Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats beim Ab­se­hen von der Stellenaus­schrei­bung

Im Be­reich der Bun­des­be­am­ten un­ter­liegt jede Stel­len­be­set­zung, wel­che der Dienst­stel­len­lei­ter ohne Aus­schrei­bung vor­zu­neh­men be­ab­sich­tigt, der Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats gemäß § 75 Abs. 3 Nr. 14 BPers­VG.

Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats beim Ab­se­hen von der Stellenaus­schrei­bung

Die­se Fra­ge ist anhand des Senats­be­schlus­ses vom ein­deu­tig zu beja­hen, so dass es zu ihrer Klä­rung nicht der Durch­füh­rung eines Rechts­be­schwer­de­ver­fah­rens bedarf.

Nach dem Beschluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 14. Janu­ar 2010 1 setzt die Mit­be­stim­mung beim Abse­hen von der Aus­schrei­bung von Dienst­pos­ten vor­aus, dass zu beset­zen­de Stel­len übli­cher­wei­se aus­ge­schrie­ben wer­den. Eine sol­che Übung kann einer grund­sätz­li­chen Ver­pflich­tung fol­gen, die sich aus Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten ergibt, oder auf stän­di­ger Ver­wal­tungs­pra­xis beru­hen 2.

Für den Bereich der Bun­des­be­am­ten gilt: Gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 BBG vom 05.02.2009, BGBl I S. 160, sind zu beset­zen­de Stel­len aus­zu­schrei­ben. Bei der Ein­stel­lung von Bewer­bern muss die Aus­schrei­bung öffent­lich sein (§ 8 Abs. 1 Satz 2 BBG). Dar­aus ergibt sich eine grund­sätz­li­che Ver­pflich­tung zur Aus­schrei­bung von Beam­ten­stel­len 3. Von der Ermäch­ti­gung in § 8 Abs. 1 Satz 3 BBG, Aus­nah­men vor­zu­se­hen, ist in § 4 Abs. 2 und 3 BLV vom 12.02.2009, BGBl I S. 284, Gebrauch gemacht wor­den 4.

Die Mit­be­stim­mung greift unab­hän­gig davon ein, ob die Nicht­vor­nah­me der Aus­schrei­bung nach dem zugrun­de zu legen­den spe­zi­el­len Regel­werk auf einer zwin­gen­den Aus­nah­me beruht oder ins Ermes­sen des Dienst­stel­len­lei­ters gestellt ist. Die Betei­li­gung des Per­so­nal­rats im Zusam­men­hang mit der Stel­len­aus­schrei­bung recht­fer­tigt sich aus der Über­le­gung, dass die Aus­wahl der Per­son, mit der eine freie Stel­le besetzt wird, in der Regel das beruf­li­che Fort­kom­men oder sons­ti­ge berufs­be­zo­ge­ne Belan­ge und Vor­stel­lun­gen ande­rer in der Dienst­stel­le Beschäf­tig­ter berührt und des­we­gen ein schutz­wür­di­ges kol­lek­ti­ves Inter­es­se dar­an besteht, sicher­zu­stel­len, dass sich nach Mög­lich­keit jeder inter­es­sier­te Beschäf­tig­te an der Bewer­ber­kon­kur­renz betei­li­gen kann. Die­sem Schutz­ge­dan­ken wird am ehes­ten ent­spro­chen, wenn sich das Mit­be­stim­mungs­recht des Per­so­nal­rats auch auf die Fra­ge erstreckt, ob die beab­sich­tig­te Nicht­vor­nah­me der Aus­schrei­bung als eine zwin­gen­de Aus­nah­me nach dem zugrun­de zu legen­den Regel­werk berech­tigt ist. Die Betei­li­gung des Per­so­nal­rats bleibt unvoll­stän­dig, wenn ihm eine ent­spre­chen­de Rich­tig­keits­kon­trol­le vor­ent­hal­ten wird. Zugleich wird ver­mie­den, dass die Exe­ku­ti­ve in die Lage ver­setzt wird, durch die Aus­ge­stal­tung der Aus­nah­me­tat­be­stän­de die Mit­be­stim­mung nach Belie­ben aus­zu­schlie­ßen oder ein­zu­schrän­ken 5.

Dar­aus folgt für den Bereich der Bun­des­be­am­ten, dass gemäß der Grund­satz­ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers in § 8 Abs. 1 Satz 1 BBG jede Stel­len­be­set­zung, wel­che der Dienst­stel­len­lei­ter ohne Aus­schrei­bung vor­zu­neh­men beab­sich­tigt, der Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats nach § 75 Abs. 3 Nr. 14 BPers­VG unter­liegt. Dabei erstreckt sich die Rich­tig­keits­kon­trol­le zunächst dar­auf, ob ein Aus­nah­me­tat­be­stand nach § 4 Abs. 2 BLV gege­ben ist. Die obers­te Dienst­be­hör­de ist befugt, für ihren Geschäfts­be­reich nach Maß­ga­be von § 4 Abs. 3 Nr. 1 Alt. 1 BLV durch Ver­wal­tungs­vor­schrift wei­te­re Fall­ge­stal­tun­gen zu bestim­men, in denen von einer Aus­schrei­bung abge­se­hen wird oder wer­den kann; dabei hat sie gemäß § 75 Abs. 3 Nr. 14 BPers­VG das Mit­be­stim­mungs­recht ihres Haupt­per­so­nal­rats zu beach­ten. In die­sem Fall erstreckt sich die Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats im Zusam­men­hang mit der kon­kre­ten Stel­len­be­set­zung dar­auf, ob ein Aus­nah­me­fall nach der Ver­wal­tungs­vor­schrift gege­ben ist 6. Inso­fern gilt nichts ande­res als für die Anwen­dung von § 4 Abs. 2 BLV, durch wel­chen die Aus­nah­me­fäl­le von Rechts wegen vor­ge­ge­ben sind. Die Rich­tig­keits­kon­trol­le umfasst, wenn dazu Anlass besteht, die Fra­ge, ob die Ver­wal­tungs­vor­schrift rechts­wirk­sam ist. Im vor­lie­gen­den Fall besteht dazu Anlass. Es bedarf der Prü­fung, ob die Richt­li­ni­en des Minis­te­ri­ums vom 23.06.1995 gegen­stands­los gewor­den sind, nach­dem durch das Bun­des­be­am­ten­ge­setz vom 05.02.2009 und die Bun­des­lauf­bahn­ver­ord­nung vom 12.02.2009 zur Fra­ge der Aus­schrei­bung ein Regel­werk geschaf­fen wor­den ist, wel­ches sich nach Ter­mi­no­lo­gie, Sys­te­ma­tik und gesetz­ge­be­ri­scher Ziel­vor­stel­lung vom alten Rechts­zu­stand unter­schei­det. An die Rechts­auf­fas­sung der obers­ten Dienst­be­hör­de ist der Per­so­nal­rat bei sei­nem Prü­fungs­recht nicht gebun­den 7.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Mai 2012 – 6 PB 1.12

  1. BVerwG, Beschluss vom 14.01.2010 – 6 P 10.09, BVerw­GE 136, 29 = Buch­holz 250 § 75 BPers­VG Nr. 110[]
  2. Beschluss vom 14.01.2010 a.a.O. Rn. 12[]
  3. vgl. BT-Drucks 16/​7076 S. 101[]
  4. vgl. BVerwG, Beschluss vom 14.01.2010 a.a.O. Rn. 16[]
  5. vgl. BVerwG, Beschluss vom 14.01.2010 a.a.O. Rn. 22 ff.[]
  6. vgl. zur Ver­wal­tungs­vor­schrift für Aus­schrei­bun­gen bei der Bun­des­agen­tur für Arbeit: BVerwG, Beschluss vom 14.01.2010 a.a.O. Rn. 25[]
  7. vgl. BVerwG, Beschluss vom 02.09.2009 – 6 PB 22.09, Buch­holz 250 § 69 BPers­VG Nr. 31 Rn. 7[]