, in ihrer Gesamt­heit zugrun­de zu legen. Maß­geb­lich ist in ers­ter Linie das abschlie­ßen­de Gesamt­ur­teil, wel­ches anhand einer Wür­di­gung, Gewich­tung und Abwä­gung der ein­zel­nen leis­tungs­be­zo­ge­nen Gesichts­punk­te gebil­det wur­de 7.

In bestimm­ten Fäl­len lässt es Art. 33 Abs. 2 GG zu, dass der Dienst­herr die Kan­di­da­ten im Anschluss an einen Ver­gleich der Gesamt­ur­tei­le anhand der für das Beför­de­rungs­amt wesent­li­chen Ein­zel­aus­sa­gen der dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen wei­ter ver­gleicht. Dies kommt ins­be­son­de­re bei wesent­lich glei­chem Gesamt­ergeb­nis in Betracht. Gera­de dann kommt den Ein­zel­aus­sa­gen nach dem Sinn und Zweck der dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen, über Leis­tung und Eig­nung der Beam­ten ein dif­fe­ren­zier­tes Bild zu geben, beson­de­re Bedeu­tung zu 8. Ob nach ihrem Gesamt­ergeb­nis wesent­lich glei­che Beur­tei­lun­gen vor­lie­gen, die einen sol­chen wei­te­ren Ver­gleich ermög­li­chen, rich­tet sich nicht allein nach dem for­ma­len Gesamt­ur­teil. Viel­mehr sind auch etwai­ge Unter­schie­de im Maß­stab der Beur­tei­lung der Bewer­ber zu berück­sich­ti­gen. Sol­che Unter­schie­de kom­men etwa dann in Betracht, wenn sich bei kon­kur­rie­ren­den Bewer­bern die dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen auf unter­schied­li­che Sta­tus­äm­ter bezie­hen 9.

Ergibt der Gesamt­ver­gleich, dass kei­ne wesent­lich glei­chen Beur­tei­lun­gen vor­lie­gen, so darf die Gesamt­aus­sa­ge der dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen nicht ohne Wei­te­res durch einen Rück­griff auf Ein­zel­fest­stel­lun­gen über­spielt wer­den. Bei nicht wesent­lich glei­chen Beur­tei­lun­gen ist der unmit­tel­ba­re Ver­gleich ein­zel­ner Fest­stel­lun­gen ("Aus­schöp­fung" bezie­hungs­wei­se "Aus­schär­fung") viel­mehr nur bei Vor­lie­gen zwin­gen­der Grün­de zuläs­sig 10. Ein zwin­gen­der Grund ist etwa dann gege­ben, wenn dem Gesamt­ur­teil ein gerin­ge­rer Aus­sa­ge­wert zukommt, weil die Tätig­keit im ange­streb­ten Amt in einem sol­chen Aus­maß von ein­zel­nen ganz spe­zi­fi­schen Anfor­de­run­gen geprägt oder ins­ge­samt von der bis­he­ri­gen Tätig­keit der Bewer­ber so weit ent­fernt ist, dass das Gewicht des Gesamt­ur­teils im Bewer­ber­ver­gleich zurück­tre­ten muss 11.

An die­sem Maß­stab gemes­sen ver­let­zen die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen den Bewer­bungs­ver­fah­rens­an­spruch des Stel­len­be­wer­bers nicht. Die durch die Ver­wal­tungs­ge­rich­te vor­ge­nom­me­ne Kon­trol­le der Ein­hal­tung der Gren­zen des Beur­tei­lungs­er­mes­sens des Dienst­herrn bei sei­ner Aus­wahl­ent­schei­dung ist von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den.

Zwar begeg­net es ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken, wenn die Gerich­te davon aus­ge­hen, dass der Bewer­ber sich wäh­rend einer Abord­nung wie ein exter­ner Bewer­ber, das heißt wie ein sol­cher, der einem ande­ren Dienst­herrn ange­hört oder als Quer­ein­stei­ger aus der Pri­vat­wirt­schaft kommt, behan­deln las­sen müs­se und ihn des­halb die Mit­wir­kungs­pflicht oder -oblie­gen­heit tref­fe, die aus­wäh­len­de Behör­de in die Lage zu ver­set­zen, den erfor­der­li­chen Eig­nungs- und Leis­tungs­ver­gleich vor­zu­neh­men, indem er die Erstel­lung einer dienst­li­chen Beur­tei­lung nach Maß­ga­be bestimm­ter Richt­li­ni­en erwir­ke.

GG ver­pflich­tet die aus­wäh­len­de Behör­de, über die Bewer­bun­gen auf­grund eines nach sach­lich glei­chen Maß­stä­ben ange­leg­ten Ver­gleichs der Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­chen Leis­tung der Bewer­ber zu ent­schei­den. Die aus­wäh­len­de Behör­de hat den für die Aus­wahl­ent­schei­dung maß­geb­li­chen Leis­tungs­ver­gleich der Bewer­ber regel­mä­ßig anhand aus­sa­ge­kräf­ti­ger, also hin­rei­chend dif­fe­ren­zier­ter und auf glei­chen Bewer­tungs­maß­stä­ben beru­hen­der dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen vor­zu­neh­men 12.

Dabei liegt nach der ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung die Beschaf­fung der für die Aus­wahl­ent­schei­dung erfor­der­li­chen Grund­la­gen grund­sätz­lich im Ver­ant­wor­tungs­be­reich der aus­wäh­len­den Behör­de 13. Der Grund­satz der Bes­ten­aus­le­se des Art. 33 Abs. 2 GG und das in die­ser Ver­fas­sungs­be­stim­mung abge­deck­te Inter­es­se der Beam­ten an einem ange­mes­se­nen beruf­li­chen Fort­kom­men beinhal­te als Teil­as­pekt auch einen Anspruch der Bewer­ber gegen die aus­wäh­len­de Behör­de, im Vor­feld ihrer Ent­schei­dung Ver­hält­nis­se her­zu­stel­len, die einen recht­lich ein­wand­frei­en Ver­gleich der Bewer­ber ermög­lich­ten. Denn nur auf einer sol­chen Grund­la­ge, die allein die aus­wäh­len­de Behör­de schaf­fen kön­ne, las­se sich das grund­rechts­glei­che Recht auf ermes­sens- und beur­tei­lungs­feh­ler­freie Ein­be­zie­hung in die Bewer­ber­aus­wahl erfül­len 14. Sei eine aus­wäh­len­de Behör­de etwa mit unmit­tel­bar nicht ver­gleich­ba­ren Beur­tei­lun­gen kon­fron­tiert, dür­fe dies nicht dazu füh­ren, dass wegen der ein­ge­schränk­ten Ver­gleich­bar­keit der Beur­tei­lun­gen zugleich auch die Leis­tun­gen der Bewer­ber als unver­gleich­bar betrach­tet wür­den und die Bewer­ber im Ergeb­nis nicht mehr mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren könn­ten. Die aus­wäh­len­de Behör­de sei somit gehal­ten, die Aus­sa­gen von Beur­tei­lun­gen mit unter­schied­li­chen Beur­tei­lungs­in­hal­ten mit­ein­an­der "kom­pa­ti­bel" zu machen 15, mit­hin die Ver­gleich­bar­keit her­zu­stel­len.

Es ist nicht ersicht­lich, wie ein Bewer­ber einer Mit­wir­kungs­pflicht oder ‑oblie­gen­heit ent­spre­chen könn­te. Von den Ein­zel­hei­ten des Zustan­de­kom­mens der Beur­tei­lun­gen hat er typi­scher­wei­se kei­ne Kennt­nis 16.

Aller­dings kommt es auf die Fra­ge des Bestehens einer Mit­wir­kungs­pflicht oder ‑oblie­gen­heit des Bewer­bers vor­lie­gend nicht an. Die Gerich­te haben viel­mehr tra­gend dar­auf abge­stellt, dass die aus­wäh­len­de Behör­de im Ein­klang mit Art. 33 Abs. 2 GG eine Ver­gleich­bar­keit der dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen her­ge­stellt und auf die­ser Grund­la­ge eine for­mell und mate­ri­ell recht­mä­ßi­ge Aus­wahl­ent­schei­dung getrof­fen habe. Hier­ge­gen ist ver­fas­sungs­recht­lich nichts zu erin­nern.

Die vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof und Ver­wal­tungs­ge­richt gebil­lig­te Vor­ge­hens­wei­se der aus­wäh­len­den Behör­de, auf­grund einer inhalt­li­chen Aus­schöp­fung der dienst­li­chen Beur­tei­lung des Stel­len­be­wer­bers zu einer dif­fe­ren­zier­ten Bewer­tung der Qua­li­fi­ka­ti­on der Bewer­ber zu gelan­gen, beruht auf der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts und der Ober­ge­rich­te.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts wird die Ver­gleich­bar­keit dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen durch einen ein­heit­li­chen Beur­tei­lungs­maß­stab und durch einen annä­hernd gemein­sa­men Stich­tag und – wenn mög­lich – glei­chen Beur­tei­lungs­zeit­raum erreicht 17. Dabei lie­ge es im wei­ten Orga­ni­sa­ti­ons­er­mes­sen des Dienst­herrn, wie er bei ver­schie­de­nen Beur­tei­lern für größt­mög­li­che Ver­gleich­bar­keit im Hin­blick auf den Beur­tei­lungs­maß­stab sor­ge 18.

Die Ober­ge­rich­te gehen über­wie­gend davon aus, dass die ent­spre­chen­den Maß­nah­men der aus­wäh­len­den Behör­de dahin gehen kön­nen, dass sie die Ein­ho­lung benö­tig­ter dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen oder ergän­zen­der Stel­lung­nah­men ver­an­lasst oder dass sie aus vor­lie­gen­den Unter­la­gen selb­stän­dig geeig­ne­te und ver­gleich­ba­re Aus­sa­gen gewinnt 14. Beruh­ten die Beur­tei­lun­gen der Bewer­ber auf unter­schied­li­chen Beur­tei­lungs­richt­li­ni­en und ‑sys­te­men, kön­ne die aus­wäh­len­de Behör­de für die unter­schied­li­chen Beur­tei­lun­gen einen objek­ti­ven Ver­gleichs­maß­stab bil­den, auf des­sen Grund­la­ge sie den Ver­such zu unter­neh­men habe, die Beur­tei­lun­gen mit­ein­an­der zu ver­glei­chen 19.

Bei gleich­lau­ten­den Gesamt­ur­tei­len müss­ten dienst­li­che Beur­tei­lun­gen inhalt­lich "aus­ge­schöpft" wer­den 20.

Dies hält einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung stand. Zwar ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in ers­ter Linie das abschlie­ßen­de Gesamt­ur­teil der dienst­li­chen Beur­tei­lung maß­geb­lich. Aller­dings kann bei zwin­gen­den Grün­den ein Rück­griff auf Ein­zel­fest­stel­lun­gen der Beur­tei­lun­gen gleich­wohl zuläs­sig oder sogar erfor­der­lich sein. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sieht in dem gerin­ge­ren Aus­sa­ge­wert eines Gesamt­ur­teils einen sol­chen zwin­gen­den Grund 11.

Kann aber schon – wie vor­lie­gend – nicht fest­ge­stellt wer­den, ob die Beur­tei­lun­gen in ihrem Gesamt­ur­teil im Wesent­li­chen gleich zu gewich­ten sind, ist die inhalt­li­che Aus­schöp­fung der Beur­tei­lung eben­falls zuläs­sig. Die aus­wäh­len­de Behör­de kann inso­weit der Fra­ge nach­ge­hen, ob die Ein­zel­fest­stel­lun­gen in den dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen eine Pro­gno­se über die zukünf­ti­ge Bewäh­rung im (Beförderungs-)Amt ermög­li­chen. Dabei darf die Gesamt­aus­sa­ge die­ser Beur­tei­lun­gen grund­sätz­lich nicht durch einen – etwa durch bestimm­te Anfor­de­run­gen der Tätig­keit im ange­streb­ten Amt moti­vier­ten – Rück­griff auf Ein­zel­fest­stel­lun­gen über­spielt wer­den 21, weil ande­ren­falls die Gren­ze zur Belie­big­keit leicht über­schrit­ten und die Beur­tei­lung als Gesamt­be­wer­tung ent­wer­tet wür­de.

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof und das Ver­wal­tungs­ge­richt haben Umstän­de dar­ge­legt, nach denen dem Gesamt­ur­teil der dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen wegen der feh­len­den Ver­gleich­bar­keit des Gesamt­ergeb­nis­ses und letzt­lich der Beur­tei­lungs­maß­stä­be kein Aus­sa­ge­wert zukommt. Die Gerich­te haben die dem­nach not­wen­di­ge Wür­di­gung der Ein­zel­fest­stel­lun­gen der Anlass­be­ur­tei­lung des Stel­len­be­wer­bers und die Ver­gleichs­be­trach­tung mit dem Anfor­de­rungs­pro­fil durch die aus­wäh­len­de Behör­de vor dem Hin­ter­grund des nur ein­ge­schränkt gericht­lich über­prüf­ba­ren Beur­tei­lungs­spiel­raums nicht bean­stan­det. Es bestehen auch kei­ne Anhalts­punk­te, dass in die­sem Zusam­men­hang der recht­li­che Rah­men, in dem sich die aus­wäh­len­de Behör­de frei bewe­gen kann, ver­kannt oder von einem unrich­ti­gen Sach­ver­halt aus­ge­gan­gen wor­den ist, all­ge­mein gül­ti­ge Wert­maß­stä­be nicht beach­tet oder sach­frem­de Erwä­gun­gen ange­stellt wor­den sind.

Es bestand für die aus­wäh­len­de Behör­de auch kein Anlass, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt um Klar­stel­lung oder ergän­zen­de Stel­lung­nah­men zu bit­ten. Die Anlass­be­ur­tei­lung ist hin­rei­chend bestimmt for­mu­liert. Soweit sie kei­ne Anga­ben zur Füh­rungs­kom­pe­tenz ent­hält, muss­te die aus­wäh­len­de Behör­de auch nicht von einem ver­se­hent­li­chen Unter­las­sen aus­ge­hen. In der Anlass­be­ur­tei­lung wer­den die vom Stel­len­be­wer­ber am Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­ge­üb­ten Tätig­kei­ten – von ihm nicht bestrit­ten – lücken­los auf­ge­führt. Hier­nach war er mit dem Ver­fas­sen von Voten und Beschluss­ent­wür­fen, der Aus­bil­dung einer Refe­ren­da­rin, der Erle­di­gung von Recher­che­auf­ga­ben und der Betreu­ung von Besu­cher­grup­pen betraut. Die­se Tätig­kei­ten brin­gen kei­ne rele­van­te Füh­rungs­ver­ant­wor­tung mit sich.

Schließ­lich haben der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof und das Ver­wal­tungs­ge­richt nach­voll­zieh­bar und mit sach­be­zo­ge­nen Argu­men­ten dar­ge­legt, dass die Aus­wahl­ent­schei­dung zuguns­ten der Mit­be­wer­be­rin nicht ermes­sen­feh­ler­haft ist, da die aus­wäh­len­de Behör­de in nicht zu bean­stan­den­der Wei­se Unter­schie­de in der erfor­der­li­chen Eig­nung für das erstreb­te Amt fest­ge­stellt hat.

Tra­gen­de Erwä­gung der Gerich­te ist, dass der Stel­len­be­wer­ber nach der nicht zu bean­stan­den­den Aus­wahl­ent­schei­dung die "aus­ge­präg­te Füh­rungs­kom­pe­tenz" ver­mis­sen las­se, die der Mit­be­wer­be­rin beschei­nigt wur­de. Gegen die­se Ein­schät­zung spre­chen ange­sichts des Anfor­de­rungs­pro­fils "Lei­tung einer Abtei­lung bei einer Gene­ral­staats­an­walt­schaft" und vor dem Hin­ter­grund des nur ein­ge­schränkt gericht­lich über­prüf­ba­ren Beur­tei­lungs­spiel­raums der aus­wäh­len­den Behör­de kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Die Gerich­te haben dar­ge­legt, dass die aus­wäh­len­de Behör­de ermes­sens­feh­ler­frei der Tätig­keit des Stel­len­be­wer­bers als Koor­di­nie­ren­der Refe­rats­lei­ter im Hes­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um im Ver­gleich zur Tätig­keit der Mit­be­wer­be­rin als stän­di­ge Abtei­lungs­lei­ter­ver­tre­te­rin eine "gerin­ge­re Inten­si­tät und Aus­prä­gung" bei­mes­sen durf­te.

Der Umstand, dass der Stel­len­be­wer­ber auf­grund sei­ner Abord­nun­gen an das Hes­si­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Ver­gleich zur Mit­be­wer­be­rin über eine grö­ße­re Ver­wen­dungs­brei­te ver­fügt, ändert hier­an nichts. Die Gerich­te sind davon aus­ge­gan­gen, dass es der Ent­schei­dung der aus­wäh­len­den Behör­de über­las­sen blei­be, wel­chen der zur Eig­nung, Befä­hi­gung und fach­li­chen Leis­tung zu rech­nen­den Umstän­de sie das grö­ße­re, für die Beset­zungs­ent­schei­dung aus­schlag­ge­ben­de Gewicht bei­misst. Bei der Beset­zung der Stel­le einer Lei­ten­den Ober­staats­an­wäl­tin als Abtei­lungs­lei­te­rin oder eines Lei­ten­den Ober­staats­an­wal­tes als Abtei­lungs­lei­ter bei einer Gene­ral­staats­an­walt­schaft der Füh­rungs­kom­pe­tenz grö­ße­res Gewicht bei­zu­mes­sen als der Ver­wen­dungs­brei­te, stellt sich nicht als ermes­sens­feh­ler­haft dar.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 9. August 2016 – 2 BvR 1287/​16

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13 31[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13 32[]
  3. vgl. BVerfGE 39, 334, 354; 108, 282, 296; BVerfG, Beschluss vom 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13 56[]
  4. vgl. BVerfGE 110, 304, 332; BVerfG, Beschluss vom 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13 58; BVerfGK 20, 77, 81[]
  5. vgl. BVerfGE 110, 304, 332; BVerfGK 18, 423, 427[]
  6. BVerfGK 12, 106, 108[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13 58; BVerfGK 20, 77, 81[]
  8. vgl. BVerfGK 12, 106, 108; 20, 77, 82[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13 59; BVerfGK 10, 474, 478 m.w.N.; 20, 77, 82[]
  10. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13 60, 63; BVerfGK 20, 77, 82[]
  11. vgl. BVerfGK 20, 77, 83[][]
  12. vgl. BVerfGK 10, 474, 477 f.[]
  13. vgl. BVerwG, Urteil vom 21.08.2003 – 2 C 14.02, BVerw­GE 118, 370, 379 Rn. 28 m.w.N.[]
  14. vgl. OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 20.01.2009 – 1 B 1267/​08 16; OVG Nie­der­sach­sen, Beschluss vom 16.12 2014 – 5 ME 177/​14 17[][]
  15. vgl. BVerwG, Beschluss vom 16.12 2008 – 1 WB 39.07, BVerw­GE 133, 1, 8 Rn. 53; Beschluss vom 25.04.2007 – 1 WB 31.06, BVerw­GE 128, 329, 349 Rn. 65; OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 12.07.2010 – 1 B 58/​10 17; OVG Nie­der­sach­sen, Beschluss vom 16.12 2014 – 5 ME 177/​14 17[]
  16. vgl. BVerfGK 1, 292, 297 f.[]
  17. vgl. BVerwG, Urteil vom 18.07.2001 – 2 C 41.00 14, 16[]
  18. vgl. BVerwG, Beschluss vom 16.04.2013 – 2 B 134.11 17[]
  19. vgl. OVG Nie­der­sach­sen, Beschluss vom 16.12 2014 – 5 ME 177/​14 25[]
  20. vgl. BVerwG, Urteil vom 30.06.2011 – 2 C 19.10, BVerw­GE 140, 83, 87 f. Rn.20 stRspr; über­wie­gend haben sich auch die Ober­ge­rich­te der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ange­schlos­sen, vgl. Baye­ri­scher VGH, Urteil vom 15.04.2016 – 3 BV 14.2101 24; OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 04.05.2016 – 6 B 364/​16 8[]
  21. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.12 2015 – 2 BvR 1958/​13 60[]