Streik­ver­bot für Beam­te – Men­schen­rechts­kon­ven­ti­ons­wid­rig, aber wirk­sam

Beam­te­te Leh­rer dür­fen sich auch wei­ter­hin nicht an Streiks betei­li­gen, zu denen die Gewerk­schaf­ten ihre ange­stell­ten Kol­le­gen auf­ru­fen. Dies hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den. Das beam­ten­recht­li­che Streik­ver­bot bean­sprucht nach Ansicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts wei­ter­hin Gel­tung; die bestehen­de Kol­li­si­on mit der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on muss der Gesetz­ge­ber auf­lö­sen.

Streik­ver­bot für Beam­te – Men­schen­rechts­kon­ven­ti­ons­wid­rig, aber wirk­sam

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall blieb die Klä­ge­rin, eine Leh­re­rin, die in einem Beam­ten­ver­hält­nis auf Lebens­zeit mit dem beklag­ten Land stand, im Jahr 2009 drei­mal dem Unter­richt fern, um an Warn­streiks teil­zu­neh­men, zu denen die Gewerk­schaft GEW wäh­rend der auch von ihr geführ­ten Tarif­ver­hand­lun­gen auf­ge­ru­fen hat­te. Die Gewerk­schaft woll­te ihrer For­de­rung nach einer Gehalts­er­hö­hung von 8 % und deren anschlie­ßen­der Über­nah­me in die Beam­ten­be­sol­dung Nach­druck ver­lei­hen. Die Klä­ge­rin hat­te ihr Fern­blei­ben der Schul­lei­te­rin ange­kün­digt, die sie auf das beam­ten­recht­li­che Streik­ver­bot hin­ge­wie­sen hat­te.

Die Beklag­te ver­häng­te gegen die Klä­ge­rin durch Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung eine Geld­bu­ße von 1 500 € wegen uner­laub­ten Fern­blei­bens vom Dienst. Die Anfech­tungs­kla­ge ist in der Beru­fungs­in­stanz vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter erfolg­los geblie­ben 1. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Klä­ge­rin hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nun dem Grun­de nach zurück­ge­wie­sen; es hat jedoch die Geld­bu­ße auf 300 € ermä­ßigt. Der Ent­schei­dung lie­gen fol­gen­de Erwä­gun­gen zugrun­de:

Nach deut­schem Ver­fas­sungs­recht gilt für alle Beam­ten unab­hän­gig von ihrem Tätig­keits­be­reich ein gene­rel­les sta­tus­be­zo­ge­nes Streik­ver­bot, das als her­ge­brach­ter Grund­satz im Sin­ne des Art. 33 Abs. 5 GG Ver­fas­sungs­rang genießt. Die­ses Streik­ver­bot gilt auch für Beam­te außer­halb des enge­ren Bereichs der Hoheits­ver­wal­tung, der nach Art. 33 Abs. 4 GG in der Regel Beam­ten vor­be­hal­ten ist. In der deut­schen Rechts­ord­nung stellt das Streik­ver­bot einen wesent­li­chen Bestand­teil des in sich aus­ta­rier­ten spe­zi­fisch beam­ten­recht­li­chen Gefü­ges von Rech­ten und Pflich­ten dar. Es ist Sache der Dienst­her­ren, die­se Rech­te und Pflich­ten unter Beach­tung ins­be­son­de­re der ver­fas­sungs­recht­li­chen Bin­dun­gen zu kon­kre­ti­sie­ren und die Arbeits­be­din­gun­gen der Beam­ten fest­zu­le­gen.

Dem­ge­gen­über ent­nimmt der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te als authen­ti­scher Inter­pret der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on dem Art. 11 Abs. 1 EMRK ein Recht der Staats­be­diens­te­ten auf Tarif­ver­hand­lun­gen über die Arbeits­be­din­gun­gen und ein dar­an anknüp­fen­des Streik­recht. Die­se Rech­te kön­nen von den Mit­glied­staa­ten des Euro­pa­rats nach Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EMRK nur für Ange­hö­ri­ge der Streit­kräf­te, der Poli­zei und der hoheit­li­chen Staats­ver­wal­tung gene­rell aus­ge­schlos­sen wer­den. Nach der Recht­spre­chung des EGMR gehö­ren nur sol­che Staats­be­diens­te­te – unab­hän­gig von ihrem Rechts­sta­tus – der hoheit­li­chen Staats­ver­wal­tung an, die an der Aus­übung genu­in hoheit­li­cher Befug­nis­se zumin­dest betei­ligt sind. Die deut­schen öffent­li­chen Schu­len und die dort unter­rich­ten­den, je nach Bun­des­land teils beam­te­ten, teils tarif­be­schäf­tig­ten Lehr­kräf­te, gehö­ren nicht zur Staats­ver­wal­tung im Sin­ne der EMRK. Die Bun­des­re­pu­blik ist völ­ker­ver­trags- und ver­fas­sungs­recht­lich ver­pflich­tet, Art. 11 EMRK in sei­ner Aus­le­gung durch den EGMR in der deut­schen Rechts­ord­nung Gel­tung zu ver­schaf­fen.

Damit ent­hält die deut­sche Rechts­ord­nung der­zeit einen inhalt­li­chen Wider­spruch in Bezug auf das Recht auf Tarif­ver­hand­lun­gen und das Streik­recht der­je­ni­gen Beam­ten, die außer­halb der hoheit­li­chen Staats­ver­wal­tung tätig sind. Zur Auf­lö­sung die­ser Kol­li­si­ons­la­ge zwi­schen deut­schem Ver­fas­sungs­recht und der EMRK ist der Bun­des­ge­setz­ge­ber beru­fen, der nach Art. 33 Abs. 5, Art. 74 Nr. 27 GG das Sta­tus­recht der Beam­ten zu regeln und fort­zu­ent­wi­ckeln hat. Hier­für ste­hen ihm vor­aus­sicht­lich ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten offen. So könn­te er etwa die Berei­che der hoheit­li­chen Staats­ver­wal­tung, für die ein gene­rel­les Streik­ver­bot gilt, bestim­men und für die ande­ren Berei­che der öffent­li­chen Ver­wal­tung die ein­sei­ti­ge Rege­lungs­be­fug­nis der Dienst­her­ren zuguns­ten einer erwei­ter­ten Betei­li­gung der Berufs­ver­bän­de der Beam­ten ein­schrän­ken. Die Zuer­ken­nung eines Streik­rechts für die in die­sen Berei­chen täti­gen Beam­ten wür­de einen Bedarf an Ände­run­gen ande­rer, den Beam­ten güns­ti­ger Rege­lun­gen, etwa im Besol­dungs­recht, nach sich zie­hen.

Für die Über­gangs­zeit bis zu einer bun­des­ge­setz­li­chen Rege­lung ver­bleibt es bei der Gel­tung des ver­fas­sungs­un­mit­tel­ba­ren Streik­ver­bots. Hier­für ist von Bedeu­tung, dass den Tarif­ab­schlüs­sen für die Tarif­be­schäf­tig­ten des öffent­li­chen Diens­tes auf­grund des Ali­men­ta­ti­ons­grund­sat­zes nach Art. 33 Abs. 5 GG maß­ge­ben­de Bedeu­tung für die Beam­ten­be­sol­dung zukommt. Die Besol­dungs­ge­setz­ge­ber im Bund und in den Län­dern sind ver­fas­sungs­recht­lich gehin­dert, die Beam­ten­be­sol­dung von der Ein­kom­mens­ent­wick­lung, die in den Tarif­ab­schlüs­sen zum Aus­druck kommt, abzu­kop­peln.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 27. Febru­ar 2014 – 2 C 1.2013

  1. OVG NRW, Urteil vom 07.03.2012 – 3d A 317/​11.O[]