Recht­li­ches Gehör – und die Erfor­der­lich­keit einer münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Wehr­dienst­ge­richt

Mit der Erfor­der­lich­keit einer münd­li­chen Ver­hand­lung gemäß § 18 Abs. 2 Satz 3 WBO im Ver­fah­ren vor dem Wehr­dienst­ge­richt hat­te sich jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Rah­men einer Anhö­rungs­rü­ge zu befas­sen:

Recht­li­ches Gehör – und die Erfor­der­lich­keit einer münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Wehr­dienst­ge­richt

Im gericht­li­chen Wehr­be­schwer­de­ver­fah­ren gilt nicht die Rege­lung des § 101 Abs. 1 und 2 VwGO, der zufol­ge das Ver­wal­tungs­ge­richt, soweit nichts ande­res bestimmt ist, auf Grund münd­li­cher Ver­hand­lung ent­schei­det und es nur mit Ein­ver­ständ­nis der Betei­lig­ten ohne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schei­den kann. Die­se Vor­schrift wird durch die spe­zi­al­ge­setz­li­che Bestim­mung des § 18 Abs. 2 Satz 3 WBO (hier i.V.m. § 21 Abs. 2 Satz 1 und § 22a Abs. 5 Satz 2 WBO) ver­drängt. Danach ent­schei­det das Wehr­dienst­ge­richt ohne münd­li­che Ver­hand­lung; es kann jedoch eine – dann grund­sätz­lich öffent­li­che 1 – münd­li­che Ver­hand­lung anbe­rau­men, wenn es dies für erfor­der­lich hält. Die Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung ist des­halb nach der gesetz­li­chen Kon­struk­ti­on eben­so wie in der Pra­xis der Wehr­dienst­ge­rich­te der Regel­fall. Die­ses Ver­fah­rens­mo­dell der Wehr­be­schwer­de­ord­nung steht im Ein­klang mit den ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen des effek­ti­ven Rechts­schut­zes (Art.19 Abs. 4 GG) und des recht­li­chen Gehörs 2.

Soweit das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt der gesetz­li­chen Regel fol­gend ohne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schei­det, äußert er sich hier­zu in den Ent­schei­dungs­grün­den nur, aber auch stets dann, wenn der jewei­li­ge Antrag­stel­ler eine münd­li­che Ver­hand­lung unter Anfüh­rung von Grün­den bean­tragt oder ange­regt hat oder er etwa einen Beweis­an­trag gestellt hat, der die Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung nahe­legt 3. Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren hat der Antrag­stel­ler weder bei der Ein­le­gung oder Begrün­dung sei­ner Rechts­be­schwer­de noch im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens, in dem er sich wie­der­holt geäu­ßert hat oder Gele­gen­heit dazu hat­te, die Durch­füh­rung einer münd­li­chen Ver­hand­lung bean­tragt oder ange­regt oder durch einen ent­spre­chen­den Beweis­an­trag nahe­ge­legt. Er hat dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt viel­mehr erst­mals mit den Anhö­rungs­rü­gen die aus sei­ner, des Antrag­stel­lers, Sicht bestehen­de Bedeu­tung einer münd­li­chen Ver­hand­lung dar­ge­legt und deren Nicht­durch­füh­rung im Nach­hin­ein bean­stan­det.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hielt (und hält) eine münd­li­che Ver­hand­lung im vor­lie­gen­den Fall nicht für erfor­der­lich im Sin­ne des § 18 Abs. 2 Satz 3 WBO.

Unter tat­säch­li­chen Gesichts­punk­ten war der wesent­li­che Sach­ver­halt (Haar­tracht des Antrag­stel­lers im März 2009, Inhalt der ange­foch­te­nen Befeh­le) zwi­schen den Betei­lig­ten von Beginn des Ver­fah­rens an unstrei­tig. Davon abge­se­hen hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren (nur) den vom Trup­pen­dienst­ge­richt fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt zugrun­de zu legen 4. Das per­sön­li­che Auf­tre­ten des Antrag­stel­lers im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren hät­te kei­ne wei­ter­ge­hen­den Auf­schlüs­se über sein Aus­se­hen wäh­rend des fast fünf Jah­re zurück­lie­gen­den Zeit­raums sei­nes Wehr­diens­tes gege­ben.

Unter recht­li­chen Gesichts­punk­ten führt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eine münd­li­che Ver­hand­lung vor allem dann durch, wenn es um die Ermitt­lung und Auf­be­rei­tung des sich nicht ohne Wei­te­res erschlie­ßen­den recht­li­chen Mate­ri­als, sei es als Maß­stab oder sei es als Gegen­stand der gericht­li­chen Über­prü­fung, geht; dies betrifft etwa Fäl­le, in denen die maß­geb­li­chen Rechts­nor­men durch eine durch Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten (Zen­tra­le Dienst­vor­schrif­ten, Erlas­se u.a.) gelei­te­te Pra­xis aus­ge­formt und kon­kre­ti­siert wer­den oder die Wir­kungs­wei­se der Nor­men erst im Zusam­men­hang mit der (erläu­te­rungs­be­dürf­ti­gen) Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der Bun­des­wehr deut­lich wird 5. Dem­ge­gen­über ist das recht­li­che "Prü­fungs­pro­gramm" im vor­lie­gen­den Fall durch ver­fas­sungs­recht­li­che Nor­men (ins­be­son­de­re Vor­be­halt des Geset­zes, Frei­heits- und Gleich­heits­grund­rech­te) klar vor­ge­zeich­net. Der Antrag­stel­ler hat sich hier­zu in der Begrün­dung sei­ner Rechts­be­schwer­de wie auch bereits im Ver­fah­ren vor dem Trup­pen­dienst­ge­richt aus­führ­lich und qua­li­fi­ziert geäu­ßert und dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt alle aus sei­ner Sicht wesent­li­chen recht­li­chen Wei­chen­stel­lun­gen und Argu­men­te in die Bera­tung mit­ge­ge­ben; ange­sichts der qua­li­fi­zier­ten schrift­sätz­li­chen Vor­be­rei­tung bie­tet eine bloß zusam­men­fas­sen­de münd­li­che Wie­der­ho­lung des Vor­ge­tra­ge­nen kei­nen zusätz­li­chen recht­li­chen Erkennt­nis­ge­winn.

Abge­se­hen von der nach­fol­gend genann­ten Bean­stan­dung hat der Antrag­stel­ler mit der Anhö­rungs­rü­ge auch nicht gel­tend gemacht, dass das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in dem Beschluss einen ent­schei­dungs­er­heb­li­chen recht­li­chen Gesichts­punkt über­se­hen oder einen über­ra­schen­den neu­en Gesichts­punkt ein­ge­führt hät­te. Soweit der Antrag­stel­ler meint, das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt habe der Bedeu­tung der Haar­tracht für die Iden­ti­tät des Men­schen bei der Prü­fung des Grund­rechts auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) kei­ne genü­gen­de Beach­tung geschenkt, trifft dies nicht zu. Ent­ge­gen der Behaup­tung in der Anhö­rungs­rü­ge 6 ist der dies­be­züg­li­che Vor­trag in der Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zur Kennt­nis genom­men und auch im Tat­be­stand des Beschlus­ses zusam­men­ge­fasst – in sei­ner Kern­aus­sa­ge zudem mit der Wort­wahl des Antrag­stel­lers – wie­der­ge­ge­ben wor­den. Soweit der Antrag­stel­ler nicht damit ein­ver­stan­den ist, dass das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt den Schutz­be­reich des Grund­rechts auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit als nicht berührt ansieht, kann er das Ergeb­nis der mate­ri­el­len recht­li­chen Wür­di­gung nicht mit der Rüge einer Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs in Fra­ge stel­len.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 24. März 2014 – 1 WRB 1.2014 -

  1. sie­he BVerwG, Beschluss vom 26.05.2009 – 1 WB 48.07, BVerw­GE 134, 59 = Buch­holz 449.2 § 2 SLV 2002 Nr. 14, jeweils Rn. 23 ff.[]
  2. vgl. BVerwG, Beschluss vom 30.07.2013 – 1 WB 30.13, Rn. 17 f. m.w.N.[]
  3. vgl. z.B. BVerwG, Beschlüs­se vom 21.03.2013 – 1 WB 67.11, NVwZ-RR 2013, 923 Rn. 15; und vom 30.07.2013 a.a.O. Rn.19 ff.; zur Mög­lich­keit der Beweis­erhe­bung auch bei einer Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung vgl. Beschluss vom 13.08.2008 – 1 WB 45.07, Rn. 18 und 25 ff., inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in Buch­holz 450.1 § 6 WBO Nr. 5[]
  4. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 10.11.2010 – 2 WRB 1.10, Buch­holz 449 § 7 SG Nr. 53 Rn. 8 = NZWehrr 2012, 81; und vom 27.08.2013 – 1 WRB 1.12, Rn. 32[]
  5. sie­he z.B. BVerwG, Beschlüs­se vom 26.05.2009 a.a.O., Ein­füh­rung eines neu­en Sys­tems für die dienst­li­chen Beur­tei­lun­gen der Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten; und vom 21.07.2009 – 1 WB 18.08, BVerw­GE 134, 228 = Buch­holz 449.7 § 47 SBG Nr. 1, Anfech­tung der Wahl zum 5. Gesamt­ver­trau­ens­per­so­nen­aus­schuss[]
  6. Schrift­satz vom 14.02.2014, Sei­te 3, Absatz 2[]