Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats beim Gesund­heits­schutz

Die Ge­fähr­dungs­be­ur­tei­lung nach § 5 Arb­SchG ist kei­ne Maß­nah­me, die der Mit­be­stim­mung nach § 75 Abs. 3 Nr. 11 BPers­VG un­ter­fällt.

Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats beim Gesund­heits­schutz

Es unter­liegt für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kei­nen Zwei­feln, dass der Maß­nah­me­be­griff in § 70 BPersVG den­sel­ben Sinn­ge­halt hat wie der­je­ni­ge in § 69 BPersVG. Dies folgt nicht nur aus der Ver­wen­dung des­sel­ben Begriffs, son­dern auch aus dem rechts­sys­te­ma­ti­schen und teleo­lo­gi­schen Zusam­men­hang bei­der Vor­schrif­ten. Wäh­rend § 69 BPersVG die übli­che Form der Mit­be­stim­mung regelt, bei wel­cher der Per­so­nal­rat auf Vor­ha­ben des Dienst­stel­len­lei­ters reagiert, gestat­tet § 70 BPersVG dem Per­so­nal­rat die Aus­übung des Mit­be­stim­mungs­rechts in akti­ver Form dort, wo der Dienst­stel­len­lei­ter untä­tig bleibt. Dabei ändert sich der Inhalt des Mit­be­stim­mungs­rechts nicht [1]. Die vom Per­so­nal­rat im Wege des Initia­tiv­rechts ange­streb­te und durch­setz­ba­re Ent­schei­dung des Dienst­stel­len­lei­ters muss daher eben­falls den Anfor­de­run­gen des per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Maß­nah­me­be­griffs erfül­len, also auf eine Ver­än­de­rung der Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se oder der Arbeits­be­din­gun­gen abzie­len und darf nicht ledig­lich der Vor­be­rei­tung einer Maß­nah­me die­nen [2].

Dass die Durch­füh­rung einer Gefähr­dungs­ana­ly­se nach § 5 Abs. 1 Arb­SchG nicht der Mit­be­stim­mung nach § 75 Abs. 3 Nr. 11 BPersVG unter­fällt, ist durch den zitier­ten Senats­be­schluss vom 14.10.2002 geklärt. Die dort getrof­fe­ne Aus­sa­ge war nicht auf die Befra­gung der Beschäf­tig­ten im Rah­men der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung nach § 5 Arb­SchG beschränkt, deren Mit­be­stim­mungs­pflich­tig­keit damals Streit­ge­gen­stand war. Sie erfass­te der Sache nach die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ins­ge­samt, wel­che durch die Befra­gung ein­ge­lei­tet wur­de. Nicht nur wegen deren Ergeb­nis­of­fen­heit hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eine Ände­rung der Arbeits­ver­hält­nis­se oder Arbeits­be­din­gun­gen ver­neint. Auch dar­in, dass das Ergeb­nis der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung häu­fig die Ver­än­de­rungs­be­dürf­tig­keit der Arbeits­be­din­gun­gen anzeigt, hat er noch kei­ne Ver­än­de­rung der Arbeits­be­din­gun­gen selbst erblickt [3]. Schließ­lich hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­ner Argu­men­ta­ti­on zu § 81 BPersVG zwi­schen einer betei­li­gungs, aber nicht mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Vor­be­rei­tungs­pha­se, als wel­che sich der Erkennt­nis­pro­zess nach §§ 5, 6 Arb­SchG dar­stellt, und der Ent­schei­dungs­pha­se unter­schie­den, auf wel­che sich die Mit­be­stim­mung kon­zen­triert [4]

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat im Beschluss vom 14. Okto­ber 2002 auf­ge­zeigt, dass bei feh­len­der Mit­be­stim­mungs­pflich­tig­keit der Gefähr­dungs­ana­ly­se die Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats bei der Ver­hü­tung von Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gun­gen kei­nes­wegs leer­läuft. Der Per­so­nal­rat kann die Zustim­mung zu Maß­nah­men des Gesund­heits­schut­zes mit der Begrün­dung ver­wei­gern, die­se sei­en wegen Män­gel einer zuvor durch­ge­führ­ten Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung unzu­rei­chend [5]. Hat der Dienst­stel­len­lei­ter nach durch­ge­führ­ter Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von Maß­nah­men des Gesund­heits­schut­zes über­haupt abge­se­hen, so kann der Per­so­nal­rat im Wege des Initia­tiv­rechts nach § 70 Abs. 1 Satz 1 BPersVG bean­tra­gen, Maß­nah­men zu ergrei­fen, die nach Maß­ga­be einer män­gel­frei­en Gefähr­dungs­ana­ly­se zu tref­fen sind [6]. Damit ver­gleich­bar ist die hier in Rede ste­hen­de Fall­ge­stal­tung, in wel­cher der Dienst­stel­len­lei­ter bereits von der Durch­füh­rung einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung absieht. In die­sen Fäl­len kann der Initia­tiv­an­trag des Per­so­nal­rats dar­auf gerich­tet sein, Maß­nah­men des Gesund­heits­schut­zes nach Maß­ga­be einer durch­zu­füh­ren­den Gefähr­dungs­ana­ly­se zu tref­fen. Dar­über muss der Dienst­stel­len­lei­ter in der Sache ent­schei­den. Lehnt er den Initia­tiv­an­trag ab, so geht die Ange­le­gen­heit nach Maß­ga­be von § 69 Abs. 3 und 4 BPersVG in das Stu­fen- bzw. Eini­gungs­stel­len­ver­fah­ren über (§ 70 Abs. 1 Satz 2 BPersVG).

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 5. März 2012 – 6 PB 25.11

  1. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 24.10.2001 – 6 P 13.00, BVerw­GE 115, 205, 210 f. = Buch­holz 251.7 § 66 NWPersVG Nr. 5 S. 5, vom 29.09.2004 – 6 P 4.04, Buch­holz 251.5 § 69 HePersVG Nr. 1 S. 2 f. und vom 28.05.2009 – 6 PB 5.09, Buch­holz 251.0 § 79 BaWü­PersVG Nr. 18 Rn. 9[]
  2. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 14.10.2002 a.a.O. S. 33 und vom 05.11.2010 – 6 P 18.09, Buch­holz 251.95 § 51 MBGSH Nr. 7 Rn. 11[]
  3. BVerwG, a.a.O. S. 33 f.[]
  4. BVerwG, a.a.O. S. 35 f.[]
  5. BVerwG, a.a.O. S. 36[]
  6. BVerwG, a.a.O. S. 37[]