Kopf­tuch­ver­bot für Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de einer (ehe­ma­li­gen) hes­si­schen Rechts­re­fe­ren­da­rin gegen das Ver­bot, bei bestimm­ten dienst­li­chen Tätig­kei­ten ein Kopf­tuch zu tra­gen, zurück­ge­wie­sen.

Kopf­tuch­ver­bot für Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen

Nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers für eine Pflicht, sich im Rechts­re­fe­ren­da­ri­at in welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Hin­sicht neu­tral zu ver­hal­ten, aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht zu respek­tie­ren. Zwar stellt die­se Pflicht einen Ein­griff in die Glau­bens­frei­heit und wei­te­re Grund­rech­te der Rechts­re­fe­ren­da­rin dar. Die­ser ist aber gerecht­fer­tigt. Als recht­fer­ti­gen­de Ver­fas­sungs­gü­ter kom­men die Grund­sät­ze der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät des Staa­tes und der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge sowie die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit Drit­ter in Betracht. Hier kommt kei­ner der kol­li­die­ren­den Rechts­po­si­tio­nen ein der­art über­wie­gen­des Gewicht zu, das dazu zwän­ge, der Rechts­re­fe­ren­da­rin das Tra­gen reli­giö­ser Sym­bo­le im Gerichts­saal zu ver­bie­ten oder zu erlau­ben.

  1. Die Rechts­re­fe­ren­da­ren auf­er­leg­te Pflicht, bei Tätig­kei­ten, bei denen sie als Reprä­sen­tan­ten des Staa­tes wahr­ge­nom­men wer­den oder wahr­ge­nom­men wer­den könn­ten, die eige­ne Zuge­hö­rig­keit zu einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft nicht durch das Befol­gen von reli­gi­ös begrün­de­ten Beklei­dungs­re­geln sicht­bar wer­den zu las­sen, greift in die von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­bürg­te indi­vi­du­el­le Glau­bens­frei­heit ein.
  2. Als mit der Glau­bens­frei­heit in Wider­streit tre­ten­de Ver­fas­sungs­gü­ter, die einen Ein­griff in die Reli­gi­ons­frei­heit im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang recht­fer­ti­gen kön­nen, kom­men der Grund­satz der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät des Staa­tes, der Grund­satz der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge und mög­li­che Kol­li­sio­nen mit der grund­recht­lich geschütz­ten nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit Drit­ter in Betracht. Kei­ne recht­fer­ti­gen­de Kraft ent­fal­ten dage­gen das Gebot rich­ter­li­cher Unpar­tei­lich­keit und der Gedan­ke der Siche­rung des welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Frie­dens.
  3. Die Ver­pflich­tung des Staa­tes auf Neu­tra­li­tät kann kei­ne ande­re sein als die Ver­pflich­tung sei­ner Amts­trä­ger auf Neu­tra­li­tät, denn der Staat kann nur durch Per­so­nen han­deln. Aller­dings muss sich der Staat nicht jede bei Gele­gen­heit der Amts­aus­übung getä­tig­te pri­va­te Grund­rechts­aus­übung sei­ner Amts­trä­ger als eige­ne zurech­nen las­sen. Eine Zurech­nung kommt aber ins­be­son­de­re dann in Betracht, wenn der Staat – wie im Bereich der Jus­tiz – auf das äuße­re Geprä­ge einer Amts­hand­lung beson­de­ren Ein­fluss nimmt.
  4. Die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge zählt zu den Grund­be­din­gun­gen des Rechts­staats und ist im Wer­te­sys­tem des Grund­ge­set­zes fest ver­an­kert, da jede Recht­spre­chung letzt­lich der Wah­rung der Grund­rech­te dient. Funk­ti­ons­fä­hig­keit setzt vor­aus, dass gesell­schaft­li­ches Ver­trau­en nicht nur in die ein­zel­ne Rich­ter­per­sön­lich­keit, son­dern in die Jus­tiz ins­ge­samt exis­tiert. Ein „abso­lu­tes Ver­trau­en“ in der gesam­ten Bevöl­ke­rung wird zwar nicht zu errei­chen sein. Dem Staat kommt aber die Auf­ga­be der Opti­mie­rung zu.
  5. Anders als im Bereich der bekennt­nis­of­fe­nen Gemein­schafts­schu­le, in der sich gera­de die reli­gi­ös-plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft wider­spie­geln soll, tritt der Staat dem Bür­ger in der Jus­tiz klas­sisch-hoheit­lich und daher mit grö­ße­rer Beein­träch­ti­gungs­wir­kung gegen­über.
  6. Das Ver­wen­den eines reli­giö­sen Sym­bols im rich­ter­li­chen Dienst ist für sich genom­men nicht geeig­net, Zwei­fel an der Objek­ti­vi­tät der betref­fen­den Rich­ter zu begrün­den.
  7. Das nor­ma­ti­ve Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen den Ver­fas­sungs­gü­tern unter Berück­sich­ti­gung des Tole­ranz­ge­bots auf­zu­lö­sen, obliegt zuvör­derst dem demo­kra­ti­schen Gesetz­ge­ber, der im öffent­li­chen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess einen für alle zumut­ba­ren Kom­pro­miss zu fin­den hat. Für die Beur­tei­lung der tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten und Ent­wick­lun­gen, von der abhängt, ob Wer­te von Ver­fas­sungs­rang eine Rege­lung recht­fer­ti­gen, die Jus­tiz­an­ge­hö­ri­ge aller Bekennt­nis­se zu äußers­ter Zurück­hal­tung in der Ver­wen­dung von Kenn­zei­chen mit reli­giö­sem Bezug ver­pflich­tet, ver­fügt er über eine Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve.
  8. Ange­sichts der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Ver­bots kommt kei­ner der kol­li­die­ren­den Rechts­po­si­tio­nen vor­lie­gend ein der­art über­wie­gen­des Gewicht zu, das ver­fas­sungs­recht­lich dazu zwän­ge, einer Rechts­re­fe­ren­da­rin das Tra­gen reli­giö­ser Sym­bo­le im Gerichts­saal zu ver­bie­ten oder zu erlau­ben. Die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers für eine Pflicht, sich im Rechts­re­fe­ren­da­ri­at in welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Hin­sicht neu­tral zu ver­hal­ten, ist daher aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht zu respek­tie­ren.

Inhalts­über­sicht


Die Hes­si­sche Rege­lung[↑]

Gegen­stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist die an die beschwer­de­füh­ren­de Rechts­re­fe­ren­da­rin gerich­te­te Unter­sa­gung, wäh­rend bestimm­ter Aus­bil­dungs­ab­schnit­te ihres in Hes­sen abge­leis­te­ten Rechts­re­fe­ren­da­ri­ats ein Kopf­tuch zu tra­gen. Mit­tel­bar wer­den die in § 45 des Hes­si­schen Beam­ten­ge­set­zes vom 27.05.2013 [1] (HBG) gere­gel­te Neu­tra­li­täts­pflicht sowie der Erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 28.06.2007 – 2220‑V/A3-2007/6920‑V – zur Prü­fung gestellt.

Das Rechts­re­fe­ren­da­ri­at in Hes­sen wird im Wesent­li­chen durch das Gesetz über die juris­ti­sche Aus­bil­dung in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 15.03.2004 [2] (Juris­ten­aus­bil­dungs­ge­setz, JAG) gere­gelt. Zum Sta­tus und Pflich­ten­kreis der Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re fin­den sich fol­gen­de Vor­schrif­ten (jeweils in der bis zum 31.10.2019 gel­ten­den Fas­sung):

§ 26 JAG

(1) …

(2)1 Mit der Auf­nah­me [in den juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst] wer­den die Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber in ein öffent­lich-recht­li­ches Aus­bil­dungs­ver­hält­nis beru­fen.2 Sie füh­ren die Bezeich­nung „Rechts­re­fe­ren­da­rin“ oder „Rechts­re­fe­ren­dar“.

(3)-(7) …

§ 27 JAG

(1)1 Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re haben sich der Aus­bil­dung mit vol­lem Ein­satz ihrer Arbeits­kraft zu wid­men.2 Im Übri­gen gel­ten für sie die für Beam­tin­nen und Beam­te auf Wider­ruf gel­ten­den Bestim­mun­gen mit Aus­nah­me von die [sic!] §§ 47 und 80 des Hes­si­schen Beam­ten­ge­set­zes sowie § 3 des Hes­si­schen Besol­dungs­ge­set­zes ent­spre­chend.

(2)-(3) …

Das Hes­si­sche Beam­ten­ge­setz ent­hält nur weni­ge aus­schließ­lich auf Beam­tin­nen und Beam­te auf Wider­ruf bezo­ge­ne Bestim­mun­gen. Grund­sätz­lich regelt es die beam­ten­recht­li­chen Ver­hält­nis­se ein­heit­lich und unab­hän­gig von der Art des Beam­ten­ver­hält­nis­ses. Für Beam­tin­nen und Beam­te auf Wider­ruf gel­ten daher ins­be­son­de­re auch die im Fünf­ten Abschnitt des Zwei­ten Teils des Hes­si­schen Beam­ten­ge­set­zes ent­hal­te­nen Bestim­mun­gen zur recht­li­chen Stel­lung im Beam­ten­ver­hält­nis. Die Rege­lun­gen sind nach § 2 des Hes­si­schen Rich­ter­ge­set­zes (HRiG) für Rich­te­rin­nen und Rich­ter sinn­ge­mäß her­an­zu­zie­hen. Die hier ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Vor­schrift über die Neu­tra­li­täts­pflicht befin­det sich in § 45 HBG und hat fol­gen­den Wort­laut:

§ 45 Neu­tra­li­täts­pflicht (§ 33 Beam­ten­sta­tus­ge­setz)

1 Beam­tin­nen und Beam­te haben sich im Dienst poli­tisch, welt­an­schau­lich und reli­gi­ös neu­tral zu ver­hal­ten.2 Ins­be­son­de­re dür­fen sie Klei­dungs­stü­cke, Sym­bo­le oder ande­re Merk­ma­le nicht tra­gen oder ver­wen­den, die objek­tiv geeig­net sind, das Ver­trau­en in die Neu­tra­li­tät ihrer Amts­füh­rung zu beein­träch­ti­gen oder den poli­ti­schen, reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Frie­den zu gefähr­den.3 Bei der Ent­schei­dung über das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen nach Satz 1 und 2 ist der christ­lich und huma­nis­tisch gepräg­ten abend­län­di­schen Tra­di­ti­on des Lan­des Hes­sen ange­mes­sen Rech­nung zu tra­gen.

Die Vor­schrift ent­spricht § 68 Abs. 2 in der alten Fas­sung des Hes­si­schen Beam­ten­ge­set­zes, der durch das Gesetz zur Siche­rung der staat­li­chen Neu­tra­li­tät vom 18.10.2004 [3] ein­ge­fügt wur­de und seit­dem inhalt­lich unver­än­dert fort­gilt.

Nach Erlass des § 68 Abs. 2 HBG a.F. mehr­ten sich beim Hes­si­schen Minis­te­ri­um der Jus­tiz Anfra­gen zum Tra­gen eines Kopf­tuchs wäh­rend des juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­diens­tes. Infol­ge­des­sen über­sand­te das Minis­te­ri­um dem Prä­si­den­ten des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main sowie nach­richt­lich den Prä­si­den­ten der Land­ge­rich­te in Hes­sen den hier mit­tel­bar ange­grif­fe­nen Erlass vom 28.06.2007, in wel­chem es bat, künf­tig wie folgt zu ver­fah­ren:

„Wenn aus den Bewer­bungs­un­ter­la­gen für die Ein­stel­lung in den juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst erkenn­bar wird, dass wäh­rend des Vor­be­rei­tungs­diens­tes ein Kopf­tuch getra­gen wer­den soll, sind die Bewer­be­rin­nen vor der Ein­stel­lung in den Vor­be­rei­tungs­dienst dahin­ge­hend zu beleh­ren, dass sich auch Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen im juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst gegen­über Bür­ge­rin­nen und Bür­gern poli­tisch, welt­an­schau­lich und reli­gi­ös neu­tral zu ver­hal­ten haben. Das bedeu­tet, dass sie, wenn sie wäh­rend ihrer Aus­bil­dung ein Kopf­tuch tra­gen, kei­ne Tätig­kei­ten aus­üben dür­fen, bei denen sie von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern als Reprä­sen­tan­tin der Jus­tiz oder des Staa­tes wahr­ge­nom­men wer­den oder wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen.

Prak­tisch bedeu­tet dies ins­be­son­de­re, dass Refe­ren­da­rin­nen, die ein Kopf­tuch tra­gen,

  • bei Ver­hand­lun­gen im Gerichts­saal nicht auf der Rich­ter­bank sit­zen dür­fen, son­dern im Zuschau­er­raum der Sit­zung bei­woh­nen kön­nen,
  • kei­ne Sit­zungs­lei­tun­gen und/​oder Beweis­auf­nah­men durch­füh­ren kön­nen,
  • kei­ne Sit­zungs­ver­tre­tun­gen für die Staats­an­walt­schaft über­neh­men kön­nen,
  • wäh­rend der Ver­wal­tungs­sta­ti­on kei­ne Anhö­rungs­aus­schuss­sit­zung lei­ten kön­nen.

Die Bewer­be­rin­nen sind dar­über zu beleh­ren, dass sich der Umstand, dass ein­zel­ne Aus­bil­dungs­leis­tun­gen nicht erbracht wer­den kön­nen, nega­tiv auf die Bewer­tung der Gesamt­leis­tung aus­wir­ken kann, da nicht erbrach­te Regel­leis­tun­gen grund­sätz­lich mit ‚unge­nü­gend‘ zu bewer­ten sein wer­den. Wie sich dies im Ein­zel­fall auf die abschlie­ßen­de Bewer­tung der Leis­tung in der Aus­bil­dungs­stel­le aus­wirkt, ent­schei­det die Ein­zel­aus­bil­de­rin oder der Ein­zel­aus­bil­der.“

Der Aus­gangs­sach­ver­halt[↑]

Die Beschwer­de­füh­re­rin ist deut­sche und marok­ka­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge. Sie war seit dem 2.01.2017 Rechts­re­fe­ren­da­rin im Land Hes­sen. Nach eige­nen Anga­ben trägt sie als Aus­druck ihrer indi­vi­du­el­len Glau­bens­über­zeu­gung und Per­sön­lich­keit in der Öffent­lich­keit ein Kopf­tuch. Noch vor Auf­nah­me der Aus­bil­dung erhielt sie über das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main ein Hin­weis­blatt, wel­ches inhalt­lich den Erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 28.06.2007 wie­der­gab. Sie erklär­te am 7.12 2016 die Annah­me des ihr ange­bo­te­nen Aus­bil­dungs­plat­zes und merk­te an, das Hin­weis­blatt zur Kennt­nis genom­men zu haben.

Mit Schrei­ben vom 09.01.2017 leg­te sie Beschwer­de gegen die dem Hin­weis ent­spre­chen­de Ver­wal­tungs­pra­xis ein. Mit Schrei­ben vom 24.01.2017 teil­te ihr der Prä­si­dent des Land­ge­richts Frank­furt am Main unter Ver­weis unter ande­rem auf den Erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 28.06.2007 mit, dass er der Beschwer­de nicht abhel­fe. Hier­ge­gen stell­te die Rechts­re­fe­ren­da­rin mit Schrift­satz vom 10.02.2017 beim Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main einen Antrag auf Gewäh­rung einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes.

Anläss­lich die­ses ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­rens über­prüf­te das Jus­tiz­prü­fungs­amt die Erlass­la­ge und das Hin­weis­blatt. Mit Schrei­ben vom 06.03.2017 teil­te das Jus­tiz­prü­fungs­amt dem Prä­si­den­ten des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main mit, es sei beab­sich­tigt, den Erlass vom 28.06.2007 ins­be­son­de­re bezüg­lich der Bewer­tung nicht erbrach­ter Aus­bil­dungs­leis­tun­gen abzu­än­dern. Eine nicht erbrach­te Regel­leis­tung als Fol­ge einer Wei­ge­rung, auf das Tra­gen eines Kopf­tuchs aus reli­giö­sen Grün­den zu ver­zich­ten, sol­le sich zukünf­tig nicht mehr nega­tiv auf die Gesamt­no­te in der Aus­bil­dungs­sta­ti­on aus­wir­ken. Im Fal­le der Beschwer­de­füh­re­rin sol­le bereits jetzt so ver­fah­ren wer­den.

Den Erlass vom 28.06.2007 hob das Hes­si­sche Minis­te­ri­um der Jus­tiz – Jus­tiz­prü­fungs­amt – mit Erlass vom 24.07.2017 [4] auf und wies auf Fol­gen­des hin:

„Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re im juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst haben sich gegen­über Bür­ge­rin­nen und Bür­gern poli­tisch, welt­an­schau­lich und reli­gi­ös neu­tral zu ver­hal­ten. Das bedeu­tet ins­be­son­de­re, dass sie kei­ne Klei­dungs­stü­cke, Sym­bo­le oder ande­re Merk­ma­le tra­gen oder ver­wen­den dür­fen, die objek­tiv geeig­net sind, das Ver­trau­en in die Neu­tra­li­tät ihrer Amts­füh­rung zu beein­träch­ti­gen oder den poli­ti­schen, reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Frie­den zu gefähr­den.

Für den Vor­be­rei­tungs­dienst bedeu­tet dies prak­tisch, dass Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re, die Klei­dungs­stü­cke, Sym­bo­le oder ande­re Merk­ma­le in dem oben genann­ten Sin­ne tra­gen, bei Ver­hand­lun­gen im Gerichts­saal nicht auf der Rich­ter­bank Platz neh­men dür­fen, son­dern nur im Zuschau­er­raum sit­zen kön­nen, kei­ne Sit­zungs­lei­tun­gen oder Beweis­auf­nah­men durch­füh­ren dür­fen, kei­ne Sit­zungs­ver­tre­tung für die Staats­an­walt­schaft über­neh­men dür­fen und wäh­rend der Ver­wal­tungs­sta­ti­on kei­ne Anhö­rungs­aus­schuss­sit­zung lei­ten dür­fen. Soweit des­halb vor­ge­se­he­ne Regel­leis­tun­gen durch die Refe­ren­da­rin oder den Refe­ren­dar nicht erbracht wer­den, darf die­ser Umstand kei­nen Ein­fluss auf die Bewer­tung haben.

Das Ober­lan­des­ge­richt wird gebe­ten, das bis­he­ri­ge, eige­ne Hin­weis­blatt nicht mehr zu ver­wen­den und ab dem Ein­stel­lungs­ter­min Sep­tem­ber 2017 das bei­lie­gen­de, neue Hin­weis­blatt wäh­rend des Ver­fah­rens zur Auf­nah­me in den juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst allen Antrag­stel­le­rin­nen und Antrag­stel­lern zur Kennt­nis zu brin­gen.

Soll­ten ein­zel­ne im Aus­bil­dungs­plan vor­ge­se­he­ne Leis­tun­gen von Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­ren wegen der Neu­tra­li­täts­pflicht nicht erbracht wer­den kön­nen, ist im Zeug­nis­for­mu­lar der Hin­weis ‚konn­te nicht erbracht wer­den‘ ohne wei­te­re Zusät­ze anzu­brin­gen. Das Nicht­er­brin­gen der Leis­tung darf sich nicht auf die Bewer­tung aus­wir­ken. Ich bit­te dar­um, alle mit der Refe­ren­dar­aus­bil­dung betrau­ten Rich­te­rin­nen und Rich­ter sowie Staats­an­wäl­tin­nen und Staats­an­wäl­te hier­von in Kennt­nis zu set­zen.“

Die Ent­schei­dun­gen der Ver­wal­tungs­ge­rich­te[↑]

Mit Beschluss vom 12.04.2017 ver­pflich­te­te das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main das Land Hes­sen, sicher­zu­stel­len, dass die Beschwer­de­füh­re­rin vor­läu­fig ihre Aus­bil­dung als Rechts­re­fe­ren­da­rin voll­um­fäng­lich mit Kopf­tuch wahr­neh­men kön­ne und dass sie ins­be­son­de­re nicht den Beschrän­kun­gen unter­lie­ge, die sich aus dem Erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 28.06.2007 erge­ben [5].

Für die ihr auf­er­leg­ten Ein­schrän­kun­gen feh­le es an einer aus­rei­chen­den gesetz­li­chen Grund­la­ge. Rechts­staats­prin­zip und Demo­kra­tie­ge­bot ver­pflich­te­ten den Gesetz­ge­ber, die für die Grund­rechts­ver­wirk­li­chung maß­geb­li­chen Rege­lun­gen selbst zu tref­fen und nicht der Exe­ku­ti­ve zu über­las­sen.

Durch das Ver­bot des Tra­gens des Kopf­tuchs wäh­rend wesent­li­cher Tei­le des Vor­be­rei­tungs­diens­tes sei eine Ein­schrän­kung der Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit des Art. 4 GG sowie der Berufs­wahl­frei­heit des Art. 12 Abs. 1 GG gege­ben. Die­sen Belan­gen stün­den mit der nega­ti­ven Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit von Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und dem im Bereich der Jus­tiz beson­ders bedeut­sa­men Grund­satz der staat­li­chen Neu­tra­li­tät grund­recht­li­che Frei­heits­rech­te bezie­hungs­wei­se grund­le­gen­de ver­fas­sungs­recht­li­che Prin­zi­pi­en gegen­über. Das hier­durch ent­ste­hen­de Kon­flikt­ge­flecht erfor­de­re eine legis­la­ti­ve Auf­lö­sung. Der Gesetz­ge­ber habe mit dem Gesetz zur Siche­rung der staat­li­chen Neu­tra­li­tät eine aus­drück­li­che Nor­mie­rung zur Neu­tra­li­täts­pflicht für Beam­te in § 45 HBG und für Refe­ren­da­re im schu­li­schen Vor­be­rei­tungs­dienst in § 86 Abs. 3 Satz 3 des Hes­si­schen Schul­ge­set­zes (HSchG) geschaf­fen. Für Rechts­re­fe­ren­da­re, die kei­ne Beam­te auf Wider­ruf mehr sei­en, son­dern in einem öffent­lich-recht­li­chen Aus­bil­dungs­ver­hält­nis stün­den, sei eine der­ar­ti­ge Rege­lung aber nicht erfolgt. Eine Anwen­dung der Neu­tra­li­täts­pflicht über § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG kom­me nicht in Betracht. Soweit die­se Vor­schrift auf § 45 HBG ver­wei­se, erfas­se sie das Neu­tra­li­täts­ge­bot nicht, da es erst nach Erlass des § 27 JAG in die genann­te Norm ein­ge­fügt wor­den sei. Eine aus­drück­li­che Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers zur Neu­tra­li­täts­pflicht von Rechts­re­fe­ren­da­ren feh­le dem­nach. Wegen der grund­recht­li­chen Bedeu­tung der Fra­ge schei­de die Annah­me einer dyna­mi­schen Ver­wei­sung auf nach­träg­lich in § 45 HBG ein­ge­füg­te Nor­min­hal­te aus.

Das Gericht sei zwar der Auf­fas­sung, dass sich ein Ver­bot reli­gi­ös kon­no­tier­ter Klei­dungs­stü­cke in bestim­men Fäl­len im Wege einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung des § 45 HBG für die Beam­ten­schaft bezie­hungs­wei­se über § 2 HRiG für die Rich­ter­schaft her­lei­ten las­se. Auf­grund der Unter­schie­de in der Amts­füh­rung, bei den Anfor­de­run­gen an das Amt und den sich aus der Ver­fas­sung und dem Gesetz erge­ben­den Amts­pflich­ten zwi­schen Beam­ten und Rich­tern einer­seits sowie Rechts­re­fe­ren­da­ren ande­rer­seits sei es aber im Hin­blick auf die Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit und den Stel­len­wert der Berufs­wahl­frei­heit unver­hält­nis­mä­ßig, Refe­ren­da­ren in reli­gi­ös-welt­an­schau­li­cher Hin­sicht die glei­chen Ver­hal­tens­pflich­ten auf­zu­er­le­gen wie der dau­er­haft täti­gen Beam­ten- und Rich­ter­schaft. Zudem bestün­den hin­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten, den Ver­fah­rens­frie­den trotz eines reli­gi­ös-welt­an­schau­lich moti­vier­ten Erschei­nungs­bil­des des Refe­ren­dars zu bewah­ren und kon­kre­ten Gefähr­dun­gen im Ein­zel­fall ange­mes­sen zu begeg­nen, indem sei­tens der Aus­bil­der gegen­über den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten bei der Wahr­neh­mung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Auf­ga­ben auf die Rechts­stel­lung als Refe­ren­dar bezie­hungs­wei­se als Refe­ren­da­rin hin­ge­wie­sen wer­de.

Auf die Beschwer­de des Lan­des Hes­sen hob der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof den Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts Frank­furt am Main mit hier ange­grif­fe­nem Beschluss vom 23.05.2017 auf und wies den Antrag der Beschwer­de­füh­re­rin zurück [6].

Zur Begrün­dung führ­te das Gericht aus, eine hin­rei­chen­de gesetz­li­che Grund­la­ge für die Anord­nung eines Kopf­tuch­ver­bots für Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen sei mit § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 Satz 1 HBG gege­ben. Der Wil­le des Gesetz­ge­bers, dass gera­de auch § 45 HBG für Rechts­re­fe­ren­da­re Gel­tung haben sol­le, sei zwei­fels­frei erkenn­bar. Es sei davon aus­zu­ge­hen, dass der Gesetz­ge­ber bei der Ände­rung von Geset­zen bestehen­de Ver­wei­se im Blick hal­te. Zudem habe er die Ver­wei­sung in § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG an die Neu­fas­sung des Hes­si­schen Beam­ten­ge­set­zes vom 27.05.2013 ange­passt. Es bestün­den ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts auch kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken gegen die Zuläs­sig­keit der durch § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG vor­ge­nom­me­nen dyna­mi­schen Ver­wei­sung unter ande­rem auf § 45 HBG.

§ 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 Satz 1 und 2 HBG sei ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts eine hin­rei­chend bestimm­te gesetz­li­che Grund­la­ge für das Ver­bot, Aus­bil­dungs­leis­tun­gen mit unmit­tel­ba­rem Bür­ger­kon­takt mit Kopf­tuch wahr­zu­neh­men. Der Hes­si­sche Staats­ge­richts­hof habe in sei­nem Urteil vom 10.12 2007 – P.St.2016 – ent­schie­den, dass bei­de Vor­schrif­ten mit der Hes­si­schen Lan­des­ver­fas­sung ver­ein­bar sei­en, und in die­sem Zusam­men­hang auch die hin­rei­chen­de Bestimmt­heit bestä­tigt.

Die Glau­bens­frei­heit der Rechts­re­fe­ren­da­rin sei nicht gren­zen­los gewähr­leis­tet, son­dern wer­de durch kol­li­die­ren­de Grund­rech­te ande­rer Per­so­nen und sons­ti­ge Ver­fas­sungs­gü­ter ein­ge­schränkt. Ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schran­ken der Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit der Rechts­re­fe­ren­da­rin ergä­ben sich aus der nega­ti­ven Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten sowie aus dem staat­li­chen Neu­tra­li­täts­ge­bot als Gemein­schafts­wert von Ver­fas­sungs­rang. Die Abwä­gung die­ser Posi­tio­nen füh­re dazu, dass § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 Satz 1 und 2 HBG sei­tens des Lan­des Hes­sen ver­fas­sungs­kon­form aus­ge­legt wor­den sei und die Rechts­re­fe­ren­da­rin die genann­ten Tätig­kei­ten nicht durch­füh­ren kön­ne.

Die Aus­übung des Vor­be­rei­tungs­diens­tes in Form der Über­nah­me staat­li­cher Funk­tio­nen und der Reprä­sen­ta­ti­on nach außen mit reli­gi­ös kon­no­tier­ter Beklei­dung ver­sto­ße gegen das Neu­tra­li­täts­ge­bot in der Jus­tiz. Es sei einem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten nicht zuzu­mu­ten, unter der Glau­bens- und Bekennt­nis­sym­bo­lik eines Reprä­sen­tan­ten bezie­hungs­wei­se einer Reprä­sen­tan­tin des Staa­tes einem staat­li­chen Ver­fah­ren aus­ge­setzt zu sein, dem er sich nicht ent­zie­hen kön­ne. Ein Rechts­re­fe­ren­dar, der auf der Rich­ter­bank sit­ze, wer­de allein durch die­se Posi­tio­nie­rung von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten als Reprä­sen­tant der staat­li­chen – recht­spre­chen­den – Gewalt wahr­ge­nom­men. Es erschlie­ße sich nicht, wie der vom Ver­wal­tungs­ge­richt für ange­zeigt gehal­te­ne „scho­nen­de Aus­gleich“ der wider­strei­ten­den Posi­tio­nen durch Erläu­te­rung der Funk­ti­on der Rechts­re­fe­ren­da­re durch­führ­bar sein sol­le. Bür­ger vor Gericht befän­den sich in einer Situa­ti­on, in der sie wegen der rich­ter­li­chen Ent­schei­dungs­ge­walt kaum geneigt sei­en, Erklä­run­gen des Rich­ters hier­zu infra­ge zu stel­len. Des­sen unge­ach­tet sei eine Sit­zung vor Gericht nicht der Ort, an dem es ange­zeigt sei, die genaue Funk­ti­on und die reli­giö­se oder welt­an­schau­li­che Grund­ein­stel­lung der Reprä­sen­tan­ten des Gerichts nach dem äuße­ren Anschein zu erläu­tern oder zu dis­ku­tie­ren. Inso­fern unter­schei­de sich die Situa­ti­on von der­je­ni­gen in einer Schu­le oder gar Kin­der­ta­ges­stät­te, in der sich die Betei­lig­ten nicht nur ein­ma­lig und nicht in einer aus der rich­ter­li­chen Ent­schei­dungs­ge­walt resul­tie­ren­den Über- und Unter­ord­nungs­si­tua­ti­on begeg­ne­ten.

Dem­ge­gen­über sei­en die Nach­tei­le für Rechts­re­fe­ren­da­re und kon­kret für die Beschwer­de­füh­re­rin dadurch, dass sie vor die Wahl gestellt wer­de, ent­we­der ihr Kopf­tuch abzu­neh­men oder aber nicht auf der Rich­ter­bank Platz neh­men und Ver­fah­rens­hand­lun­gen vor­neh­men zu dür­fen, von gerin­ge­rem Gewicht. Der Rechts­re­fe­ren­da­rin ste­he es frei, der gericht­li­chen Ver­hand­lung mit Kopf­tuch im Zuschau­er­saal bei­zu­woh­nen. Ledig­lich Ver­fah­rens­hand­lun­gen wie Beweis­auf­nah­men, Anhö­run­gen vor dem Anhö­rungs­aus­schuss in der Ver­wal­tungs­sta­ti­on oder Sit­zungs­ver­tre­tun­gen für die Staats­an­walt­schaft dür­fe sie mit Kopf­tuch nicht durch­füh­ren. Hier­aus ent­ste­he ihr auch kein gra­vie­ren­der Nach­teil. Die selb­stän­di­ge Wahr­neh­mung der­ar­ti­ger Tätig­kei­ten gehö­re nicht zu den nach den §§ 32–34 JAG in der Refe­ren­dar­aus­bil­dung ver­bind­lich durch­zu­füh­ren­den Tätig­kei­ten. Schließ­lich sei beacht­lich, dass in der Pra­xis nicht sel­ten die Aus­bil­de­rin oder der Aus­bil­der die ihnen zur Aus­bil­dung zuge­wie­se­nen Rechts­re­fe­ren­da­re nicht mit der Durch­füh­rung sol­cher Tätig­kei­ten betrau­ten, etwa, weil sich wäh­rend der Aus­bil­dungs­zeit kein Ver­fah­ren fin­de, das zur Über­tra­gung von Ver­fah­rens­hand­lun­gen an Rechts­re­fe­ren­da­re oder aus sons­ti­gen Grün­den geeig­net erschei­ne. Inso­fern erhal­te die Rechts­re­fe­ren­da­rin mit Kopf­tuch in genau glei­chem Umfang einen prak­ti­schen Ein­blick in die rich­ter­li­che Tätig­keit wie ande­re Rechts­re­fe­ren­da­re auch. Jeden­falls hän­ge der Aus­bil­dungs­er­folg in kei­ner Wei­se davon ab, dass sie der­ar­ti­ge Ver­fah­rens­hand­lun­gen erbrin­ge oder der Ver­hand­lung von der Rich­ter­bank aus fol­ge.

Es sei kaum ein Ort denk­bar, an dem die Wah­rung staat­li­cher Neu­tra­li­tät durch ihre Reprä­sen­tan­ten so bedeut­sam sei wie vor Gericht, wo die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten eine in jeder Hin­sicht von welt­an­schau­li­chen, poli­ti­schen oder reli­giö­sen Grund­ein­stel­lun­gen unab­hän­gi­ge Ent­schei­dung erwar­te­ten. Daher sei dort, wo Rechts­re­fe­ren­da­re nach ihrem äuße­ren Erschei­nungs­bild als Reprä­sen­tan­ten der Jus­tiz wahr­ge­nom­men wür­den, die hier­durch begrün­de­te abs­trak­te Gefahr für eine Beschä­di­gung des Ver­trau­ens der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in die Neu­tra­li­tät des Gerichts und die Unab­hän­gig­keit der Ent­schei­dungs­fin­dung aus­rei­chend, um Rechts­re­fe­ren­da­ren das Tra­gen reli­gi­ös kon­no­tier­ter Klei­dungs­stü­cke in die­ser Situa­ti­on zu unter­sa­gen. Die Grund­rech­te der Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re hät­ten nach einer durch­zu­füh­ren­den Abwä­gung dem­ge­gen­über zurück­zu­tre­ten.

Mit Schrift­satz vom 06.06.2017 erhob die Beschwer­de­füh­re­rin Kla­ge beim Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main. Das Ver­fah­ren ruht der­zeit.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de[↑]

Die Beschwer­de­füh­re­rin rügt mit ihrer am 14.06.2017 ein­ge­gan­ge­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de eine Ver­let­zung ihrer Rech­te aus Art. 12 Abs. 1, Art. 4 Abs. 1 und 2, Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 sowie von Art. 3 Abs. 1 und 3 GG. Sie bean­tragt, den Beschluss des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs vom 23.05.2017, den Erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 28.06.2007 sowie das ihr auf­er­leg­te Ver­bot, bei Aus­übung hoheit­li­cher Tätig­kei­ten mit Außen­wir­kung im Rah­men ihres juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­diens­tes ein Kopf­tuch zu tra­gen, auf­zu­he­ben und ihr die im Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ent­stan­de­nen not­wen­di­gen Aus­la­gen zu erstat­ten. Zur Begrün­dung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de führt sie Fol­gen­des aus:

Der Beschluss des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs grei­fe (in gestei­ger­ter Inten­si­tät) in die Aus­bil­dungs­frei­heit aus Art. 12 Abs. 1 GG ein, soweit er ihren Aus­schluss als Trä­ge­rin eines Kopf­tuchs von den prak­ti­schen Auf­ga­ben der Refe­ren­dar­aus­bil­dung unter Bezug auf die „Hin­wei­se“ des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz als „ledig­lich ein­schrän­ken­de ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung“ der Neu­tra­li­täts­pflicht der Beam­ten gemäß § 45 Satz 2 HBG bewer­te. Betrof­fen sei der Aspekt der Berufs­wahl, vor allem da das aus­ge­spro­che­ne Ver­bot geeig­net sei, ande­re Absol­ven­tin­nen des Jura­stu­di­ums, die aus reli­giö­ser Über­zeu­gung, aus Grün­den der Selbst­dar­stel­lung oder Wür­de ein Kopf­tuch trü­gen; vom Rechts­re­fe­ren­da­ri­at abzu­hal­ten. An die Recht­fer­ti­gung sei­en damit erhöh­te Anfor­de­run­gen zu stel­len.

Es feh­le an einer gesetz­li­chen Grund­la­ge. § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG sei man­gels dyna­mi­schen Cha­rak­ters der Ver­wei­sung auf das Hes­si­sche Beam­ten­ge­setz nicht geeig­net, den Geset­zes­vor­be­halt gemäß Art. 12 Abs. 1 Satz 2 GG aus­zu­fül­len. Unge­ach­tet der Ver­wei­sungs­pro­ble­ma­tik ergä­ben sich gra­vie­ren­de ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken gegen § 45 HBG als die Aus­bil­dungs­frei­heit ein­schrän­ken­des Gesetz. § 45 Satz 1 und 2 HBG ent­hiel­ten die all­ge­mei­ne, unter­schieds­los an alle Beam­tin­nen und Beam­ten adres­sier­te, höchst unbe­stimm­te Pflicht, sich „im Dienst poli­tisch, welt­an­schau­lich und reli­gi­ös neu­tral zu ver­hal­ten“. Nach Satz 3 sei „bei der Ent­schei­dung“ über die Neu­tra­li­täts­pflicht „der christ­lich und huma­nis­tisch gepräg­ten Tra­di­ti­on des Lan­des Hes­sen ange­mes­sen Rech­nung zu tra­gen“. Die hier­durch beding­te Pri­vi­le­gie­rung der christ­lich-huma­nis­ti­schen Tra­di­ti­on ste­he nicht im Ein­klang mit dem in Art. 3 Abs. 3 GG nie­der­ge­leg­ten Ver­bot der Benach­tei­li­gung bezie­hungs­wei­se Bevor­zu­gung aus reli­giö­sen Grün­den. § 45 HBG sei kei­ner ver­fas­sungs- bezie­hungs­wei­se grund­rechts­kon­for­men Aus­le­gung zugäng­lich.

§ 45 Satz 2 HBG ver­sto­ße gegen den Bestimmt­heits­grund­satz. Ins­be­son­de­re kön­ne anhand der Norm nicht defi­niert wer­den, wor­in die „objek­ti­ve Eig­nung“ eines mus­li­mi­schen Kopf­tuchs bestehe, das Ver­trau­en in die neu­tra­le Amts­füh­rung des Beam­ten zu beein­träch­ti­gen oder den reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Frie­den zu gefähr­den. Viel weni­ger noch gebe die Norm zu erken­nen, war­um das Kopf­tuch­ver­bot auch auf nicht ver­be­am­te­te Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen zu erstre­cken sei, nicht aber auf Ange­stell­te im öffent­li­chen Dienst, die funk­tio­nal glei­che Tätig­kei­ten wahr­näh­men.

Das minis­te­ri­el­le Schrei­ben über­tra­ge das Neu­tra­li­täts­ge­bot und die Klei­dungs­vor­schrift des § 45 Satz 1 und 2 HBG wört­lich auf den juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst. Die grund­recht­lich erheb­li­che Dif­fe­renz zwi­schen einem frei­wil­lig ein­ge­gan­ge­nen Beam­ten­ver­hält­nis und einem öffent­lich-recht­li­chen Aus­bil­dungs­ver­hält­nis, das wegen des staat­li­chen Mono­pols zwangs­wei­se von allen Bewer­be­rin­nen für juris­ti­sche Beru­fe zu durch­lau­fen sei, wer­de damit zu ihren Las­ten ein­ge­eb­net. Die gesetz­li­che wie auch die minis­te­ri­el­le Kon­kre­ti­sie­rung der Beklei­dungs­re­gel für Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen ver­ken­ne auch die Dif­fe­renz von rich­ter­li­chen und beam­t­li­chen Dienst­pflich­ten. Im Unter­schied zu § 45 HBG ver­wen­de­ten das Grund­ge­setz und das Deut­sche Rich­ter­ge­setz mit Bedacht nicht den Begriff der Neu­tra­li­tät, son­dern viel­mehr die Begrif­fe der Unab­hän­gig­keit und Unpar­tei­lich­keit. Selbst wenn man Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen bei prak­ti­schen Auf­ga­ben als Reprä­sen­tan­tin­nen der Jus­tiz den Rich­te­rin­nen gleich­stel­len woll­te, gebö­te es ihre Aus­bil­dungs­frei­heit gemäß Art. 12 Abs. 1 GG, ihre Dienst­pflich­ten an denen von Rich­te­rin­nen zu ori­en­tie­ren und ent­spre­chend ihrem Aus­bil­dungs­ver­hält­nis abzu­stu­fen. Die Unter­stel­lung, eine Rich­te­rin mit Kopf­tuch kön­ne den Anfor­de­run­gen an die Unpar­tei­lich­keit oder auch an die Neu­tra­li­tät der Amts­füh­rung nicht gerecht wer­den, fin­de weder nor­ma­tiv noch empi­risch eine Grund­la­ge.

Wol­le man trotz der genann­ten Beden­ken am Begriff der Neu­tra­li­tät fest­hal­ten, lege das Grund­ge­setz ein plu­ra­lis­ti­sches Ver­ständ­nis nahe. Art. 33 Abs. 3 Satz 1 GG nor­mie­re, dass der Genuss bür­ger­li­cher und staats­bür­ger­li­cher Rech­te, die Zulas­sung zu öffent­li­chen Ämtern sowie die im öffent­li­chen Dienst erwor­be­nen Rech­te unab­hän­gig von dem reli­giö­sen Bekennt­nis sei­en. Nach Satz 2 der Vor­schrift dür­fe nie­man­dem aus sei­ner Zuge­hö­rig­keit oder Nicht­zu­ge­hö­rig­keit zu einem Bekennt­nis oder einer Welt­an­schau­ung ein Nach­teil erwach­sen. Art. 33 Abs. 3 GG strei­te damit für ein offe­nes Ver­ständ­nis staat­li­cher Neu­tra­li­tät, das reli­gi­ös-welt­an­schau­li­che Betä­ti­gun­gen der Bür­ge­rin­nen nicht strikt aus dem staat­li­chen Bereich ver­ban­ne und in den Bereich der Gesell­schaft ver­schie­be. Neu­tra­li­tät bezeich­ne viel­mehr eine offe­ne und über­grei­fen­de, die Glau­bens­frei­heit für alle Bekennt­nis­se glei­cher­ma­ßen för­dern­de Hal­tung. Folg­lich ent­hal­te Art. 33 Abs. 3 GG nicht nur ein indi­vi­du­el­les Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot, son­dern im Kon­text der staats­bür­ger­li­chen Rech­te und damit des Staat-Bür­ger-Ver­hält­nis­ses eine Grund­ent­schei­dung des Grund­ge­set­zes, Ange­hö­ri­ge aller in der Gesell­schaft ver­tre­te­nen reli­giö­sen Grup­pen glei­cher­ma­ßen an der Aus­übung öffent­li­cher Gewalt zu betei­li­gen. Das Grund­ge­setz sor­ge damit dafür, dass die plu­ra­lis­ti­sche Zusam­men­set­zung der Gesell­schaft sich auch in einer plu­ra­lis­ti­schen Zusam­men­set­zung des öffent­li­chen Diens­tes wider­spie­ge­le.

Unab­hän­gig hier­von sei die Rege­lung unver­hält­nis­mä­ßig.

Das Vor­lie­gen eines legi­ti­men Zwecks kön­ne bezwei­felt wer­den. Es erschei­ne frag­lich, ob der nicht näher kon­kre­ti­sier­te Ver­weis auf Rechts- und Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en wie die reli­gi­ös-welt­an­schau­li­che Neu­tra­li­tät des Staa­tes und die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit aus­reich­ten, um Grund­rechts­ein­grif­fe mit hoher Ein­griffs­in­ten­si­tät im Ein­zel­fall zu recht­fer­ti­gen. Den in § 45 Satz 2 HBG genann­ten Frie­dens­vor­stel­lun­gen oder auch dem im Aus­gangs­ver­fah­ren genann­ten „Ver­hand­lungs­frie­den“ und dem Ver­trau­en in die reli­giö­se Neu­tra­li­tät des Staa­tes kom­me kein Ver­fas­sungs­rang zu. § 45 Satz 2 HBG wäre allen­falls teleo­lo­gisch zu redu­zie­ren auf den ver­fas­sungs­kon­for­men Zweck, die Funk­ti­ons­fä­hig­keit einer auch im Erschei­nungs­bild unab­hän­gi­gen und unpar­tei­ischen Jus­tiz im Sin­ne von Art. 97 GG zu sichern.

Nach § 45 Satz 2 HBG sei Vor­aus­set­zung für das Kopf­tuch­ver­bot, dass sich das Kopf­tuch „objek­tiv eig­ne“, die Neu­tra­li­tät der Amts­füh­rung – hier der Wahr­neh­mung „prak­ti­scher Auf­ga­ben“ – zu beein­träch­ti­gen oder den reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Frie­den zu gefähr­den. Eine der­ar­ti­ge Wir­kung wer­de beim mus­li­mi­schen Kopf­tuch in der ein­schlä­gi­gen Recht­spre­chung – im Gegen­satz zur Ent­schei­dung des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs – über­wie­gend bestrit­ten. Empi­risch sei­en die Erwä­gun­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs für die Beja­hung der abs­trak­ten Gefahr „für eine Beschä­di­gung des Ver­trau­ens bei den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in die Neu­tra­li­tät des Gerichts und die Unab­hän­gig­keit der Ent­schei­dungs­fin­dung“ nicht zu veri­fi­zie­ren. Das Kopf­tuch sei in Deutsch­land im gesell­schaft­li­chen All­tag üblich und nicht durch­gän­gig reli­gi­ös kon­no­tiert. Frau­en, die das Kopf­tuch aber aus reli­giö­sen Grün­den trü­gen, kön­ne nicht unter­stellt wer­den, sich auch in ihrer beruf­li­chen Pra­xis reli­gi­ös lei­ten zu las­sen. Letzt­lich wer­de das Kopf­tuch der Trä­ge­rin und nicht dem Staat zuge­rech­net, den sie reprä­sen­tie­re.

Das Kopf­tuch­ver­bot und der Aus­schluss von „prak­ti­schen Auf­ga­ben“ im Vor­be­rei­tungs­dienst sei­en nicht erfor­der­lich. Die Aus­gangs­ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Frank­furt am Main sei über­zeu­gend davon aus­ge­gan­gen, dass, soweit über­haupt nötig, Maß­nah­men der Auf­klä­rung und Infor­ma­ti­on der mit der Gerichts­pra­xis nicht ver­trau­ten Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten oder der Hin­weis auf die mög­li­che Ableh­nung wegen Befan­gen­heit effek­tiv „Abhil­fe“ schaf­fen könn­ten.

Das Ver­bot sei zudem nicht ange­mes­sen. Zunächst sei zu bean­stan­den, dass der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof eine von einem Kopf­tuch angeb­lich aus­ge­hen­de abs­trak­te Gefahr aus­rei­chen las­se, um Grund­rech­te gegen­über den Belan­gen der staat­li­chen Neu­tra­li­tät und der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit der Pro­zess­be­tei­lig­ten ein­zu­schrän­ken. Dane­ben trü­gen die Ein­schrän­kun­gen und Ver­hal­tens- sowie Beklei­dungs­ge­bo­te den recht­li­chen und funk­tio­na­len Unter­schie­den zwi­schen einem öffent­lich-recht­li­chen Aus­bil­dungs­ver­hält­nis einer­seits und einem Amts­ver­hält­nis als Rich­te­rin oder als Beam­tin ande­rer­seits nicht ange­mes­sen Rech­nung. Sie berück­sich­tig­ten die unter­schied­li­chen Anfor­de­run­gen an das dienst­li­che Ver­hal­ten und die Klei­dung im Dienst nicht ange­mes­sen, die dar­aus resul­tier­ten, dass Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen unter der Auf­sicht ihres Aus­bil­ders stün­den und in der Regel nicht eigen­stän­dig agier­ten. Auch bei Lehr­amts-Refe­ren­da­rin­nen sehe der hes­si­sche Gesetz­ge­ber eine gegen­über ver­be­am­te­ten Leh­re­rin­nen abge­schwäch­te Beklei­dungs­vor­schrift vor. Wei­ter­hin sei beacht­lich, dass der Zugang zu den juris­ti­schen Beru­fen vom Staat kon­trol­liert und orga­ni­siert wer­de. Als Mono­po­list ent­schei­de er über die Mög­lich­keit, nach Maß­ga­be des Grund­rechts aus Art. 12 Abs. 1 GG den Beruf etwa des Anwalts oder Notars wäh­len zu kön­nen.

Das Kopf­tuch­ver­bot im Refe­ren­dar­dienst ver­let­ze sie auch in ihrem Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG. Der schwer­wie­gen­de Ein­griff in die Reli­gi­ons­frei­heit sei ver­fas­sungs­recht­lich nicht gerecht­fer­tigt. Der ange­grif­fe­ne Beschluss stel­le das reli­giö­se Bede­ckungs­ge­bot und – gestützt auf § 45 Satz 2 HBG – das Neu­tra­li­täts­ge­bot für den Bereich der Jus­tiz in die prak­ti­sche Kon­kor­danz ein. Für den scho­nen­den Aus­gleich von Reli­gi­ons­frei­heit einer­seits und einem Neu­tra­li­tät und Frie­den sichern­den Kopf­tuch­ver­bot ande­rer­seits habe das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­den, dass ein Ver­bot reli­giö­ser Bekun­dun­gen, das bereits bei der abs­trak­ten Gefahr einer Beein­träch­ti­gung des Schul­frie­dens oder der staat­li­chen Neu­tra­li­tät grei­fe, mit Blick auf die Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit unan­ge­mes­sen und damit unver­hält­nis­mä­ßig sei, wenn die Bekun­dung auf ein als ver­pflich­tend emp­fun­de­nes reli­giö­ses Gebot zurück­zu­füh­ren sei. Die­se für Päd­ago­gin­nen getrof­fe­ne Ent­schei­dung sei auf Refe­ren­da­rin­nen im juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst über­trag­bar.

Der Beschluss grei­fe in ihr Grund­recht auf Selbst­be­stim­mung, Selbst­be­wah­rung und Selbst­dar­stel­lung als Bedin­gun­gen der Iden­ti­täts­bil­dung aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG ein. Die Bede­ckung wer­fe neben dem als ver­pflich­tend emp­fun­de­nen reli­giö­sen Gebot zugleich die Fra­ge auf, wie sie sich als Frau im öffent­li­chen Raum und bei all­täg­li­chen sozia­len Kon­tak­ten ihrer Vor­stel­lung von Wür­de ent­spre­chend dar­stel­len wol­le. Neben die reli­giö­se Ver­pflich­tung tre­te die aus ihrem Selbst­bild und ihrer Iden­ti­täts­vor­stel­lung abge­lei­te­te Beklei­dungs­re­gel, sich nicht mit unbe­deck­tem Haupt­haar in der Öffent­lich­keit zu zei­gen.

Durch den ange­grif­fe­nen Beschluss sowie mit­tel­bar durch § 45 Satz 2 HBG wer­de sie wegen ihres Geschlechts dis­kri­mi­niert (Art. 3 Abs. 2 Satz 1 und Abs. 3 GG). Bei § 45 Satz 2 HBG han­de­le es sich zwar um eine geschlechts­neu­tral for­mu­lier­te Rege­lung. Deren aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung inten­dier­te Bedeu­tung sei aber, das Tra­gen von Kopf­tü­chern zu unter­bin­den. Das Bekun­dungs­ver­bot erfas­se Män­ner gegen­wär­tig und auf abseh­ba­re Zeit in ver­schwin­dend gerin­ger Zahl.

Beim BVerfG ein­ge­gan­ge­ne Stel­lung­nah­men[↑]

Zum Ver­fah­ren haben die Hes­si­sche Staats­kanz­lei, die Nie­der­säch­si­sche Lan­des­re­gie­rung, die Baye­ri­sche Staats­re­gie­rung, der Huma­nis­ti­sche Ver­band Deutsch­lands, der Dach­ver­band Frei­er Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten, der Inter­na­tio­na­le Bund der Kon­fes­si­ons­lo­sen und Athe­is­ten, das Akti­ons­bünd­nis mus­li­mi­scher Frau­en in Deutsch­land, die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land, der Zen­tral­rat der Mus­li­me in Deutsch­land, der Zen­tral­rat der Ex-Mus­li­me, der Islam­rat für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, die Neue Rich­ter­ver­ei­ni­gung, der Deut­sche Rich­ter­bund sowie der Bund Deut­scher Ver­wal­tungs­rich­ter und Ver­wal­tungs­rich­te­rin­nen Stel­lung genom­men.

Stel­lung­nah­me der Hes­si­schen Staats­kanz­lei

Die Hes­si­sche Staats­kanz­lei hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­de inso­weit für unzu­läs­sig, als mit ihr bean­tragt wer­de, den Erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 28.06.2007 und das dar­in aus­ge­spro­che­ne Ver­bot auf­zu­he­ben, als Rechts­re­fe­ren­da­rin bei Aus­übung hoheit­li­cher Tätig­kei­ten mit Außen­wir­kung im Rah­men ihres juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­diens­tes ein Kopf­tuch zu tra­gen. Die­ser Antrag sei inso­weit gegen­stands­los und die Ver­fas­sungs­be­schwer­de unzu­läs­sig gewor­den, als das Hes­si­sche Minis­te­ri­um der Jus­tiz den genann­ten Erlass mit sei­nem Erlass vom 24.07.2017 auf­ge­ho­ben habe.

Soweit die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zuläs­sig sei, sei sie unbe­grün­det. Zwar lie­ge ein Ein­griff in die Schutz­be­rei­che der Reli­gi­ons­frei­heit aus Art. 4 GG und der Berufs­frei­heit aus Art. 12 Abs. 1 GG vor, die­ser sei aber ver­fas­sungs­recht­lich gerecht­fer­tigt.

Mit der Ver­pflich­tung von Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen zur reli­giö­sen Neu­tra­li­tät sol­le den an einem Zivil- oder Straf­ver­fah­ren oder einem ver­wal­tungs­be­hörd­li­chen Ver­fah­ren Betei­lig­ten das Ver­trau­en ver­mit­telt wer­den, dass reli­giö­se Erwä­gun­gen oder Ein­stel­lun­gen in ihrem Ver­fah­ren kei­ne Rol­le spiel­ten und Tat­sa­chen- wie Rechts­fra­gen allein auf der Grund­la­ge des gel­ten­den Rechts ent­schie­den wür­den. Die Ver­pflich­tung des Staa­tes zu strik­ter welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Neu­tra­li­tät fol­ge unmit­tel­bar aus dem Grund­ge­setz.

Der Gesetz­ge­ber beschrei­be auf der Tat­be­stands­sei­te des § 45 HBG einen Wir­kungs­zu­sam­men­hang, den er für mög­lich hal­ten und als neu­tra­li­täts­schäd­lich unter­bin­den dür­fe. Er sei danach berech­tigt, sei­ner Rege­lung die Annah­me zugrun­de zu legen, Klei­dungs­stü­cke, Sym­bo­le und sons­ti­ge Merk­ma­le könn­ten – und soll­ten viel­fach auch – inhalt­lich aus­sa­ge­kräf­tig sein und den Schluss auf die Über­zeu­gung des­je­ni­gen zulas­sen, der sich ihrer in der Öffent­lich­keit bedie­ne. Des Wei­te­ren habe der Gesetz­ge­ber dar­auf abge­stellt, die ver­wen­de­ten Merk­ma­le bräuch­ten nur objek­tiv geeig­net zu sein, das Ver­trau­en in die Neu­tra­li­tät der Amts­füh­rung zu beein­träch­ti­gen oder den poli­ti­schen, reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Frie­den zu gefähr­den. Mit die­ser For­mu­lie­rung sei es ihm indes­sen nicht um eine Grenz­be­stim­mung zwi­schen abs­trak­ter und kon­kre­ter Ver­trau­ens­be­ein­träch­ti­gung und Frie­dens­ge­fähr­dung gegan­gen, son­dern allein um die Klar­stel­lung, dass es für die­se Wir­kun­gen nicht auf die Absich­ten der Trä­ge­rin ankom­me. Des­halb las­se sich das Gesetz dahin ver­ste­hen, dass zumin­dest dann, wenn die Glau­bens­be­kun­dung nach­voll­zieh­bar auf ein als ver­pflich­tend betrach­te­tes reli­giö­ses Gebot zurück­zu­füh­ren sei, jene objek­ti­ve Eig­nung eine kon­kre­te Gefahr für den poli­ti­schen, welt­an­schau­li­chen oder reli­giö­sen Frie­den vor­aus­set­ze oder aber das Ver­trau­en in die Neu­tra­li­tät der Amts­füh­rung kon­kret beein­träch­ti­ge. Die­se Ein­schrän­kung habe das Hes­si­sche Innen­mi­nis­te­ri­um über­nom­men. Auf die­se Wei­se sei für den Bereich der all­ge­mei­nen Ver­wal­tung und damit für die Aus­bil­dung der Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re in der Ver­wal­tungs­sta­ti­on den Anfor­de­run­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts genügt.

Auf eine kon­kre­te Frie­dens­ge­fähr­dung oder Ver­trau­ens­be­ein­träch­ti­gung kön­ne es für den jus­ti­zi­el­len Bereich indes­sen nicht ankom­men. Die Mög­lich­kei­ten, die das Pro­zess­recht den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten zur Ver­fü­gung stel­le, wenn die Ver­wen­dung der im Gesetz genann­ten Klei­dungs­stü­cke, Sym­bo­le oder ande­rer Merk­ma­le sie an der Neu­tra­li­tät des Gerichts zwei­feln las­se, sei­en mit dem Recht zur Ableh­nung wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit über­aus begrenzt. Zudem sei es in glei­chem Maße die Öffent­lich­keit – auch über das im Gerichts­saal anwe­sen­de Publi­kum hin­aus –, der die Über­zeu­gung von der poli­ti­schen, reli­giö­sen und welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät ver­mit­telt wer­den müs­se und deren Ver­trau­en durch das Ver­hal­ten und Auf­tre­ten des Jus­tiz­per­so­nals daher kei­nes­falls beein­träch­tigt wer­den dür­fe. Aus die­sem Grund fol­ge das gericht­li­che Ver­fah­ren gänz­lich ande­ren Regeln, als sie etwa im Bereich von Schu­len und Kin­der­ta­ges­stät­ten gel­ten mögen. Der Staat habe nicht nur die neu­tra­le, unab­hän­gi­ge und allein dem Gesetz unter­wor­fe­ne Amts­füh­rung des Rich­ters, son­dern in glei­cher Wei­se auch sicher­zu­stel­len, dass das Ver­trau­en der All­ge­mein­heit und in jedem Ein­zel­fall auch der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in eben die­se Amts­füh­rung nicht gefähr­det oder gar ent­täuscht wer­de. Dar­aus erwach­se sei­ne Ver­fas­sungs­pflicht zur insti­tu­tio­nel­len Neu­tra­li­täts­si­che­rung, die sich dar­um bemü­hen müs­se, selbst dem Anschein man­geln­der Objek­ti­vi­tät und unzu­läng­li­cher oder gar ver­fehl­ter Sach­be­zo­gen­heit ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die­se Ein­schrän­kun­gen müss­ten auch für Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen gel­ten, wenn und soweit sie rich­ter­li­che oder staats­an­walt­li­che Funk­tio­nen aus­üb­ten.

Das Ver­bot des Kopf­tuchs bei dienst­li­chen Kon­tak­ten mit Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten erwei­se sich auch als ange­mes­sen und im enge­ren Sin­ne ver­hält­nis­mä­ßig. Aus der Sicht und nach den Erfah­run­gen des Jus­tiz­prü­fungs­am­tes sei der Behaup­tung der Beschwer­de­füh­re­rin, sie wer­de prak­tisch von einer sach­ge­rech­ten und ihr Recht auf Aus­bil­dung sichern­den Teil­nah­me an den prak­ti­schen Auf­ga­ben des Vor­be­rei­tungs­diens­tes aus­ge­schlos­sen, ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Nach § 28 Abs. 1 Satz 2 JAG sol­le die Rechts­re­fe­ren­da­rin prak­ti­sche Auf­ga­ben in mög­lichst wei­tem Umfang selb­stän­dig und eigen­ver­ant­wort­lich erle­di­gen. Damit sei nicht allein die Teil­nah­me an Sit­zun­gen, die Durch­füh­rung einer Beweis­auf­nah­me, die Sit­zungs­ver­tre­tung für die Staats­an­walt­schaft oder die Lei­tung der Sit­zung eines Anhö­rungs­aus­schus­ses gemeint. Zu den prak­ti­schen Auf­ga­ben zähl­ten vor allem das Stu­di­um von Akten und Vor­gän­gen der jewei­li­gen Aus­bil­dungs­sta­ti­on, die Begut­ach­tung von Streit­fäl­len und Ermitt­lungs­er­geb­nis­sen, der münd­li­che Vor­trag sowie die Anfer­ti­gung von Urteils, Beschluss- und Ver­fü­gungs­ent­wür­fen. Hier lie­ge der Schwer­punkt der prak­ti­schen Aus­bil­dung, wäh­rend die­je­ni­gen Auf­ga­ben, die die Beschwer­de­füh­re­rin, ohne ihr Kopf­tuch abzu­le­gen, nicht wahr­neh­men kön­ne, nur einen unter­ge­ord­ne­ten Teil­be­reich der Aus­bil­dung dar­stell­ten. Deren Über­nah­me sei zwar wün­schens­wert, kön­ne aber ohne­hin nicht durch­weg gewähr­leis­tet wer­den, son­dern sei davon abhän­gig, ob in der jewei­li­gen Aus­bil­dungs­sta­ti­on Fäl­le vor­lä­gen, die für die Über­nah­me des Sit­zungs­diens­tes oder für eine eigen­stän­di­ge Beweis­auf­nah­me geeig­net sei­en.

Stel­lung­nah­me der Nie­der­säch­si­chen Lan­des­re­gie­rung

Die Nie­der­säch­si­sche Lan­des­re­gie­rung ist der Auf­fas­sung, der vor­lie­gen­de Grund­rechts­ein­griff hal­te einer mate­ri­el­len Über­prü­fung am Maß­stab kol­li­die­ren­den Ver­fas­sungs­rechts stand. Gemein­schafts­wer­te von Ver­fas­sungs­rang und gege­be­nen­falls auch die Grund­rech­te Drit­ter erfor­der­ten es, dass die Jus­tiz den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern auch äußer­lich neu­tral gegen­über­tre­te. Das Grund­ge­setz gehe von dem Bild einer nur Recht und Gesetz unter­wor­fe­nen und dabei den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten unvor­ein­ge­nom­men und neu­tral gegen­über­tre­ten­den Rich­ter­per­sön­lich­keit aus. Die Über­zeu­gungs­kraft rich­ter­li­cher Ent­schei­dun­gen beru­he vor die­sem Hin­ter­grund nicht nur auf der juris­ti­schen Qua­li­tät ihrer Grün­de; sie stüt­ze sich in hohem Maße auch auf das Ver­trau­en, das den Rich­te­rin­nen und Rich­tern von der Bevöl­ke­rung ent­ge­gen­ge­bracht wer­de. Die­ses Ver­trau­en fuße nicht zuletzt auf der äuße­ren und inne­ren Unab­hän­gig­keit des Rich­ters, sei­ner Neu­tra­li­tät und erkenn­ba­ren Distanz. Eine Kund­ga­be reli­giö­ser Über­zeu­gun­gen, die geeig­net sei, die­ses Ver­trau­en zu erschüt­tern, wider­spre­che dem Rich­ter­bild des Grund­ge­set­zes. Auch Refe­ren­da­rin­nen und Refe­ren­da­re müss­ten Neu­tra­li­tät und Distanz an den Tag legen, soweit sie gegen­über den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten Auf­ga­ben der Rechts­pfle­ge wahr­näh­men.

Das Neu­tra­li­täts­ver­lan­gen des Grund­ge­set­zes sei nicht situa­ti­ons­be­zo­gen, son­dern umfas­send zu ver­ste­hen. Nur ein gene­rel­les; und vom Ein­zel­fall unab­hän­gi­ges Ver­bot kön­ne einem mög­li­chen Ver­trau­ens­ver­lust vor­beu­gen und den Ein­druck ver­hin­dern, die Recht­spre­chungs­tä­tig­keit kön­ne womög­lich auch durch sach­frem­de – reli­giö­se – Ein­flüs­se geprägt wer­den. Ein anlass- bezie­hungs­wei­se kon­flikt­be­zo­ge­nes Ver­bot wer­de die­ses Ziel – anders als nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im Fall des Kopf­tuchs bei Lehr­kräf­ten – ver­feh­len, weil der Ver­trau­ens­ver­lust unwi­der­ruf­lich ein­ge­tre­ten sein wür­de, bevor ein Ver­bot aus­ge­spro­chen wer­den könn­te. Zudem wer­de ein Unbe­ha­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in Anbe­tracht reli­giö­ser Sym­bo­le nicht stets offen zuta­ge tre­ten. Auch in der­ar­ti­gen Fäl­len gera­te das Ver­trau­en in die Jus­tiz indes in Gefahr.

Stel­lung­nah­me der Baye­ri­schen Staats­re­gie­rung

Die Baye­ri­sche Staats­re­gie­rung hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­de für unbe­grün­det.

Der Ein­griff in die Grund­rech­te der Rechts­re­fe­ren­da­rin sei von ledig­lich gerin­ger Inten­si­tät. Die ihr auf­grund ihres Kopf­tuchs ver­wehr­ten Tätig­kei­ten stell­ten ledig­lich einen sehr eng begrenz­ten Aus­schnitt des Rechts­re­fe­ren­da­ri­ats dar. Außer­dem habe sie kei­ne nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf ihre Gesamt­no­te zu befürch­ten.

Das Ver­bot bezwe­cke den Schutz wich­ti­ger Belan­ge, denen das Grund­ge­setz Ver­fas­sungs­rang bei­mes­se und die auf­grund ihrer hohen Bedeu­tung selbst einen deut­lich inten­si­ve­ren Ein­griff in die Rechts­po­si­tio­nen der Rechts­re­fe­ren­da­rin recht­fer­ti­gen wür­den. Zunächst die­ne es der ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Wah­rung des Ver­trau­ens der rechts­un­ter­wor­fe­nen Bür­ger in die unbe­ding­te und unein­ge­schränk­te Neu­tra­li­tät des Staa­tes sowie der die­sen reprä­sen­tie­ren­den Amts­trä­ger im Rah­men eines gericht­li­chen Ver­fah­rens. Dane­ben sei auch die nega­ti­ve Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit der (übri­gen) Pro­zess­be­tei­lig­ten betrof­fen. Eine Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Rich­te­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen sei inso­weit nicht gebo­ten.

Das Ver­bot sei auch ange­mes­sen. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beschwer­de­füh­re­rin sei die Sach­la­ge nicht mit der Situa­ti­on von Leh­re­rin­nen und Erzie­he­rin­nen ver­gleich­bar, bei der erst eine kon­kre­te Gefahr für die Schutz­gü­ter des Schul­frie­dens und der staat­li­chen Neu­tra­li­tät eine Unter­sa­gung recht­fer­ti­ge. Hier könn­ten die ver­schie­de­nen Betei­lig­ten ihre Belan­ge for­men­frei und fle­xi­bel dis­ku­tie­ren, Ände­run­gen und Lösungs­an­sät­ze ohne enge­re zeit­li­che und sach­li­che Vor­ga­ben erpro­ben sowie über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg auf eine wech­sel­sei­ti­ge Annä­he­rung der kon­kre­ten Belan­ge hin­wir­ken. Der Staat als Garant einer neu­tra­len, allein Recht und Gesetz unter­wor­fe­nen recht­spre­chen­den Gewalt kön­ne dem­ge­gen­über den Kon­flikt zwi­schen der Glau­bens­frei­heit des Rich­ters und einer der ver­fas­sungs­recht­li­chen Neu­tra­li­täts­pflicht unter­wor­fe­nen Amts­füh­rung gera­de nicht im kon­kre­ten Ein­zel­fall lösen. Eine For­de­rung, die Gerichts­ver­wal­tung müs­se auch im Bereich der rich­ter­li­chen Tätig­keit bei Tra­gen einer reli­gi­ös kon­no­tier­ten Klei­dung in jedem Ein­zel­fall die Gefahr einer Neu­tra­li­täts­pflicht­ver­let­zung begrün­den und bele­gen und auf Ein­zel­fall­lö­sun­gen hin­wir­ken, sei mit der Arbeits­wei­se der Gerich­te und der ein­fach­recht­li­chen Aus­prä­gung des Neu­tra­li­täts­ge­bots schlicht nicht zu ver­ein­ba­ren. Weder kom­me es im Hin­blick auf das Gebot des gesetz­li­chen Rich­ters (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) in Betracht, die Zutei­lung eines Fal­les vom ver­meint­lich welt­an­schau­li­chen Gehalt der auf­ge­wor­fe­nen Rechts­fra­gen abhän­gig zu machen, noch kön­ne die Fra­ge der prak­ti­schen Kon­kor­danz adäquat dort gelöst wer­den, wo sie regel­haft auf­tre­ten wer­de, näm­lich im Rah­men einer münd­li­chen Ver­hand­lung.

Stel­lung­nah­me der Evan­ge­li­schen Kir­che

Die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land führt aus, dem Ver­trau­en in die Neu­tra­li­tät und Unpar­tei­lich­keit der Jus­tiz sei ein hoher Stel­len­wert bei­zu­mes­sen. Dem dien­ten unter ande­rem die Rege­lun­gen zu einer ein­heit­li­chen Amts­tracht der han­deln­den Per­so­nen. Durch die Amts­tracht wer­de anschau­lich, dass jemand eine bestimm­te Rol­le wahr­neh­me und von die­ser ver­ein­nahmt wer­de. Sie mar­kie­re zugleich die Dif­fe­renz zwi­schen der Per­son und dem Amt und schaf­fe eine gewis­se Distanz zum Inter­ak­ti­ons­part­ner, dem der Amts­trä­ger nicht bloß „von Mensch zu Mensch“, son­dern als Reprä­sen­tant des Staa­tes begeg­ne. Die­se Funk­ti­on wer­de rela­ti­viert oder gar kon­ter­ka­riert, wenn zur Amts­tracht auf­fäl­li­ge wei­te­re Klei­dungs­stü­cke oder Sym­bo­le trä­ten, die eine gegen­läu­fi­ge Bot­schaft ver­mit­tel­ten. Dies sei zwar nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, bedür­fe aber einer beson­de­ren Abwä­gung. Bei Ent­schei­dun­gen dar­über, ob Staats­be­diens­te­te reli­gi­ös akzen­tu­ier­te Klei­dung bei der Amts­füh­rung tra­gen dürf­ten, sei die poly­va­len­te Wir­kung von Sym­bo­len zu beden­ken. Ant­wor­ten lie­ßen sich nicht ein­fach aus Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en dedu­zie­ren. Viel­mehr müs­se eine Viel­zahl von Wer­tun­gen in die­se Ent­schei­dung ein­flie­ßen, die letzt­lich stark dezisio­na­len Cha­rak­ter tra­ge. Dies spre­che dafür, hier eine Prä­ro­ga­ti­ve des par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­bers anzu­neh­men.

Stel­lung­nah­men ver­schie­de­ner Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten

Nach Auf­fas­sung des Huma­nis­ti­schen Ver­bands Deutsch­lands kann eine Refe­ren­da­rin im juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst kei­ne reli­giö­se Beklei­dung und kein reli­giö­ses Sym­bol tra­gen, sofern sie zu Aus­bil­dungs­zwe­cken einen Rich­ter oder Staats­an­walt ver­tritt. Anders sehe der Fall aus, in dem die Refe­ren­da­rin ohne Robe auf der Rich­ter­bank sit­ze, wenn sie zu Aus­bil­dungs­zwe­cken an der Ver­hand­lung teil­neh­me. Hier kön­ne durch ein Schild klar­ge­stellt wer­den, dass es sich nicht um ein Mit­glied des Gerichts han­de­le, wel­ches ent­schei­dungs­be­fugt sei. Auch eine räum­li­che Abgren­zung durch Auf­stel­lung eines Neben­ti­sches erschei­ne denk­bar. In Zwei­fels­fäl­len kön­ne das Gericht auf die Aus­bil­dungs­si­tua­ti­on auch aus­drück­lich hin­wei­sen. Sofern die Stel­lung als Aus­zu­bil­den­de klar erkenn­bar sei, dür­fe die Gefahr, dass Bür­ger annäh­men, die Refe­ren­da­rin kön­ne Ein­fluss auf die Ent­schei­dung des Gerichts neh­men, als sehr gering ein­zu­schät­zen sein.

Aus der Sicht des Dach­ver­ban­des Frei­er Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten erscheint § 45 Satz 3 HBG als nicht mit Art. 3 GG ver­ein­bar, soweit als Prü­fungs­maß­stab für die Vor­aus­set­zun­gen der Sät­ze 1 und 2 auf die christ­lich und huma­nis­tisch gepräg­te abend­län­di­sche Tra­di­ti­on des Lan­des Hes­sen Bezug genom­men wird. Die­ser Satz erschei­ne im Hin­blick auf die Tren­nung von Staat und Kir­che sowie auf die Reli­gi­ons- und Bekennt­nis­frei­heit des Ein­zel­nen weder in Bezug auf die kon­kre­te Ent­schei­dung noch im Hin­blick auf ande­re Sach­ver­hal­te geeig­net, zu einer ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Bewer­tung der gebo­te­nen reli­giö­sen und welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät von Beam­ten zu gelan­gen. Es sei beson­ders wich­tig, die Tren­nung von Staat und Kir­che ein­zu­hal­ten, was für im Staats­dienst täti­ge Per­so­nen bedeu­te, dass sie im Rah­men ihrer Tätig­keit bekennt­nis- und welt­an­schau­ungs­neu­tral han­deln müss­ten. Die Anfor­de­run­gen sei­en auch an eine Refe­ren­da­rin im juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst zu stel­len.

Der Inter­na­tio­na­le Bund der Kon­fes­si­ons­lo­sen und Athe­is­ten sieht es als pro­ble­ma­tisch an, dass nach § 45 Satz 3 HBG der christ­lich und huma­nis­tisch gepräg­ten abend­län­di­schen Tra­di­ti­on des Lan­des Hes­sen ange­mes­sen Rech­nung zu tra­gen ist. Es sei geklärt, dass Aus­nah­me­re­ge­lun­gen zuguns­ten der Dar­stel­lung christ­li­cher und abend­län­di­scher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te ver­fas­sungs­wid­rig sei­en.

Soweit in dem Kopf­tuch­ver­bot ein Ein­griff in die Berufs­aus­übungs­frei­heit aus Art. 12 GG gese­hen wer­den kön­ne, sei die­ser durch die von den Fach­ge­rich­ten her­an­ge­zo­ge­nen Vor­schrif­ten gedeckt. Das Recht auf freie Reli­gi­ons­aus­übung sei eben­falls nicht ver­letzt. Es habe hin­ter der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit ande­rer Betei­lig­ter an gericht­li­chen oder behörd­li­chen Ver­fah­ren und dem staat­li­chen Neu­tra­li­täts­ge­bot zurück­zu­ste­hen. Der Ver­fah­rens­be­tei­lig­te habe aus sei­nem Grund­recht auf nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit den Anspruch, dass er von Grund­rechts­ver­pflich­te­ten nicht mit deren Reli­gi­on kon­fron­tiert wer­de. Anders als im Leh­rer-Schü­ler-Ver­hält­nis fin­de in Gerichts­sä­len kei­ne Dis­kus­si­on über das Tra­gen von reli­giö­sen Sym­bo­len statt. Die Zeit des tat­säch­li­chen Auf­ein­an­der­tref­fens sei viel zu kurz, um die Hin­ter­grün­de oder gar die Sinn­haf­tig­keit der Benut­zung reli­giö­ser Sym­bo­le erör­tern zu kön­nen. Der Umstand, dass es vor­lie­gend um den Fall einer Rechts­re­fe­ren­da­rin gehe, füh­re zu kei­ner ande­ren Wer­tung.

Stel­lung­nah­men mus­li­mi­scher Ver­bän­de

Das Akti­ons­bünd­nis mus­li­mi­scher Frau­en in Deutsch­land hält das hier in Rede ste­hen­de Kopf­tuch­ver­bot für ver­fas­sungs­wid­rig.

Bei der mate­ri­el­len ver­fas­sungs­recht­li­chen Beur­tei­lung sei all­ge­mein zu berück­sich­ti­gen, dass sich die Stel­lung der Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen von der­je­ni­gen der Rich­te­rin­nen und Staats­an­wäl­tin­nen unter­schei­de. Ers­te­re wür­den nur unter Auf­sicht für die in § 10 des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes (GVG) abschlie­ßend auf­ge­zähl­ten rich­ter­li­chen Tätig­kei­ten ein­ge­setzt. Sie befän­den sich zudem in einer Aus­bil­dungs­si­tua­ti­on, die für die Zwei­te Juris­ti­sche Staats­prü­fung ver­pflich­ten­de Vor­aus­set­zung und damit auch für Beru­fe außer­halb des Staats­diens­tes unab­ding­bar sei.

Für mus­li­mi­sche Refe­ren­da­rin­nen mit Kopf­tuch stell­ten Kopf­tuch­ver­bo­te nicht nur eine Ver­let­zung ihrer Reli­gi­ons­frei­heit aus Art. 4 Abs. 1 GG, son­dern zugleich eine gleich­heits­wid­ri­ge Behand­lung auf­grund ihres Geschlechts und ihrer Reli­gi­on (Art. 3 Abs. 1 i.V.m. Art. 3 Abs. 3 GG) dar. Kopf­tuch­ver­bo­te knüpf­ten an eine Viel­zahl von Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­ma­len an, ohne dass eines allei­ne aus­schlag­ge­bend wäre. Es wer­de aus­schließ­lich der erkenn­ba­ren Mus­li­min die umfas­sen­de und gleich­be­rech­tig­te Juris­ten­aus­bil­dung im Refe­ren­da­ri­at ver­wehrt. Für eine ganz bestimm­te, struk­tu­rell benach­tei­lig­te Min­der­heit (kopf­tuch­tra­gen­de mus­li­mi­sche Frau­en) wer­de eine Juris­ten­aus­bil­dung zwei­ter Klas­se geschaf­fen.

Eine Recht­fer­ti­gung auf­grund der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit der Pro­zess­be­tei­lig­ten kom­me nicht in Betracht. Eine Par­al­le­le zur Kru­zi­fix-Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kön­ne nicht gezo­gen wer­den, da die Zur­schau­stel­lung reli­giö­ser Sym­bo­le in den dort zu ent­schei­den­den Fäl­len staat­lich ange­ord­net wor­den sei. Jedem Betei­lig­ten eines Gerichts­pro­zes­ses sei aber unmit­tel­bar ein­leuch­tend, dass der Staat das Kopf­tuch sei­ner Staats­be­diens­te­ten als Aus­druck der zuneh­men­den reli­giö­sen Plu­ra­li­tät ledig­lich hin­neh­me, ohne es sich zu eigen zu machen. Gegen die von der Robe aus­ge­hen­de sym­bo­li­sche Wirk­macht kön­ne sich das Kopf­tuch nicht durch­set­zen.

Jeweils für sich ste­he weder die Unab­hän­gig­keit des Rich­ters aus Art. 97 Abs. 1 GG noch die reli­gi­ös-welt­an­schau­li­che Neu­tra­li­tät des Staa­tes dem Tra­gen eines Kopf­tuchs durch eine Rechts­re­fe­ren­da­rin ent­ge­gen. Art. 97 Abs. 1 GG gel­te bereits nur für die Rich­ter­per­son, kön­ne also nicht ent­ge­gen sei­nem ein­deu­ti­gen Wort­laut auf Refe­ren­da­rin­nen aus­ge­dehnt wer­den. Die reli­gi­ös-welt­an­schau­li­che Neu­tra­li­tät des Staa­tes sei ein an den Staat gerich­te­tes objek­ti­ves Ver­fas­sungs­prin­zip, das dem Staats­be­diens­te­ten erst ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den kön­ne, wenn er sei­ne Stel­lung zur geziel­ten Beein­flus­sung miss­brau­che.

Der Zen­tral­rat der Mus­li­me in Deutsch­land hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­de für begrün­det. Für den vor­lie­gen­den Grund­rechts­ein­griff bestehe kein legi­ti­mes Ziel. Das Kopf­tuch­ver­bot die­ne nicht dem Schutz der reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät des Staa­tes, son­dern allein des fak­tisch kon­stru­ier­ten „Ver­trau­ens“ in die­se. Das Ver­trau­en der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger auf die Wah­rung eines objek­tiv-recht­li­chen Ver­fas­sungs­prin­zips (Neu­tra­li­tät) sei aber kein ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­tes Rechts­gut. Oben­drein berück­sich­ti­ge der vor­lie­gen­de Fall nur die anti­zi­pier­te vor­ur­teils­be­la­de­ne Sicht Drit­ter hin­sicht­lich der Staats­treue und Ver­trau­ens­wür­dig­keit mus­li­mi­scher Staats­be­diens­te­ter und miss­ach­te die mög­li­chen posi­ti­ven Effek­te der Sicht­bar­keit eth­ni­scher, reli­giö­ser oder gesell­schaft­li­cher Min­der­hei­ten auf der Rich­ter­bank.

Der pau­scha­le Aus­schluss von der Wahr­neh­mung staats­an­walt­schaft­li­cher, rich­ter­li­cher und bestimm­ter Ver­wal­tungs­tä­tig­kei­ten ste­he in kei­nem Ver­hält­nis zu den dadurch bewirk­ten Nach­tei­len. Nach § 28 Abs. 1 Satz 2 JAG soll­ten die prak­ti­schen Arbei­ten in der Juris­ten­aus­bil­dung die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit und Selb­stän­dig­keit der Rechts­re­fe­ren­da­re stär­ken, indem die­se maß­geb­lich an der Wahr­neh­mung hoheit­li­cher Tätig­kei­ten mit Außen­wir­kung mit­wirk­ten. Der Betrof­fe­nen hin­ge­gen wür­den die­se grund­le­gen­den Lern­er­fah­run­gen, in denen sie gera­de die inten­dier­ten Kom­pe­ten­zen Eigen­ver­ant­wort­lich­keit und Selb­stän­dig­keit für ihre beruf­li­che Zukunft erler­nen kön­ne, ver­wehrt. Eine Ungleich­be­hand­lung gegen­über ande­ren Refe­ren­da­ren sei nicht begründ­bar.

Der vom Land Hes­sen ledig­lich ver­mu­te­te Ein­griff in Frei­heits­rech­te Drit­ter sei allen­falls von mar­gi­na­ler Inten­si­tät. Wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt selbst schul­pflich­ti­gen Kin­dern und Jugend­li­chen zumu­te, zwi­schen der mus­li­mi­schen Leh­re­rin mit Kopf­tuch und dem Staat zu unter­schei­den, sei nicht ersicht­lich, wes­halb dies nicht für erwach­se­ne, meis­tens auch anwalt­lich ver­tre­te­ne Ver­fah­rens­be­tei­lig­te gel­ten sol­le. Ähn­lich wie in Schul­fäl­len müs­se viel­mehr eine Ein­zel­fall­be­trach­tung statt­fin­den, in der aus der Per­spek­ti­ve eines durch­schnitt­li­chen Drit­ten gefragt wer­de, ob die reli­giö­se Bekun­dung dem Staat zure­chen­bar oder eher Aus­druck der indi­vi­du­el­len Frei­heit einer ein­zel­nen Amts­trä­ge­rin sei. Die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Rege­lung bezwe­cke den Schutz ledig­lich eines „Unwohl­seins“ der Pro­zess­be­tei­lig­ten.

Eine Neu­tra­li­täts­pflicht kön­ne vor­lie­gend auch nicht aus den Art. 97, 101 Abs. 1 Satz 2 GG her­ge­lei­tet wer­den, da die­se Nor­men für Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen nicht gel­ten. Für den staats­an­walt­schaft­li­chen Bereich oder die Ver­wal­tung könn­ten die Vor­schrif­ten gene­rell nicht her­an­ge­zo­gen wer­den. Unab­hän­gig hier­von bestehe die Gefahr, dass außer­recht­li­che wie bei­spiels­wei­se reli­giö­se Kri­te­ri­en bei der Ent­schei­dungs­fin­dung Gel­tung fän­den, bei jedem gläu­bi­gen Rich­ter, unab­hän­gig davon, ob äußer­lich sicht­ba­re reli­giö­se Merk­ma­le vor­han­den sei­en oder nicht. Das sub­jek­ti­ve Emp­fin­den ein­zel­ner Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter zuun­guns­ten indi­vi­du­el­ler Frei­heits­rech­te durch­zu­set­zen, um einen mut­maß­li­chen Ein­druck der Objek­ti­vi­tät her­zu­stel­len, sei ver­fas­sungs­recht­lich nicht halt­bar. Die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit allein stel­le noch kei­nen Befan­gen­heits­grund dar. Es sei dis­kri­mi­nie­rend, gera­de bei mus­li­mi­schen Frau­en von ihrem Bekennt­nis auf ihre feh­len­de Geset­zes­treue schlie­ßen zu wol­len.

Der Zen­tral­rat der Ex-Mus­li­me argu­men­tiert im Ergeb­nis damit, dass das Tra­gen eines Kopf­tuchs ein Men­schen­bild ver­mit­te­le, das mit dem Grund­ge­setz und den uni­ver­sel­len Men­schen­rech­ten nicht kom­pa­ti­bel sei. Wenn Mus­li­min­nen ein glau­bens­ge­lei­te­tes Leben auf der Grund­la­ge von Koran und Sun­na füh­ren woll­ten und dies bei­spiels­wei­se durch eine strik­te Befol­gung des Bede­ckungs­ge­bots auch wäh­rend der Dienst­zeit demons­trier­ten, bestün­den berech­tig­te Zwei­fel an der Loya­li­tät zum säku­la­ren, frei­heit­lich demo­kra­ti­schen Rechts­staat und sei­ner Wer­te­ord­nung.

Nach Auf­fas­sung des Islam­rats für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de begrün­det.

Der in dem Kopf­tuch­ver­bot lie­gen­de Grund­rechts­ein­griff wie­ge beson­ders schwer, da die Kopf­tuch­be­de­ckung für mus­li­mi­sche Frau­en nicht nur eine reli­giö­se Emp­feh­lung, son­dern eine unbe­dingt zu wah­ren­de reli­giö­se Pflicht sei, deren Erfül­lung ihnen im Kern unmög­lich gemacht wer­de. Da es um eine Ver­pflich­tung gehe, die für die Betrof­fe­nen nach ihrem Selbst­ver­ständ­nis nicht zeit­lich dis­pen­sier­bar sei, kön­ne auch der Ein­wand nicht über­zeu­gen, der Ein­griff wie­ge nicht so schwer, da es sich „nur“ um ein zeit­lich und ört­lich begrenz­tes Ver­bot hand­le.

Die teil­wei­se ver­tre­te­ne Ansicht, in der Jus­tiz habe ein beson­ders stren­ger Neu­tra­li­täts­be­griff zu gel­ten, kön­ne nicht über­zeu­gen. Die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit nach Art. 97 Abs. 1 GG sowie das Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG sei­en von der reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät des Staa­tes zu unter­schei­den. Außer­dem sei­en die­se Vor­schrif­ten weder auf Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen noch auf Staats­an­wäl­tin­nen oder Ver­wal­tungs­be­am­tin­nen anwend­bar. All­ge­mein hin­de­re das reli­gi­ös moti­vier­te Tra­gen eines Klei­dungs­stücks allein die Rich­te­rin nicht dar­an, frei von außer­recht­li­chen Ein­flüs­sen, Zwän­gen und Rück­sicht­nah­men Gesetz und Recht Gel­tung zu ver­schaf­fen. Anders sei dies nur, wenn sie auf­grund wei­te­rer Umstän­de einen gegen­tei­li­gen Ein­druck her­vor­ru­fe. Die­sen Fäl­len kön­ne aber durch die Befan­gen­heits­re­ge­lun­gen begeg­net wer­den.

Eine Recht­fer­ti­gung durch die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten kom­me eben­falls nicht in Betracht. Die­se ent­hal­te kein Ver­fü­gungs­recht über die posi­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit der Rich­te­rin. Auch bestehe kei­ne Ver­gleich­bar­keit zu der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner „Kru­zi­fix-Recht­spre­chung“ ange­nom­me­nen unaus­weich­li­chen Zwangs­la­ge. Viel­mehr neh­me der Staat hier die Aus­übung der Reli­gi­ons­frei­heit der Rechts­re­fe­ren­da­rin ledig­lich hin. Damit wür­den die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten nur mit der aus­ge­üb­ten posi­ti­ven Glau­bens­frei­heit der Rechts­re­fe­ren­da­rin in Form einer reli­gi­ös moti­vier­ten Beklei­dung kon­fron­tiert, was im Übri­gen durch das Auf­tre­ten ande­rer Reprä­sen­tan­ten des Gerichts mit ande­rem Glau­ben oder ande­rer Welt­an­schau­ung in aller Regel rela­ti­viert und aus­ge­gli­chen wer­de.

Nach Auf­fas­sung der Neu­en Rich­ter­ver­ei­ni­gung ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de begrün­det. Unge­ach­tet der Fra­ge, ob ein ent­spre­chen­des Kopf­tuch­ver­bot gegen­über Rich­te­rin­nen und Rich­tern ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig sei, bestün­den erheb­li­che Unter­schie­de zwi­schen dau­er­haft täti­gen Rich­te­rin­nen und Staats­an­wäl­tin­nen einer­seits und Refe­ren­da­rin­nen ande­rer­seits. Wäh­rend sich die Erst­ge­nann­ten dar­über im Kla­ren sein müss­ten, dass sie an die Grund­wer­te der Ver­fas­sung in beson­de­rer Wei­se dau­er­haft gebun­den sei­en, sei­en Refe­ren­da­rin­nen auf­grund des staat­li­chen Aus­bil­dungs­mo­no­pols zunächst nur vor­über­ge­hend in der Jus­tiz tätig. Bei ihnen ste­he nicht die eigen­ver­ant­wort­li­che Rechts­fin­dung im Mit­tel­punkt, son­dern die Berufs­aus­bil­dung. Im Ergeb­nis kom­me kei­ner der gegen­läu­fi­gen ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Posi­tio­nen ein sol­ches Gewicht zu, dass bereits die abs­trak­te Gefahr ihrer Beein­träch­ti­gung ein Ver­bot recht­fer­ti­gen kön­ne. Bei der Abwä­gung im Rah­men der prak­ti­schen Kon­kor­danz sei zu berück­sich­ti­gen, dass in der Aus­bil­dung wäh­rend der Zivil­sta­ti­on die­ser Aus­bil­dungs­zweck unzwei­deu­tig im Mit­tel­punkt ste­he, weil die aus­bil­den­de Rich­te­rin oder der aus­bil­den­de Rich­ter stets anwe­send sei. Das­sel­be gel­te im Ergeb­nis für den staats­an­walt­schaft­li­chen Sit­zungs­dienst. Zwar trä­ten Refe­ren­da­rin­nen inso­weit allei­ne und in Robe auf. Nichts­des­to­we­ni­ger müs­se die staat­li­che Neu­tra­li­täts­pflicht selbst in die­ser Kon­stel­la­ti­on zurück­tre­ten; dabei sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Aus­bil­dung bei der Staats­an­walt­schaft zeit­lich begrenzt sei und der Aus­bil­dungs­aspekt durch einen Hin­weis des Gerichts deut­lich gemacht wer­den kön­ne.

Soweit der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung die Situa­ti­on in der Schu­le von der in der Jus­tiz abgren­zen wol­le, kön­ne dem nicht unein­ge­schränkt gefolgt wer­den. Die staat­li­che Neu­tra­li­täts­pflicht sei sowohl in der Schu­le als auch im Gericht durch Leh­re­rin­nen bezie­hungs­wei­se Refe­ren­da­rin­nen mit Kopf­tuch zunächst ein­mal nur abs­trakt gefähr­det. Wes­halb aber nur im Bereich der Jus­tiz bereits die abs­trak­te Gefahr für ein Kopf­tuch­ver­bot aus­rei­chen sol­le, erschlie­ße sich nicht. Die feh­len­de Mög­lich­keit im Gerichts­saal, die inne­re Ein­stel­lung der Rich­te­rin oder Staats­an­wäl­tin durch kri­ti­sche Dis­kus­si­on zu eru­ie­ren und inso­weit in einen Dis­kurs ein­zu­tre­ten, kön­ne dafür nicht aus­schlag­ge­bend sein. Denn die­ser Umstand sei – mit Aus­nah­me von Anträ­gen wegen der Besorg­nis der Befan­gen­heit – Nor­ma­li­tät im Gerichts­saal. Rich­te­rin­nen und Rich­ter genös­sen einen durch äuße­re Umstän­de gerecht­fer­tig­ten Unab­hän­gig­keits­vor­schuss. Die unab­hän­gi­ge Recht­spre­chung wer­de nicht durch Uni­for­mi­tät ihrer Ange­hö­ri­gen gesi­chert: Die Robe ver­mit­te­le nicht Ste­ri­li­tät, sie sei kein Schutz­schild, hin­ter dem Rich­te­rin­nen und Rich­ter ihre wah­ren Absich­ten ver­ber­gen; sie signa­li­sie­re ledig­lich den Wech­sel vom Pri­va­ten ins Amt, ohne dass Rich­te­rin­nen und Rich­ter damit ihre Indi­vi­dua­li­tät oder ihre Über­zeu­gun­gen auf­ge­ben müss­ten.

Stel­lung­nah­men des Deut­schen Rich­ter­bun­des und des Bun­des deut­scher Ver­wal­tungs­rich­ter und Ver­wal­tungs­rich­te­rin­nen

Der Deut­sche Rich­ter­bund hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­de für unbe­grün­det. Zwar gebe es kei­nen all­ge­mei­nen Erfah­rungs­satz, nach dem aus dem Tra­gen bestimm­ter Klei­dungs­stü­cke (z.B. eines isla­mi­schen Kopf­tuchs) ohne Wei­te­res auf eine Hal­tung des Rich­ters geschlos­sen wer­den kön­ne, bei der Ent­schei­dung von Streit­sa­chen in Zwei­fels- oder Kon­flikt­fäl­len reli­giö­sen Regeln oder Vor­stel­lun­gen den Vor­rang vor staat­li­chen Geset­zen zu geben. Das Ver­bot, als Reprä­sen­tant der drit­ten Staats­ge­walt reli­giö­se Klei­dungs­stü­cke oder Zei­chen sicht­bar zu tra­gen, die­ne aber auch nicht der Abwehr einer kon­kre­ten oder abs­trak­ten Gefahr für die Geset­zes­bin­dung der Jus­tiz oder einem „Ver­hand­lungs­frie­den“. Ein Gerichts­ver­fah­ren habe viel­mehr die Auf­ga­be, Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen den Pro­zess­par­tei­en frei von exter­nen Ein­flüs­sen auf einem strikt neu­tra­len Forum einer Lösung zuzu­füh­ren. In einem rechts­staat­lich ver­fass­ten Gemein­we­sen sei es zen­tra­le Auf­ga­be des unab­hän­gi­gen gesetz­li­chen Rich­ters, hier­für einen neu­tra­len Raum zu gewähr­leis­ten. Jed­we­de nicht mit dem Ver­fah­ren an sich zusam­men­hän­gen­de Ablen­kung schmä­le­re die­sen neu­tra­len Raum. Im Hin­blick auf den hohen Stel­len­wert eines neu­tra­len und unvor­ein­ge­nom­me­nen Rich­ters für das Rechts­staats­prin­zip und die eher mode­ra­te Beschrän­kung der Reli­gi­ons­frei­heit und des Rechts auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit sei­en die strit­ti­gen Rege­lun­gen in § 45 HBG ver­hält­nis­mä­ßig.

Der Bund Deut­scher Ver­wal­tungs­rich­ter und Ver­wal­tungs­rich­te­rin­nen ver­weist dar­auf, dass mit der Ver­pflich­tung von Rechts­re­fe­ren­da­ren zur reli­giö­sen Neu­tra­li­tät den an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren Betei­lig­ten das Ver­trau­en dar­auf ver­mit­telt wer­den sol­le, dass reli­giö­se Erwä­gun­gen oder Ein­stel­lun­gen in ihrem Ver­fah­ren kei­ne Rol­le spiel­ten. Dem ste­he die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, die zur Zur­schau­stel­lung von Reli­gi­ons­sym­bo­len im Schul­be­reich ergan­gen ist, nicht ent­ge­gen. Anders als für den Leh­rer­be­ruf gel­te für den Bereich der Jus­tiz und damit ins­be­son­de­re für Rich­ter und Rich­te­rin­nen, dass sie mit der Recht­spre­chung eine ori­gi­nä­re Kern­auf­ga­be staat­li­cher Hoheits­ge­walt wahr­näh­men. In die­sem staat­li­chen Kern­be­reich kön­ne es nicht wie bei der Gestal­tung des schu­li­schen Unter­richts zur Ein­be­zie­hung ver­schie­de­ner reli­giö­ser und welt­an­schau­li­cher Vor­stel­lun­gen kom­men. Viel­mehr beinhal­te schon das Grund­ge­setz mit Art. 92 GG und ins­be­son­de­re auch Art. 97 Abs. 1 GG ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Grund­be­kennt­nis zur rich­ter­li­chen Neu­tra­li­tät.

Die posi­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit der Rechts­re­fe­ren­da­rin müs­se gegen­über der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und der staat­li­chen Pflicht zur welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät zurück­tre­ten. Es sei mit dem Gebot prak­ti­scher Kon­kor­danz nicht ver­ein­bar, die staat­li­che Neu­tra­li­tät und Emp­fin­dun­gen anders­den­ken­der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter völ­lig zurück­zu­drän­gen, damit – hier – die Rechts­re­fe­ren­da­rin ihre Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit unein­ge­schränkt nach außen kund­tun kön­ne. Es sei einem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten nicht zuzu­mu­ten, unter der Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit einer Reprä­sen­tan­tin des Staa­tes einem staat­li­chen Ver­fah­ren aus­ge­setzt zu sein, dem er sich nicht ent­zie­hen kön­ne.

Kei­ne einst­wei­li­ge Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt haben die Akten des Aus­gangs­ver­fah­rens vor­ge­le­gen. Den zugleich mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de von der Rechts­re­fe­ren­da­rin gestell­ten Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt durch Kam­mer­be­schluss vom 27.06.2017 auf­grund einer Fol­gen­ab­wä­gung abge­lehnt.

Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de – auch nach Ende der Refe­ren­dar­zeit[↑]

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist unzu­läs­sig, soweit sie sich mit­tel­bar gegen den Erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 28.06.2007 wen­det. Gerich­te sind an ver­wal­tungs­in­ter­ne Wei­sun­gen nicht gebun­den, son­dern haben selb­stän­dig über ihre Ver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz und mit dem ein­fa­chen Gesetz zu urtei­len [7]. Der Erlass ist daher kein Gesetz im Sin­ne des § 95 Abs. 3 Satz 2 BVerfGG, auf dem der unmit­tel­bar ange­grif­fe­ne Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs beru­hen und das nur das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für nich­tig erklä­ren könn­te.

Im Übri­gen ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zuläs­sig. Ins­be­son­de­re besteht das Rechts­schutz­be­dürf­nis der Beschwer­de­füh­re­rin auch nach Abschluss der pra­xis­be­zo­ge­nen Abschnit­te des Rechts­re­fe­ren­da­ri­ats, in denen die streit­ge­gen­ständ­li­che Anord­nung Wir­kung ent­fal­te­te, fort. Ein Rechts­schutz­be­dürf­nis ist ins­be­son­de­re dann gege­ben, wenn die Klä­rung einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­ge von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung andern­falls unter­bleibt und der gerüg­te Grund­rechts­ein­griff beson­ders belas­tend erscheint [8]. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn sich die direk­te Belas­tung durch den ange­grif­fe­nen Hoheits­akt – wie hier – auf eine Zeit­span­ne beschränkt, in wel­cher der Betrof­fe­ne nach dem regel­mä­ßi­gen Geschäfts­gang eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kaum erlan­gen konn­te [9]. Der Grund­rechts­schutz des Betrof­fe­nen wür­de andern­falls in unzu­mut­ba­rer Wei­se ver­kürzt [10].

Kopf­tuch­ver­bot – und die Reli­gi­ons­frei­heit[↑]

Die der Rechts­re­fe­ren­da­rin auf­er­leg­te; und vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof bestä­tig­te Pflicht, bei Tätig­kei­ten, bei denen sie als Reprä­sen­tan­tin des Staa­tes wahr­ge­nom­men wird oder wahr­ge­nom­men wer­den könn­te, die eige­ne Zuge­hö­rig­keit zu einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft nicht durch das Befol­gen von reli­gi­ös begrün­de­ten Beklei­dungs­re­geln sicht­bar wer­den zu las­sen, greift in die von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­bürg­te indi­vi­du­el­le Glau­bens­frei­heit ein. Sie stellt die Rechts­re­fe­ren­da­rin vor die Wahl, ent­we­der die ange­streb­te Tätig­keit aus­zu­üben oder dem von ihr als ver­pflich­tend ange­se­he­nen reli­giö­sen Beklei­dungs­ge­bot Fol­ge zu leis­ten.

Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ent­hält ein umfas­send zu ver­ste­hen­des ein­heit­li­ches Grund­recht [11]. Es erstreckt sich nicht nur auf die inne­re Frei­heit, zu glau­ben oder nicht zu glau­ben, das heißt einen Glau­ben zu haben, zu ver­schwei­gen, sich vom bis­he­ri­gen Glau­ben los­zu­sa­gen und einem ande­ren Glau­ben zuzu­wen­den, son­dern auch auf die äuße­re Frei­heit, den Glau­ben zu bekun­den und zu ver­brei­ten, für sei­nen Glau­ben zu wer­ben und ande­re von ihrem Glau­ben abzu­wer­ben [12]. Umfasst sind damit nicht allein kul­ti­sche Hand­lun­gen und die Aus­übung und Beach­tung reli­giö­ser Gebräu­che, son­dern auch die reli­giö­se Erzie­hung sowie ande­re Äuße­rungs­for­men des reli­giö­sen und welt­an­schau­li­chen Lebens [13]. Dazu gehört das Recht der Ein­zel­nen, ihr gesam­tes Ver­hal­ten an den Leh­ren ihres Glau­bens aus­zu­rich­ten und die­ser Über­zeu­gung gemäß zu han­deln, also glau­bens­ge­lei­tet zu leben; dies betrifft nicht nur impe­ra­ti­ve Glau­bens­sät­ze [14].

Die Rechts­re­fe­ren­da­rin kann sich auch als in einem öffent­lich-recht­li­chen Aus­bil­dungs­ver­hält­nis ste­hen­de Rechts­re­fe­ren­da­rin auf ihr Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG beru­fen. Ihre Grund­rechts­be­rech­ti­gung wird durch die Ein­glie­de­rung in den staat­li­chen Auf­ga­ben­be­reich nicht von vorn­her­ein oder grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt [15].

Bei der Wür­di­gung des­sen, was im Ein­zel­fall als Aus­übung von Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung zu betrach­ten ist, darf das Selbst­ver­ständ­nis der jeweils betrof­fe­nen Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten und des ein­zel­nen Grund­rechts­trä­gers nicht außer Betracht blei­ben [16]. Mus­li­min­nen, die ein in der für ihren Glau­ben typi­schen Wei­se gebun­de­nes Kopf­tuch tra­gen, kön­nen sich dafür auch im Rah­men des juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­diens­tes auf den Schutz der Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG beru­fen. Dar­auf, dass im Islam unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen zum soge­nann­ten Bede­ckungs­ge­bot ver­tre­ten wer­den [17], kommt es inso­weit nicht an, da die reli­giö­se Fun­die­rung der Beklei­dungs­wahl nach geis­ti­gem Gehalt und äuße­rer Erschei­nung jeden­falls hin­rei­chend plau­si­bel ist [18].

Der Ein­griff in die Reli­gi­ons­frei­heit ist ver­fas­sungs­recht­lich gerecht­fer­tigt.

Ein­schrän­kun­gen von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG müs­sen sich aus der Ver­fas­sung selbst erge­ben, weil die­ses Grund­recht kei­nen Geset­zes­vor­be­halt ent­hält. Zu sol­chen ver­fas­sungs­im­ma­nen­ten Schran­ken zäh­len die Grund­rech­te Drit­ter sowie Gemein­schafts­wer­te von Ver­fas­sungs­rang [19]. Die Ein­schrän­kung bedarf über­dies einer hin­rei­chend bestimm­ten gesetz­li­chen Grund­la­ge [20].

Es bestehen kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken dage­gen, dass der für die Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts zunächst zustän­di­ge Ver­wal­tungs­ge­richts­hof [21] § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 Sät­ze 1 und 2 HBG for­mell als die Reli­gi­ons­frei­heit ein­schrän­ken­de Geset­zes­norm her­an­ge­zo­gen hat.

Soweit der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof annimmt, es sei zuläs­sig, in § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG eine Bezug­nah­me auch auf den zeit­lich erst nach Erlass die­ser Ver­wei­sungs­norm in das Gesetz ein­ge­füg­ten § 45 HBG zu sehen, ent­spricht die Begrün­dung den Maß­stä­ben, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt an die Zuläs­sig­keit der­ar­ti­ger dyna­mi­scher Ver­wei­sun­gen anlegt [22].

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ist zudem in ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se davon aus­ge­gan­gen, dass die von ihm her­an­ge­zo­ge­ne gesetz­li­che Grund­la­ge hin­rei­chend bestimmt ist. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts fehlt die not­wen­di­ge Bestimmt­heit nicht schon des­halb, weil eine Norm aus­le­gungs­be­dürf­tig ist [23]. Dem Bestimmt­heits­er­for­der­nis ist viel­mehr genügt, wenn die Aus­le­gungs­pro­ble­me mit her­kömm­li­chen juris­ti­schen Metho­den bewäl­tigt wer­den kön­nen [24]. Es ist in ers­ter Linie Auf­ga­be der Rechts­an­wen­dungs­or­ga­ne, Zwei­fels­fra­gen zu klä­ren und Aus­le­gungs­pro­ble­me mit den her­kömm­li­chen Mit­teln juris­ti­scher Metho­de zu bewäl­ti­gen [25]. Dass dies vor­lie­gend nicht mög­lich wäre, ist nicht erkenn­bar. Soweit die Rechts­re­fe­ren­da­rin ein­wen­det, es kön­ne anhand des § 45 Satz 2 HBG nicht defi­niert wer­den, wor­in die „objek­ti­ve Eig­nung“ eines mus­li­mi­schen Kopf­tuchs bestehe, das Ver­trau­en in die neu­tra­le Amts­füh­rung des Beam­ten zu beein­träch­ti­gen oder den reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Frie­den zu gefähr­den, macht sie inhalt­lich nicht gel­tend, dass die Norm zu unbe­stimmt sei, son­dern, dass deren Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt sei­en. Hier­mit stellt sie nicht die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Rechts­grund­la­ge, son­dern die der Rechts­an­wen­dung infra­ge.

Als mit der Glau­bens­frei­heit in Wider­streit tre­ten­de Ver­fas­sungs­gü­ter, die einen Ein­griff in die Reli­gi­ons­frei­heit im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang recht­fer­ti­gen kön­nen, kom­men

  • der Grund­satz der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät,
  • der Grund­satz der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge und
  • mög­li­che Kol­li­sio­nen mit der grund­recht­lich geschütz­ten nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit Drit­ter

in Betracht. Kei­ne recht­fer­ti­gen­de Kraft ent­fal­ten dage­gen

  • das Gebot rich­ter­li­cher Unpar­tei­lich­keit und
  • der Gedan­ke der Siche­rung des welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Frie­dens

Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs durch den Grund­satz der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät[↑]

Das Grund­ge­setz begrün­det für den Staat als Heim­statt aller Staats­bür­ger in Art. 4 Abs. 1, Art. 3 Abs. 3 Satz 1, Art. 33 Abs. 3 GG sowie durch Art. 136 Abs. 1 und 4 und Art. 137 Abs. 1 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG die Pflicht zu welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Neu­tra­li­tät. Es ver­wehrt die Ein­füh­rung staats­kirch­li­cher Rechts­for­men und unter­sagt die Pri­vi­le­gie­rung bestimm­ter Bekennt­nis­se eben­so wie die Aus­gren­zung Anders­gläu­bi­ger [26]. Der Staat hat auf eine am Gleich­heits­satz ori­en­tier­te Behand­lung der ver­schie­de­nen Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten zu ach­ten [27] und darf sich nicht mit einer bestimm­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaft iden­ti­fi­zie­ren [28]. Der frei­heit­li­che Staat des Grund­ge­set­zes ist gekenn­zeich­net von Offen­heit gegen­über der Viel­falt welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Über­zeu­gun­gen und grün­det dies auf ein Men­schen­bild, das von der Wür­de des Men­schen und der frei­en Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit in Selbst­be­stim­mung und Eigen­ver­ant­wor­tung geprägt ist [29].

Die dem Staat gebo­te­ne welt­an­schau­lich-reli­giö­se Neu­tra­li­tät ist indes­sen nicht als eine distan­zie­ren­de im Sin­ne einer strik­ten Tren­nung von Staat und Kir­che zu ver­ste­hen, son­dern als eine offe­ne und über­grei­fen­de, die Glau­bens­frei­heit für alle Bekennt­nis­se glei­cher­ma­ßen för­dern­de Hal­tung. Art. 4 Abs. 1 und 2 GG gebie­tet auch im posi­ti­ven Sinn, den Raum für die akti­ve Betä­ti­gung der Glau­bens­über­zeu­gung und die Ver­wirk­li­chung der auto­no­men Per­sön­lich­keit auf welt­an­schau­lich-reli­giö­sem Gebiet zu sichern [30]. Der Staat darf ledig­lich kei­ne geziel­te Beein­flus­sung im Diens­te einer bestimm­ten poli­ti­schen, ideo­lo­gi­schen oder welt­an­schau­li­chen Rich­tung betrei­ben oder sich durch von ihm aus­ge­hen­de oder ihm zuzu­rech­nen­de Maß­nah­men aus­drück­lich oder kon­klu­dent mit einem bestimm­ten Glau­ben oder einer bestimm­ten Welt­an­schau­ung iden­ti­fi­zie­ren und dadurch den reli­giö­sen Frie­den in einer Gesell­schaft von sich aus gefähr­den [31]. Auch ver­wehrt es der Grund­satz welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Neu-tra­li­tät dem Staat, Glau­ben und Leh­re einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft als sol­che zu bewer­ten [32].

Die Ver­pflich­tung des Staa­tes auf Neu­tra­li­tät kann kei­ne ande­re sein als die Ver­pflich­tung sei­ner Amts­trä­ger auf Neu­tra­li­tät [33], denn der Staat kann nur durch Per­so­nen han­deln [34]. Aller­dings muss sich der Staat nicht jede bei Gele­gen­heit der Amts­aus­übung getä­tig­te pri­va­te Grund­rechts­aus­übung sei­ner Amts­trä­ger als eige­ne zurech­nen las­sen. Das haben bei­de Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gera­de in Bezug auf das Tra­gen eines isla­mi­schen Kopf­tuchs durch eine Leh­re­rin her­vor­ge­ho­ben. Der Staat, der eine mit dem Tra­gen eines Kopf­tuchs ver­bun­de­ne reli­giö­se Aus­sa­ge einer ein­zel­nen Leh­re­rin oder einer päd­ago­gi­schen Mit­ar­bei­te­rin hin­nimmt, macht die­se Aus­sa­ge nicht schon dadurch zu sei­ner eige­nen und muss sie sich auch nicht als von ihm beab­sich­tigt zurech­nen las­sen [35]. Bei­de Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te gehen aber auch davon aus, dass das Ein­brin­gen reli­giö­ser Bezü­ge in Schu­le und Unter­richt durch päd­ago­gi­sches Per­so­nal den in Neu­tra­li­tät zu erfül­len­den staat­li­chen Erzie­hungs­auf­trag beein­träch­ti­gen kann [36]. Es kommt inso­fern auf die kon­kre­ten Umstän­de an [37].

Nimmt der Staat etwa auf das äuße­re Geprä­ge einer Amts­hand­lung beson­de­ren Ein­fluss, so sind ihm abwei­chen­de Ver­hal­tens­wei­sen ein­zel­ner Amts­trä­ger eher zure­chen­bar [38]. So lie­gen die Din­ge im vor­lie­gen­den Fall. Um das Ver­trau­en in die Neu­tra­li­tät und Unpar­tei­lich­keit der Gerich­te zu stär­ken, haben Bund und Län­der nicht nur das Ver­fah­ren wäh­rend der münd­li­chen Ver­hand­lung in den jewei­li­gen Pro­zess­ord­nun­gen detail­liert gere­gelt. Zum Selbst­bild­nis des Staa­tes gehö­ren auch die Ver­pflich­tung der Rich­te­rin­nen und Rich­ter, eine Amts­tracht zu tra­gen [39] sowie über­kom­me­ne Tra­di­tio­nen wie das beson­de­re Ein­tre­ten des Spruch­kör­pers in den Sit­zungs­saal, das Erhe­ben bei wich­ti­gen Pro­zess­si­tua­tio­nen oder die Gestal­tung des Gerichts­saals [40]. Das unter­schei­det die for­ma­li­sier­te Situa­ti­on vor Gericht, die den ein­zel­nen Amts­trä­gern auch in ihrem äuße­ren Auf­tre­ten eine klar defi­nier­te, Distanz und Gleich­maß beto­nen­de Rol­le zuweist; vom päd­ago­gi­schen Bereich, der in der staat­li­chen Schu­le auf Offen­heit und Plu­ra­li­tät ange­legt ist [41]. Aus Sicht des objek­ti­ven Betrach­ters kann inso­fern das Tra­gen eines isla­mi­schen Kopf­tuchs durch eine Rich­te­rin oder eine Staats­an­wäl­tin wäh­rend der Ver­hand­lung als Beein­träch­ti­gung der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät dem Staat zuge­rech­net wer­den [42]. Ob die­se Beein­träch­ti­gung von der All­ge­mein­heit in Anbe­tracht der betrof­fe­nen Grund­rech­te der Amts­trä­ger hin­ge­nom­men wer­den muss, ent­schei­det sich erst auf der Ebe­ne der Abwä­gung; Jes­ta­edt, Bit­bur­ger Gesprä­che 2017, S. 43, 58; unklar zur Grund­rechts­po­si­ti­on der Amts­trä­ge­rin Drei­er, Staat ohne Gott, 2018, S. 135 f.)).

Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs durch den Grund­satz der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge[↑]

Als wei­te­re ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schran­ke der Reli­gi­ons­frei­heit ist hier die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge ins­ge­samt zu berück­sich­ti­gen, die zu den Grund­be­din­gun­gen des Rechts­staats zählt [43] und im Wer­te­sys­tem des Grund­ge­set­zes (Art.19 Abs. 4, Art.20 Abs. 3, Art. 92 GG) fest ver­an­kert ist, da jede Recht­spre­chung letzt­lich der Wah­rung der Grund­rech­te dient [44]. Funk­ti­ons­fä­hig­keit setzt vor­aus, dass gesell­schaft­li­ches Ver­trau­en nicht nur in die ein­zel­ne Rich­ter­per­sön­lich­keit, son­dern in die Jus­tiz ins­ge­samt exis­tiert [45]. Die­ses Ver­trau­en ist unab­hän­gig vom kon­kre­ten Streit­fall erfor­der­lich und kann durch eine Viel­zahl von Umstän­den gestärkt oder beein­träch­tigt wer­den. Ein „abso­lu­tes Ver­trau­en“ in der gesam­ten Bevöl­ke­rung wird zwar nicht zu errei­chen sein. Dem Staat kommt inso­fern aber die Auf­ga­be der Opti­mie­rung zu. Die­se ver­folgt er der­zeit unter ande­rem – wie bereits her­vor­ge­ho­ben – durch stren­ge For­ma­li­sie­rungs­be­stim­mun­gen.

Bei der Aus­wahl der zu ergrei­fen­den Opti­mie­rungs­maß­nah­men hat der Staat einen Ein­schät­zungs­spiel­raum. Ins­be­son­de­re bei der Ver­fol­gung des Ziels, die Akzep­tanz der Jus­tiz in der Bevöl­ke­rung zu stär­ken, hat er aber dar­auf zu ach­ten, dass die von ihm aus­ge­mach­ten Akzep­tanz­de­fi­zi­te auf objek­tiv nach­voll­zieh­ba­ren Umstän­den beru­hen. Die Auf­ga­be, Recht zu spre­chen und dabei auch die Wer­te durch­zu­set­zen, auf denen das Grund­ge­setz grün­det, bringt es mit sich, dass die Insti­tu­ti­on Jus­tiz und deren Ent­schei­dun­gen mit­un­ter auf Wider­stand in Tei­len der Gesell­schaft tref­fen. Die­ser ist aus­zu­hal­ten. Dem­ge­gen­über darf der Staat Maß­nah­men ergrei­fen, die die Neu­tra­li­tät der Jus­tiz aus der Sicht­wei­se eines objek­ti­ven Drit­ten unter­strei­chen sol­len. Das Ver­bot reli­giö­ser Bekun­dun­gen oder der Ver­wen­dung reli­giö­ser Sym­bo­le durch den Staat und sei­ne Amts­trä­ger kann – wenn es sich gleich­heits­ge­recht auf alle Äuße­run­gen und Zei­chen im Gerichts­saal bezieht [46] – inso­weit legi­ti­mer Aus­druck einer sol­chen Kon­zep­ti­on sein [47]. Auch wenn das reli­giö­se Bekennt­nis ein­zel­ner Amts­trä­ger allein nicht gegen deren sach­ge­rech­te Amts­wahr­neh­mung spricht dd)), kann die erkenn­ba­re Distan­zie­rung des ein­zel­nen Rich­ters und der ein­zel­nen Rich­te­rin von indi­vi­du­el­len reli­giö­sen, welt­an­schau­li­chen und poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen bei Aus­übung ihres Amtes zur Stär­kung des Ver­trau­ens in die Neu­tra­li­tät der Jus­tiz ins­ge­samt bei­tra­gen und ist umge­kehrt die öffent­li­che Kund­ga­be von Reli­gio­si­tät geeig­net, das Bild der Jus­tiz in ihrer Gesamt­heit zu beein­träch­ti­gen, das gera­de durch eine beson­de­re per­sön­li­che Zurück­nah­me der zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Amts­trä­ger geprägt ist.

Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs durch mög­li­che Kol­li­sio­nen mit der grund­recht­lich geschütz­ten nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit Drit­ter[↑]

Für die Recht­fer­ti­gung eines Kopf­tuch­ver­bots strei­tet im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang auch die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten.

Dem durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG gewähr­leis­te­ten Recht zur Teil­nah­me an den kul­ti­schen Hand­lun­gen, die ein Glau­be vor­schreibt oder in denen er Aus­druck fin­det, ent­spricht umge­kehrt die Frei­heit, kul­ti­schen Hand­lun­gen eines nicht geteil­ten Glau­bens fern­zu­blei­ben. Die­se Frei­heit bezieht sich eben­falls auf die Sym­bo­le, in denen ein Glau­be oder eine Reli­gi­on sich dar­stellt. Art. 4 Abs. 1 GG über­lässt es dem Ein­zel­nen, zu ent­schei­den, wel­che reli­giö­sen Sym­bo­le er aner­kennt und ver­ehrt und wel­che er ablehnt. Zwar hat er in einer Gesell­schaft, die unter­schied­li­chen Glau­bens­über­zeu­gun­gen Raum gibt, kein Recht dar­auf, von frem­den Glau­bens­be­kun­dun­gen, kul­ti­schen Hand­lun­gen und reli­giö­sen Sym­bo­len ver­schont zu blei­ben. Davon zu unter­schei­den ist aber eine vom Staat geschaf­fe­ne Lage, in der der Ein­zel­ne ohne Aus­weich­mög­lich­kei­ten dem Ein­fluss eines bestimm­ten Glau­bens, den Hand­lun­gen, in denen die­ser sich mani­fes­tiert, und den Sym­bo­len, in denen er sich dar­stellt, aus­ge­setzt ist [48].

Der Gerichts­saal stellt einen sol­chen Raum dar, in dem der Anblick reli­giö­ser Sym­bo­le im vor­ge­nann­ten Sin­ne unaus­weich­lich sein kann, wenn der Staat ihre Ver­wen­dung nicht unter­sagt. Hier­mit kann für ein­zel­ne Ver­fah­rens­be­tei­lig­te eine Belas­tung ein­her­ge­hen, die einer grund­recht­lich rele­van­ten Beein­träch­ti­gung gleich­kommt [49]. Anders als im Bereich der bekennt­nis­of­fe­nen Gemein­schafts­schu­le, in der sich gera­de die reli­gi­ös-plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft wider­spie­geln soll [50], tritt der Staat dem Bür­ger in der Jus­tiz klas­sisch-hoheit­lich und daher mit grö­ße­rer Beein­träch­ti­gungs­wir­kung gegen­über [51]. Das gilt auch, wenn die Ver­wen­dung des reli­giö­sen Sym­bols – wie im Fall des Kopf­tuchs – auf der pri­va­ten Ent­schei­dung des für den Staat han­deln­den Amts­trä­gers beruht. Nur der Staat besitzt die Mög­lich­keit, die ansons­ten unaus­weich­li­che Kon­fron­ta­ti­on mit dem Kopf­tuch als reli­giö­sem Sym­bol im Gerichts­saal zu ver­hin­dern [52].

Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs durch das Gebot rich­ter­li­cher Unpar­tei­lich­keit[↑]

Aus Art.20 Abs. 2 Satz 2 und Art.20 Abs. 3 GG sowie aus den die Jus­tiz betref­fen­den Vor­ga­ben der Art. 92, Art. 97 und Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG folgt unter ande­rem die Garan­tie der rich­ter­li­chen Unpar­tei­lich­keit. Der Grund­satz, dass nie­mand in eige­ner Sache Rich­ter sein darf, ist ein tra­gen­des rechts­staat­li­ches Prin­zip. Es gehört zum Wesen der rich­ter­li­chen Tätig­keit, dass sie von einem nicht­be­tei­lig­ten Drit­ten aus­ge­übt wird; dies erfor­dert Neu­tra­li­tät und Distanz gegen­über allen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten. Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG gewähr­leis­tet, dass der Ein­zel­ne im kon­kre­ten Fall vor einem Rich­ter steht, der die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt [53]. Wäh­rend der Schutz der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit, der mit­tel­bar eben­falls der Siche­rung der Unpar­tei­lich­keit dient, die all­ge­mei­ne Stel­lung und Tätig­keit des Rich­ters betrifft und von außen kom­men­de rechts­frem­de oder sach­frem­de Ein­wir­kun­gen von ihm fern­hal­ten will, zielt die Unpar­tei­lich­keit auf die Vor­aus­set­zun­gen der Objek­ti­vi­tät und Sach­lich­keit im Hin­blick auf Bezie­hun­gen des Rich­ters zu den Betei­lig­ten und zum Streit­ge­gen­stand im kon­kre­ten Ver­fah­ren [54].

Die­ser Maß­stab stimmt mit Art. 6 Abs. 1 EMRK und der dazu ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te über­ein [55]. Unpar­tei­lich­keit im Sin­ne des Art. 6 Abs. 1 EMRK bedeu­tet die Abwe­sen­heit von Vor­ur­teil und Par­tei­nah­me. Dies muss zum einen unter einem sub­jek­ti­ven Blick­win­kel geprüft wer­den, wobei die per­sön­li­che Über­zeu­gung und das Ver­hal­ten des Rich­ters zu wür­di­gen sind. Zum ande­ren sind objek­ti­ve Gesichts­punk­te zu prü­fen. Es ist danach zu fra­gen, ob struk­tu­rel­le oder funk­tio­na­le Grün­de der Unpar­tei­lich­keit ent­ge­gen­ste­hen. Maß­geb­lich ist, ob das Gericht ins­be­son­de­re durch sei­ne Zusam­men­set­zung aus­rei­chen­de Gewähr dafür bie­tet, jeden legi­ti­men Zwei­fel an sei­ner Unpar­tei­lich­keit aus­zu­schlie­ßen [56].

Der Gesetz­ge­ber ist ver­pflich­tet, Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen vor­zu­se­hen, die es ermög­li­chen, im Ein­zel­fall die Neu­tra­li­tät und Distanz der zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Rich­ter zu sichern [57]. Die­sem Ziel die­nen die pro­zess­recht­li­chen Vor­schrif­ten über die Aus­schlie­ßung von Rich­tern und ihre Ableh­nung wegen einer begrün­de­ten Besorg­nis der Befan­gen­heit. Im letzt­ge­nann­ten Fall genügt bereits der „böse Schein“ man­geln­der Objek­ti­vi­tät, der in der Außen­wahr­neh­mung das Ver­trau­en in die Rich­ter­rol­le beein­träch­tigt [58]. Nur Rich­ter, denen die Par­tei­en und auch die All­ge­mein­heit ver­trau­en, kön­nen ihrer Kon­flikt­lö­sungs­auf­ga­be und ihrer dar­aus resul­tie­ren­den Befrie­dungs­funk­ti­on in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft gerecht wer­den [59].

Das Ver­wen­den eines reli­giö­sen Sym­bols im rich­ter­li­chen Dienst ist für sich genom­men indes nicht geeig­net, Zwei­fel an der Objek­ti­vi­tät der betref­fen­den Rich­ter zu begrün­den [60]. Eben­so wenig, wie die Zuge­hö­rig­keit eines Rich­ters zu einer poli­ti­schen Par­tei für sich allein die Besorg­nis der Befan­gen­heit begrün­den kann [61], ist dies bei sei­ner Reli­gi­ons- oder Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­keit der Fall [62]. Von im Aus­wahl­ver­fah­ren für das Rich­ter­amt erfolg­rei­chen Juris­ten kann unab­hän­gig von ihrer welt­an­schau­li­chen, reli­giö­sen oder poli­ti­schen Ein­stel­lung Recht­s­treue erwar­tet wer­den [63]. Sie haben in der Regel in die­sem Aus­wahl­ver­fah­ren und in der zuvor absol­vier­ten Aus­bil­dung unter Beweis gestellt, dass sie in der Lage sind, einen Rechts­fall unpar­tei­lich zu behan­deln. Es besteht kein Grund, die­se Fähig­keit den­je­ni­gen Per­so­nen abzu­spre­chen, die ihre reli­giö­se Ein­stel­lung durch die Ver­wen­dung von Sym­bo­len offen für Drit­te erkenn­bar wer­den las­sen. Soll­ten Ein­zel­ne die­se unver­zicht­ba­re Grund­vor­aus­set­zung im Amt nicht erfül­len, bie­tet das Rich­ter­dienst­recht eine Hand­ha­be zur Been­di­gung des Rich­ter­ver­hält­nis­ses, ins­be­son­de­re in der Pro­be­zeit (vgl. § 22 des Deut­schen Rich­ter­ge­set­zes, DRiG). Kommt der reli­giö­sen Ein­stel­lung eines Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten im kon­kre­ten Streit­fall aus­nahms­wei­se ent­schei­den­de Bedeu­tung zu – wie es etwa bei der Aner­ken­nung von Flucht­grün­den in asyl­recht­li­chen Sach­ver­hal­ten denk­bar ist –, mag die Zur­schau­stel­lung reli­giö­ser Sym­bo­le auf der Rich­ter­bank die Besorg­nis der Befan­gen­heit im Ein­zel­fall begrün­den. Das Insti­tut der Rich­terab­leh­nung kann in die­ser Kon­stel­la­ti­on jedoch den Anspruch des jeweils Rechts­su­chen­den auf eine objek­ti­ve Rich­ter­per­sön­lich­keit gewähr­leis­ten [64].

Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs zur Siche­rung des welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Frie­dens[↑]

Nach dem Grund­satz der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät ist es dem Staat zwar unter­sagt, den reli­giö­sen Frie­den in einer Gesell­schaft von sich aus durch die geziel­te Beein­flus­sung im Diens­te einer bestimm­ten welt­an­schau­li­chen Rich­tung oder durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit einem bestimm­ten Glau­ben oder einer bestimm­ten Welt­an­schau­ung zu gefähr­den [31]. Ein von staat­li­chen Hand­lun­gen unab­hän­gi­ger, all­ge­mei­ner Schutz­an­spruch für den gesell­schaft­lich-reli­giö­sen Frie­den im Sin­ne einer alle Lebens­be­rei­che umfas­sen­den Garan­ten­pflicht lässt sich aus die­ser Neu­tra­li­täts­pflicht aller­dings nicht ablei­ten [65]. Auch die übri­gen Bestim­mun­gen des Grund­ge­set­zes ent­hal­ten kei­ne der­art weit­rei­chen­de Ver­pflich­tung. Eine sol­che Schutz­pflicht des Staa­tes gegen­über Stö­run­gen des welt­an­schau­li­chen-reli­giö­sen Frie­dens durch Drit­te kommt nur in Betracht, soweit ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Güter berührt sind. So folgt etwa aus dem in Art. 7 Abs. 1 GG ver­an­ker­ten staat­li­chen Erzie­hungs­auf­trag die Pflicht des Staa­tes, auch in welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Hin­sicht den Schul­frie­den zu gewähr­leis­ten [66]. Eine ver­gleich­ba­re Vor­schrift besteht für den Bereich der Jus­tiz nicht. Kein hin­rei­chen­der Grund für die Unter­sa­gung reli­giö­ser Bekun­dun­gen im Gerichts­saal ist es daher, wenn sich Ein­zel­ne an die­sen Bekun­dun­gen ledig­lich stö­ren oder stö­ren könn­ten.

Das nor­ma­ti­ve Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen den Ver­fas­sungs­gü­tern – und das Tole­ranz­ge­bot[↑]

Das nor­ma­ti­ve Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen den Ver­fas­sungs­gü­tern unter Berück­sich­ti­gung des Tole­ranz­ge­bots auf­zu­lö­sen, obliegt zuvör­derst dem demo­kra­ti­schen Gesetz­ge­ber, der im öffent­li­chen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess einen für alle zumut­ba­ren Kom­pro­miss zu fin­den hat. Die ein­schlä­gi­gen Nor­men des Grund­ge­set­zes sind zusam­men zu sehen, ihre Inter­pre­ta­ti­on und ihr Wir­kungs­be­reich sind auf­ein­an­der abzu­stim­men [67]. Der Staat muss aber, zumal bei einem weit­ge­hend vor­beu­gend wir­ken­den Ver­bot äuße­rer reli­giö­ser Bekun­dun­gen, ein ange­mes­se­nes Ver­hält­nis zu dem Gewicht und der Bedeu­tung des Grund­rechts auf Glau­bens- und Bekennt­nis­frei­heit und der Schwe­re des Ein­griffs einer­seits und dem Gewicht der ihn recht­fer­ti­gen­den Grün­de ande­rer­seits wah­ren [68]. Der Glau­bens­frei­heit der betrof­fe­nen Amts­trä­ger kommt hier­bei ein hoher Wert zu, zumal sie in enger Ver­bin­dung mit der Men­schen­wür­de als dem obers­ten Wert im Sys­tem der Grund­rech­te steht und wegen ihres Ran­ges exten­siv aus­ge­legt wer­den muss [69]. Folg­lich unter­liegt die Ver­tret­bar­keit der gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung einer ein­ge­hen­den gericht­li­chen Kon­trol­le [70]. Für die Beur­tei­lung der tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten und Ent­wick­lun­gen, von der abhängt, ob Wer­te von Ver­fas­sungs­rang eine Rege­lung recht­fer­ti­gen, die Jus­tiz­an­ge­hö­ri­ge aller Bekennt­nis­se zu äußers­ter Zurück­hal­tung in der Ver­wen­dung von Kenn­zei­chen mit reli­giö­sem Bezug ver­pflich­tet, ver­fügt er aller­dings wei­ter­hin über eine Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve [71].

Hier­von aus­ge­hend ist der ange­grif­fe­ne Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs und die ihm zugrun­de­lie­gen­de Aus­le­gung von § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 HBG ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Ange­sichts der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Ver­bots kommt kei­ner der kol­li­die­ren­den Rechts­po­si­tio­nen vor­lie­gend ein der­art über­wie­gen­des Gewicht zu, das ver­fas­sungs­recht­lich dazu zwän­ge, der Rechts­re­fe­ren­da­rin das Tra­gen reli­giö­ser Sym­bo­le im Gerichts­saal zu ver­bie­ten oder zu erlau­ben. Die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers für eine Pflicht, sich im Rechts­re­fe­ren­da­ri­at in welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Hin­sicht neu­tral zu ver­hal­ten, ist daher aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht zu respek­tie­ren [72].

Für die Posi­ti­on der Rechts­re­fe­ren­da­rin spricht, dass das Kopf­tuch für sie nicht ledig­lich ein Zei­chen für ihre Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten reli­giö­sen Grup­pe ist, wel­ches – wie etwa das Kreuz an einer Hals­ket­te – jeder­zeit abge­nom­men wer­den könn­te [73]. Viel­mehr stellt das Tra­gen für sie die Befol­gung einer als ver­bind­lich emp­fun­de­nen Pflicht dar; eine Pflicht, für die es ins­be­son­de­re im Chris­ten­tum kein ent­spre­chen­des, der­art weit ver­brei­te­tes Äqui­va­lent gibt. Das all­ge­mei­ne Ver­bot reli­giö­ser Bekun­dun­gen trifft die Rechts­re­fe­ren­da­rin daher här­ter als ande­re reli­gi­ös ein­ge­stell­te, ins­be­son­de­re christ­li­che Staats­be­diens­te­te [74]. Beam­te und Rich­ter haben sich zudem in der Regel in Kennt­nis der bestehen­den Regle­men­tie­run­gen bewusst und frei­wil­lig für eine Tätig­keit im öffent­li­chen Dienst ent­schie­den. Juris­ten, die das Zwei­te Staats­examen anstre­ben, bleibt hin­ge­gen kein ande­rer Weg zur Errei­chung die­ses Ziels als die Absol­vie­rung des Rechts­re­fe­ren­da­ri­ats.

Für die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­bots spricht indes der Umstand, dass sich das Ver­bot auf weni­ge ein­zel­ne Tätig­kei­ten beschränkt, bei denen der Staat den ver­fas­sungs­recht­li­chen Neu­tra­li­täts­vor­ga­ben den Vor­rang ein­ge­räumt hat [75]. Dies gilt, soweit Refe­ren­da­re mit rich­ter­li­chen Auf­ga­ben betraut wer­den, bei der Wahr­neh­mung des staats­an­walt­schaft­li­chen Sit­zungs­diens­tes und bei der Über­nah­me jus­ti­zähn­li­cher Funk­tio­nen wie hier der Lei­tung einer Anhö­rungs­aus­schuss­sit­zung wäh­rend der Ver­wal­tungs­sta­ti­on. Sie haben inso­fern eben­so wie die Beam­ten der Staats­an­walt­schaft oder – in die­sem beson­de­ren Teil­be­reich – der all­ge­mei­nen Ver­wal­tung die Wer­te, die das Grund­ge­setz der Jus­tiz zuschreibt, zu ver­kör­pern. Der Umstand, dass sich Rechts­re­fe­ren­da­re in Aus­bil­dung befin­den und nach deren Abschluss womög­lich Tätig­kei­ten aus­üben, für wel­che die dar­ge­stell­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be nicht grei­fen, führt zu kei­ner ande­ren Bewer­tung. Zum einen sind Rechts­re­fe­ren­da­re für Rechts­su­chen­de oder ‑unter­wor­fe­ne nicht bei jeder Tätig­keit als sol­che zu erken­nen. Zum ande­ren haben die ange­spro­che­nen Per­so­nen ein Anrecht dar­auf, dass die jus­ti­zi­el­len Grund­be­din­gun­gen auch dann gel­ten, wenn der Staat Auf­ga­ben zu Aus­bil­dungs­zwe­cken über­trägt.

Hier­bei han­delt es sich um Tätig­kei­ten, die einen ver­gleichs­wei­se kur­zen Zeit­raum der Aus­bil­dungs­dau­er umfas­sen. Wenn­gleich die Aus­bil­dungs­vor­schrif­ten die­sen Tätig­kei­ten einen hohen Stel­len­wert bei­mes­sen (vgl. § 28 Abs. 1 Satz 2 JAG, wonach die Rechts­re­fe­ren­da­rin oder der Rechts­re­fe­ren­dar prak­ti­sche Auf­ga­ben in mög­lichst wei­tem Umfang selb­stän­dig und, soweit die Art der Tätig­keit es zulässt, eigen­ver­ant­wort­lich erle­di­gen soll), besteht auf ihre Wahr­neh­mung jedoch kein Rechts­an­spruch. Ins­be­son­de­re der staats­an­walt­schaft­li­che Sit­zungs­dienst – der in der tat­säch­li­chen Pra­xis die am häu­figs­ten von Rechts­re­fe­ren­da­ren über­nom­me­ne Auf­ga­be dar­stel­len dürf­te, die mit einer Außen­wahr­neh­mung ver­bun­den ist – wird im maß­geb­li­chen Aus­bil­dungs­plan aus­drück­lich nicht als „Regel­leis­tung im enge­ren Sin­ne“ bezeich­net, da er in aller Regel einer kon­kre­ten Beur­tei­lung durch die Aus­bil­de­rin bezie­hungs­wei­se den Aus­bil­der nicht zugäng­lich sein wer­de [76]. Letzt­lich darf der Umstand, dass vor­ge­se­he­ne Regel­leis­tun­gen nicht erbracht wer­den, nach der geän­der­ten Erlass­la­ge kei­nen Ein­fluss auf die Bewer­tung der Rechts­re­fe­ren­da­rin haben. Die Ableis­tung eines im Ergeb­nis voll­wer­ti­gen Rechts­re­fe­ren­da­ri­ats wird ihr also ermög­licht.

Vor die­sem Hin­ter­grund basiert die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs auf einer ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Anwen­dung des § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 HBG.

Kopf­tuch­ver­bot – und die Aus­bil­dungs­frei­heit[↑]

Auch die Aus­bil­dungs­frei­heit der Rechts­re­fe­ren­da­rin aus Art. 12 Abs. 1 GG ist nicht ver­letzt.

Abs. 1 Satz 1 GG gewähr­leis­tet allen Deut­schen das Recht, die Aus­bil­dungs­stät­te frei zu wäh­len. Die­ses steht in engem Zusam­men­hang mit dem Recht der frei­en Berufs­wahl, da die Aus­bil­dung in der Regel die Vor­stu­fe einer Berufs­auf­nah­me ist, bei­de also inte­grie­ren­de Bestand­tei­le eines zusam­men­ge­hö­ren­den Lebens­vor­gangs dar­stel­len [77]. Wenn die Auf­nah­me eines Berufs – wie bei Voll­ju­ris­ten (vgl. § 5 Abs. 1, § 9 Nr. 3, § 122 Abs. 1 DRiG, § 4 Satz 1 Nr. 1 BRAO) – eine bestimm­te Aus­bil­dung vor­aus­setzt, schließt die Nicht­zu­las­sung zu die­ser Aus­bil­dung aus, die­sen Beruf spä­ter zu ergrei­fen [78].

Über das – hier nicht in Rede ste­hen­de – Recht auf Zugang zu einer Aus­bil­dungs­stät­te hin­aus schützt Art. 12 Abs. 1 GG die im Rah­men der Aus­bil­dung not­wen­di­gen Tätig­kei­ten [79]. Hier­zu zählt vor­lie­gend auch die Wahr­neh­mung sit­zungs­dienst­li­cher Auf­ga­ben bei Gericht, Staats­an­walt­schaft und Ver­wal­tung. Zwar besteht im Rechts­re­fe­ren­da­ri­at, wie dar­ge­legt, kein Anspruch, der­ar­ti­ge Auf­ga­ben tat­säch­lich zu über­neh­men. Die ein­schlä­gi­gen Aus­bil­dungs­be­stim­mun­gen brin­gen aber zum Aus­druck, dass der Gesetz­ge­ber der­ar­ti­ge Tätig­kei­ten als zumin­dest regel­mä­ßig erfor­der­li­chen Aus­bil­dungs­in­halt betrach­tet.

Das gegen die Rechts­re­fe­ren­da­rin aus­ge­spro­che­ne und im ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren bestä­tig­te Ver­bot, die genann­ten sit­zungs­dienst­li­chen Auf­ga­ben mit Kopf­tuch wahr­zu­neh­men, greift in die­sen Gewähr­leis­tungs­ge­halt ein. Die Aus­bil­dungs­frei­heit garan­tiert aber kei­nen wei­ter­ge­hen­den Schutz als die schran­ken­los gewähr­leis­te­te Reli­gi­ons­frei­heit. Selbst unter der Annah­me, dass im Ein­zel­fall die Frei­heit der Berufs­wahl (Art. 12 Abs. 1 GG) betrof­fen wäre, wenn ein als ver­pflich­tend emp­fun­de­nes reli­giö­ses Gebot in Fra­ge steht, wären die vom Lan­des­ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Zie­le der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät des Staa­tes, der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge und des Schut­zes der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit Drit­ter beson­ders gewich­ti­ge Gemein­schafts­be­lan­ge, die die Rege­lung recht­fer­ti­gen [80].

Kopf­tuch­ver­bot – und das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht[↑]

Das Tra­gen eines Kopf­tuchs ist Aus­druck der per­sön­li­chen Iden­ti­tät der Rechts­re­fe­ren­da­rin, die als Teil­be­reich des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts den Schutz von Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG genießt [81]. Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht wirkt in die­ser Gewähr­leis­tungs­va­ri­an­te ins­be­son­de­re als Schutz des Selbst­be­stim­mungs­rechts über die Dar­stel­lung des per­sön­li­chen Lebens- und Cha­rak­ter­bil­des [82]. Der Ein­zel­ne soll selbst dar­über befin­den dür­fen, wie er sich gegen­über Drit­ten oder der Öffent­lich­keit dar­stel­len will und was sei­nen sozia­len Gel­tungs­an­spruch aus­ma­chen soll [83].

Der Ein­griff in die­ses Recht ist jedoch mit den bereits aus­ge­führ­ten Grün­den eben­falls gerecht­fer­tigt.

Kopf­tuch­ver­bot – und die Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Geschlechts[↑]

Ob die Neu­tra­li­täts­vor­ga­be des § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 HBG zu einer mit­tel­ba­ren Benach­tei­li­gung der Rechts­re­fe­ren­da­rin auf­grund ihres Geschlechts führt (Art. 3 Abs. 2 Satz 1, Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG), bedarf im Ergeb­nis kei­ner Ent­schei­dung. Zwar dürf­te das § 45 Satz 2 HBG zu ent­neh­men­de Ver­bot bestimm­ter, ins­be­son­de­re reli­gi­ös kon­no­tier­ter Klei­dungs­stü­cke fak­tisch ganz über­wie­gend mus­li­mi­sche Frau­en tref­fen, die aus reli­giö­sen Grün­den ein Kopf­tuch tra­gen [84]. Aller­dings ist § 45 Satz 2 HBG ledig­lich als Kon­kre­ti­sie­rung der grund­le­gen­den Norm des § 45 Satz 1 HBG kon­zi­piert [85], der Beam­tin­nen und Beam­te glei­cher­ma­ßen zu poli­tisch, welt­an­schau­lich und reli­gi­ös neu­tra­lem Ver­hal­ten ver­pflich­tet, sodass sich die Neu­tra­li­täts­vor­ga­be ins­ge­samt nicht auf das Tra­gen von Klei­dungs­stü­cken beschränkt. Auch der nun­mehr maß­geb­li­che Erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 24.07.2017 [4] bezieht sich, anders als der vor­her­ge­hen­de Erlass vom 28.06.2007 [86], nicht aus­drück­lich auf das Kopf­tuch, son­dern ver­pflich­tet all­ge­mein zu neu­tra­lem Ver­hal­ten. Soweit man der Norm aber eine mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­ren­de Wir­kung bei­mes­sen woll­te, wäre die­se aus den Grün­den zu recht­fer­ti­gen, die auch einen Ein­griff in Art. 4 GG tra­gen kön­nen [87].

Ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung des § 45 Satz 3 HBG[↑]

§ 45 Satz 3 HBG, auf den sich die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs nicht aus­drück­lich stützt, der aber in engem Rege­lungs­zu­sam­men­hang mit § 45 Satz 1 und 2 HBG steht [88] und von der Beschwer­de­füh­re­rin aus­drück­lich ange­grif­fen wird, steht mit den Rege­lun­gen des Grund­ge­set­zes in Ein­klang, sofern er ver­fas­sungs­kon­form ange­wen­det wird.

Nach § 45 Satz 3 HBG ist der christ­lich und huma­nis­tisch gepräg­ten abend­län­di­schen Tra­di­ti­on des Lan­des Hes­sen bei der Ent­schei­dung über das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen nach § 45 Satz 1 und 2 HBG, also dar­über, ob im Ein­zel­fall ein im Sin­ne der Norm neu­tra­les Ver­hal­ten vor­liegt, ange­mes­sen Rech­nung zu tra­gen. Die Anwen­dung der Norm kann zu einer Bevor­zu­gung ins­be­son­de­re christ­li­cher Beam­ter füh­ren, die ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu recht­fer­ti­gen wäre. Eine ver­fas­sungs­kon­for­me, ein­schrän­ken­de Aus­le­gung der Vor­schrift ist aber mög­lich.

Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG ver­langt, dass nie­mand wegen sei­nes Glau­bens oder sei­ner reli­giö­sen Anschau­un­gen benach­tei­ligt oder bevor­zugt wird. Die Norm ver­stärkt den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG und die durch Art. 4 Abs. 1 und 2 GG geschütz­te Glau­bens­frei­heit [89]. Hier­mit nicht im Ein­klang stün­de ein Ver­ständ­nis von § 45 Satz 3 HBG, das christ­li­che Sym­bo­le vom Anwen­dungs­be­reich des Neu­tra­li­täts­ge­bots voll­stän­dig aus­schlös­se [90]. § 57 Abs. 4 Satz 3 SchulG NW, der Prü­fungs­ge­gen­stand des Beschlus­ses vom 27.01.2015 [91] war, konn­te in die­sem Sin­ne ver­stan­den wer­den, soweit er bestimm­te, dass die „Dar­stel­lung christ­li­cher und abend­län­di­scher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te oder Tra­di­tio­nen […] nicht dem Ver­hal­tens­ge­bot“ wider­spricht.

§ 45 Satz 3 HBG ent­hält eine der­art ein­deu­ti­ge Aus­schluss­klau­sel jedoch gera­de nicht [92]. Viel­mehr ist die christ­lich und huma­nis­tisch gepräg­te abend­län­di­sche Tra­di­ti­on des Lan­des Hes­sen ein Belang, der bei der Ent­schei­dung dar­über, ob ein Neu­tra­li­täts­ver­stoß vor­liegt, zu berück­sich­ti­gen ist. Von der Prü­fung, ob sich die (christ­li­che) Bekun­dung im Ein­zel­fall ins­be­son­de­re mit dem Grund­satz der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät des Staa­tes in Über­ein­stim­mung brin­gen lässt, ent­bin­det die Norm nicht. Dies eröff­net die Mög­lich­keit, Sach­ver­hal­te mit unter­schied­li­chem reli­giö­sen Hin­ter­grund dort gleich zu behan­deln, wo dies – wie im Bereich der Jus­tiz – ver­fas­sungs­recht­lich not­wen­dig ist. Ob staat­li­che Berei­che bestehen, in denen eine unter­schied­li­che Hand­ha­bung gerecht­fer­tigt erscheint, bedarf vor­lie­gend kei­ner Klä­rung.

Eine der­ar­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on hält die Aus­le­gungs­gren­zen [93] ein, da sie vom Wort­laut der Norm gedeckt ist und nicht mit dem klar erkenn­ba­ren Wil­len des Gesetz­ge­bers in Wider­spruch steht. Der Gesetz­ge­ber mag eine Pri­vi­le­gie­rung christ­li­cher Bekun­dun­gen für mög­lich gehal­ten haben, hat die Bestim­mung der kon­kret zuläs­si­gen Sym­bo­le aber der behörd­li­chen Ein­zel­fall­ent­schei­dung über­ant­wor­tet und hier­bei zu erken­nen gege­ben, dass er ein Ver­bot auch von christ­li­chen Sym­bo­len für zuläs­sig erach­tet [94].

Abwei­chen­de Mei­nung des BVerfG-Rich­ters Mai­dow­ski[↑]

Der Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, einer mus­li­mi­schen Rechts­re­fe­ren­da­rin dür­fe auf der Grund­la­ge von § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 HBG unter­sagt wer­den, bei bestimm­ten, durch unmit­tel­ba­ren Kon­takt zu den Rechts­schutz­su­chen­den und zur Öffent­lich­keit gekenn­zeich­ne­ten Aus­bil­dungs­tä­tig­kei­ten wäh­rend ihres in Hes­sen abge­leis­te­ten Refe­ren­da­ri­ats ein Kopf­tuch zu tra­gen, kann sich der Rich­ter Mai­dow­ski weder in der Begrün­dung noch im Ergeb­nis anschlie­ßen. Die Recht­fer­ti­gung des in einem sol­chen Ver­bot lie­gen­den schwer­wie­gen­den Grund­rechts­ein­griffs durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hält er nicht für ver­fas­sungs­recht­lich trag­fä­hig, weil sie die beson­de­re Situa­ti­on des Vor­be­rei­tungs­diens­tes – im Unter­schied zu einer dau­er­haf­ten Tätig­keit im rich­ter­li­chen oder staats­an­walt­li­chen Dienst – nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt. Der streit­ge­gen­ständ­li­che Beschluss des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs ver­letzt die Rechts­re­fe­ren­da­rin des­halb in ihren Grund­rech­ten aus Art. 12 Abs. 1 sowie Art. 4 Abs. 1 und 2 GG.

Die Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit legt ihrer Ent­schei­dung die Annah­me zugrun­de, dass die hohen Anfor­de­run­gen im Hin­blick auf poli­ti­sche, reli­giö­se und welt­an­schau­li­che Neu­tra­li­tät und auf Unvor­ein­ge­nom­men­heit, denen die Tätig­keit im rich­ter­li­chen und staats­an­walt­li­chen Amt zu genü­gen hat, grund­sätz­lich in vol­lem Umfang auch für die der Jus­tiz zu Aus­bil­dungs­zwe­cken zuge­wie­se­nen Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten der ers­ten Prü­fung (§ 5 DRiG) gel­ten müs­sen. Die­se Annah­me ist in ihrem Grund­an­satz zwar nicht unplau­si­bel, denn die Ver­pflich­tung des Staa­tes auf Neu­tra­li­tät kann nur durch prak­ti­zier­te Neu­tra­li­tät sei­ner Amts­trä­ger wirk­sam wer­den. Sie über­geht jedoch Beson­der­hei­ten, die die Rol­le der Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re prä­gen und die für die ver­fas­sungs­recht­li­che Beur­tei­lung eines an Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen gerich­te­ten „Kopf­tuch­ver­bots“ von ent­schei­den­der Bedeu­tung sind. Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Beson­der­hei­ten ergibt sich, dass sich der mit einem „Kopf­tuch­ver­bot“ ver­bun­de­ne Ein­griff in die Grund­rech­te der betrof­fe­nen Refe­ren­da­rin­nen nicht recht­fer­ti­gen lässt, weil er jeden­falls dem Gebot der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit nicht genügt. Zu dem­sel­ben Ergeb­nis wür­de man indes sogar auf dem Boden des von das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit gewähl­ten Ansat­zes kom­men, weil ein im Ver­gleich zu der strik­ten Unter­sa­gung reli­gi­ös begrün­de­ter Klei­dungs­stü­cke mil­de­res Mit­tel zur Ver­fü­gung stün­de. Die Fest­stel­lung, dass die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung die Rechts­re­fe­ren­da­rin zumin­dest in ihren Grund­rech­ten aus Art. 12 Abs. 1 und Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­letzt, hat aller­dings nicht zur Fol­ge, dass die zugrun­de­lie­gen­den ein­fach­recht­li­chen Vor­schrif­ten – im hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Kon­text – für ver­fas­sungs­wid­rig zu erklä­ren wären, da sie einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung und Anwen­dung zugäng­lich sind. Im Sin­ne einer Kon­troll­über­le­gung ergibt sich schließ­lich, dass der par­ti­el­le Aus­schluss erkenn­bar reli­gi­ös gepräg­ter Men­schen von Tei­len einer für Beru­fe inner­halb und außer­halb des Staats­diens­tes wesent­li­chen Aus­bil­dung zur Vor­be­rei­tung auf die zwei­te Staats­prü­fung den Anfor­de­run­gen des Gebo­tes welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Neu­tra­li­tät des Staa­tes nicht (mehr) gerecht wird.

Kopf­tuch­ver­bot – und die Beson­der­hei­ten der Refe­ren­dar­zeit

Im Mit­tel­punkt der Ver­fas­sungs­be­schwer­de steht das an die Rechts­re­fe­ren­da­rin gerich­te­te Ver­bot, wäh­rend bestimm­ter Aus­bil­dungs­tä­tig­kei­ten ihres Vor­be­rei­tungs­diens­tes ein Kopf­tuch zu tra­gen oder von die­sen im Ein­zel­nen benann­ten Tätig­kei­ten aus­ge­schlos­sen zu wer­den, falls sie das Kopf­tuch nicht abzu­le­gen bereit sein soll­te. Dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ste­hen dabei die im über­ar­bei­te­ten und auf die Rechts­re­fe­ren­da­rin bereits ange­wen­de­ten Erlass vom 24.07.2017 aus­drück­lich erwähn­ten Tätig­kei­ten – Sit­zungs­lei­tung, Beweis­auf­nah­me, staats­an­walt­schaft­li­che Sit­zungs­ver­tre­tung sowie die Lei­tung von Anhö­rungs­aus­schuss­sit­zun­gen in der Ver­wal­tungs­sta­ti­on – vor Augen. Zur Recht­fer­ti­gung die­ser Anord­nung stützt sich die Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit im Kern auf drei Gesichts­punk­te, näm­lich auf das Gebot welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Neu­tra­li­tät im rich­ter­li­chen und staats­an­walt­schaft­li­chen Dienst, auf die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge, die durch eine „erkenn­ba­re Distan­zie­rung des ein­zel­nen Rich­ters und der ein­zel­nen Rich­te­rin von indi­vi­du­el­len reli­giö­sen, welt­an­schau­li­chen und poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen bei der Aus­übung ihres Amtes“ gestärkt wer­de, sowie auf die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten. Aller­dings ist schon zwei­fel­haft, ob die­se dem Erlass ent­nom­me­ne Auf­zäh­lung die Reich­wei­te des § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG in Ver­bin­dung mit § 45 HBG zutref­fend erfasst. Jeden­falls beruht die Annah­me, die für den rich­ter­li­chen und staats­an­walt­li­chen Dienst gel­ten­den Anfor­de­run­gen sei­en ohne wei­te­res auf Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re über­trag­bar, nicht auf einer zurei­chen­den Begrün­dung.

Ob die Beschrän­kung des streit­ge­gen­ständ­li­chen „Kopf­tuch­ver­bots“ auf die genann­ten vier Aus­bil­dungs­tä­tig­kei­ten die Wirk­lich­keit des Vor­be­rei­tungs­diens­tes voll­stän­dig erfasst, ist zwei­fel­haft, weil die zugrun­de­lie­gen­de beam­ten­recht­li­che Vor­schrift, § 45 Satz 1 HBG, poli­tisch, welt­an­schau­lich und reli­gi­ös neu­tra­les Ver­hal­ten „im Dienst“ anord­net und auch das Ver­bot reli­gi­ös gepräg­ter Klei­dungs­stü­cke, Sym­bo­le oder ande­rer Merk­ma­le auf den gesam­ten Anwen­dungs­be­reich die­ses Sat­zes bezieht (§ 45 Satz 2 HBG). Eine Beschrän­kung auf bestimm­te dienst­li­che Tätig­kei­ten oder Situa­tio­nen ent­hält die Vor­schrift nicht; eine sol­che wird erst durch den kon­kre­ti­sie­ren­den Erlass vor­ge­nom­men. Auch der Bezug auf die „objek­ti­ve“ Eig­nung, das Ver­trau­en in die Neu­tra­li­tät der Amts­füh­rung zu beein­träch­ti­gen, ent­hält eine sol­che Beschrän­kung nicht. Die­se Sicht auf die mit Ver­stö­ßen gegen die Neu­tra­li­täts­pflicht ver­bun­de­ne Gefahr eines Ver­trau­ens­ver­lusts ist kon­se­quent: Zwar setzt die Gefahr eines Ver­trau­ens­ver­lusts ein Gegen­über vor­aus – Rechts­schutz­su­chen­de und Öffent­lich­keit –, doch kann sich der allein durch das äuße­re Erschei­nungs­bild einer Rechts­re­fe­ren­da­rin mög­li­cher­wei­se aus­ge­lös­te Ein­druck gespal­te­ner oder gegen­über dem reli­gi­ös neu­tra­len Staat unzu­rei­chen­der Loya­li­tät auch unab­hän­gig davon erge­ben, ob die Refe­ren­da­rin in einer kon­kre­ten Situa­ti­on eine akti­ve Rol­le ein­nimmt oder nicht. Das öffent­li­che Wis­sen um die Ent­schei­dung von Gesetz­ge­ber oder Jus­tiz­ver­wal­tung, Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen die Ver­wen­dung reli­gi­ös begrün­de­ter Klei­dungs­stü­cke im Dienst zu gestat­ten, könn­te schon für sich genom­men einen der­ar­ti­gen Ein­druck aus­lö­sen. Die­ses Ver­ständ­nis liegt auch dem genann­ten Erlass zugrun­de, der zwar nicht Prü­fungs­ge­gen­stand des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens sein kann, aber als hand­lungs­lei­ten­de Aus­le­gung des § 45 HBG für den Dienst­herrn der Rechts­re­fe­ren­da­rin die Neu­tra­li­täts­pflicht all­ge­mein auf das Ver­hal­ten „gegen­über Bür­ge­rin­nen und Bür­gern“ bezieht und aus­drück­lich auch die blo­ße Anwe­sen­heit einer Rechts­re­fe­ren­da­rin mit Kopf­tuch wäh­rend einer Sit­zung auf der Rich­ter­bank unter­sagt, unab­hän­gig davon, ob sie eine akti­ve Rol­le – etwa die Pro­to­koll­füh­rung – ein­nimmt oder nicht. Dar­aus folgt: Schon der – das Gericht nicht bin­den­de – Erlass vom 24.07.2017 beschränkt das Kopf­tuch­ver­bot nicht auf Situa­tio­nen akti­ver, selbst­stän­di­ger Tätig­keit der Rechts­re­fe­ren­da­rin, doch auch § 45 HBG ist eine sol­che Beschrän­kung nicht zu eigen. Die­ser durch­aus weit gefass­te Anwen­dungs­be­reich eines mög­li­chen „Kopf­tuch­ver­bots“ darf nicht über­se­hen wer­den.

Die Über­tra­gung der für rich­ter­li­che und staats­an­walt­schaft­li­che Tätig­kei­ten gel­ten­den Anfor­de­run­gen auf Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re begrün­det das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Wesent­li­chen damit, dass eine Rechts­re­fe­ren­da­rin für Ver­fah­rens­be­tei­lig­te und Öffent­lich­keit nicht immer als in der Aus­bil­dung befind­lich zu erken­nen sei, und dass die ange­spro­che­nen Per­so­nen ein Anrecht dar­auf hät­ten, dass die „jus­ti­zi­el­len Grund­be­din­gun­gen“ auch dann zu gel­ten hät­ten, wenn der Staat Auf­ga­ben zu Aus­bil­dungs­zwe­cken über­tra­ge. Kei­ner die­ser bei­den Aspek­te trägt jedoch die Posi­ti­on das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit. Zwar mag der erst­erwähn­te Aspekt fak­tisch zutref­fen – beson­ders dann, wenn eine Rechts­re­fe­ren­da­rin in Amts­tracht auf­tritt –, doch wäre es in jedem Anwen­dungs­fall ohne wei­te­res mög­lich und gebo­ten, die Eigen­schaft einer für das Gericht oder die Staats­an­walt­schaft auf­tre­ten­den Per­son als Rechts­re­fe­ren­da­rin durch einen ent­spre­chen­den Hin­weis für alle Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und die Öffent­lich­keit unmiss­ver­ständ­lich deut­lich zu machen. Ohne­hin ent­spricht es zuneh­mend der moder­nen Pra­xis in der Jus­tiz, dass sich Reprä­sen­tan­ten der Gerich­te oder Staats­an­walt­schaf­ten den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten mit ihrer Dienst­be­zeich­nung vor­stel­len und auf die­se Wei­se deut­lich machen, in wel­cher Eigen­schaft sie ihre Tätig­keit aus­üben.

Nichts ande­res gilt im Ergeb­nis für den von das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit zu Recht her­vor­ge­ho­be­nen Anspruch der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf eine umfas­send neu­tra­le und unvor­ein­ge­nom­me­ne Amts­füh­rung der in ihrer Sache täti­gen Reprä­sen­tan­ten der Jus­tiz. Das Bestehen eines sol­chen Anspruchs ändert jedoch nichts dar­an, dass Rechts­re­fe­ren­da­re und Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen im Hin­blick auf die­se – anspruchs­vol­le – Grund­hal­tung gera­de auch dann unter der Kon­trol­le und Beur­tei­lung ihrer Aus­bil­der ste­hen, wenn ihnen Auf­ga­ben zur selbst­stän­di­gen Erle­di­gung zuge­wie­sen wer­den. Nicht ihnen kommt die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für die Ein­hal­tung der Anfor­de­run­gen an rich­ter­li­che und staats­an­walt­li­che Tätig­keit zu, son­dern ihren Aus­bil­de­rin­nen und Aus­bil­dern: Jede Tätig­keit im Rah­men des Vor­be­rei­tungs­diens­tes wird – anders als etwa die­je­ni­ge eines unab­hän­gi­gen Rich­ters – inhalt­lich beur­teilt, und für den Fall einer feh­ler­haf­ten Amts­füh­rung bei­spiels­wei­se im Rah­men einer Beweis­auf­nah­me sind die Aus­bil­den­den ver­pflich­tet, etwai­ge Defi­zi­te durch eine Wie­der­ho­lung oder Ergän­zung der unzu­rei­chend durch­ge­führ­ten Beweis­auf­nah­me zu behe­ben oder sie bei der Beweis­wür­di­gung in Rech­nung zu stel­len. Das­sel­be gilt für die staats­an­walt­schaft­li­che Sit­zungs­ver­tre­tung; auch hier kann – und wird – das Gericht auf etwai­ge Defi­zi­te der Amts­füh­rung reagie­ren.

Die Auf­ga­be des Vor­be­rei­tungs­diens­tes ist es, Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re auf die zwei­te Staats­prü­fung und damit auf ihre künf­ti­ge Rol­le als Voll­ju­ris­ten in man­nig­fa­chen beruf­li­chen Zusam­men­hän­gen vor­zu­be­rei­ten. Sie zielt einer­seits dar­auf, dass rich­ter­li­che und staats­an­walt­li­che Tätig­keit „ein­ge­übt“ und den Betrof­fe­nen das Bewusst­sein für die Stren­ge der die­sen Ämtern eige­nen Anfor­de­run­gen an Neu­tra­li­tät und Unvor­ein­ge­nom­men­heit nicht nur theo­re­tisch, son­dern als Ergeb­nis eige­ner Erfah­rung ver­mit­telt wird. Ande­rer­seits muss – anders als dies bei Rich­te­rin­nen und Rich­tern auf Pro­be oder in der Anfangs­pha­se des staats­an­walt­li­chen Diens­tes der Fall ist – die über­tra­ge­ne Tätig­keit lau­fend und in jeder Pha­se der Aus­bil­dung unter Kon­trol­le gehal­ten wer­den, gera­de dort, wo den Refe­ren­da­rin­nen und Refe­ren­da­ren ein gewis­ses Maß an Selbst­stän­dig­keit und Eigen­ver­ant­wort­lich­keit auf­er­legt wird. Rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit und die vol­le staats­an­walt­li­che Ver­ant­wor­tung kommt ihnen gera­de nicht zu (vgl. § 10, § 142 Abs. 3 GVG). Des­halb bedürf­te jeder Ansatz, der die mit die­ser Unab­hän­gig­keit und Ver­ant­wor­tung ver­bun­de­nen Anfor­de­run­gen auf die noch vor ihrem Abschluss ste­hen­den Refe­ren­da­rin­nen und Refe­ren­da­re über­trägt, einer trag­fä­hi­gen Begrün­dung. Eine sol­che fehlt in der Argu­men­ta­ti­on das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit und ist auch nur schwer vor­stell­bar. Zu begrün­den wäre näm­lich, war­um sich Refe­ren­da­rin­nen und Refe­ren­da­re an einer Rol­le mes­sen las­sen müs­sen, die sie (noch) nicht ein­neh­men dür­fen und für die sie sich auch zukünf­tig mög­li­cher­wei­se nicht ent­schei­den wer­den, oder die ihnen – bei­spiels­wei­se wegen unzu­rei­chen­der Qua­li­fi­ka­ti­on oder feh­len­der Eig­nung – ver­schlos­sen blei­ben wird. Selbst wenn es aus­schließ­lich – ver­gleich­bar etwa den Struk­tu­ren im Recht der Befan­gen­heit – um den äuße­ren Schein feh­len­der Neu­tra­li­tät gehen soll­te, wäre ein „Kopf­tuch­ver­bot“ allen­falls dann begründ­bar, wenn es für die Adres­sa­ten einer öffent­lich bemerk­ba­ren Tätig­keit im Refe­ren­da­ri­at schlecht­hin nicht unter­scheid­bar wäre, ob ihnen unab­hän­gi­ge Rich­te­rin­nen oder in der Aus­bil­dung befind­li­che zukünf­ti­ge Voll­ju­ris­tin­nen gegen­über­ste­hen, und wenn es in der zur Wür­di­gung des Grund­rechts­ein­griffs erfor­der­li­chen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­ab­wä­gung kei­ne Gesichts­punk­te gäbe, die ein gegen­über die­sem Aspekt über­wie­gen­des Gewicht auf­wei­sen.

Kei­ne Recht­fer­ti­gung des Grund­rechts­ein­griffs

Mit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit ist davon aus­zu­ge­hen, dass das Ver­bot, bei bestimm­ten Tätig­kei­ten im Vor­be­rei­tungs­dienst ein Kopf­tuch zu tra­gen, andern­falls die­se Tätig­kei­ten zu unter­las­sen, einen Ein­griff in die Aus­bil­dungs­frei­heit (Art. 12 Abs. 1 GG) und in die Glau­bens­frei­heit (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG) der Rechts­re­fe­ren­da­rin dar­stellt, und dass die­ser Ein­griff schon wegen der engen Ver­bin­dung zwi­schen der schran­ken­los gewähr­leis­te­ten Glau­bens­frei­heit und der Men­schen­wür­de als dem obers­ten Wert im Sys­tem der Grund­rech­te schwer wiegt. Der Ein­griff ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu recht­fer­ti­gen. Aus­ge­hend von dem zutref­fen­den Prü­fungs­maß­stab und unter Ein­be­zie­hung aller rele­van­ten Gesichts­punk­te über­wie­gen die gegen ein „Kopf­tuch­ver­bot“ im Vor­be­rei­tungs­dienst spre­chen­den Belan­ge. Das „Kopf­tuch­ver­bot“ in der dem Fall zugrun­de­lie­gen­den Form erweist sich als unver­hält­nis­mä­ßig.

Den Maß­stab für die Fra­ge, wel­che ver­fas­sungs­recht­li­chen Belan­ge in die Prü­fung der Recht­fer­ti­gung des streit­ge­gen­ständ­li­chen Grund­rechts­ein­griffs ein­zu­stel­len sind, stel­len mit je glei­cher Rele­vanz für den vor­lie­gen­den Fall und sich wech­sel­sei­tig ergän­zend Art. 12 Abs. 1 GG und Art. 4 Abs. 1 und 2 GG dar. Eine iso­lier­te Prü­fung nur am Maß­stab des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG wür­de außer Acht las­sen, dass die Aus­bil­dungs­si­tua­ti­on des Vor­be­rei­tungs­diens­tes Gewicht und Reich­wei­te der maß­geb­li­chen Belan­ge ent­schei­dend prägt; eine iso­lier­te Prü­fung nur am Maß­stab des Art. 12 Abs. 1 GG wäre defi­zi­tär, weil sie das Gewicht der Grund­rechts­ge­währ­leis­tung des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG nur schwer zutref­fend erfas­sen könn­te. Der Ansatz das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit, die im Rah­men von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ange­stell­ten Über­le­gun­gen ohne hin­rei­chend dif­fe­ren­zier­te zusätz­li­che Erwä­gun­gen auf die Recht­fer­ti­gung auch des Ein­griffs in Art. 12 Abs. 1 GG zu über­tra­gen, wird jeden­falls nicht durch den Umstand getra­gen, dass die Glau­bens­frei­heit vor­be­halt­los gewähr­leis­tet ist, die Aus­bil­dungs­frei­heit hin­ge­gen nicht. Rich­tig ist zwar, dass Art. 4 Abs. 1 und 2 GG als Gewähr­leis­tung ohne Schran­ken­vor­be­halt beson­de­re Bedeu­tung zukommt; unter die­sem Blick­win­kel trifft die Annah­me des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu, dass die Aus­bil­dungs­frei­heit kei­nen wei­ter­ge­hen­den Schutz garan­tie­ren kann als die Glau­bens­frei­heit. Für die Prü­fung des streit­ge­gen­ständ­li­chen Grund­rechts­ein­griffs von grö­ße­rer Bedeu­tung ist indes der Umstand, dass die Schutz­rich­tun­gen der bei­den Grund­rech­te sich nicht decken und dass die Rechts­re­fe­ren­da­rin sich nach ihrem Vor­trag in ers­ter Linie in ihrer Aus­bil­dungs­frei­heit ver­letzt sieht. Zur Recht­fer­ti­gung eines Ein­griffs in Art. 12 Abs. 1 GG kön­nen daher nicht die­sel­ben Über­le­gun­gen vor­ge­bracht wer­den wie im Rah­men der Prü­fung des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG.

Über die von das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit als maß­geb­li­che Ver­fas­sungs­gü­ter her­an­ge­zo­ge­nen Gesichts­punk­te hin­aus ist in die Prü­fung der Recht­fer­ti­gung des durch ein „Kopf­tuch­ver­bot“ bewirk­ten Grund­rechts­ein­griffs ein­zu­be­zie­hen, dass betrof­fe­ne Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen einen Aus­schluss von bestimm­ten Aus­bil­dungs­si­tua­tio­nen im Vor­be­rei­tungs­dienst hin­neh­men müs­sen und wel­che Fol­gen dies für sie haben kann.

Bei dem Vor­be­rei­tungs­dienst han­delt es sich um ein Aus­bil­dungs­mo­no­pol, das der Staat für sich in Anspruch nimmt. Der Vor­be­rei­tungs­dienst mit der anschlie­ßen­den zwei­ten Staats­prü­fung ist gemäß § 5 Abs. 1 DRiG Vor­aus­set­zung nicht nur für die Befä­hi­gung zum Rich­ter­amt, son­dern auch für wei­te­re juris­ti­sche Beru­fe, auch für sol­che, die außer­halb des Staats­diens­tes aus­ge­übt wer­den (vgl. § 122 Abs. 1 DRiG, § 4 Satz 1 Nr. 1 BRAO, § 5 Satz 1 BNo­tO) [95]. Voll­ju­ris­tin­nen und Voll­ju­ris­ten fin­den unge­ach­tet des Struk­tur­wan­dels, der die aka­de­mi­schen Aus­bil­dungs­gän­ge gene­rell seit 1999 betrifft („Bolo­gna-Pro­zess“ zur Schaf­fung eines ein­heit­li­chen Euro­päi­schen Hoch­schul­raums), und unge­ach­tet der Viel­zahl an mitt­ler­wei­le ver­füg­ba­ren spe­zia­li­sier­ten juris­ti­schen aka­de­mi­schen Abschlüs­sen auch wei­ter­hin hoch qua­li­fi­zier­te Tätig­kei­ten im Bereich der Wirt­schaft, der Ban­ken, des Ver­si­che­rungs­we­sens, der Han­dels­kam­mern, ande­rer öffent­lich-recht­li­cher Kam­mern, der Ver­bän­de, der Gewerk­schaf­ten und in der staat­li­chen Ver­wal­tung. Dabei gehört der Vor­be­rei­tungs­dienst für zahl­rei­che Beru­fe nach wie vor in der Wahr­neh­mung der betrof­fe­nen Krei­se zu einer „abge­schlos­se­nen Berufs­aus­bil­dung“ und stellt zugleich einen ver­läss­li­chen Aus­weis über die erwor­be­ne – viel­sei­ti­ge – Qua­li­fi­ka­ti­on als „Ein­heits­ju­rist“ dar [96].

Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen, die wie die Rechts­re­fe­ren­da­rin das Tra­gen eines Kopf­tuchs aus reli­giö­sen Grün­den für sich selbst als zwin­gend emp­fin­den, wird zwar nicht der Zugang zum Vor­be­rei­tungs­dienst oder zur zwei­ten Staats­prü­fung unmög­lich gemacht. Seit der Ände­rung des Erlas­ses vom 28.06.2007 durch den Erlass vom 24.07.2017 soll sich ihre Wei­ge­rung, das Kopf­tuch wäh­rend bestimm­ter Aus­bil­dungs­si­tua­tio­nen abzu­le­gen, auch nicht mehr auf die Sta­ti­ons­no­te oder das Prü­fungs­er­geb­nis aus­wir­ken; prak­tisch wird dies aller­dings dazu füh­ren, dass das Feh­len bestimm­ter Aus­bil­dungs­tä­tig­kei­ten zwar nicht nega­tiv gewer­tet wird, doch ist damit ver­bun­den, dass die betrof­fe­nen Refe­ren­da­rin­nen kei­ne Mög­lich­keit haben, sich durch die Hand­ha­bung ihrer Auf­ga­ben bei die­sen Tätig­kei­ten posi­tiv aus­zu­zeich­nen. Es wird ihnen ver­wehrt, bestimm­te Inhal­te einer Aus­bil­dung durch prak­ti­sche Übung zu erler­nen und in ihre Erfah­rung auf­zu­neh­men, für die es kei­ne gleich­wer­ti­ge Alter­na­ti­ve gibt. Die­ses Defi­zit wird nicht dadurch in sei­nem Gewicht gemin­dert, dass es sich bei den genann­ten Tätig­kei­ten nur um einen Teil­be­reich des Vor­be­rei­tungs­diens­tes han­delt und dass auf deren Wahr­neh­mung mög­li­cher­wei­se kein Rechts­an­spruch besteht. Über die Fra­ge, wie wich­tig die der Rechts­re­fe­ren­da­rin unter­sag­ten Tätig­kei­ten für den Aus­bil­dungs­zweck des Vor­be­rei­tungs­diens­tes sind, ist im Ver­wal­tungs- und im Gerichts­ver­fah­ren gestrit­ten wor­den. Es trifft zu, dass es sich dabei – bezieht man sich trotz der bereits geäu­ßer­ten Zwei­fel an der Rich­tig­keit der im BVerfG-Beschluss vor­ge­nom­me­nen Beschrän­kung auf die vier genann­ten Tätig­kei­ten –, quan­ti­ta­tiv nur um einen klei­nen Teil der ins­ge­samt im Vor­be­rei­tungs­dienst anfal­len­den Auf­ga­ben han­delt und dass ihre Wahr­neh­mung regel­mä­ßig auch zeit­lich nur von begrenz­ter Dau­er ist oder sogar nicht ein­mal immer gefor­dert wird. Qua­li­ta­tiv hin­ge­gen unter­schei­den sich Sit­zungs­lei­tung, Beweis­auf­nah­me, Erör­te­rungs­ter­min, staats­an­walt­li­che Sit­zungs­ver­tre­tung und ähn­li­che Tätig­kei­ten von den ande­ren im Vor­be­rei­tungs­dienst zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen durch ein höhe­res Maß an Selbst­stän­dig­keit und ver­mit­teln damit in beson­de­rer Wei­se die Mög­lich­keit, juris­ti­sche Beru­fe im prak­ti­schen All­tag „aus eige­ner Übung“ ken­nen­zu­ler­nen. Sie bil­den im gesam­ten Auf­ga­ben­kreis des Vor­be­rei­tungs­diens­tes einen wich­ti­gen Schwer­punkt. Denn gera­de die prak­ti­schen Tätig­kei­ten ste­hen bei dem an das rechts­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­um anschlie­ßen­den Refe­ren­da­ri­at im Mit­tel­punkt der Aus­bil­dung. § 28 Abs. 1 Satz 2 JAG bestimmt, dass die Rechts­re­fe­ren­da­rin oder der Rechts­re­fe­ren­dar prak­ti­sche Tätig­kei­ten in mög­lichst wei­tem Umfang selbst­stän­dig und, soweit die Art der Tätig­keit es zulässt, eigen­ver­ant­wort­lich erle­di­gen soll. Auch bei den vom streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­bot erfass­ten Tätig­kei­ten han­delt es sich um Auf­ga­ben, die die­sem Ziel in beson­de­rer Wei­se ent­spre­chen (vgl. § 32 Abs. 2 Nr. 2 und 4, § 33 Abs. 2 Nr. 4, § 34 Abs. 2 Nr. 4 JAG).

Eine vor die­sem Hin­ter­grund durch­ge­führ­te Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung führt zu dem Ergeb­nis, dass das gegen die Rechts­re­fe­ren­da­rin gerich­te­te „Kopf­tuch­ver­bot“ ver­fas­sungs­recht­lich nicht halt­bar ist. Denn den von das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit in den Vor­der­grund gerück­ten Belan­gen – welt­an­schau­lich-reli­giö­se Neu­tra­li­tät des Staa­tes, Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge, nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten – kommt im Kon­text des Art. 12 Abs. 1 GG ein erheb­lich gerin­ge­res Gewicht zu als das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt annimmt, wäh­rend die Aus­wir­kun­gen der zur Prü­fung ste­hen­den Maß­nah­me auf die Aus­bil­dungs­frei­heit der Rechts­re­fe­ren­da­rin deut­lich stär­ker zu gewich­ten sind. Daher kann offen­blei­ben, ob auf­grund der im Fol­gen­den auf­ge­führ­ten Erwä­gun­gen auch die Eig­nung sowie die Erfor­der­lich­keit des „Kopf­tuch­ver­bots“ zur Errei­chung des gesetz­ge­be­ri­schen Ziels in Zwei­fel zu zie­hen wären. Zu prü­fen sind zwei Per­spek­ti­ven: Refe­ren­da­rin­nen, die aus reli­giö­ser Über­zeu­gung das Kopf­tuch tra­gen, könn­ten gegen das für sie selbst eben­falls gel­ten­de Neu­tra­li­täts­ge­bot ver­sto­ßen und schon dadurch das Ver­trau­en in die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Rechts­staa­tes beschä­di­gen, oder sie könn­ten Ver­fah­rens­be­tei­lig­te und Öffent­lich­keit durch ihr sicht­ba­res Bekennt­nis zu ihrer Reli­gi­on zu dem Schluss ver­lei­ten, dass auch die dau­er­haft täti­gen Rich­te­rin­nen eines Gerichts oder Staats­an­wäl­tin­nen sich mit einer Abkehr vom Neu­tra­li­täts­ge­bot abfin­den oder gar iden­ti­fi­zie­ren.

Die von das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit ange­führ­ten Belan­ge sind zwar legi­ti­me Rege­lungs­zie­le. Sie las­sen sich jedoch zur Ein­schrän­kung der frei­en Reli­gi­ons­aus­übung sowie der Aus­bil­dungs­frei­heit gegen­über einer im Vor­be­rei­tungs­dienst befind­li­chen Rechts­re­fe­ren­da­rin nicht mit dem Gewicht anfüh­ren, das die Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit ihnen zumisst. Denn Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen, die sich durch reli­gi­ös kon­no­tier­te Klei­dung äußer­lich erkenn­bar zu ihrer Reli­gi­on beken­nen, kön­nen die genann­ten Belan­ge deut­lich weni­ger beein­träch­ti­gen als dies in der Wahr­neh­mung objek­ti­ver Betrof­fe­ner unab­hän­gi­ge Rich­te­rin­nen oder Reprä­sen­tan­tin­nen der Staats­an­walt­schaft durch ein ver­gleich­ba­res Ver­hal­ten tun wür­den. Nach dem Grund­satz der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät darf der Staat kei­ne geziel­te Beein­flus­sung im Diens­te einer bestimm­ten poli­ti­schen, ideo­lo­gi­schen oder welt­an­schau­li­chen Rich­tung betrei­ben oder sich durch von ihm aus­ge­hen­de oder ihm zuzu­rech­nen­de Maß­nah­men aus­drück­lich oder kon­klu­dent mit einem bestimm­ten Glau­ben oder einer bestimm­ten Welt­an­schau­ung iden­ti­fi­zie­ren und dadurch den reli­giö­sen Frie­den in der Gesell­schaft von sich aus gefähr­den. Eine sol­che Iden­ti­fi­ka­ti­on wäre immer­hin vor­stell­bar, wenn Rich­te­rin­nen oder Staats­an­wäl­tin­nen in einem – wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu Recht anmerkt – beson­ders stark for­ma­li­sier­ten pro­zes­sua­len Raum, der bei­spiels­wei­se durch die Roben­pflicht mit ihrer ent­in­di­vi­dua­li­sie­ren­den Wir­kung geprägt wird, in ihrem äuße­ren Erschei­nungs­bild eine enge Bin­dung an eine bestimm­te Reli­gi­on kennt­lich machen wür­den [97]. Aus der Sicht von Pro­zess­be­tei­lig­ten oder der Öffent­lich­keit erschie­ne es begrün­dungs­be­dürf­tig, wenn der Staat einer­seits das Gerichts­ver­fah­ren so aus­ge­stal­tet, dass die Per­sön­lich­keit der Rich­te­rin­nen oder Staats­an­wäl­tin­nen hin­ter ihre pro­zes­sua­le Rol­le zurück­tritt, wenn aber ande­rer­seits Klei­dung mit „Kund­ga­be­cha­rak­ter“ die in jener Aus­ge­stal­tung zum Aus­druck kom­men­de welt­an­schau­lich-reli­giö­se Neu­tra­li­tät sowie den Schutz der nega­ti­ven Glau­bens­frei­heit in Zwei­fel zie­hen könn­te. Eine ver­gleich­ba­re Situa­ti­on ist bei Refe­ren­da­rin­nen indes nicht gege­ben. Unter der Vor­aus­set­zung, dass ihre Rol­le als nur zeit­wei­lig in die Jus­tiz ein­ge­glie­der­te und in der Aus­bil­dung befind­li­che Juris­tin­nen auf dem Weg zur zwei­ten Staats­prü­fung zwei­fels­frei erkenn­bar ist und in ihrer Bedeu­tung nöti­gen­falls erläu­tert wird (zu den prak­ti­schen Mög­lich­kei­ten, die erfor­der­li­che Trans­pa­renz zu schaf­fen), liegt eine Iden­ti­fi­ka­ti­on ihres Dienst­herrn mit der von ihnen gezeig­ten Hin­wen­dung zu ihrer Reli­gi­on fern. Anders gewen­det: Von ihnen geht für das hohe Gut der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät so gut wie kei­ne Gefahr aus. Hin­zu kommt, dass Rechts­re­fe­ren­da­re und Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen nicht – wie Rich­ter oder Staats­an­wäl­te – frei­wil­lig in den Jus­tiz­dienst ein­ge­tre­ten sind, son­dern dort eine für sie unver­zicht­ba­re Aus­bil­dung durch­lau­fen müs­sen und des­halb unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen sogar einen Anspruch auf eine Stel­le im Vor­be­rei­tungs­dienst haben.

Das­sel­be gilt für das – eben­falls legi­ti­me – Ziel, das Ver­trau­en in die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Jus­tiz zu erhal­ten. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hebt her­vor, dass die­ses Ver­trau­en dadurch gestärkt wer­den kön­ne, dass eine mus­li­mi­sche Rich­te­rin bei Aus­übung ihres Amtes auf die öffent­li­che Kund­ga­be von Reli­gio­si­tät ver­zich­te, eben­so wie Ver­trau­en ver­lo­ren gehen mag, wenn eine Rich­te­rin eine sol­che Distan­zie­rung ablehnt. Dass Ver­fah­rens­be­tei­lig­te oder die Öffent­lich­keit das Auf­tre­ten einer nur vor­über­ge­hend und nur zu Aus­bil­dungs­zwe­cken in der Jus­tiz täti­gen Rechts­re­fe­ren­da­rin in der glei­chen Wei­se gewich­ten könn­ten wie das Ver­hal­ten einer Rich­te­rin oder Staats­an­wäl­tin, ist hin­ge­gen nicht anzu­neh­men. Denn mit dem – wie­der­um ist her­vor­zu­he­ben: für alle Betei­lig­ten erkenn­ba­ren – Aspekt der blo­ßen Aus­bil­dung im Rah­men von Gericht oder Staats­an­walt­schaft ver­bun­den ist das Bewusst­sein, dass jede geprüf­te Rechts­kan­di­da­tin gezwun­gen ist, in den Vor­be­rei­tungs­dienst ein­zu­tre­ten, wenn sie anschlie­ßend als Voll­ju­ris­tin – und sei es auch außer­halb des Staats­diens­tes – tätig sein will. Die­ser Situa­ti­on einer blo­ßen Aus­bil­dung ent­spricht es, dass kei­ne der einer Rechts­re­fe­ren­da­rin über­tra­ge­nen Auf­ga­ben die recht­spre­chen­de Tätig­keit als sol­che betrifft. Die­se ver­bleibt – wie die Ver­ant­wor­tung für das Han­deln der zur Aus­bil­dung zuge­wie­se­nen Refe­ren­da­rin­nen und Refe­ren­da­re – zu jedem Zeit­punkt bei dem gesetz­li­chen Rich­ter des jewei­li­gen Ver­fah­rens.

Mit gerin­gen Abwei­chun­gen gilt Ver­gleich­ba­res schließ­lich auch für den von das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit ange­führ­ten Gesichts­punkt der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit. Hier ist davon aus­zu­ge­hen, dass eine das Kopf­tuch tra­gen­de Refe­ren­da­rin wegen der auch ihr grund­sätz­lich oblie­gen­den Neu­tra­li­täts­pflicht jede akti­ve, über ihre blo­ße äuße­re Erschei­nung hin­aus­ge­hen­de Wer­bung für ihre Reli­gi­on zu unter­las­sen hat, also ledig­lich auf­grund der von ihr als zwin­gend emp­fun­de­nen Ent­schei­dung für das Kopf­tuch als reli­gi­ös ori­en­tiert erkenn­bar ist. Die dar­in lie­gen­de Wir­kung auf Ver­fah­rens­be­tei­lig­te und Öffent­lich­keit geht über den Bereich des blo­ßen Kon­fron­ta­ti­ons­schut­zes kaum hin­aus. Doch hat nie­mand in der Gesell­schaft auf­grund der nega­ti­ven Reli­gi­ons­frei­heit ein Recht dar­auf, von der Kon­fron­ta­ti­on mit frem­den Glau­bens­be­kun­dun­gen, kul­ti­schen Hand­lun­gen und reli­giö­sen Sym­bo­len voll­stän­dig ver­schont zu blei­ben. Der Staat, der eine mit dem Tra­gen eines Kopf­tuchs ver­bun­de­ne reli­giö­se Aus­sa­ge einer ein­zel­nen Refe­ren­da­rin hin­nimmt, macht die­se Aus­sa­ge nicht schon dadurch zu sei­ner eige­nen und muss sie sich auch nicht als von ihm beab­sich­tigt zurech­nen las­sen.

Deut­lich höhe­res Gewicht haben dem­ge­gen­über die indi­vi­du­el­le Glau­bens­ent­schei­dung der betrof­fe­nen Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen sowie ihr Anspruch auf eine inhalt­lich umfas­sen­de Aus­bil­dung, die ein rea­lis­ti­sches Bild von den durch die zwei­te Staats­prü­fung zugäng­li­chen Beru­fen auch inner­halb der Jus­tiz ver­mit­telt. Die als indi­vi­du­ell zwin­gend emp­fun­de­ne Ent­schei­dung für eine bestimm­te, reli­gi­ös begrün­de­te Klei­dung genießt den Schutz der Reli­gi­ons­frei­heit und ist, wie auch die Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit her­vor­hebt, als gewich­tig ein­zu­stu­fen. Das­sel­be gilt aus den erwähn­ten Grün­den aber auch für das Inter­es­se an einer Aus­bil­dung, die all das bie­tet und ent­hält, was auch Refe­ren­da­rin­nen und Refe­ren­da­re ohne eine äußer­lich sicht­ba­re Hin­wen­dung zu ihrer Reli­gi­on in Anspruch neh­men kön­nen. Der par­ti­el­le Aus­schluss von einem Teil die­ser Aus­bil­dung bewirkt unge­ach­tet des Umstands, dass er sich auf die Leis­tungs­be­wer­tung nicht nega­tiv aus­wir­ken soll, einen spür­ba­ren Ver­lust an Aus­bil­dungs­qua­li­tät, weil er den Betrof­fe­nen gera­de das Ele­ment des Selbst­stän­di­gen und Pra­xis­be­zo­ge­nen vor­ent­hält, das den Vor­be­rei­tungs­dienst gegen­über dem zuvor abge­schlos­se­nen Stu­di­um aus­zeich­net.

Das Inter­es­se dar­an, einem Glau­bens­ge­bot fol­gen zu dür­fen, sowie dar­an, die erfor­der­li­che, beim Staat mono­po­li­sier­te Aus­bil­dung in vol­lem Umfang erfah­ren zu kön­nen, setzt sich gegen­über den nur rela­tiv gering­fü­gig betrof­fe­nen Belan­gen, denen die Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit das ent­schei­den­de Gewicht zuge­wie­sen hat, durch. Aller­dings hängt die Plau­si­bi­li­tät und Hand­hab­bar­keit die­ses Abwä­gungs­er­geb­nis­ses, wie aus­ge­führt, davon ab, dass die Rol­le einer das Kopf­tuch tra­gen­den Rechts­re­fe­ren­da­rin als noch in der prak­ti­schen Aus­bil­dung befind­lich leicht erkenn­bar ist und von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und der Öffent­lich­keit in ihrer Bedeu­tung erfasst wer­den kann.

Zur Ver­fü­gung ste­hen­de mil­de­re Mit­tel

Unab­hän­gig von den vor­er­wähn­ten Erwä­gun­gen wür­de auch eine auf dem Boden der von das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit für rich­tig gehal­te­nen über­wie­gen­den oder aus­schließ­li­chen Ori­en­tie­rung an der Glau­bens­frei­heit beru­hen­de Prü­fung zu dem Ergeb­nis kom­men, dass das Ver­bot, in bestimm­ten Situa­tio­nen im Vor­be­rei­tungs­dienst ein reli­gi­ös begrün­de­tes Kopf­tuch zu tra­gen, unver­hält­nis­mä­ßig ist, dass also der dar­in lie­gen­de Ein­griff in die Glau­bens­frei­heit ver­fas­sungs­recht­lich nicht gerecht­fer­tigt ist. Denn statt eines weit­rei­chen­den und strik­ten Ver­bots steht ein mil­de­res Mit­tel zur Errei­chung des ange­streb­ten Ziels zur Ver­fü­gung, so dass sich ein Ver­bot als nicht erfor­der­lich erweist.

Die von das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit befürch­te­ten nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen einer Beschäf­ti­gung von Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen, die im Vor­be­rei­tungs­dienst ein reli­gi­ös begrün­de­tes Kopf­tuch tra­gen, auf die Grund­sät­ze der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät des Staa­tes und der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge sowie auf die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit Drit­ter dürf­ten wesent­lich von einem Moment der Unkennt­nis bei Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und Öffent­lich­keit bestimmt wer­den. Der – für die Jus­tiz sicher­lich pro­ble­ma­ti­sche – Ein­druck, der Staat voll­zie­he aus­ge­rech­net im Bereich der Rechts­pfle­ge eine Abkehr von sei­ner ver­fas­sungs­recht­lich fun­dier­ten Pflicht, reli­gi­ös-welt­an­schau­li­che eben­so wie poli­ti­sche Neu­tra­li­tät zu wah­ren, ent­steht, wie die Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit aus­führt, vor­wie­gend aus einem Akt der Zurech­nung: „Aus Sicht des objek­ti­ven Betrach­ters kann inso­fern das Tra­gen eines isla­mi­schen Kopf­tu­ches durch eine Rich­te­rin oder eine Staats­an­wäl­tin wäh­rend der Ver­hand­lung als Beein­träch­ti­gung der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät dem Staat zuge­rech­net wer­den“. Wenn also Ver­fah­rens­be­tei­lig­te und Öffent­lich­keit als Fol­ge einer Fehl­ein­schät­zung – indem sie eine selbst­stän­dig agie­ren­de Rechts­re­fe­ren­da­rin irr­tüm­lich für eine Rich­te­rin oder Staats­an­wäl­tin hal­ten – davon aus­ge­hen, dass ein­zel­ne Rich­te­rin­nen oder Staats­an­wäl­tin­nen sich auf­grund einer offen erkenn­ba­ren Hin­wen­dung zu einer Reli­gi­on den Gebo­ten der Neu­tra­li­tät und Unvor­ein­ge­nom­men­heit weni­ger ver­pflich­tet füh­len als dies rechts­staat­lich gebo­ten ist, so mag dies ihr Ver­trau­en in die Rechts­pfle­ge durch­aus in Zwei­fel zie­hen oder zer­stö­ren.

Abge­se­hen davon, dass ein an Refe­ren­da­rin­nen gerich­te­tes „Kopf­tuch­ver­bot“ nur bedingt geeig­net sein mag, die­se Wir­kung zu unter­bin­den, da es sich nicht auf Rich­te­rin­nen und Staats­an­wäl­tin­nen erstreckt, ist es aber vor allem nicht erfor­der­lich. Denn es ist ein mil­de­res Mit­tel ver­füg­bar, die erwähn­te Fehl­vor­stel­lung bei Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und Öffent­lich­keit zuver­läs­sig zu ver­mei­den. Einer mög­li­chen Iden­ti­fi­zie­rung des Staa­tes mit der Glau­bens­über­zeu­gung einer mus­li­mi­schen Rechts­re­fe­ren­da­rin kann bereits dadurch wirk­sam begeg­net wer­den, dass in jedem Ein­zel­fall gegen­über den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten oder der Öffent­lich­keit auf die Rechts­stel­lung der im jus­ti­zi­el­len Bereich mit Kopf­tuch auf­tre­ten­den Refe­ren­da­rin und damit auf das bestehen­de Aus­bil­dungs­ver­hält­nis aus­drück­lich hin­ge­wie­sen und die damit ver­bun­de­ne Pro­ble­ma­tik bei Bedarf erläu­tert wird. Ein sol­cher Hin­weis kann im Fall der unter Auf­sicht geführ­ten Sit­zungs­lei­tung oder Beweis­auf­nah­me und, soweit die Refe­ren­da­rin ledig­lich neben dem zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Spruch­kör­per auf der Rich­ter­bank sitzt, durch die Aus­bil­de­rin oder den Aus­bil­der gege­ben wer­den ? wie dies im Übri­gen prak­tisch ohne­hin meist geschieht, wenn Rechts­re­fe­ren­da­ren und Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen Tätig­kei­ten mit unmit­tel­ba­rem Kon­takt zu Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten über­tra­gen wer­den. Andern­falls, soweit eine Refe­ren­da­rin ohne anwe­sen­de Aus­bil­der selbst­stän­dig auf­tritt, hat sie selbst die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten oder die Öffent­lich­keit über ihre Rol­le zu unter­rich­ten. Soweit im Rah­men des staats­an­walt­li­chen Sit­zungs­diens­tes kei­ne Auf­sicht durch anwe­sen­de Staats­an­wäl­te oder Staats­an­wäl­tin­nen vor­ge­schrie­ben ist oder prak­ti­ziert wird, kann der Hin­weis durch den die Sit­zung lei­ten­den Rich­ter oder die zustän­di­ge Rich­te­rin erfol­gen. Im Übri­gen bestehen wei­te­re tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten, das Aus­bil­dungs­ver­hält­nis unzwei­fel­haft kennt­lich zu machen.

Eine sol­che Kenn­zeich­nung hat zur Fol­ge, dass den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und der anwe­sen­den Öffent­lich­keit klar vor Augen steht, dass sie kei­ne unab­hän­gi­ge Rich­te­rin oder Amts­trä­ge­rin der Staats­an­walt­schaft vor sich haben, die ihre Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit deut­lich zu erken­nen gibt, son­dern eine Aus­bil­dungs­si­tua­ti­on unter Ver­ant­wor­tung und Auf­sicht von Gericht und Staats­an­walt­schaft. Mit einer unmiss­ver­ständ­li­chen Unter­rich­tung der Betei­lig­ten über die Rol­le der Rechts­re­fe­ren­da­rin in einer kon­kre­ten Ver­fah­rens­si­tua­ti­on wird der „objek­ti­ve Betrach­ter“ nicht mehr dem Irr­tum unter­lie­gen kön­nen, der Staat iden­ti­fi­zie­re sich mit einem Bekennt­nis zu einer bestimm­ten Reli­gi­on oder müs­se sich das Auf­tre­ten einer Rechts­re­fe­ren­da­rin mit Kopf­tuch zurech­nen las­sen.

ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung und Anwen­dung der ein­fach­ge­setz­li­chen Bestim­mun­gen

Im Ergeb­nis füh­ren die­se Erwä­gun­gen nach Auf­fas­sung Mai­dow­skis zu der Fest­stel­lung, dass der ange­grif­fe­ne Beschluss des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs die Rechts­re­fe­ren­da­rin in ihren Grund­rech­ten aus Art. 12 Abs. 1 und Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­letzt. Der Fall gibt jedoch kei­ne Ver­an­las­sung, die ent­schei­dungs­tra­gen­den Vor­schrif­ten – § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG sowie § 45 HGB – als ver­fas­sungs­wid­rig ein­zu­stu­fen. Schon § 27 Abs. 1 Satz 2 JAG, wonach für Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­re in einem öffent­lich-recht­li­chen Aus­bil­dungs­ver­hält­nis mit weni­gen Aus­nah­men die Vor­schrif­ten für Beam­tin­nen und Beam­te auf Wider­ruf „ent­spre­chend“ anwend­bar sind, ermög­licht es, die Beson­der­hei­ten der zu regeln­den Sach­ver­hal­te – ins­be­son­de­re den Cha­rak­ter des Vor­be­rei­tungs­diens­tes als ein­zi­ger Zugang zu allen Beru­fen, die die Befä­hi­gung zum Rich­ter­amt vor­aus­set­zen – bei der Bestim­mung der Reich­wei­te der Ver­wei­sung ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen. § 45 HBG als die in Bezug genom­me­ne, für alle Beam­tin­nen und Beam­te gel­ten­de Norm bezieht sich in sei­nem Satz 2 nur auf sol­che Klei­dungs­stü­cke, Sym­bo­le oder ande­re Merk­ma­le, die „objek­tiv geeig­net“ sind, das Ver­trau­en in die Neu­tra­li­tät der Amts­füh­rung zu beein­träch­ti­gen oder eine den poli­ti­schen, reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Frie­den gefähr­den­de Wir­kung aus­zu­lö­sen. Die­ser Wort­laut ermög­licht – anders als die Rechts­re­fe­ren­da­rin meint – eine grund­rechts­scho­nen­de Anwen­dung, die sub­jek­ti­ve Beson­der­hei­ten oder Emp­find­lich­kei­ten der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten oder inter­es­sier­ter Drit­ter unbe­rück­sich­tigt lässt und statt­des­sen auf Per­so­nen „durch­schnitt­li­cher Emp­find­lich­keit“ als objek­ti­ve Betrach­ter abstellt, die auf­grund nach­voll­zieh­ba­rer Über­le­gun­gen im Ein­zel­fall die äuße­re Erschei­nung einer Rechts­re­fe­ren­da­rin zum Anlass neh­men könn­ten, Miss­trau­en gegen­über deren Amts­füh­rung zu ent­wi­ckeln oder eine Stö­rung ins­be­son­de­re des reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Frie­dens in ihrem Kon­takt mit der Jus­tiz zu emp­fin­den.

Zusätz­lich und hier­von unab­hän­gig drängt sich auf­grund der vor­ste­hen­den Über­le­gun­gen die Mög­lich­keit und Not­wen­dig­keit einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung des § 45 Satz 2 HBG auf, wie sie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu Recht auch bei § 45 Satz 3 HBG für gebo­ten hält. Unter Berück­sich­ti­gung des grund­recht­li­chen Gehalts der Aus­bil­dungs­frei­heit in Art. 12 Abs. 1 GG spricht Über­wie­gen­des dafür, die Vor­schrift für Per­so­nen, die sich in einer staat­lich mono­po­li­sier­ten Aus­bil­dung befin­den, ein­schrän­kend dahin aus­zu­le­gen, dass ein Ver­bot gegen­über sol­chen Per­so­nen wegen der zeit­li­chen Begrenzt­heit jeder Aus­bil­dung über­haupt nicht oder doch nur auf­grund einer beson­ders stren­gen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung zuläs­sig sein kann. Besteht hin­ge­gen die Mög­lich­keit, den Kon­text einer von einer Rechts­re­fe­ren­da­rin durch­ge­führ­ten Amts­hand­lung zu einer Aus­bil­dung in irgend­ei­ner Wei­se deut­lich zu machen, so kommt ein Ver­bot reli­gi­ös gepräg­ter Klei­dung oder ent­spre­chen­der Sym­bo­le oder Merk­ma­le nicht in Betracht. Im prak­ti­schen Ergeb­nis führt dies dazu, dass ein Ver­bot wie das gegen­über der Rechts­re­fe­ren­da­rin aus­ge­spro­che­ne im Regel­fall aus­schei­den muss.

Mit einer sol­chen Aus­le­gung ist kei­ne Vor­ent­schei­dung dar­über getrof­fen, wie über die Ver­wen­dung reli­gi­ös begrün­de­ter Klei­dung oder ent­spre­chen­der Sym­bo­le oder Merk­ma­le durch Rich­te­rin­nen und Rich­ter auf Pro­be, auf Zeit oder auf Lebens­zeit, durch Staats­an­wäl­tin­nen und Staats­an­wäl­te oder auch durch ehren­amt­li­che Rich­te­rin­nen und Rich­ter zu ent­schei­den wäre. Durch den vor­lie­gen­den Fall ist eine Aus­sa­ge hier­zu nicht ver­an­lasst. Er wirft auch kei­ne Fra­gen auf, die glei­cher­ma­ßen für das Rechts­re­fe­ren­da­ri­at wie für den rich­ter­li­chen oder staats­an­walt­li­chen Dienst zu beant­wor­ten wären. Dar­an ändert ins­be­son­de­re der Umstand nichts, dass der Vor­be­rei­tungs­dienst selbst­ver­ständ­lich durch die beson­ders hohen, mit ver­fas­sungs­recht­li­chem Gewicht aus­ge­stat­te­ten Anfor­de­run­gen an Neu­tra­li­tät und Unvor­ein­ge­nom­men­heit geprägt ist, wie sie das Rich­ter­amt aus­zeich­net. Die Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­mehr­heit betont die Bedeu­tung die­ser Anfor­de­run­gen für die Rechts­staat­lich­keit zwar zu Recht, ver­leiht ihnen jedoch eine weit über den ent­schie­de­nen Fall hin­aus­rei­chen­de Bedeu­tung und nimmt damit Wer­tun­gen vor, die spä­te­ren Fäl­len hät­ten vor­be­hal­ten wer­den sol­len.

Kon­troll­über­le­gung

Die welt­an­schau­lich-reli­giö­se Neu­tra­li­tät des Staa­tes erfor­dert eine offe­ne, die Glau­bens­frei­heit für alle Bekennt­nis­se glei­cher­ma­ßen för­dern­de tole­ran­te Hal­tung. Die­se Hal­tung ist nicht nur als eine sta­ti­sche zu ver­ste­hen, son­dern muss als ein wesent­li­ches Ele­ment auch die Bereit­schaft ein­schlie­ßen, Offen­heit für gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Ent­wick­lun­gen zu bewah­ren, schein­bar fest gefüg­te Posi­tio­nen in Fra­ge stel­len zu las­sen und auf neue Pro­blem­stel­lun­gen auf dem Boden der Ver­fas­sung ange­mes­sen zu reagie­ren. Dass dies im prak­ti­schen All­tag schwie­rig ist, hat nicht zuletzt die lang­jäh­ri­ge Aus­ein­an­der­set­zung über den Umgang mit reli­gi­ös begrün­de­ter Klei­dung und Sym­bo­len in der Öffent­lich­keit gezeigt. Die Fra­ge, ob in einem quan­ti­ta­tiv unter­ge­ord­ne­ten Arbeits­be­reich der Jus­tiz, der Aus­bil­dung von Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen und Rechts­re­fe­ren­da­ren, erkenn­bar reli­gi­ös gepräg­te Men­schen einen par­ti­el­len Aus­schluss von Tei­len der für sie selbst, aber auch für die Gesell­schaft ins­ge­samt wich­ti­gen Aus­bil­dung hin­neh­men müs­sen, lässt sich – wie der vor­lie­gen­de Fall zeigt – unter­schied­lich beant­wor­ten; aller­dings fehlt es viel­fach noch an gesi­cher­ten empi­ri­schen Grund­la­gen über Art und Wahr­schein­lich­keit einer Beein­flus­sung Drit­ter durch reli­gi­ös kon­no­tier­te Klei­dung oder Sym­bo­le [98]. Es wird jedoch zuneh­mend zwei­fel­haft, ob dem Grund­an­lie­gen der welt­an­schau­lich-reli­giö­sen Neu­tra­li­tät, eine offe­ne, die Glau­bens­frei­heit für alle Bekennt­nis­se glei­cher­ma­ßen för­dern­de Hal­tung zu prak­ti­zie­ren, durch eine Aus­le­gung der ein­schlä­gi­gen Rechts­grund­la­gen und durch eine Ver­wal­tungs­pra­xis, die sich in nicht uner­heb­li­chem Maße als Ein­schrän­kung von grund­recht­li­chen Räu­men aus­wir­ken kann statt als deren Erwei­te­rung, noch in vol­lem Umfang ent­spro­chen wird. Auch die­ser Gesichts­punkt spricht hier dafür, Rechts­re­fe­ren­da­rin­nen, die sich auf dem Boden der Ver­fas­sung ihrer Reli­gi­on erkenn­bar ver­pflich­tet füh­len, in ihrer Aus­bil­dung zur „Voll­ju­ris­tin“ nicht ein­zu­schrän­ken, son­dern ihnen Raum zu las­sen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Janu­ar 2020 – 2 BvR 1333/​17

  1. GVBl S. 218, 508[]
  2. GVBl I S. 158, zuletzt geän­dert durch Arti­kel 1 des Geset­zes vom 06.09.2019, GVBl S. 232[]
  3. GVBl I S. 306, ber. GVBl I 2005 S. 95[]
  4. Hess. JM, Erlass vom 24.07.2017 – 2220-II/E2-2017/7064-II/E[][]
  5. VG Frank­furt am Main, Beschluss vom 12.04.2017 – 9 L 1298/​17.F[]
  6. Hess. VGH, Beschluss vom 23.05.2017 – 1 B 1056/​17[]
  7. vgl. BVerfGE 12, 180, 199; 78, 214, 227[]
  8. vgl. BVerfGE 81, 138, 140; 99, 129, 138; 119, 309, 317; 139, 148, 171 Rn. 44[]
  9. vgl. BVerfGE 81, 138, 140 f.; 107, 299, 311; 110, 77, 85 f.; 117, 244, 268; 146, 294, 308 ff. Rn. 24; 149, 293, 316 Rn. 59; stRspr[]
  10. vgl. BVerfGE 34, 165, 180; 41, 29, 43; 49, 24, 51 f.; 81, 138, 141; 149, 293, 316 Rn. 59[]
  11. vgl. BVerfGE 24, 236, 245 f.; 32, 98, 106; 44, 37, 49; 83, 341, 354; 108, 282, 297; 125, 39, 79; stRspr[]
  12. vgl. BVerfGE 12, 1, 4; 24, 236, 245; 105, 279, 294; 123, 148, 177[]
  13. vgl. BVerfGE 24, 236, 245 f.; 93, 1, 17[]
  14. vgl. BVerfGE 108, 282, 297; 138, 296, 328 f. Rn. 85[]
  15. vgl. für Beam­te BVerfGE 108, 282, 297 f. sowie für Ange­stell­te im öffent­li­chen Dienst BVerfGE 138, 296, 328 Rn. 84; vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 18.10.2016 – 1 BvR 354/​11, Rn. 58[]
  16. vgl. BVerfGE 24, 236, 247 f.; 108, 282, 298 f.; 138, 296, 329 Rn. 86[]
  17. vgl. etwa Wie­landt, Die Vor­schrift des Kopf­tuch­tra­gens für die mus­li­mi­sche Frau: Grund­la­gen und aktu­el­ler inne­r­is­la­mi­scher Dis­kus­si­ons­stand, 2009; ?ahin, Die Bedeu­tung des mus­li­mi­schen Kopf­tuchs, 2014, S. 123 ff.; Stein­berg, Zwi­schen Grund­ge­setz und Scha­ria, 2018, S. 96–98 m.w.N.[]
  18. vgl. BVerfGE 108, 282, 298 f.; 138, 296, 330 Rn. 87 ff.; BVerfG, Beschluss vom 18.10.2016 – 1 BvR 354/​11, Rn. 59[]
  19. vgl. BVerfGE 28, 243, 260 f.; 41, 29, 50 f.; 41, 88, 107; 44, 37, 49 f., 53; 52, 223, 247; 93, 1, 21; 108, 282, 297; 138, 296, 333 Rn. 98; BVerfG, Beschluss vom 18.10.2016 – 1 BvR 354/​11, Rn. 61[]
  20. vgl. BVerfGE 108, 282, 297[]
  21. vgl. BVerfGE 138, 296, 331 Rn. 91[]
  22. vgl. BVerfGE 26, 338, 365; 47, 285, 312; 141, 143, 176 f. Rn. 75; sie­he fer­ner statt vie­ler nur Drei­er, in: Drei­er, GG, Bd. 2, 3. Aufl.2015, Art.20 Rn. 118 m.w.N.[]
  23. vgl. BVerfGE 45, 400, 420; 117, 71, 111; 128, 282, 317; 134, 141, 184 Rn. 127; stRspr[]
  24. vgl. BVerfGE 17, 67, 82; 83, 130, 145; 127, 335, 356; 134, 141, 184 f. Rn. 127[]
  25. BVerfGE 134, 141, 185 Rn. 127 m.w.N.[]
  26. vgl. BVerfGE 19, 206, 216; 24, 236, 246; 33, 23, 28; 93, 1, 17[]
  27. vgl. BVerfGE 19, 1, 8; 19, 206, 216; 24, 236, 246; 93, 1, 17; 108, 282, 299 f.; 138, 296, 339 Rn. 109[]
  28. vgl. BVerfGE 30, 415, 422; 93, 1, 17; 108, 282, 300; 138, 296, 339 Rn. 109[]
  29. vgl. BVerfGE 41, 29, 50; 108, 282, 300 f.; 138, 296, 339 Rn. 109[]
  30. vgl. BVerfGE 41, 29, 49; 93, 1, 16[]
  31. vgl. BVerfGE 93, 1, 16 f.; 108, 282, 300; 138, 296, 339 Rn. 110[][]
  32. vgl. BVerfGE 33, 23, 29; 108, 282, 300; 137, 273, 305 Rn. 88; 138, 296, 339 Rn. 110[]
  33. BVerfGE 138, 296, 359, 367 Rn. 14 abw. Mei­nung Hermanns/​Schluckebier[]
  34. vgl. Volk­mann, Jura 2015, S. 1083, 1085[]
  35. so BVerfGE 138, 296, 336 f. Rn. 104; BVerfG, Beschluss vom 18.10.2016 – 1 BvR 354/​11, Rn. 65 in Bezug auf den Ein­griff in die nega­ti­ve Glau­bens­frei­heit der Schü­le­rin­nen und Schü­ler; vgl. fer­ner in Abgren­zung zu der staat­li­chen Anord­nung, reli­giö­se Sym­bo­le in der Schu­le anzu­brin­gen, BVerfGE 108, 282, 305 f.[]
  36. vgl. BVerfGE 108, 282, 303; 138, 296, 335 Rn. 103[]
  37. vgl. Muckel, NVwZ 2017, S. 1132, 1132[]
  38. vgl. Oeb­be­cke, in: Germann/​Muckel, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, 3. Aufl., i.E., § 41 Rn. 25; zur Selbst­dar­stel­lung des Staa­tes in die­sem Zusam­men­hang fer­ner Eckertz-Höfer, DVBl 2018, S. 537, 544 f.; Häber­le, DVBl 2018, S. 1263, 1266[]
  39. vgl. Schmidt-Räntsch, DRiG, 6. Aufl.2009, § 46 Rn. 44 f. und Teil F; Häber­le, DVBl 2018, S. 1263, 1266; Rund­erlass des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz betref­fend die Amts­tracht bei den ordent­li­chen Gerich­ten, den Gerich­ten der all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit, den Gerich­ten für Arbeits­sa­chen, den Gerich­ten der Sozi­al­ge­richts­bar­keit und dem Hes­si­schen Finanz­ge­richt vom 07.02.2011, JMBl 2012 S. 99, neu in Kraft gesetzt durch Bekannt­ma­chung des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 28.06.2016, JMBl S. 274[]
  40. all­ge­mein dazu Vis­mann, Medi­en der Recht­spre­chung, 2011, S. 146 ff.[]
  41. vgl. BVerfGK 8, 151, 155; Möl­lers, VVDStRL 68, 2008, S. 47, 84; Eckertz-Höfer, DVBl 2018, S. 537, 543[]
  42. vgl. Schwa­be, DVBl 2015, S. 570, 571; Volk­mann, Jura 2015, S. 1083, 1085; Muckel, NVwZ 2017, S. 1132, 1132 f.; Eckertz-Höfer, DVBl 2018, S. 537, 544; Häber­le, DVBl 2018, S. 1263, 1266; a.A. Ladeur/​Augsberg, JZ 2007, S. 12, 16; Payan­deh, DÖV 2018, S. 482, 486; Sack­s­of­sky, djbZ 2018, S. 8, 9; Sin­der, Der Staat 57, 2018, S. 459, 466[]
  43. vgl. BVerfGE 34, 238, 248 f.; 77, 65, 76; 80, 367, 375; 106, 28, 49; 107, 104, 118; 113, 29, 54; 117, 163, 186 f.; 118, 1, 17; 122, 190, 207; 135, 90, 115 Rn. 65; 141, 82, 90 Rn. 24; 141, 121, 134 f. Rn. 44; all­ge­mein zur „Funk­ti­ons­fä­hig­keit“ als Grund­rechts­schran­ke Ler­che, BayVBl 1991, S. 517 ff.; Krie­le, in: Isensee/​Kirchhof, HStR IX, 3. Aufl.2011, § 188 Rn. 94 ff. m.w.N.[]
  44. vgl. BVerfGE 33, 23, 32[]
  45. vgl. Wei­de­mann, ZJS 2016, S. 286, 294; Eckertz-Höfer, DVBl 2018, S. 537, 543; Fried­rich, KuR 2018, S. 88, 101 f.[]
  46. vgl. BVerfGE 108, 282, 313; 138, 296, 346 ff. Rn. 123 ff.[]
  47. vgl. Jes­ta­edt, Bit­bur­ger Gesprä­che 2017, S. 43, 52[]
  48. BVerfGE 93, 1, 15 f.; 108, 282, 301 f.; 138, 296, 336 Rn. 104; BVerfG, Beschluss vom 18.10.2016 – 1 BvR 354/​11, Rn. 64[]
  49. vgl. auch Bay­VerfGH, Ent­schei­dung vom 14.03.2019 – Vf. 3‑VII-18 27 f.[]
  50. vgl. BVerfGE 138, 296, 337 Rn. 105[]
  51. vgl. Stein­berg, Der Staat 56, 2017, S. 157, 174; Wolf, RuP 2017, S. 66; Häber­le, Der Staat 57, 2018, S. 35, 56; a.A. Muckel, NVwZ 2017, S. 1132, 1133; Samour, djbZ 2018, S. 12, 13; Sin­der, Der Staat 57, 2018, S. 459, 465[]
  52. vgl. Röh­rig, Reli­giö­se Sym­bo­le in staat­li­chen Ein­rich­tun­gen als Grund­rechts­ein­grif­fe, 2017, S.205 ff. unter Hin­weis auf die staat­li­che Schutz­pflicht[]
  53. vgl. BVerfGE 3, 377, 381; 4, 331, 346; 14, 56, 69; 21, 139, 145 f.; 82, 286, 298; 89, 28, 36; 148, 69, 96 Rn. 69[]
  54. BVerfGE 148, 69, 96 f. Rn. 69[]
  55. vgl. BVerfGE 148, 69, 97 Rn. 71[]
  56. BVerfGE 148, 69, 98 f. Rn. 74; vgl. EGMR, Fey v. Aus­tria, Urteil vom 24.02.1993, Nr. 14396/​88, Rn. 27 ff.; Pul­lar v. The United King­dom, Urteil vom 10.06.1996, Nr. 22399/​93, Rn. 30; Morel v. Fran­ce, Urteil vom 06.06.2000, Nr. 34130/​96, Rn. 40 ff.; Wett­stein v. Switz­er­land, Urteil vom 21.12 2000, Nr. 33958/​96, Rn. 42; EGMR, GK, Micall­ef v. Mal­ta, Urteil vom 15.10.2009, Nr. 17056/​06, Rn. 93; EGMR, Olek­san­dr Vol­kov v. Ukrai­ne, Urteil vom 09.01.2013, Nr. 21722/​11, Rn. 104[]
  57. vgl. BVerfGE 21, 139, 146; 30, 149, 153; 148, 69, 97 Rn. 70[]
  58. vgl. BVerfGE 20, 1, 5; 82, 30, 38; stRspr[]
  59. vgl. BVerfGE 148, 69, 97 Rn. 70, 99 Rn. 75; „Jus­ti­ce must not only be done, it must also be seen to be done“, vgl. EGMR, Del­court v. Bel­gi­um, Urteil vom 17.01.1970, Nr. 2689/​65, Rn. 31; Olek­san­dr Vol­kov v. Ukrai­ne, Urteil vom 09.01.2013, Nr. 21722/​11, Rn. 106, der Sache nach jeweils auf­grei­fend High Court of Jus­ti­ce, R. v. Sus­sex Jus­ti­ces, ex par­te McCar­thy, [1924] 1 KB 256[]
  60. vgl. Wiß­mann, DRiZ 2016, S. 224, 226; Rath, RuP 2017, S. 67; Payan­deh, DÖV 2018, S. 482, 486; Sack­s­of­sky, djbZ 2018, S. 8, 9; Sin­der, Der Staat 57, 2018, S. 459, 469[]
  61. vgl. BVerfGE 2, 295, 297; 11, 1, 3; 43, 126, 128[]
  62. BVerfG, Beschluss vom 03.07.2013 – 1 BvR 782/​12, Rn. 6[]
  63. vgl. Wie­se, Leh­re­rin­nen mit Kopf­tuch, 2008, S. 306; Berg­hahn, KJ 2018, S. 167, 176; Eckertz-Höfer, DVBl 2018, S. 537, 541[]
  64. vgl. Payan­deh, DÖV 2018, S. 482, 487; Sin­der, Der Staat 57, 2018, S. 459, 476[]
  65. vgl. Sack­s­of­sky, DVBl 2015, S. 801, 806[]
  66. vgl. BVerfGE 108, 282, 303; 138, 296, 333 f. Rn. 99, 335 f. Rn. 103, 338 Rn. 108; BVerw­GE 141, 223, 235 ff. Rn. 41 ff.; vgl. Staats­ge­richts­hof des Lan­des Hes­sen, Urteil vom 10.12 2007 – P.St.2016 96[]
  67. vgl. BVerfGE 108, 282, 302 f.; 138, 296, 333 Rn. 98[]
  68. vgl. BVerfGE 83, 1, 19; 90, 145, 173; 102, 197, 220; 104, 337, 349; 138, 296, 335 Rn. 102; BVerfG, Beschluss vom 18.10.2016 – 1 BvR 354/​11, Rn. 62[]
  69. vgl. BVerfGE 24, 236, 246; 35, 366, 375 f.[]
  70. vgl. BVerfGE 45, 187, 238[]
  71. vgl. BVerfGE 108, 282, 310 f.; 138, 296, 335 Rn. 102[]
  72. vgl. auch Volk­mann, Jura 2015, S. 1083, 1087, 1090; Hei­nig, RdJB 2015, S. 217, 229; Tomu­schat, EuGRZ 2016, S. 6, 10; Reus/​Mühlhausen, VR 2019, S. 73, 79[]
  73. vgl. Sin­der, Zev­KR 63, 2018, S. 170, 203[]
  74. vgl. Berg­hahn, KJ 2018, S. 167, 175[]
  75. vgl. Reus/​Mühlhausen, VR 2019, S. 73, 81[]
  76. Zwei­ter Teil, Abschnitt III des Rund­erlas­ses des Hes­si­schen Minis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 21.10.2014 – 2220-II/E2-2014/7709-II/E, JMBl S. 703[]
  77. vgl. BVerfGE 33, 303, 329 f.; 134, 1, 13 f. Rn. 37[]
  78. vgl. BVerfGE 33, 303, 330; 147, 253, 306 Rn. 104[]
  79. vgl. all­ge­mein: BVerfGE 33, 303, 329; in Bezug auf die Teil­nah­me an Prü­fun­gen wäh­rend der Aus­bil­dung: BVerfGE 84, 34, 45; 84, 59, 72[]
  80. vgl. BVerfGE 119, 59, 83; 138, 296, 353 Rn. 141[]
  81. vgl. BVerfGE 138, 296, 332 Rn. 96; BVerfG, Beschluss vom 18.10.2016 – 1 BvR 354/​11, Rn. 60[]
  82. Di Fabio, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 2 Abs. 1 Rn. 166, Juli 2001; vgl. auch Drei­er, in: Drei­er, GG, Bd. 1, 3. Aufl.2013, Art. 2 Abs. 1 Rn. 72; Jarass, in: Jarass/​Pieroth, GG, 15. Aufl.2018, Art. 2 Rn. 40[]
  83. BVerfG, Beschluss vom 03.11.1999 – 2 BvR 2039/​99, Rn. 15; vgl. BVerfGE 35, 202, 220; 54, 148, 155 f.; 63, 131, 142; Samour, djbZ 2018, S. 12, 13[]
  84. vgl. BVerfGE 138, 296, 354 Rn. 143[]
  85. „ins­be­son­de­re“; vgl. auch die Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs, LTDrucks 16/​1897 neu, S. 4[]
  86. Hess. JM, Erlass vom 28.06.2007 – 2220‑V/A3-2007/6920‑V[]
  87. vgl. BVerfGE 138, 296, 354 Rn. 145[]
  88. vgl. BVerfGE 138, 296, 346 Rn. 123 in Bezug auf den dort zur Prü­fung gestell­ten § 57 Abs. 4 Satz 3 SchulG NW[]
  89. BVerfGE 138, 296, 347 Rn. 125[]
  90. vgl. BVerfGE 138, 296, 348 Rn. 127, 371 Rn. 21[]
  91. BVerfGE 138, 296[]
  92. vgl. Staats­ge­richts­hof des Lan­des Hes­sen, Urteil vom 10.12 2007 – P.St.2016 120; Eckertz-Höfer, DVBl 2018, S. 537, 542[]
  93. vgl. BVerfGE 138, 296, 350 Rn. 132 m.w.N.[]
  94. vgl. LTDrucks 16/​1897 neu, S. 4[]
  95. vgl. auch EuGH, Urteil vom 10.12 2009 – C‑345/​08 27[]
  96. vgl. BVerfGE 39, 334, 372 f.; vgl. auch BVerfGE 33, 44, 50[]
  97. anders für öffent­li­che Schu­len hin­ge­gen BVerfGE 138, 296, 340 Rn. 112[]
  98. vgl. schon BVerfGE 108, 282, 306[]