Poli­zis­ten­ma­lus beim Kol­le­gen­dieb­stahl

Die Stel­lung als Po­li­zei­be­am­ter kann bei der Ge­samt­wür­di­gung er­schwe­rend be­rück­sich­tigt wer­den, wenn der Pflich­ten­ver­stoß einen Bezug zu die­ser Stel­lung auf­weist.

Poli­zis­ten­ma­lus beim Kol­le­gen­dieb­stahl

Wel­che Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me im Ein­zel­fall erfor­der­lich ist, rich­tet sich gemäß § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG nach der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens unter ange­mes­se­ner Berück­sich­ti­gung der Per­sön­lich­keit des Beam­ten und des Umfangs der durch das Dienst­ver­ge­hen her­bei­ge­führ­ten Ver­trau­ens­be­ein­träch­ti­gung. Der Bedeu­tungs­ge­halt die­ser gesetz­li­chen Begrif­fe ist in der Recht­spre­chung des Senats geklärt [1]. Danach müs­sen die sich aus § 13 Abs. 1 Satz 2 bis 4 BDG erge­ben­den Bemes­sungs­kri­te­ri­en mit dem ihnen im Ein­zel­fall zukom­men­den Gewicht ermit­telt und in die Ent­schei­dung ein­ge­stellt wer­den. Die­ses Erfor­der­nis beruht letzt­lich auf dem im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gel­ten­den Schuld­prin­zip und dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit (Über­maß­ver­bot). Die gegen den Beam­ten aus­ge­spro­che­ne Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me muss unter Berück­sich­ti­gung aller belas­ten­den und ent­las­ten­den Umstän­de des Ein­zel­falls in einem gerech­ten Ver­hält­nis zur Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens und zum Ver­schul­den des Beam­ten ste­hen [2].

Wie § 13 Abs. 1 Satz 2 BDG durch die Ver­wen­dung des Wor­tes „ins­be­son­de­re“ zum Aus­druck bringt, ist die Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens maß­ge­ben­des Bemes­sungs­kri­te­ri­um für die Bestim­mung der erfor­der­li­chen Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me. Dies bedeu­tet, dass das fest­ge­stell­te Dienst­ver­ge­hen nach sei­ner Schwe­re einer der im Kata­log des § 5 BDG auf­ge­führ­ten Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me zuzu­ord­nen ist. Für die Bestim­mung der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens hat die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts gene­rel­le Maß­stä­be für ein­zel­ne Fall­grup­pen ent­wi­ckelt [3].

Für die Fall­grup­pe der Zugriffs­de­lik­te, d.h. für die Ver­un­treu­ung dienst­lich anver­trau­ter Gel­der und Güter, ist die Ent­fer­nung aus dem Beam­ten­ver­hält­nis grund­sätz­lich Richt­schnur für die Maß­nah­me­be­stim­mung, wenn die ver­un­treu­ten Beträ­ge oder Wer­te ins­ge­samt die Schwel­le der Gering­wer­tig­keit deut­lich über­stei­gen. Der Kol­le­gen­dieb­stahl ist hin­sicht­lich sei­ner Schwe­re der Ver­un­treu­ung amt­lich anver­trau­ter Gel­der ver­gleich­bar [4].

Davon aus­ge­hend kommt es für die Bestim­mung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me dar­auf an, ob Erkennt­nis­se zum Per­sön­lich­keits­bild des Beam­ten und zum Umfang der Ver­trau­ens­be­ein­träch­ti­gung nach § 13 Abs. 1 Satz 3 und 4 BDG im Ein­zel­fall der­art ins Gewicht fal­len, dass eine ande­re als die durch die Schwe­re indi­zier­te Maß­nah­me gebo­ten ist [5]. Des­halb dür­fen die nach der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens ange­zeig­ten Regel­ein­stu­fun­gen nicht sche­ma­tisch ange­wandt wer­den.

Je schwer­wie­gen­der das Dienst­ver­ge­hen oder die mit ihm ein­her­ge­hen­de Ver­trau­ens­be­ein­träch­ti­gung ist, umso gewich­ti­ger müs­sen die sich aus dem Per­sön­lich­keits­bild erge­ben­den mil­dern­den Umstän­de sein, um gleich­wohl eine ande­re Maß­nah­me zu recht­fer­ti­gen [6]. Umge­kehrt kön­nen Gesichts­punk­te des Per­sön­lich­keits­bil­des oder eine beson­de­re Ver­trau­ens­be­ein­träch­ti­gung die Ent­fer­nung aus dem Beam­ten­ver­hält­nis recht­fer­ti­gen, obwohl die­se Maß­nah­me nach der Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens für sich genom­men nicht indi­ziert ist.

Das Bemes­sungs­kri­te­ri­um „Umfang der Beein­träch­ti­gung des Ver­trau­ens des Dienst­herrn oder der All­ge­mein­heit“ gemäß § 13 Abs. 1 Satz 4 BDG erfor­dert eine Wür­di­gung des Fehl­ver­hal­tens des Beam­ten im Hin­blick auf sei­nen all­ge­mei­nen Sta­tus, sei­nen Tätig­keits­be­reich inner­halb der Ver­wal­tung und sei­ne kon­kret aus­ge­üb­te Funk­ti­on [7]. Maß­stab ist hier­bei, in wel­chem Umfang die All­ge­mein­heit dem Beam­ten noch Ver­trau­en in eine zukünf­tig pflicht­ge­mä­ße Amts­aus­übung ent­ge­gen­brin­gen kann, wenn ihr das Dienst­ver­ge­hen ein­schließ­lich der belas­ten­den und ent­las­ten­den Umstän­de bekannt wür­de [8]. Die Prü­fung, ob der betref­fen­de Beam­te im Beam­ten­ver­hält­nis ver­blei­ben darf, hat sich auf sein Amt als Gan­zes und nicht nur auf einen begrenz­ten Tätig­keits­be­reich (Amt im funk­tio­nel­len Sin­ne) zu bezie­hen [9].

Die Stel­lung als Poli­zei­be­am­ter kann sich für die Bewer­tung außer­dienst­li­chen Ver­hal­tens erschwe­rend aus­wir­ken, wenn ein Bezug zur Dienst­aus­übung des Beam­ten gege­ben ist [10]. Ent­spre­chen­des gilt für inner­dienst­li­che Pflicht­ver­let­zun­gen, die unter Aus­nut­zung der dienst­li­chen Stel­lung began­gen wer­den [11]. Dage­gen hängt die dis­zi­pli­na­ri­sche Bewer­tung eines Kol­le­gen­dieb­stahls nicht davon ab, wel­cher Lauf­bahn oder wel­chem Ver­wal­tungs­zweig der Beam­te ange­hört oder wel­che dienst­li­chen Auf­ga­ben er wahr­nimmt. Der Kol­le­gen­dieb­stahl ist hin­sicht­lich sei­ner Schwe­re im Grund­satz des­halb der Ver­un­treu­ung amt­lich anver­trau­ter Gel­der ver­gleich­bar, weil der Dienst­herr sich auch hier auf die Ehr­lich­keit sei­ner Bediens­te­ten ver­las­sen kön­nen muss. Ein Dieb­stahl zum Nach­teil eines Kol­le­gen belas­tet das Betriebs­kli­ma und stört den Arbeits­frie­den und damit letzt­lich die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Ver­wal­tung in schwer­wie­gen­der Wei­se [12]. Inso­fern macht es kei­nen Unter­schied, ob ein Poli­zei­be­am­ter oder ein Beam­ter aus einem ande­ren Ver­wal­tungs­zweig sei­ne Kol­le­gen bestiehlt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 25. Juli 2013 – 2 C 63.11

  1. BVerwG, Urteil vom 20.10.2005 – 2 C 12.04, BVerw­GE 124, 252, 258 ff. = Buch­holz 235.1 § 13 BDG Nr. 1 S. 5; seit­dem stRspr; vgl. zuletzt Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 62.11 – Rn. 39 ff.[]
  2. vgl. grund­le­gend BVerwG, Urteil vom 20.10.2005, a.a.O. S. 258 f. bzw. S. 5; stRspr[]
  3. BVerwG, Urtei­le vom 20.10.2005, a.a.O. S. 258 f. bzw. S. 6; und vom 03.05.2007 – 2 C 9.06, a.a.O. Rn.20; zuletzt vom 28.07.2011 – 2 C 16.10, BVerw­GE 140, 185 = Buch­holz 235.2 LDis­zi­pli­narG Nr. 18, jeweils Rn. 29; und vom 28.02.2013 a.a.O. Rn. 39 f.[]
  4. BVerwG, Urtei­le vom 20.10.2005 a.a.O. S. 260 ff., vom 03.05.2007 – 2 C 9.06, a.a.O. Rn. 21 und – 2 C 30.05 – Rn. 30, inso­weit nicht abge­druckt in Buch­holz 310 § 108 Abs. 1 VwGO Nr. 50, vom 15.10.2007 – 2 C 43.07 – Rn.19, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in Buch­holz 235.1 § 65 BDG Nr. 2, vom 29.05.2008 – 2 C 59.07 – Rn. 21, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in Buch­holz 235.1 § 70 BDG Nr. 3; zuletzt vom 23.02.2012 – 2 C 38.10, NVwZ-RR 2012, 479 ff., zur Ver­öf­fent­li­chung in der Ent­schei­dungs­samm­lung Buch­holz vor­ge­se­hen, Rn. 12, stRspr[]
  5. BVerwG, Urtei­le vom 20.10.2005 a.a.O. S. 259 f. bzw. S. 6, vom 03.05.2007- 2 C 9.06, a.a.O. Rn.20, zuletzt vom 28.07.2011 – 2 C 16.10, a.a.O. Rn. 29, vom 28.02.2013 – 2 C 3.12 – Rn. 26 f. = NVwZ 2013, 1087; und – 2 C 62.11, NVwZ-RR 2013, 693; stRspr[]
  6. stRspr; BVerwG, Urtei­le vom 20.10.2005 a.a.O. S. 261 ff. bzw. S. 7 ff., vom 03.05.2007 – 2 C 9.06, a.a.O. Rn. 21 ff.; vom 24.05.2007 – 2 C 25.06, Buch­holz 235.1 § 13 BDG Nr. 4 Rn. 22 und vom 28.02.2013 a.a.O. Rn. 40; zuletzt Urtei­le vom 28.02.2013 – 2 C 3.12, a.a.O. Rn. 33 und – 2 C 62.11, a.a.O. Rn. 46[]
  7. BVerwG, Urteil vom 03.05.2007 – 2 C 30.05 – Rn. 24, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in Buch­holz 310 § 108 Abs. 1 VwGO Nr. 50[]
  8. grund­le­gend BVrwG, Urteil vom 20.10.2005 a.a.O. S. 260 bzw. S. 7, seit­dem stRspr; zuletzt Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 62.11, a.a.O. Rn. 56[]
  9. BVerwG, Urteil vom 22.05.1996 – 1 D 72.95, Buch­holz 232 § 54 Satz 3 BBG Nr. 6 S. 17 m.w.N.[]
  10. stRspr; vgl. z.B. Beschlüs­se vom 21.12.2010 – 2 B 29.10, Buch­holz 232 § 77 BBG Nr. 32 Rn. 5 ff., vom 25.05.2012 – 2 B 133.11, NVwZ-RR 2012, 607 Rn. 9 m.w.N. und vom 05.04.2013 – 2 B 79.11[]
  11. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 23.02.2012 – 2 C 38.10, NVwZ-RR 2012, 479 ff. Rn. 16; und vom 28.02.2013 – 2 C 3.12, a.a.O. Rn. 31 ff., 36[]
  12. stRspr; zuletzt Urteil vom 29.05.2008 – 2 C 59.07 – Rn. 21, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in Buch­holz 235.1 § 70 BDG Nr. 3 m.w.N.[]