Künst­li­che Befruch­tung für unver­hei­ra­te­te Beam­te

Der Aus­schluss der Bei­hil­fe für Maß­nah­men der künst­li­chen Befruch­tung bei nicht ver­hei­ra­te­ten Beam­ten im baden-würt­tem­ber­gi­schen Bei­hil­fe­recht ist unwirk­sam. Mit die­sem inzwi­schen rechts­kräf­ti­gen Urteil hob der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in Mann­hein das Urteil des erst­in­stanz­lich mit die­sem Bei­hil­fe-Rechts­streit befass­ten Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart auf und gab der Kla­ge eines Lan­des­be­am­ten gegen das Land Baden-Würt­tem­berg statt.

Künst­li­che Befruch­tung für unver­hei­ra­te­te Beam­te

Der Klä­ger, des­sen Zeu­gungs­fä­hig­keit orga­nisch bedingt erheb­lich ein­ge­schränkt ist, bean­trag­te im Juli 2004 vom Lan­des­amt für Besol­dung und Ver­sor­gung Baden-Würt­tem­berg die Erstat­tung von Auf­wen­dun­gen für Maß­nah­men der künst­li­chen Befruch­tung, denen er sich zusam­men mit sei­ner Lebens­part­ne­rin von Juni 2003 bis Febru­ar 2004 erfolg­reich unter­zo­gen hat­te. Das Lan­des­amt lehn­te die Gewäh­rung von Bei­hil­fe unter Hin­weis auf eine Rege­lung in einer zur Bei­hil­fe­ver­ord­nung ergan­ge­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift ab. Die Erstat­tung der­ar­ti­ger Auf­wen­dun­gen sei bei nicht ver­hei­ra­te­ten Beam­ten aus­ge­schlos­sen, hieß es. Der Wider­spruch des Beam­ten hier­ge­gen blieb erfolgt­los, eben­so die Kla­ge beim Ver­wal­tungs­ge­richt Stutt­gart. Auf die Beru­fung des Beam­ten ver­pflich­te­te nun jedoch der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof das Land Baden-Würt­tem­berg, dem Klä­ger Bei­hil­fe zu sei­nen Auf­wen­dun­gen in Höhe von rund 10.000 € zu gewäh­ren.

Im Unter­schied zu den Rege­lun­gen der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung sei die ein­ge­schränk­te Zeu­gungs­fä­hig­keit des Klä­gers eine Krank­heit im Sin­ne des Bei­hil­fe­rechts, heißt es in den Ent­schei­dungs­grün­den. Die zur Her­bei­füh­rung einer Schwan­ger­schaft erfor­der­li­chen medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen sei­en not­wen­dig und daher im Rah­men der Bei­hil­fe zu erstat­ten. Die Not­wen­dig­keit der künst­li­chen Befruch­tung ent­fal­le nicht des­we­gen, weil der Klä­ger mit sei­ner Lebens­part­ne­rin nicht ver­hei­ra­tet sei. Die Zeu­gungs­fä­hig­keit sei nicht nur für Ehe­part­ner eine bio­lo­gisch not­wen­di­ge Kör­per­funk­ti­on. Auch nicht­ehe­li­chen Lebens­part­nern ste­he nach den gewan­del­ten gesell­schaft­li­chen Anschau­un­gen eine selbst­be­stimm­te Ent­schei­dungs­be­fug­nis für ein gemein­sa­mes Kind zu. Ein­schrän­kun­gen des Selbst­wert­ge­fühls und schwer­wie­gen­de Kon­flik­te bis hin zu see­li­schen Erkran­kun­gen könn­ten nicht ver­hei­ra­te­te Part­ner, die in einer fes­ten Part­ner­schaft leb­ten, genau­so tref­fen wie Ehe­paa­re, da Kin­der zu haben und auf­zu­zie­hen, für vie­le Men­schen – unab­hän­gig vom Fami­li­en­stand – eine zen­tra­le Sinn­ge­bung ihres Lebens bedeu­te.

Die Rege­lung in der Ver­wal­tungs­vor­schrift zur Bei­hil­fe­ver­ord­nung, wel­che die Gewäh­rung von Bei­hil­fe zu Maß­nah­men der künst­li­chen Befruch­tung für nicht ver­hei­ra­te­te Beam­te aus­schlie­ße, sei unwirk­sam, ent­schied der VGH Mann­heim wei­ter. Es sei bereits frag­lich, ob ein sol­cher, nur für nicht ver­hei­ra­te­te Beam­te gel­ten­der Aus­schluss mit dem Gleich­heits­satz zu ver­ein­ba­ren sei. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sei es nicht zu recht­fer­ti­gen, Leis­tun­gen zur Behand­lung einer Krank­heit nur Ver­hei­ra­te­ten zu gewäh­ren. Jeden­falls aber kön­ne die Gewäh­rung von Bei­hil­fe nicht im Wege einer Ver­wal­tungs­vor­schrift aus­ge­schlos­sen wer­den. Die Ent­schei­dung dar­über, für wel­che Behand­lungs­me­tho­den kei­ne Bei­hil­fe gewährt wer­den sol­le, kön­ne nicht ohne jeg­li­che bin­den­de Vor­ga­be des Gesetz­ge­bers in die Zustän­dig­keit der Bei­hil­fe­stel­le über­tra­gen wer­den.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 29. Juni 2009 – 4 S 1028/​07 (rechts­kräf­tig)