Schmer­zens­geld für in Not­wehr schie­ßen­de Poli­zei­be­am­te

Drei Män­ner, die einen Poli­zei­be­am­ten bedroht haben und von ihm in Not­wehr ange­schos­sen wor­den sind, müs­sen Schmer­zens­geld und Scha­dens­er­satz leis­ten, weil das Tat­ge­sche­hen bei dem Beam­ten und sei­nem am Ein­satz betei­lig­ten Kol­le­gen eine post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung zur Fol­ge hat­te.

Schmer­zens­geld für in Not­wehr schie­ßen­de Poli­zei­be­am­te

Dies ent­schied jetzt das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz auf die Kla­gen von zwei Poli­zei­be­am­te sowie ihres Dienst­herrn, des Lan­des Rhein­land-Pfalz. Die bei­den Poli­zis­ten wur­den in der Nacht zum 28. August 1999 zu einer Gast­stät­te in Nastät­ten geru­fen, weil es zu einem Streit drei­er alko­ho­li­sier­ter Män­ner – der Beklag­ten – mit dem Wirts­ehe­paar und zu kör­per­li­chen Über­grif­fen der Beklag­ten auf Besu­cher des Lokals gekom­men war. Die Klä­ger tra­fen auf der Stra­ße vor dem Lokal zahl­rei­che, teil­wei­se stark alko­ho­li­sier­te und aggres­si­ve Per­so­nen an, dar­un­ter auch die drei Beklag­ten. Nach­dem sich die Situa­ti­on zunächst etwas beru­higt hat­te, beweg­ten sich die Beklag­ten gemein­sam auf einen der bei­den Poli­zei­be­am­ten (A) zu. Die­ser for­der­te die Beklag­ten ver­geb­lich auf, ste­hen zu blei­ben. Dar­auf­hin gab er Warn­schüs­se in die Luft ab. Als die wei­ter bedroh­lich her­an­rü­cken­den Beklag­ten dicht vor dem bis zu einer Haus­wand zurück­ge­wi­che­nen Poli­zei­be­am­ten A stan­den, schoss er allen Beklag­ten gezielt in die Bei­ne. Der zwei­te Poli­zei­be­am­te (B) stand wäh­rend­des­sen mit gezo­ge­ner Dienst­waf­fe weni­ge Meter ent­fernt. Die Beklag­ten wur­den wegen des Gesche­hens, das sie im Straf­ver­fah­ren ein­ge­räumt hat­ten, zu Frei­heits­stra­fen auf Bewäh­rung ver­ur­teilt.

Bei­de Poli­zei­be­am­te ver­sa­hen bis Anfang des Jah­res 2000 ihren Dienst wei­ter. Anschlie­ßend waren sie dienst­un­fä­hig und wur­den sta­tio­när und ambu­lant behan­delt. Der Poli­zei­be­am­te B ist seit dem 1. Janu­ar 2001 wie­der unein­ge­schränkt dienst­fä­hig; der Poli­zei­be­am­te A wur­de dage­gen im Juli 2001 wegen Dienst­un­fä­hig­keit in den vor­zei­ti­gen Ruhe­stand ver­setzt.

Auf Grund des vor­ge­nann­ten Gesche­hens waren drei zivil­recht­li­che Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt Koblenz anhän­gig. Die Poli­zei­be­am­ten A und B haben von den Beklag­ten jeweils die Zah­lung von Schmer­zens­geld ver­langt und die Fest­stel­lung begehrt, dass die Beklag­ten ihnen auch für alle wei­te­ren mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Schä­den aus dem Gesche­hen vom 28. August 1999 haf­ten. Des Wei­te­ren hat das Land Rhein­land-Pfalz als Dienst­herr der bei­den Poli­zei­be­am­ten von den Beklag­ten Scha­dens­er­satz in Höhe von knapp 120.000 € für die Wei­ter­zah­lung der Dienst­be­zü­ge und die Über­nah­me von Behand­lungs­kos­ten ver­langt.

Die Klä­ger – die bei­den Poli­zis­ten und das Land Rhein­land-Pfalz – haben vor­ge­tra­gen, die drei Beklag­ten hät­ten die Beam­ten kör­per­lich und ver­bal mit größ­ter Aggres­si­vi­tät ange­grif­fen, so dass Gefahr für Leib und Leben bestan­den habe. Als Fol­ge des gerecht­fer­tig­ten und von den Beklag­ten zu ver­ant­wor­ten­den Schuss­waf­fen­ge­brauchs sei bei bei­den Poli­zei­be­am­ten eine chro­ni­sche post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­re­ak­ti­on, ein soge­nann­tes Post-Shoo­ting-Syn­drom, ent­stan­den.
Die Beklag­ten haben bean­tragt, die Kla­gen abzu­wei­sen. Der Schuss­waf­fen­ein­satz des Poli­zei­be­am­ten A sei weder erfor­der­lich noch gerecht­fer­tigt gewe­sen; er stel­le sich als Über­re­ak­ti­on dar. Für psy­chi­sche Schä­den sei­en die Beklag­ten nicht ver­ant­wort­lich, da sie aus einer all­täg­li­chen Situa­ti­on im Berufs­le­ben eines Poli­zei­be­am­ten her­rühr­ten.

Das Land­ge­richt Koblenz hat die Kla­gen abge­wie­sen und hat hier­zu im Wesent­li­chen aus­ge­führt, bei den Poli­zei­be­am­ten habe sich das mit der Wahl ihres Beru­fes ein­ge­gan­ge­ne Berufs­ri­si­ko ver­wirk­licht, das haf­tungs­recht­lich nicht auf die Beklag­ten ver­la­gert wer­den kön­ne. Die Beklag­ten hät­ten auch nicht damit rech­nen müs­sen, dass bei den Beam­ten auf Grund des Gesche­hens psy­chi­sche Schä­den auf­tre­ten könn­ten.

Auf hier­ge­gen die von allen drei Klä­gern ein­ge­leg­ten Beru­fun­gen hat das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz die drei Beklag­ten im Wesent­li­chen antrags­ge­mäß ver­ur­teilt. Die Beklag­ten müs­sen an den Poli­zei­be­am­ten A ein Schmer­zens­geld in Höhe von 18.000 €, an den Poli­zei­be­am­ten B ein Schmer­zens­geld in Höhe von 10.225,84 € (ent­spricht sei­ner For­de­rung in Höhe von 20.000 €) und an das Land Rhein­land-Pfalz den gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz, jeweils nebst Zin­sen, zah­len. Wei­ter hat das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz die Ersatz­pflicht aller drei Beklag­ten für mög­li­che wei­te­re künf­ti­ge Schä­den fest­ge­stellt.

Die Beklag­ten hät­ten, so das OLG in sei­nen Urteils­grün­den, durch ihren gemein­sa­men Angriff auf die bei­den Poli­zei­be­am­ten den berech­tig­ten Schuss­waf­fen­ein­satz aus­ge­löst, der wie­der­um zu den gesund­heit­li­chen Fol­gen bei den Poli­zei­be­am­ten geführt habe. Die Beweis­auf­nah­me habe erge­ben, dass die drei Beklag­ten die bei­den Poli­zei­be­am­ten bedroht und genö­tigt hät­ten und ver­sucht hät­ten, die­se zu ver­let­zen. Es habe eine bedroh­li­che und in höchs­tem Maße gefähr­li­che Situa­ti­on bestan­den, in der die Beklag­ten auf den Poli­zei­be­am­ten A in äußerst aggres­si­ver Wei­se zuge­gan­gen sei­en. Sämt­li­che Anhal­te- und Stopp­be­feh­le der bei­den Poli­zei­be­am­ten hät­ten sie igno­riert, bei der geziel­ten Schuss­ab­ga­be habe ein kör­per­li­cher Angriff unmit­tel­bar bevor­ge­stan­den. Der Schuss­waf­fen­ein­satz sei des­halb sowohl nach den Ermäch­ti­gungs­nor­men des Poli­zei­rechts als auch als Han­deln in Not­wehr gerecht­fer­tigt gewe­sen.

Bei­de Poli­zei­be­am­ten hät­ten als Fol­ge die­ses Gesche­hens eine chro­ni­sche post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung erlit­ten. Dies erge­be sich aus dem ein­ge­hol­ten psych­ia­tri­schen Gut­ach­ten. Die­se gesund­heit­li­che Fol­ge sei den drei Beklag­ten zuzu­rech­nen. Es han­de­le sich nicht um völ­lig fern­lie­gen­de, aty­pi­sche Fol­gen der mas­si­ven Angrif­fe der Beklag­ten; viel­mehr hät­ten die­se zu einer enor­men Stress­si­tua­ti­on mit nach­fol­gen­der Belas­tungs­stö­rung geführt. Dabei habe sich bei den Beam­ten kei­nes­wegs ledig­lich ein „Berufs­wahl­ri­si­ko” ver­wirk­licht, für das die Beklag­ten nicht ver­ant­wort­lich sei­en. Ein Schä­di­ger sei nicht nur bei kör­per­li­chen, son­dern auch bei psy­chi­schen Schä­di­gun­gen ersatz­pflich­tig. Es han­de­le sich auch nicht ledig­lich um ein all­ge­mei­nes Lebens­ri­si­ko, wie bei­spiels­wei­se im Fal­le eines Stol­perns über einen Bord­stein, bei dem sich ein Ver­hal­ten des Schä­di­gers nicht gefah­rer­hö­hend aus­wir­ke. Der Angriff der Beklag­ten sei Aus­lö­ser für die gesam­te Ent­wick­lung gewe­sen, so dass sich ein von den Beklag­ten vor­sätz­lich und rechts­wid­rig geschaf­fe­nes, erhöh­tes Risi­ko ver­wirk­licht habe. Es sei für die Angrei­fer auch vor­her­seh­bar gewe­sen, dass ihr aggres­si­ves Vor­ge­hen von den Poli­zei­be­am­ten nicht fol­gen­los ver­ar­bei­tet wer­den wür­de.

Bei der Bemes­sung des Schmer­zens­gel­des hat das Ober­lan­des­ge­richt ins­be­son­de­re die Schwe­re und Dau­er der psy­chi­schen Schä­di­gun­gen der Klä­ger sowie das mas­si­ve Vor­ge­hen der Beklag­ten gegen die Poli­zei­be­am­ten berück­sich­tigt, aber auch den Umstand, dass die Beklag­ten die Gescheh­nis­se in der Tat­nacht bestrit­ten haben, obwohl sie im vor­an­ge­gan­ge­nen Straf­ver­fah­ren gestän­dig waren; hier­durch habe sich der Rechts­streit mit den ent­spre­chen­den psy­chi­schen Belas­tun­gen für die Klä­ger deut­lich hin­aus­ge­zö­gert. Hin­sicht­lich des Poli­zei­be­am­ten A hat der Senat den von ihm als Min­dest­be­trag ver­lang­ten Betrag von 15.000 EUR unter Abwä­gung der vor­ge­nann­ten Gesichts­punk­te um 3.000 EUR höher ange­setzt.

Ober­lan­des­ge­richt Koblenz, Urtei­le vom 8. März 2010 – 1 U 1137/​06, 1 U 1161/​06, 1 U 1114/​06