Rück­for­de­rung zuviel gezahl­ter Ver­sor­gungs­be­zü­gen – und die Ver­jäh­rung

Die Ver­jäh­rungs­frist für die Rück­for­de­rung zuviel gezahl­ter Ver­sor­gungs­be­zü­ge beträgt gemäß § 195 BGB drei Jah­re 1. Die Ver­jäh­rungs­frist beginnt mit dem Schluss des Jah­res, in dem der Anspruch ent­stan­den ist und der Gläu­bi­ger von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners (hier: der Klä­ger) Kennt­nis erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te (§ 199 Abs. 1 Nr. 1 und 2 BGB). Bei Behör­den oder öffent­lich-recht­li­chen Kör­per­schaf­ten ist hier­zu auf die Kennt­nis des zustän­di­gen Bediens­te­ten der ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten Behör­de abzu­stel­len; ver­fü­gungs­be­rech­tigt in die­sem Sin­ne sind dabei sol­che Behör­den, denen die Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz für den Rück­for­de­rungs­an­spruch zukommt, wobei die behörd­li­che Zustän­dig­keits­ver­tei­lung zu respek­tie­ren ist 2.

Rück­for­de­rung zuviel gezahl­ter Ver­sor­gungs­be­zü­gen – und die Ver­jäh­rung

Der Rück­for­de­rungs­an­spruch ist jeweils monat­lich im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB ent­stan­den 3.

Der den Rück­for­de­rungs­an­spruch begrün­den­de Umstand ist die unter­blie­be­ne Kür­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge des Klä­gers gemäß § 57 BeamtVG. Es kann dahin­ste­hen, ob das NLBV schon seit dem 1.02.20. posi­ti­ve Kennt­nis im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB von der unter­blie­be­nen Kür­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge hat­te. Denn das NLBV muss sich jeden­falls eine grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB von der unter­blie­be­nen Kür­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge vor­hal­ten las­sen.

Gro­be Fahr­läs­sig­keit setzt einen objek­tiv schwer­wie­gen­den und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­ren Ver­stoß gegen die Anfor­de­run­gen der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt vor­aus. Grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB liegt dem­nach nur vor, wenn dem Gläu­bi­ger die Kennt­nis des­halb fehlt, weil er ganz nahe­lie­gen­de Über­le­gun­gen nicht ange­stellt und nicht beach­tet hat, was im gege­be­nen Fall jedem hät­te ein­leuch­ten müs­sen. Ihm muss per­sön­lich ein schwe­rer Oblie­gen­heits­ver­stoß in sei­ner eige­nen Ange­le­gen­heit der Anspruchs­ver­fol­gung ("Ver­schul­den gegen sich selbst") vor­ge­wor­fen wer­den kön­nen, weil sich ihm die den Anspruch begrün­den­den Umstän­de förm­lich auf­ge­drängt haben, er davor aber letzt­lich die Augen ver­schlos­sen hat. Hier­bei trifft den Gläu­bi­ger gene­rell kei­ne Oblie­gen­heit, im Inter­es­se des Schuld­ners an einem mög­lichst früh­zei­ti­gen Beginn der Ver­jäh­rungs­frist Nach­for­schun­gen zu betrei­ben; viel­mehr muss das Unter­las­sen von Ermitt­lun­gen nach Lage des Fal­les als gera­de­zu unver­ständ­lich erschei­nen, um ein grob fahr­läs­si­ges Ver­schul­den des Gläu­bi­gers beja­hen zu kön­nen 4.

Das NLBV hät­te im Rah­men der Prü­fun­gen, die es vor dem Erlass des Beschei­des über die Fest­set­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge durch­ge­führt hat, bei Anwen­dung der gebo­te­nen Sorg­falt ohne Durch­füh­rung von Nach­for­schun­gen ohne wei­te­res fest­stel­len kön­nen, dass im Fal­le des betrof­fe­nen Ruhe­stands­be­am­ten gemäß § 57 BeamtVG eine Kür­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge hät­te vor­ge­nom­men wer­den müs­sen. Die Ver­sor­gungs­ak­te ist über­schau­bar. Sie dürf­te sei­ner­zeit noch deut­lich über­schau­ba­rer gewe­sen sein. Dem NLBV hät­te im Rah­men der Prü­fun­gen, die es vor dem Erlass des Beschei­des über die Fest­set­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge durch­ge­führt hat, das Schei­dungs­ur­teil des Amts­ge­richts C. unmit­tel­bar "ins Auge sprin­gen" müs­sen. Dass das NLBV vor dem Erlass des Beschei­des über die Fest­set­zung der Ver­sor­gungs­be­zü­ge sowohl das Schei­dungs­ur­teil des Amts­ge­richts C. als auch die Mit­tei­lung des Amts­ge­richts C. über die Rechts­kraft des Schei­dungs­ur­teils über­se­hen hat, ist als objek­tiv schwer­wie­gen­der und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­rer Ver­stoß gegen die Anfor­de­run­gen der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt und damit als gro­be Fahr­läs­sig­keit im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB ein­zu­stu­fen.

Dar­aus folgt, dass der Rück­for­de­rungs­an­spruch wegen der Über­zah­lung – mit Aus­nah­me der letz­ten drei Jah­re – ver­jährt ist.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 19. August 2014 – 5 LA 85/​14

  1. vgl. zur Anwend­bar­keit der §§ 195 ff. BGB: BVerwG, Urteil vom 25.11.1982 – BVerwG 2 C 32.81[]
  2. BVerwG, Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 15.10; Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 4.11; Nds. OVG, Beschluss vom 07.08.2013 – 5 LA 291/​12[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 15.10, a. a. O., Rn 19; Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 4.11, a. a. O., Rn 13[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 27.09.2011 – VI ZR 135/​10, juris m. w. N.; Nds. OVG, Beschluss vom 07.08.2013, a. a. O., Rn 21[]