Schön­heits­ope­ra­tio­nen und die Bei­hil­fe

Die Auf­wen­dun­gen zu einem ope­ra­ti­ven Ein­griff in einen gesun­den Kör­per, durch den das sub­jek­tiv als belas­tend emp­fun­de­ne Aus­se­hen ver­än­dert wird, sind auch dann nicht not­wen­dig im bei­hil­fe­recht­li­chen Sin­ne, wenn die Belas­tun­gen das Aus­maß einer psy­chi­schen Krank­heit ange­nom­men haben [1].

Schön­heits­ope­ra­tio­nen und die Bei­hil­fe

Die Bei­hil­fe­ge­wäh­rung dient der Erstat­tung von Auf­wen­dun­gen, die aus Anlass einer Krank­heit ent­stan­den sind (vgl. § 1 Abs. 1 Satz 1 BhV; nun­mehr § 1 Satz 1, §§ 12 f. BBhV). Da die Bei­hil­fe­vor­schrif­ten kei­nen eigen­stän­di­gen Krank­heits­be­griff sta­tu­ie­ren, ist grund­sätz­lich auf den sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Krank­heits­be­griff nach § 27 Abs. 1 Satz 1 SGB V und die dazu ergan­ge­ne Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zurück­zu­grei­fen [2]. Danach ist Krank­heit ein regel­wid­ri­ger, vom Leit­bild des gesun­den Men­schen abwei­chen­der Zustand des Kör­pers oder des Geis­tes, der ärzt­li­cher Behand­lung bedarf oder – zugleich oder aus­schließ­lich – Arbeits­un­fä­hig­keit zur Fol­ge hat. Jemand ist krank, wenn er in sei­ner Kör­per­funk­ti­on beein­träch­tigt ist oder an einer ana­to­mi­schen Abwei­chung lei­det, die ent­stel­lend wirkt [3].

Danach steht außer Fra­ge, dass Stö­run­gen, die sowohl mit see­li­schen als auch mit kör­per­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen ver­bun­den sind, vom bei­hil­fe­recht­li­chen Krank­heits­be­griff erfasst wer­den. Es kommt dar­auf an, ob das Krank­heits­bild sowohl kör­per­li­cher als auch see­li­scher Natur ist [4]. Hier­für reicht nicht aus, dass das sub­jek­ti­ve Emp­fin­den des Betrof­fe­nen, sein kör­per­li­cher Zustand sei unzu­läng­lich, psy­chi­sche Stö­run­gen her­vor­ruft. Sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mun­gen sind ohne Bedeu­tung für die Fra­ge, ob eine kör­per­li­che Krank­heit vor­liegt. Maß­geb­lich sind objek­ti­ve Kri­te­ri­en, ins­be­son­de­re der all­ge­mein aner­kann­te Stand der medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­se [5].

Die­sen Krank­heits­be­griff hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt sei­ner tat­säch­li­chen und recht­li­chen Wür­di­gung zugrun­de gelegt, wobei es Bezug auf die Senats­recht­spre­chung genom­men hat. Es hat den gemäß § 137 Abs. 2 VwGO bin­dend fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt dahin­ge­hend gewür­digt, dass es sich bei der gerin­gen Kör­per­grö­ße der Toch­ter des Klä­gers objek­tiv nicht um eine Krank­heit gehan­delt hat. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat ledig­lich eine psy­chi­sche Stö­rung ange­nom­men, die sich wegen des Emp­fin­dens der Unzu­läng­lich­keit auf­grund der gerin­gen Kör­per­grö­ße aus­ge­prägt hat. Die­se tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen las­sen eine recht­li­che Wür­di­gung nicht zu, die Krank­heit der Toch­ter des Klä­gers sei „ganz­heit­lich“, d.h. kör­per­li­cher und see­li­scher Art. Viel­mehr kann dar­aus nur der Schluss auf eine aus­schließ­lich psy­chi­sche Erkran­kung gezo­gen wer­den.

Der Begriff der bei­hil­fe­recht­li­chen Not­wen­dig­keit von Auf­wen­dun­gen als Vor­aus­set­zung für die Bei­hil­fen­ge­wäh­rung (§ 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BhV; nun­mehr § 6 Abs. 1 Satz 1 BBhV) ist in der Recht­spre­chung des Senats geklärt. Danach sind Auf­wen­dun­gen dem Grund nach not­wen­dig, wenn sie für eine medi­zi­nisch gebo­te­ne Behand­lung ent­stan­den sind, die der Wie­der­erlan­gung der Gesund­heit, der Bes­se­rung oder Lin­de­rung von Lei­den sowie der Besei­ti­gung oder zum Aus­gleich kör­per­li­cher Beein­träch­ti­gun­gen dient. Ent­spre­chend dem Zweck der Bei­hil­fen­ge­wäh­rung müs­sen die Lei­den und kör­per­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen Krank­heits­wert besit­zen. Die Behand­lung muss dar­auf gerich­tet sein, die Krank­heit zu the­ra­pie­ren. Zusätz­li­che Maß­nah­men, die für sich genom­men nicht die Hei­lung des Lei­dens her­bei­füh­ren kön­nen, kön­nen als not­wen­dig gel­ten, wenn sie die Ver­mei­dung oder Mini­mie­rung von mit hoher Wahr­schein­lich­keit zu erwar­ten­den Behand­lungs­ri­si­ken und Fol­ge­lei­den bezwe­cken [6].

Der bei­hil­fe­recht­li­che Begriff der Not­wen­dig­keit krank­heits­be­ding­ter Auf­wen­dun­gen ent­spricht jeden­falls im hier maß­ge­ben­den Bereich inhalt­lich dem Begriff der Not­wen­dig­keit einer Kran­ken­be­hand­lung im Sin­ne von § 27 Abs. 1 Satz 1 SGB V. Nach die­ser Rege­lung muss die Behand­lung not­wen­dig sein, um eine Krank­heit zu erken­nen, zu hei­len, ihre Ver­schlim­me­rung zu ver­hü­ten oder Krank­heits­be­schwer­den zu lin­dern. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts fehlt es an der Not­wen­dig­keit im Sin­ne des § 27 Abs. 1 Satz 1 SGB V für ope­ra­ti­ve Ein­grif­fe in den gesun­den Kör­per, durch die psy­chi­schen Krank­hei­ten ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den soll, die auf einen sub­jek­tiv als unzu­läng­lich emp­fun­de­nen kör­per­li­chen Zustand ohne Krank­heits­wert zurück­zu­füh­ren sind. Denn nach dem gegen­wär­ti­gen Stand der medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­se ist gene­rell zwei­fel­haft, ob der­ar­ti­ge Ein­grif­fe zur Über­win­dung einer psy­chi­schen Krank­heit geeig­net sind. Die psy­chi­schen Wir­kun­gen der kör­per­li­chen Ver­än­de­run­gen kön­nen nicht ein­ge­schätzt wer­den, ins­be­son­de­re ist nach dem Ein­griff eine Sym­ptom­ver­schie­bung zu besor­gen. Hin­zu kommt, dass der ope­ra­ti­ve Ein­griff dem sub­jek­ti­ven Emp­fin­den des Betrof­fe­nen geschul­det ist, der eine kör­per­li­che Eigen­schaft als belas­tend emp­fin­det und sich damit nicht abfin­det. Letzt­lich müss­ten Schön­heits­ope­ra­tio­nen auf Kos­ten der All­ge­mein­heit durch­ge­führt wer­den, wenn psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men nicht hel­fen, weil der Betrof­fe­ne auf den Ein­griff fixiert ist [7].

Die­se Erwä­gun­gen gel­ten glei­cher­ma­ßen für die Aus­le­gung des Begriffs der bei­hil­fe­recht­li­chen Not­wen­dig­keit. Sie schlie­ßen aus, die Not­wen­dig­keit einer Ope­ra­ti­on zur Ver­än­de­rung des Aus­se­hens davon abhän­gig zu machen, ob die medi­zi­nisch gebo­te­ne psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung im kon­kre­ten Fall (noch) Erfolg ver­spricht.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 30. Sep­tem­ber 2011 – 2 B 66.11

  1. im Anschluss an die stRspr des BSG zu § 27 Abs. 1 Satz 1 SGB V[]
  2. BVerwG, Urteil vom 24.02.1982 – 6 C 8.77, BVerw­GE 65, 87, 91 = Buch­holz 238.4 § 30 SG Nr. 5 S. 5; Beschluss vom 04.11.2008 – 2 B 19.08, Buch­holz 310 § 86 Abs. 1 VwGO Nr. 370 Rn. 4[]
  3. BVerwG, Urtei­le vom 24.02.1982 a.a.O. und Beschluss vom 04.11.2008 a.a.O.; BSG, Urtei­le vom 10.02.1993 – 1 RK 14/​92BSGE 72, 96, 98; vom 19.10.2004 – B 1 KR 3/​03 RBSGE 93, 252 Rn. 4 f.; vom 28.02.2008 – B 1 KR 19/​07 RBSGE 100, 119 Rn. 11 und vom 28.09.2010 – B 1 KR 5/​10 RNJW 2011, 1899 Rn. 10[]
  4. BSG, Urteil vom 28.09.2010 a.a.O. Rn. 15[]
  5. BSG, Urtei­le vom 19.10.2004 a.a.O. Rn. 5 f.; vom 28.02.2008 a.a.O. Rn. 16 und vom 28.09.2010 a.a.O. Rn. 14[]
  6. BVerwG, Urteil vom 07.11.2006 – 2 C 11.06, BVerw­GE 127, 91 = Buch­holz 237.8 § 90 RhPLBG Nr. 2 []
  7. BSG, Urtei­le vom 10.02.1993 a.a.O. S. 98 f.; vom 09.06.1998 – B 1 KR 18/​96 RBSGE 82,158, 163 f.; vom 19.10.2004 a.a.O. Rn. 7 f. und vom 28.09.2010 a.a.O. Rn. 14[]