Orts­kräf­te – mi­li­tä­ri­sche Dienst­stel­len der Bun­des­wehr in einem an­de­ren Na­tostaat

Orts­kräf­te im Sin­ne von § 91 Abs. 1 Nr. 1 BPers­VG sind Per­so­nen, die nicht von einer Dienst­stel­le im In­land ent­sandt, son­dern von einer Aus­lands­dienst­stel­le an Ort und Stel­le ein­ge­stellt wor­den sind [1]. Für die Abgren­zung kommt es auf die Staats­an­ge­hö­rig­keit nicht an. Vor­schlä­ge im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren, deut­schen Orts­kräf­ten das akti­ve Wahl­recht zu den Per­so­nal­rä­ten bei den Aus­lands­dienst­stel­len des Bun­des zu gewäh­ren, hat der Gesetz­ge­ber aus­drück­lich ver­wor­fen (vgl. BT-Drucks 7/​1373 S. 7 zu § 84).

Orts­kräf­te – mi­li­tä­ri­sche Dienst­stel­len der Bun­des­wehr in einem an­de­ren Na­tostaat

Für die Abgren­zung des Per­so­nen­krei­ses bei mili­tä­ri­schen Dienst­stel­len der Bun­des­wehr in einem ande­ren Nato-Ver­trags­staat ist auf Art. I Abs. 1 Buchst. b des Nato-Trup­pen­sta­tuts (NTS) einer­seits und Art. IX Abs. 4 NTS ande­rer­seits abzu­stel­len [2].

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts lie­gen die Unter­schie­de zwi­schen den in Art. I Abs. 1 Buchst. b NTS genann­ten Zivil­be­diens­te­ten zu den in Art. IX Abs. 4 NTS genann­ten zivi­len Arbeit­neh­mern allein dar­in, dass die zuerst Genann­ten die Trup­pe einer Ver­trags­par­tei beglei­ten, wäh­rend die zivi­len Arbeit­neh­mer im Sin­ne von Art. IX Abs. 4 NTS im Auf­nah­me­staat „requi­riert“ wer­den, um den ört­li­chen Bedarf der Trup­pe an zivi­len Arbeits­kräf­ten zu decken. Jede bei der Trup­pe beschäf­tig­te Zivil­per­son kann ent­we­der nur zu den die Trup­pe beglei­ten­den Zivil­per­so­nen oder nur zu den ört­li­chen Arbeits­kräf­ten im Sin­ne von Art. IX Abs. 4 NTS gehö­ren. Der Ent­sen­de­staat hat die Befug­nis, zu bestim­men, wer zu dem die Trup­pe beglei­ten­den Zivil­per­so­nal gehört. Mit die­ser Ent­schei­dung ist gleich­zei­tig fest­ge­legt, dass die Per­son nicht zu den ört­li­chen Arbeits­kräf­ten gehört. Zu den bei der Trup­pe Beschäf­tig­ten und die­se beglei­ten­den Zivil­per­so­nen gehö­ren nicht nur Per­so­nen, die bei der Trup­pe schon beschäf­tigt waren, als die­se in den Auf­nah­me­staat ent­sandt wur­de. Sol­che Per­so­nen kön­nen viel­mehr auch nach der Ent­sen­dung neu ein­ge­stellt wer­den [3].

Die vor­be­zeich­ne­te Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts fügt sich ein in das bereits durch § 91 Abs. 1 Nr. 1 BPersVG vor­ge­ge­be­ne Ver­ständ­nis, wonach zwi­schen ent­sand­tem und an Ort und Stel­le ein­ge­stell­tem Per­so­nal zu unter­schei­den ist. Zwar gestat­tet das Regel­werk des Nato-Trup­pen­sta­tuts es dem Ent­sen­de­staat, auch eine Per­son mit gewöhn­li­chem Auf­ent­halt im Auf­nah­me­staat dem die Trup­pe beglei­ten­den Zivil­per­so­nal zuzu­ord­nen. Dafür bedarf es jedoch einer posi­ti­ven Ent­schei­dung. Sie kann nicht schon dar­an erblickt wer­den, dass das Arbeits­ver­hält­nis ohne Ein­schal­tung der Arbeits­ver­mitt­lungs­stel­len des Auf­nah­me­staa­tes zu Stan­de gekom­men ist. Die dar­auf bezo­ge­ne Bestim­mung in Art. IX Abs. 4 Satz 1 NTS ent­hält nach Wort­laut, Sys­te­ma­tik und Sinn­ge­halt kein Defi­ni­ti­ons­merk­mal für die ört­li­chen Arbeits­kräf­te, son­dern regelt Rech­te und Pflich­ten der Ver­trags­par­tei­en, ins­be­son­de­re die Pflicht der Ent­sen­de­staa­ten, ihren Bedarf an zivi­len Bediens­te­ten in einem mög­lichst gro­ßem Umfang durch ört­lich requi­rier­te zivi­le Arbeits­kräf­te zu decken [4].

Im hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall bele­gen die vor­ge­leg­ten Ein­zel- und Mus­ter­ar­beits­ver­trä­ge ein­deu­tig, dass die zustän­di­ge deut­sche Dienst­stel­le die hier in Rede ste­hen­den in den USA ein­ge­stell­ten zivi­len Mit­ar­bei­ter den Orts­kräf­ten zuge­ord­net hat. Die­se Mit­ar­bei­ter wur­den danach ame­ri­ka­ni­schem Arbeits­recht unter­stellt, womit die­je­ni­ge Rechts­fol­ge aus­ge­spro­chen ist, die für ört­li­che zivi­le Arbeits­kräf­te nach Art. IX Abs. 4 Satz 2 NTS vor­ge­se­hen ist. Jeden­falls in einem der­ar­ti­gen Fall kön­nen sol­che Arbeits­kräf­te nicht allein wegen punk­tu­el­ler Bezü­ge zum deut­schen Recht (Gerichts­stand, Sozi­al­ver­si­che­rungs- und Steu­er­recht) den Sta­tus des ent­sand­ten, die Trup­pe beglei­ten­den Zivil­per­so­nals erlan­gen.

Die für die Ein­stu­fung nach § 91 Abs. 1 Nr. 1 BPersVG maß­geb­li­che Sta­tus­ent­schei­dung der zustän­di­gen Dienst­stel­le ist ein­sei­tig. Wel­cher Art die­se Wil­lens­ent­schlie­ßung ist, ist anhand aller in Betracht zu zie­hen­den tat­säch­li­chen Umstän­de zu beur­tei­len. Dazu gehört auch die Aus­ge­stal­tung der Arbeits­ver­trä­ge. Ob die­se nach Maß­ga­be des anzu­wen­den­den Rechts wirk­sam sind, ist eine nach­ge­la­ger­te Fra­ge, die sich erst stellt, wenn die vor­ran­gig zu beant­wor­ten­de Sta­tus­fra­ge geklärt ist. Die dahin­ge­hen­de Ent­schei­dung der Dienst­stel­le dar­über, ob die Mit­ar­bei­ter dem ent­sand­ten Per­so­nal oder den Orts­kräf­ten ange­hö­ren, hat unab­hän­gig davon Bestand, ob die Arbeits­ver­trä­ge mit Nor­men des deut­schen Indi­vi­du­al- und Kol­lek­tiv­ar­beits­rechts (z.B. § 307 BGB, § 75 Abs. 3 BPersVG) im Ein­klang ste­hen.

Dem Bei­tritt der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zum Nato-Trup­pen­sta­tut hat der Bun­des­ge­setz­ge­ber gemäß Art. 1 Abs. 1 des Geset­zes vom 18. August 1961, BGBl II S. 1383, zuge­stimmt. Damit gehört das Nato-Trup­pen­sta­tut zum Bun­des­recht, das von deut­schen Gerich­ten aus­zu­le­gen und anzu­wen­den ist (Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG). Dabei haben die Gerich­te – selbst­ver­ständ­lich – zu beach­ten, dass die eng­li­sche und fran­zö­si­sche Fas­sung des Abkom­mens ver­bind­lich ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 9. März 2012 – 9 PB 27.11

  1. vgl. Alt­va­ter, in: Altvater/​Baden/​Kröll/​Lemcke/​Peiseler, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, 7. Aufl. 2011, § 91 Rn. 9; Schlat­mann, in: Lorenzen/​Etzel/​Gerhold/​Schlatmann/​Rehak/​Faber, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, § 91 Rn. 10; Ilbertz/​Widmaier, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, 11. Aufl. 2008, § 91 Rn. 3; Kers­ten, in: Richardi/​Dörner/​Weber, Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht, 3. Aufl. 2008, § 91 Rn. 3; Fischer/​Goeres/​Gronimus, in: GKÖD Band V, K § 91 Rn. 8; eben­so zu Mit­ar­bei­tern des WDR im ARD-Stu­dio Brüs­sel: Beschluss vom 10. Novem­ber 2005 – BVerwG 6 PB 14.05 – Buch­holz 251.7 § 5 NWPersVG Nr. 2 Rn. 3[]
  2. eben­so Fischer/​Goeres/​Gronimus, a.a.O. K § 91 Rn. 8[]
  3. vgl. BAG, Beschlüs­se vom 12.02.1985 – 1 ABR 3/​83, BAGE 48, 81, 90 ff.; vom 17.10.1990 – 5 AZR 645/​89; vom 27.02.1997 – 2 AZR 361/​96; vom 28.05.2002 – 1 ABR 35/​01, BAGE 101, 232, 236 ff.; und vom 18.05.2006 – 2 AZR 245/​05[]
  4. vgl. BAG, Beschluss vom 18.05.2006, a.a.O.[]