Streik­recht ver­be­am­te­ter Leh­rer

Für Beam­te besteht nach wie vor ein gene­rel­les Streik­ver­bot.

Streik­recht ver­be­am­te­ter Leh­rer

Mit die­ser Begrün­dung hat das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len die dis­zi­pli­nar­recht­li­che Ahn­dung ver­be­am­te­ter Leh­rer, die an einem Streik teil­ge­nom­men haben, für rech­tens erklärt. Die im Schul­dienst des Lan­des Nie­der­sach­sen täti­gen Klä­ger sind Mit­glie­der der Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft – GEW – und haben am 25. Febru­ar 2009 wäh­rend der Unter­richts­zeit in Han­no­ver an einem von der GEW durch­ge­führ­ten Streik teil­ge­nom­men. Wegen der Teil­nah­me an die­sem Streik ist gegen die Klä­ger ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wor­den. Die beklag­te Nie­der­säch­si­sche Lan­des­schul­be­hör­de hat das Ver­hal­ten der Klä­ger dis­zi­pli­nar­recht­lich mit einer Geld­bu­ße von jeweils 100,00 EUR geahn­det. Die gegen die Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gun­gen erho­be­nen Kla­gen hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Osna­brück mit Urtei­len vom 19. August 2011 abge­wie­sen. Dage­gen ist Beru­fung ein­ge­legt wor­den.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung betont das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, dass nach deut­schem Recht für Beam­te ein gene­rel­les Streik­ver­bot besteht. Es könn­ten zwar gewis­se Gesichts­punk­te dafür spre­chen, dass ein Streik­ver­bot für ver­be­am­te­te Leh­rer mit euro­päi­schem Recht – ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Art. 11 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te – nicht mehr ver­ein­bar ist. Dies bedarf im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren aber kei­ner abschlie­ßen­den Prü­fung. Denn selbst wenn unter­stellt wür­de, dass das gene­rel­le Streik­ver­bot für deut­sche Beam­te – ins­be­son­de­re für ver­be­am­te­te Leh­rer – gegen Art. 11 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­stößt, war die Streik­teil­nah­me der Klä­ger gleich­wohl nicht zuläs­sig. Eine grund­sätz­lich gebo­te­ne völ­ker­rechts­freund­li­che Aus­le­gung des deut­schen Grund­ge­set­zes ist dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall nicht mög­lich. Denn bei einer Anpas­sung des deut­schen Rechts an die Vor­ga­ben der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te wür­de der Kern­be­stand des Grund­ge­set­zes berührt. Das in der deut­schen Ver­fas­sung ver­an­ker­te Berufs­be­am­ten­tum ist ein aus­ba­lan­cier­tes Sys­tem von gegen­sei­ti­gen Rech­ten und Pflich­ten der Beam­ten einer­seits und ihrer Dienst­her­ren ande­rer­seits. Die­ses Sys­tem wür­de durch ein Streik­recht der Beam­ten grund­le­gend gestört. Die Zulas­sung des Streik­rechts für Beam­te müss­te eine struk­tu­rel­le Ver­än­de­rung der im Grund­ge­setz gere­gel­ten Tra­di­ti­ons­prin­zi­pi­en nach sich zie­hen. Zu einer sol­chen Ände­rung der beam­ten­recht­li­chen Struk­tu­ren ist der Senat als Fach­ge­richt nicht befugt. Eine Anpas­sung der deut­schen Ver­fas­sungs­grund­sät­ze an das euro­päi­sche Recht könn­te viel­mehr nur durch eine Ände­rung des Grund­ge­set­zes erfol­gen, die der Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­ber zu beschlie­ßen hät­te.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 12. Juni 2012 – 20 BD 7/​11 und 20 BD 8/​11