Rück­for­de­rung zuviel gezahl­ter Ver­sor­gungs­be­zü­gen – und der Erlass aus Bil­lig­keits­grün­den

Gemäß § 52 Abs. 2 Satz 3 BeamtVG kann von der Rück­for­de­rung zuviel gezahl­ter Ver­sor­gungs­be­zü­ge aus Bil­lig­keits­grün­den mit Zustim­mung der obers­ten Dienst­be­hör­de oder der von ihr bestimm­ten Stel­le ganz oder teil­wei­se abge­se­hen wer­den. Die inso­fern zu tref­fen­de Bil­lig­keits­ent­schei­dung bezweckt, eine allen Umstän­den des Ein­zel­fal­les gerecht wer­den­de, für die Behör­de zumut­ba­re und für den Besol­dungs­emp­fän­ger trag­ba­re Lösung zu ermög­li­chen, bei der auch Alter, Leis­tungs­fä­hig­keit und sons­ti­ge Lebens­ver­hält­nis­se des Her­aus­ga­be­pflich­ti­gen eine maß­ge­ben­de Rol­le spie­len.

Rück­for­de­rung zuviel gezahl­ter Ver­sor­gungs­be­zü­gen – und der Erlass aus Bil­lig­keits­grün­den

Sie ist Aus­druck des auch im öffent­li­chen Recht gel­ten­den Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben und stellt eine sinn­vol­le Ergän­zung des ohne­hin von dem glei­chen Grund­satz gepräg­ten Rechts der unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung dar, so dass sie vor allem in Fäl­len der ver­schärf­ten Haf­tung von Bedeu­tung ist.

Dabei ist jedoch nicht die gesam­te Rechts­be­zie­hung, aus wel­cher der Berei­che­rungs­an­spruch erwächst, noch­mals unter dem Gesichts­punkt von Treu und Glau­ben zu wür­di­gen, son­dern auf das kon­kre­te Rück­for­de­rungs­be­geh­ren und vor allem auf die Moda­li­tä­ten der Rück­ab­wick­lung und ihre Aus­wir­kun­gen auf die Lebens­um­stän­de des Besol­dungs­emp­fän­gers abzu­stel­len 1.

Bei der Bil­lig­keits­ent­schei­dung ist von beson­de­rer Bedeu­tung, wes­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich die Über­zah­lung zuzu­ord­nen ist und in wel­chem Maße ein Ver­schul­den oder Mit­ver­schul­den hier­für ursäch­lich war. Ein Mit­ver­schul­den der Behör­de an der Über­zah­lung ist in die Ermes­sens­ent­schei­dung ein­zu­be­zie­hen. Des­halb ist aus Grün­den der Bil­lig­keit in der Regel von der Rück­for­de­rung teil­wei­se abzu­se­hen, wenn der Grund für die Über­zah­lung in der über­wie­gen­den behörd­li­chen Ver­ant­wor­tung liegt.

Das ist auch unter Gleich­heits­ge­sichts­punk­ten gebo­ten. Der Besol­dungs­emp­fän­ger, der nur einen unter­ge­ord­ne­ten Ver­ur­sa­chungs­bei­trag für die Über­zah­lung gesetzt hat, muss bes­ser ste­hen als der Besol­dungs­emp­fän­ger, der die Über­zah­lung allein zu ver­ant­wor­ten hat. In die­sen Fäl­len hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ein Abse­hen von der Rück­for­de­rung in der Grö­ßen­ord­nung von 30 Pro­zent des über­zahl­ten Betra­ges als ange­mes­sen ange­se­hen 2.

Nach der Recht­spre­chung des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts ist zwar bei im Rah­men der Mas­sen­ver­wal­tung erfol­gen­den Über­zah­lun­gen, deren Ursa­che ent­we­der in einem Feh­ler des behörd­lich ver­wen­de­ten Com­pu­ter­sys­tems oder aber in einem Ein­ga­be­feh­ler liegt, ohne ein Hin­zu­tre­ten ver­schär­fen­der Umstän­de – etwa bei einem Unbe­merk­tblei­ben des Feh­lers auch bei nach­fol­gen­den Kon­trol­len bzw. Ein­ga­ben in das Sys­tem oder aber über lan­ge Zeit 3 – allen­falls von einem ganz gering­fü­gi­gen Ver­schul­den auf Sei­ten der Behör­de aus­zu­ge­hen, weil es sich bei der­ar­ti­gen Feh­lern um im Rah­men der Mas­sen­ver­wal­tung auch bei Anwen­dung größ­ter Sorg­falt nicht gänz­lich zu ver­mei­den­de Feh­ler han­delt. Für sich genom­men rei­chen sol­che Feh­ler daher nicht aus, um eine Ver­rin­ge­rung des Rück­for­de­rungs­be­trags aus Grün­den der Bil­lig­keit recht­lich gebo­ten erschei­nen zu las­sen. Viel­mehr aktua­li­siert sich bei der­ar­ti­gen Feh­lern die in der Treue­pflicht des Besol­dungs­emp­fän­gers wur­zeln­de Ver­pflich­tung, die ihm erteil­ten Bezü­ge­mit­tei­lun­gen auf ihre Rich­tig­keit zu über­prü­fen und auf Über­zah­lun­gen zu ach­ten.

Die­se Pflicht besteht gera­de im Inter­es­se des Dienst­herrn, der auf auto­ma­ti­sier­te und in gewis­sem Umfang feh­ler­an­fäl­li­ge Sys­te­me zurück­greift und auch des­halb dar­auf ange­wie­sen ist, dass die Besol­dungs­emp­fän­ger ihrer Kon­troll­auf­ga­be eben­falls nach­kom­men 4.

Ein Feh­ler, der dem NLBV im Rah­men des Ver­fah­rens dadurch unter­lau­fen ist, dass es sei­ne eige­ne Akte nicht voll­stän­dig gesich­tet hat, und der zur feh­ler­haf­ten Fest­set­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge geführt hat, ist im vor­lie­gen­den Fall jedoch nicht der Mas­sen­ver­wal­tung zuzu­ord­nen. Denn das Ver­fah­ren, das zu dem Erlass des Beschei­des über die Fest­set­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge geführt hat, hat sich vor­lie­gend über meh­re­re Mona­te mit ver­schie­de­nen Arbeits­schrit­ten erstreckt, bei denen die Ver­sor­gungs­ak­te jeweils her­an­ge­zo­gen und aus­ge­wer­tet wer­den muss­te.

Abge­se­hen davon, dass der Feh­ler, der dem NLBV im Rah­men des Ver­fah­rens unter­lau­fen ist, das zur feh­ler­haf­ten Fest­set­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge geführt hat, nicht der Mas­sen­ver­wal­tung zuzu­ord­nen ist, kommt im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall als ver­schär­fen­der Umstand hin­zu, dass die Beklag­te den Feh­ler erst nach sehr lan­ger Zeit, näm­lich nach 5 Jah­ren und 9 Mona­ten, erkannt hat. Inso­fern ist der vor­lie­gen­de Fall mit den Sach­ver­hal­ten ver­gleich­bar, die den grund­le­gen­den Urtei­len des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 26.04.2012 5 zugrun­de lagen. In den bei­den vor­ge­nann­ten Fäl­len waren die behörd­li­chen Feh­ler über mehr als 8 Jah­re bzw. etwa 10 Jah­re uner­kannt geblie­ben.

Da der Grund für die Über­zah­lung im über­wie­gen­den behörd­li­chen Ver­ant­wor­tungs­be­reich des NLBV lag, der Feh­ler, der dem NLBV im Rah­men des Ver­fah­rens unter­lau­fen ist, das zur feh­ler­haf­ten Fest­set­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge geführt hat, nicht der Mas­sen­ver­wal­tung zuzu­ord­nen ist, und als ver­schär­fen­der Umstand hin­zu kommt, dass die Beklag­te den Feh­ler erst nach 5 Jah­ren und 9 Mona­ten erkannt hat, erscheint dem Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ein Ver­zicht des Dienst­herrn in der Grö­ßen­ord­nung von 30 Pro­zent des nicht ver­jähr­ten Rück­for­de­rungs­an­spruchs ange­mes­sen.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 19. August 2014 – 5 LA 85/​14

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 15.10, a. a. O., Rn 24; Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 4.11, a. a. O., Rn 18; vgl. eben­so Nds. OVG, Beschluss vom 26.09.2012 – 5 LA 233/​119; Beschluss vom 24.07.2013 – 5 LB 85/​1334; Beschluss vom 29.07.2013 – 5 LA 275/​1226; Beschluss vom 03.03.2014 – 5 LA 286/​13; Beschluss vom 05.03.2014 – 5 LA 177/​13[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 15.10, a. a. O., Rn 25 ff.; Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 4.11, a. a. O., Rn 19 ff.[]
  3. so in den Fäl­len BVerwG, Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 15.10, a. a. O.; Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 4.11, a. a. O.[]
  4. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 24.07.2013, a. a. O., Rn 36; Beschluss vom 06.08.2013 – 5 LA 82/​13[]
  5. BVerwG, Urtei­le vom 26.04.2012 – 2 C 15.10 und BVerwG 2 C 4.11, a. a. O.[]