Per­so­nal­rats­wahl bei der Bun­des­wehr und die Antrags­be­fug­nis eines Berufs­ver­ban­des

Ein Berufs­ver­band für die Sol­da­ten der Bun­des­wehr ist nicht berech­tigt, im per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Beschluss­ver­fah­ren fest­stel­len zu las­sen, dass in eine Per­so­nal­rats­wahl bei einer mili­tä­ri­schen Dienst­stel­le Sol­da­ten einer bestimm­ten Unter­glie­de­rung ein­zu­be­zie­hen sind.

Per­so­nal­rats­wahl bei der Bun­des­wehr und die Antrags­be­fug­nis eines Berufs­ver­ban­des

Nach den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 11. Mai 1962 1 und vom 8. Juni 1962 2 sind Gewerk­schaf­ten, auch soweit sie in der Dienst­stel­le ver­tre­ten sind, kei­ne Orga­ne der Per­so­nal­ver­tre­tung. Als außer­halb der Dienst­stel­le ste­hen­de Orga­ni­sa­tio­nen sind ihre Befug­nis­se im Bereich der Per­so­nal­ver­tre­tung aus­drück­lich und abschlie­ßend gere­gelt. Die­se Befug­nis­se kön­nen nicht im Wege der Ana­lo­gie über den gesetz­lich abge­steck­ten Rah­men hin­aus erwei­tert wer­den. Den Gewerk­schaf­ten kann daher nicht auch dort die Legi­ti­ma­ti­on zur Ein­lei­tung eines Beschluss­ver­fah­rens zuge­stan­den wer­den, wo dies nicht aus­drück­lich vor­ge­schrie­ben ist 3. Nach dem Beschluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 8. Juli 1977 4 ergibt sich die Betei­li­gung im per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Beschluss­ver­fah­ren aus mate­ri­el­lem Recht. Es kommt dar­auf an, ob Befug­nis­se oder Pflich­ten, die das Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht Stel­len, Per­so­nen­grup­pen oder ein­zel­nen Per­so­nen gewährt oder auf­er­legt, unmit­tel­bar durch die begehr­te Ent­schei­dung betrof­fen wer­den. Nur wer Betei­lig­ter in einem Beschluss­ver­fah­ren sein kann, ist zur Antrag­stel­lung berech­tigt 5.

Einen Rechts­satz, wonach § 25 BPers­VG eine Sperr­wir­kung des Inhalts zukommt, dass eine Gewerk­schaft die ihr nach dem Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz zuste­hen­den Rech­te vor Abschluss einer Per­so­nal­rats­wahl nicht ver­fol­gen kann, hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ent­ge­gen der Annah­me des Antrag­stel­lers weder den zitier­ten Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ent­nom­men noch von sich aus auf­ge­stellt. Es hat viel­mehr den Antrag­stel­ler dar­auf ver­wie­sen, die ihm im Zusam­men­hang mit der Neu­wahl oder erst­ma­li­gen Wahl eines Per­so­nal­rats zuste­hen­den spe­zi­el­len Rech­te wahr­zu­neh­men. Die Befug­nis, die­se Rech­te auch vor einer Per­so­nal­rats­wahl not­falls gericht­lich durch­zu­set­zen, hat es ihm nicht abge­spro­chen. Ver­neint hat es frei­lich – im Ein­klang mit der zitier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts – ein all­ge­mei­nes Kon­troll­recht des Antrag­stel­lers und damit die von die­sem im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren in Anspruch genom­me­ne Befug­nis, den per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Sta­tus der in Rede ste­hen­den Dienst­stel­le gericht­lich klä­ren zu las­sen.

In dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war die Fra­ge ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob der Antrag­stel­ler als Berufs­ver­band für die Sol­da­ten der Bun­des­wehr berech­tigt ist, im per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Beschluss­ver­fah­ren fest­stel­len zu las­sen, dass in eine Per­so­nal­rats­wahl bei einer mili­tä­ri­schen Dienst­stel­le Sol­da­ten einer bestimm­ten Unter­glie­de­rung ein­zu­be­zie­hen sind? Die­se Fra­ge hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ein­deu­tig ver­neint, wie sich bereits aus der zitier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ergibt. Den in der Dienst­stel­le ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten sind in einer Rei­he von gesetz­li­chen Bestim­mun­gen spe­zi­el­le per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­che Auf­ga­ben und Befug­nis­se ein­ge­räumt, die auf die Bil­dung, Unter­stüt­zung und Kon­trol­le einer funk­ti­ons­fä­hi­gen Per­so­nal­ver­tre­tung aus­ge­rich­tet sind 6. Die­se Auf­ga­ben und Befug­nis­se sind abschlie­ßend und erschöp­fend. Sie las­sen sich ent­ge­gen der Annah­me des Antrag­stel­lers nicht in der Wei­se "bün­deln", dass aus ihnen ein all­ge­mei­nes Kon­troll­recht der Gewerk­schaf­ten auf Ein­hal­tung der per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Bestim­mun­gen her­ge­lei­tet wer­den kann. Eine § 18 Abs. 2 BetrVG ver­gleich­ba­re Bestim­mung, der es Gewerk­schaf­ten gestat­tet, die Per­so­nal­rats­fä­hig­keit einer Dienst­stel­le gericht­lich klä­ren zu las­sen, ent­hält das Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz nicht.

In einem Fall wie dem vor­lie­gen­den ist der Antrag­stel­ler nicht zur Untä­tig­keit ver­ur­teilt. Besteht in einer per­so­nal­rats­fä­hi­gen Dienst­stel­le kein Per­so­nal­rat und gelingt die Wahl eines Wahl­vor­stan­des nach § 21 Satz 1 BPers­VG nicht, so kann eine in der Dienst­stel­le ver­tre­te­ne Gewerk­schaft vom Dienst­stel­len­lei­ter die Bestel­lung eines Wahl­vor­stan­des ver­lan­gen (§ 22 BPers­VG). Kommt der Dienst­stel­len­lei­ter die­ser Ver­pflich­tung nicht nach, so kann die antrags­be­rech­tig­te Gewerk­schaft ihr Begeh­ren im per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Beschluss­ver­fah­ren wei­ter ver­fol­gen 7. Die­se Vor­ge­hens­wei­se muss im Fal­le des Antrag­stel­lers nicht an dem Merk­mal "in der Dienst­stel­le ver­tre­te­ne Gewerk­schaft" schei­tern. Er ist antrags­be­fugt, wenn er mit beacht­li­chen Grün­den die Ein­be­zie­hung von Sol­da­ten in die Per­so­nal­rats­wahl gel­tend macht und wenigs­tens einer der betrof­fe­nen Sol­da­ten Mit­glied ist 8. Ob die Sol­da­ten tat­säch­lich ein­zu­be­zie­hen sind, ist eine Fra­ge der Begründ­etheit des Begeh­rens, und zwar sowohl mit Blick auf die Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on des Antrag­stel­lers als auch hin­sicht­lich der Fra­ge, ob der Dienst­stel­len­lei­ter statt eines drei­köp­fi­gen einen fünf­köp­fi­gen Wahl­vor­stand zu bestel­len hat (§§ 48, 49 Abs. 1 Satz 1, § 51 Abs. 1 Satz 2 SBG i.V.m. § 20 Abs. 1 Satz 1 BPers­VG). Der Erfolg die­ses Vor­ge­hens ist letzt­lich davon abhän­gig, dass sich in hin­rei­chen­der Anzahl Dienst­stel­len­an­ge­hö­ri­ge bereit­fin­den, das Amt eines Mit­glieds im Wahl­vor­stand zu über­neh­men 9.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 16. Dezem­ber 2010 – 6 PB 18.10

  1. BVerwG, Beschluss vom 11.05.1962 – 7 P 6.61, BVerw­GE 14, 153 = Buch­holz 238.3 § 22 Pers­VG Nr. 4[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 08.06.1962 – 7 P 7.61, BVerw­GE 14, 241 = Buch­holz 238.3 § 22 Pers­VG Nr. 5[]
  3. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 11.05.1962, a.a.O., S. 155 f. bzw. S. 7; und vom 08.06.1962, a.a.O., S. 243 f. bzw. S. 10; eben­so BVerwG, Beschlüs­se vom 18.01.1990 – 6 P 8.88, Buch­holz 251.0 § 9 BaWü­Pers­VG Nr. 5 S. 4; und vom 27.09.1990 – 6 P 23.88, Buch­holz 250 § 33 BPers­VG Nr. 4 S. 2[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 08.07.1977 – 7 P 28.75, BVerw­GE 54, 172 = Buch­holz 238.32 § 91 Bln­Pers­VG Nr. 1[]
  5. BVerwG, a.a.O. S. 172 f. bzw. S. 2 f.[]
  6. vgl. BVerwG, Beschluss vom 25.07.2006 – 6 P 17.05, Buch­holz 251.7 § 125 NWPers­VG Nr. 1 Rn. 16[]
  7. vgl. Schlat­mann, in: Lorenzen/​Etzel/​Gerhold/​Schlatmann/​Rehak/​Faber, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, § 22 Rn. 6; Altvater/​Hamer/​Kröll/​Lemcke/​Peiseler, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, 6. Aufl. 2008, § 22 Rn. 2a; Fischer/​Goeres/​Gronimus, in: GKÖD Bd. V K § 22 Rn. 7; Ilbertz/​Widmaier, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, 11. Aufl. 2008, § 22 Rn. 6[]
  8. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 25.07.2006, a.a.O., Rn. 17; vom 08.10.2007 – 6 P 2.07, Buch­holz 449.7 § 2 SBG Nr. 6 Rn. 13; und vom 26.11.2008 – 6 P 7.08, BVerw­GE 132, 276 = Buch­holz 250 § 86 BPers­VG Nr. 6 Rn. 13[]
  9. vgl. Fischer/​Goeres/​Groni­mus, a.a.O. K § 22 Rn. 2; Schlat­mann, a.a.O. § 22 Rn. 5; Alt­va­ter u.a., a.a.O. § 22 Rn. 2[]