Ver­be­am­te­te Leh­rer und der Streik

Es kön­nen sich nur Tarif­be­schäf­tig­te im öffent­li­chen Dienst, nicht aber Beam­te auf ein Streik­recht beru­fen, weil ein Streik­recht mit den Grund­prin­zi­pen des Berufs­be­am­ten­tums nicht ver­ein­bar ist.

Ver­be­am­te­te Leh­rer und der Streik

So die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts der Frei­en Han­se­stadt Bre­men in dem hier vor­lie­gen­den Fall von fünf ver­be­am­te­ten Leh­rern, die wegen der Teil­nah­me an einem Streik von der Schul­be­hör­de dis­zi­pli­nar­recht­lich zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wor­den waren. Die Klä­ger sind Beam­te der Stadt­ge­mein­de Bre­men. Am 25.02.2009 waren sie wäh­rend der Unter­richts­zeit einem Auf­ruf der Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft zu einem Warn­streik gefolgt, mit dem die Gewerk­schaft ihrer For­de­rung Nach­druck ver­lei­hen woll­te, die zuvor für die Ange­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes ver­ein­bar­ten Gehalts­an­pas­sung auf Beam­te zu über­tra­gen. Durch die Teil­nah­me am Warn­streik ver­säum­te jeder der Klä­ger meh­re­re Unter­richts­stun­den. Die Sena­to­rin für Bil­dung und Wis­sen­schaft sah in der Teil­nah­me an dem Warn­streik ein Dienst­ver­ge­hen und erteil­te den Klä­gern jeweils einen dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Ver­weis. Dage­gen haben die Klä­ger vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Kla­gen erho­ben. Sie ver­tre­ten die Ansicht, dass ein gene­rel­les Streik­ver­bot für Beam­te gegen Arti­kel 11 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EMRK) und wei­te­re inter­na­tio­na­le Bestim­mun­gen ver­sto­ße. Das deut­sche Beam­ten­recht bedür­fe inso­weit einer an den inter­na­tio­na­len Bestim­mun­gen ori­en­tier­ten Neu­aus­le­gung.

Nach Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts der Frei­en Han­se­stadt Bre­men hät­ten die Klä­ger durch ihr unge­neh­mig­tes Fern­blei­ben vom Dienst schuld­haft gegen ihre Dienst­pflich­ten ver­sto­ßen. Zur Recht­fer­ti­gung die­ser Dienst­pflicht­ver­let­zung könn­ten sich die Klä­ger nicht auf ein Streik­recht beru­fen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt habe in zurück­lie­gen­den Ent­schei­dun­gen stets die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass sich nur Tarif­be­schäf­tig­te im öffent­li­chen Dienst, nicht aber Beam­te auf ein Streik­recht beru­fen könn­ten, weil ein Streik­recht mit den Grund­prin­zi­pen des Berufs­be­am­ten­tums nicht ver­ein­bar sei. Das ange­ru­fe­ne Ver­wal­tungs­ge­richt sei nach § 31 Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz (BVerfGG) an die­se Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gebun­den. Neue­re Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR), auf die die Klä­ger sich beru­fen hat­ten, erlaub­ten es dem Ver­wal­tungs­ge­richt nicht, sich hier aus­nahms­wei­se über die Bin­dungs­wir­kung der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hin­weg­zu­set­zen. Zwar stün­den Ent­schei­dun­gen des EGMR, die neue Aspek­te für die Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes ent­hiel­ten, rechts­er­heb­li­chen Ände­run­gen gleich, die unter Umstän­den zu einer Über­win­dung der Rechts­kraft von Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts füh­ren könn­ten. Auch dien­ten der Kon­ven­ti­ons­text und die Recht­spre­chung des EGMR auf der Ebe­ne des Ver­fas­sungs­rechts als Aus­le­gungs­hil­fe für die Bestim­mung von Inhalt und Reich­wei­te der Grund­rech­te und der rechts­staat­li­chen Grund­sät­ze des Grund­ge­set­zes. Es sei aber schon frag­lich, ob den ange­spro­che­nen Ent­schei­dun­gen des EGMR über­haupt – wie die Klä­ger mein­ten – eine völ­ker­recht­li­che Gewähr­leis­tung des Streik­rechts für Beam­te all­ge­mein oder für bestimm­te Beam­ten­grup­pen ent­nom­men wer­den kön­ne. Selbst wenn dem so sei, wer­de damit jedoch ein Kern­be­stand der in Arti­kel 33 Abs. 5 Grund­ge­setz ver­an­ker­ten her­ge­brach­ten Grund­sät­ze des Beam­ten­tum in Fra­ge gestellt. Es sei dem Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­ber bzw. dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­be­hal­ten, den Kern­be­stand von Art. 33 Abs. 5 GG in sei­nen Grund­struk­tu­ren ggf. an das Kon­ven­ti­ons­recht in Art. 11 EMRK anzu­pas­sen. Ein Fach­ge­richt sei dazu nicht befugt. Die Ertei­lung eines Ver­wei­ses sei die ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf die von den Klä­gern began­ge­ne Dienst­pflicht­ver­let­zung.

Ver­wal­tungs­ge­richt der Frei­en Han­se­stadt Bre­men, Urtei­le vom 3. Juli 2012 – D K 20/​11 u.a.