Stel­lung­nah­me zur Beur­tei­lung – und das Beur­tei­lungs­we­sen der Bun­des­wehr

Dienst­li­che Beur­tei­lun­gen und hier­zu abge­ge­be­ne Stel­lung­nah­men sind gericht­lich nur beschränkt nach­prüf­bar, weil den beur­tei­len­den Vor­ge­setz­ten bei ihrem Wert­ur­teil über die Eig­nung, Befä­hi­gung und Leis­tung des zu beur­tei­len­den Sol­da­ten ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zusteht.

Stel­lung­nah­me zur Beur­tei­lung – und das Beur­tei­lungs­we­sen der Bun­des­wehr

Die Recht­mä­ßig­keits­kon­trol­le hat sich des­halb dar­auf zu beschrän­ken, ob der beur­tei­len­de bzw. der stel­lung­neh­men­de Vor­ge­setz­te den anzu­wen­den­den Begriff oder den gesetz­li­chen Rah­men, in dem er sich frei bewe­gen kann, ver­kannt hat, von einem unrich­ti­gen Sach­ver­halt aus­ge­gan­gen ist, all­ge­mein­gül­ti­ge Wert­maß­stä­be nicht beach­tet, sach­frem­de Erwä­gun­gen ange­stellt oder gegen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­sto­ßen hat. Wenn das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung auf der Grund­la­ge des § 2 Abs. 2 SLV ermes­sens­len­ken­de Richt­li­ni­en für die Erstel­lung dienst­li­cher Beur­tei­lun­gen erlas­sen hat, kann das Gericht fer­ner prü­fen, ob die­se Richt­li­ni­en ein­ge­hal­ten wor­den sind.

Der stel­lung­neh­men­de Vor­ge­setz­te hat nach Nr. 906 Buchst. a ZDv 20/​6 die Pflicht zur Stel­lung­nah­me zu den Wer­tun­gen und Aus­sa­gen zur Auf­ga­ben­er­fül­lung auf dem Dienst­pos­ten, zum Per­sön­lich­keits­pro­fil, zu den Ver­wen­dungs­mög­lich­kei­ten und Ver­wen­dungs­vor­schlä­gen sowie zu den Vor­stel­lun­gen des Beur­teil­ten zum wei­te­ren Wer­de­gang (Abschnit­te 3, 4, 5 und 7 der Beur­tei­lung). Außer­dem erstreckt sich die Stel­lung­nah­me des nächst­hö­he­ren Vor­ge­setz­ten nach Nr. 906 Buchst. b und Nr. 910 Buchst. a ZDv 20/​6 auch dar­auf, auf der Grund­la­ge der Aus­sa­gen und Wer­tun­gen in der Beur­tei­lung abschlie­ßend das Poten­zi­al des Beur­teil­ten zu beschrei­ben und zusätz­lich eine pro­gnos­ti­sche Ein­schät­zung der künf­ti­gen Ent­wick­lung abzu­ge­ben. Das beson­de­re Kenn­zei­chen die­ser bei­den Aus­sa­gen ist ihr Cha­rak­ter als nicht ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­ne Betrach­tung; sie stel­len viel­mehr in die Zukunft ori­en­tier­te Ein­schät­zun­gen dar. Aus die­sem Aspekt zieht Nr. 102 Buchst. c ZDv 20/​6 die ermes­sens­bin­den­de Schluss­fol­ge­rung, dass die pro­gnos­ti­schen Tei­le der Beur­tei­lung nicht allein aus den Aus­sa­gen und Wer­tun­gen zur Auf­ga­ben­er­fül­lung abzu­lei­ten sind und dem­nach inhalt­lich von die­sen abwei­chen kön­nen. Nicht zuletzt des­halb ord­net das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung in Anla­ge 1/​6 zur ZDv 20/​6 (Vor­druck A) an, dass vor allem die Ent­wick­lungs­pro­gno­se beson­ders begrün­det wer­den muss.

Mit die­sen Vor­schrif­ten hat das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung als Erlass­ge­ber bewusst Abstand genom­men von den frü­he­ren Rege­lun­gen über die "För­de­rungs­wür­dig­keit" des Beur­teil­ten in Nr. 905 Buchst. b und Nr. 906 Buchst. a ZDv 20/​6 a.F. 1. Für das Kri­te­ri­um der För­de­rungs­wür­dig­keit hat­ten der beschlie­ßen­de Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sowie der 2. Revi­si­ons­se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts – unter Berück­sich­ti­gung des sei­ner­zeit vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung her­aus­ge­ge­be­nen Leit­fa­dens "Das neue Beur­tei­lungs­sys­tem" vom 11.05.1998 – aus­ge­spro­chen, dass sich die Beur­tei­lung der För­de­rungs­wür­dig­keit aus der Stel­lung­nah­me des nächst­hö­he­ren Vor­ge­setz­ten zur Leis­tungs- und Eig­nungs­be­ur­tei­lung des Sol­da­ten ent­wi­ckeln sowie Leis­tungs­stand und Eig­nungs­grad des Beur­teil­ten wider­spie­geln müs­se 2. Mit der Neu­re­ge­lung der Poten­zi­al­ab­schät­zung und der Ent­wick­lungs­pro­gno­se in Gestalt eines eigen­stän­di­gen Wert­ur­teils des stel­lung­neh­men­den Vor­ge­setz­ten hat der Erlass­ge­ber hin­ge­gen eine stär­ke­re Beto­nung der pro­gnos­ti­schen Ele­men­te in der Eig­nungs­be­wer­tung vor­ge­nom­men. Auch der Begriff der Eig­nung in Art. 33 Abs. 2 GG sowie in § 3 Abs. 1 SG und § 37 Abs. 1 Nr. 3 SG wird maß­geb­lich durch eine pro­gnos­ti­sche Ein­schät­zung der künf­ti­gen cha­rak­ter­li­chen, geis­ti­gen und fach­li­chen Ent­wick­lung des Sol­da­ten bestimmt 3.

Der stel­lung­neh­men­de Vor­ge­setz­te ist des­halb bei der pro­gnos­ti­schen Ein­schät­zung der künf­ti­gen Ent­wick­lung und bei der Poten­zi­al­ab­schät­zung nicht nur frei, ob er die Aus­sa­gen und Wer­tun­gen zur Auf­ga­ben­er­fül­lung bestä­tigt oder sich von die­sen löst; er ist ins­be­son­de­re auch nicht an frü­he­re Beur­tei­lun­gen gebun­den. Einer der­ar­ti­gen Bin­dung steht ent­ge­gen, dass die inhalt­li­che Bewer­tung des Per­sön­lich­keits- und Leis­tungs­bil­des eines Sol­da­ten in den Kern­be­reich des gericht­lich nicht nach­prüf­ba­ren sub­jek­ti­ven Wert­ur­teils des jewei­li­gen Beur­tei­len­den fällt. Außer­dem erstre­cken sich frü­he­re Beur­tei­lun­gen auf einen ande­ren Beur­tei­lungs­zeit­raum und kön­nen des­halb nicht Gegen­stand einer "Fort­schrei­bung" ihrer Wert­ur­tei­le sein 4.

Beur­tei­lungs­bei­trä­ge müs­sen bei der Aus­übung des Beur­tei­lungs­spiel­raums durch den beur­tei­len­den Vor­ge­setz­ten berück­sich­tigt, d. h. zur Kennt­nis genom­men und bedacht wer­den. Die­se Not­wen­dig­keit beruht auf dem Erfor­der­nis, dass sich plan­mä­ßi­ge Beur­tei­lun­gen auf sämt­li­che Leis­tun­gen sowie die Eig­nung und Befä­hi­gung, die der beur­teil­te Sol­dat oder die beur­teil­te Sol­da­tin wäh­rend des gesam­ten Beur­tei­lungs­zeit­raums gezeigt hat, erstre­cken müs­sen. War der für die Beur­tei­lung zustän­di­ge Vor­ge­setz­te nicht in der Lage, sich wäh­rend des gesam­ten Beur­tei­lungs­zeit­raums ein eige­nes Bild von den zur Beur­tei­lung anste­hen­den Merk­ma­len zu ver­schaf­fen, hat er Beur­tei­lungs­bei­trä­ge Drit­ter her­an­zu­zie­hen. Beur­tei­lungs­bei­trä­ge, die nach Nr. 503 Buchst. g Satz 1 ZDv 20/​6 von einem frü­he­ren zustän­di­gen Vor­ge­setz­ten abge­fasst wor­den sind, sol­len gemäß Nr. 503 Buchst. a Satz 2 ZDv 20/​6 dem für die Beur­tei­lung zustän­di­gen Vor­ge­setz­ten zusätz­li­che Erkennt­nis­quel­len erschlie­ßen und ihm dadurch eine umfas­sen­de und tref­fen­de Beur­tei­lung erleich­tern. Der für die Beur­tei­lung zustän­di­ge Vor­ge­setz­te ist jedoch an die Fest­stel­lun­gen und Bewer­tun­gen Drit­ter nicht in der Wei­se gebun­den, dass er sie in sei­ne Beur­tei­lung "fort­schrei­bend" über­neh­men müss­te. Viel­mehr hat er sei­ne Bewer­tung auf der Grund­la­ge einer Gesamt­wür­di­gung, die auch die durch Beur­tei­lungs­bei­trä­ge ver­mit­tel­ten Erkennt­nis­se ein­zu­be­zie­hen hat, in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu tref­fen 5. Der beur­tei­len­de Vor­ge­setz­te übt sei­nen Beur­tei­lungs­spiel­raum recht­mä­ßig aus, wenn er die Beur­tei­lungs­bei­trä­ge in sei­ne Über­le­gun­gen ein­be­zieht und Abwei­chun­gen nach­voll­zieh­bar begrün­det; er ist jedoch nicht ver­pflich­tet, im Ein­zel­nen schrift­lich dar­zu­le­gen, in wel­chem Umfang die in sei­nen Bewer­tun­gen getrof­fe­ne Gesamt­wür­di­gung auf den eige­nen Erkennt­nis­sen und auf den Bei­trä­gen Drit­ter beruht 6. Die vor­ste­hen­den Grund­sät­ze gel­ten auch für die stel­lung­neh­men­den nächst­hö­he­ren Vor­ge­setz­ten (Nr. 904 Buchst. d ZDv 20/​6).

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Febru­ar 2016 – 1 WB 30.15

  1. vgl. – auch zum Fol­gen­den – BVerwG, Beschluss vom 27.05.2009 – 1 WB 47.08, Buch­holz 449.2 § 2 SLV 2002 Nr. 15 Rn. 39 f[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 18.08.2004 – 1 WB 2.04ZBR 2005, 313 und Urteil vom 17.12 2003 – 2 A 2.03, Buch­holz 236.1 § 3 SG Nr. 33[]
  3. vgl. dazu auch Walz/​Eichen/​Sohm, SG, 2. Aufl.2010, § 3 Rn. 14, § 37 Rn. 32 ff[]
  4. stRspr, vgl. z.B. BVerwG, Beschluss vom 27.05.2009 – 1 WB 47.08, Buch­holz 449.2 § 2 SLV 2002 Nr. 15 Rn. 40[]
  5. BVerwG, Beschluss vom 12.08.2014 – 1 WB 38.13, Rn. 45 m.w.N.[]
  6. stRspr, vgl. z.B. BVerwG, Beschluss vom 08.03.2006 – 1 WB 23.05, Rn. 25 und Urteil vom 27.11.2014 – 2 A 10.13, BVerw­GE 150, 359 Rn. 24[]