Voll­stre­ckungs­an­ord­nun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts – und die Tätig­keit des Gesetz­ge­bers

Sofern der Gesetz­ge­ber ein (Ände­rungs-)Gesetz erlässt, wel­ches sei­ner­seits Gegen­stand eigen­stän­di­ger Prü­fung in einem kon­kre­ten Nor­men­kon­troll- oder Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren sein kann, ist der Weg über § 35 BVerfGG grund­sätz­lich ver­sperrt.

Voll­stre­ckungs­an­ord­nun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts – und die Tätig­keit des Gesetz­ge­bers

Die Anträ­ge auf Erlass von Voll­stre­ckungs­an­ord­nun­gen nach § 35 BVerfGG (hier: im Nach­gang zum Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 05.05.2015 1 zur Rich­ter­be­sol­dung in Sach­sen-Anhalt) sind in einem sol­chen Fall daher unzu­läs­sig.

Das Aus­gangs­ver­fah­ren[↑]

Gegen­stand des Ver­fah­rens sind Anträ­ge auf Erlass von Voll­stre­ckungs­an­ord­nun­gen nach § 35 BVerfGG im Nach­gang zum Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 05.05.2015 zur R-Besol­dung 2. Der Ent­schei­dung lagen unter ande­rem vier Vor­la­ge­be­schlüs­se des Ver­wal­tungs­ge­richts Hal­le nach Art. 100 Abs. 1 GG zugrun­de. Den Kla­gen in den Aus­gangs­ver­fah­ren wur­de mit bis­lang unver­öf­fent­lich­ten rechts­kräf­ti­gen Urtei­len des Ver­wal­tungs­ge­richts Hal­le vom 08.07.2015 statt­ge­ge­ben. Die hie­si­gen Antrag­stel­ler sind die Klä­ger der Aus­gangs­ver­fah­ren vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Hal­le.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te dem Gesetz­ge­ber des Lan­des Sach­sen-Anhalt mit Zif­fer 3 des Tenors das BVerfG-Ent­schei­dung vom 05.05.2015 auf­ge­ge­ben, ver­fas­sungs­kon­for­me Rege­lun­gen mit Wir­kung spä­tes­tens vom 01.01.2016 an zu tref­fen 3.

Der Gesetz­ge­ber des Lan­des Sach­sen-Anhalt hat dar­auf­hin das Gesetz zur Ände­rung besol­dungs- und rich­ter­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 18.12 2015 4 erlas­sen, wel­ches am 30.12 2015 in Kraft getre­ten ist.

Voll­stre­ckungs­an­trä­ge[↑]

Die Klä­ger der Aus­gangs­ver­fah­ren vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Hal­le haben unter dem 4.03.2016 die Anträ­ge gestellt, „eine Voll­stre­ckungs­an­ord­nung gem. § 35 BVerfGG zu erlas­sen, in der dem Gesetz­ge­ber des Lan­des Sach­sen-Anhalt auf­ge­ge­ben wird, eine ver­fas­sungs­kon­for­me Rege­lung für die Besol­dungs­grup­pe R 1 Lan­des­be­sol­dungs­ord­nung für die Jah­re 2008 bis 2010 zu erlas­sen.”

Zur Begrün­dung wird ange­führt, die vom Lan­des­ge­setz­ge­ber gewähl­te Mini­mal­lö­sung füh­re nicht zu ver­fas­sungs­kon­for­men Rege­lun­gen. Der Besol­dungs­ge­setz­ge­ber habe für jedes der Jah­re 2008 bis 2010 punk­tu­ell ledig­lich einen der drei bean­stan­de­ten Para­me­ter repa­riert (1. Prü­fungs­stu­fe), und zwar ledig­lich bis zur Abwei­chung von 4, 99 % sowie ledig­lich iso­liert für ein Jahr und nicht als Basis für die Fol­ge­jah­re. Er habe durch eine ein­ma­li­ge Brut­to-Nach­zah­lung einen Steu­er­scha­den bei den Betrof­fe­nen her­bei­ge­führt und somit die rele­van­te Net­to-Ali­men­ta­ti­on nicht hin­rei­chend ver­bes­sert. Wei­ter­hin habe er allen­falls die evi­den­te Unte­rali­men­ta­ti­on besei­tigt, nicht jedoch die ein­fa­che Rechts­wid­rig­keit der Besol­dung. Schließ­lich habe er die erfor­der­li­che Gesamt­ab­wä­gung (2. Prü­fungs­stu­fe) gänz­lich unter­las­sen, womit sich die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit sei­ner Rege­lung bereits aus der Ver­feh­lung der pro­ze­du­ra­len Anfor­de­run­gen erge­be.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Anträ­ge ver­wor­fen, weil sie unzu­läs­sig sind:

Kei­ne Voll­stre­ckungs­an­trä­ge nach Tätig­wer­den des Gesetz­ge­bers[↑]

Nach § 35 BVerfGG kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung bestim­men, wer sie voll­streckt; es kann auch im Ein­zel­fall die Art und Wei­se der Voll­stre­ckung regeln. Danach trifft das Gericht alle Anord­nun­gen, die erfor­der­lich sind, um sei­nen ver­fah­rens­ab­schlie­ßen­den Sach­ent­schei­dun­gen Gel­tung zu ver­schaf­fen. Grund­sätz­lich kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auch nach­träg­lich Voll­stre­ckungs­an­ord­nun­gen auf der Grund­la­ge des § 35 BVerfGG tref­fen. Aller­dings darf die Voll­stre­ckungs­an­ord­nung die Sach­ent­schei­dung, deren Voll­stre­ckung sie dient, nicht ändern, modi­fi­zie­ren, ergän­zen oder erwei­tern 5.

Die Anträ­ge sind nicht statt­haft, da die begehr­ten Voll­stre­ckungs­an­ord­nun­gen über die­se Gren­ze hin­aus­gin­gen. Die bean­trag­ten – die Zif­fer 3 des Tenors des Urteils vom 05.05.2015 ledig­lich refor­mu­lie­ren­den – Voll­stre­ckungs­an­ord­nun­gen ent­hiel­ten, sofern sie ergin­gen, die (inzi­den­te) Fest­stel­lung, dass das Gesetz zur Ände­rung besol­dungs- und rich­ter­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 18.12 2015 kei­ne ver­fas­sungs­kon­for­men Rege­lun­gen tref­fe. Eine sol­che Fest­stel­lung setz­te eine Prü­fung der durch das Gesetz geschaf­fe­nen neu­en Rechts­la­ge vor­aus. Ein der­ar­ti­ger Beschluss erschöpf­te sich daher nicht in der Voll­stre­ckung der Sach­ent­schei­dung vom 05.05.2015, son­dern ergänz­te und erwei­ter­te sie.

Die ver­fas­sungs­recht­li­che Wür­di­gung der geän­der­ten Geset­zes­la­ge könn­te Gegen­stand eines eigen­stän­di­gen ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens sein, sei es im Rah­men eines kon­kre­ten Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens auf­grund fach­ge­richt­li­cher Vor­la­ge nach Art. 100 Abs. 1 GG, sei es im Rah­men einer – nach Erschöp­fung des Rechts­wegs erho­be­nen – Ver­fas­sungs­be­schwer­de. Es kann indes nicht Zweck des § 35 BVerfGG sein, den Begüns­tig­ten eines frü­he­ren ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens neben einem neu­en ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren einen zusätz­li­chen wahl­wei­sen Rechts­be­helf in Form eines Antrags auf Erlass einer Voll­stre­ckungs­an­ord­nung zu gewäh­ren 6.

Andern­falls wür­den die funk­tio­nell-recht­li­chen Gren­zen zur Fach­ge­richts­bar­keit miss­ach­tet. Die Auf­be­rei­tungs, Vor­prü­fungs- und Ent­las­tungs­funk­ti­on der Fach­ge­rich­te wiegt vor­lie­gend mit Blick auf die – auch von den Antrag­stel­lern ein­ge­for­der­te – Kom­ple­xi­tät der vor­zu­neh­men­den mehr­stu­fi­gen ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung beson­ders schwer. Wie im Urteil vom 05.05.2015 dar­ge­legt, erschöpft sich die Über­prü­fung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Ali­men­ta­ti­on nicht in der blo­ßen Berech­nung, ob die durch Zah­len­wer­te kon­kre­ti­sier­ten Para­me­ter ein­ge­hal­ten wur­den. Viel­mehr tritt zu die­ser ers­ten – allen­falls eine Ver­mu­tung evi­dent ver­fas­sungs­wid­ri­ger Ali­men­tie­rung begrün­den­den – Prü­fungs­stu­fe eine zwei­te hin­zu, wel­che eine kom­ple­xe Gesamt­ab­wä­gung erfor­dert und daher – spä­tes­tens – jedes Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren über­for­dern wür­de. Die Anträ­ge nach § 35 BVerfGG zuzu­las­sen, hie­ße daher, das Ver­hält­nis von fach­ge­richt­li­chem und ver­fas­sungs­ge­richt­li­chem Rechts­schutz zu ver­keh­ren 7.

Die Unstatt­haf­tig­keit von Anträ­gen auf Erlass von Voll­stre­ckungs­an­ord­nun­gen, die eine Wür­di­gung in der Sach­ent­schei­dung noch nicht berück­sich­tig­ter Nor­men erfor­der­ten, gilt auch, wenn der Voll­zug der Sach­ent­schei­dung – wie hier – gera­de im Erlass von Nor­men besteht. Sofern der Gesetz­ge­ber ein (Änderungs-)Gesetz erlässt, wel­ches sei­ner­seits Gegen­stand eigen­stän­di­ger Prü­fung in einem kon­kre­ten Nor­men­kon­troll- oder Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren sein kann, ist der Weg über § 35 BVerfGG ver­sperrt. Etwas ande­res dürf­te allen­falls dann gel­ten, wenn der von der aus­ge­spro­che­nen Gesetz­ge­bungs­pflicht betrof­fe­ne Gesetz­ge­ber gar nicht tätig gewor­den ist oder nur in einer Wei­se, die so offen­sicht­lich hin­ter den sich aus der Sach­ent­schei­dung erge­ben­den Anfor­de­run­gen zurück­bleibt, dass dies mate­ri­ell einer Untä­tig­keit gleich­kommt. Eine sol­che Kon­stel­la­ti­on ist vor­lie­gend jedoch nicht gege­ben. Der sach­sen-anhal­ti­ni­sche Besol­dungs­ge­setz­ge­ber ver­folg­te mit sei­nem Ände­rungs­ge­setz in Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Urteil vom 05.05.2015 das Ziel, eine amts­an­ge­mes­se­ne Besol­dung anhand der dort genann­ten Anfor­de­run­gen her­zu­stel­len, und hat die­ses Ziel jeden­falls nicht in einer der Untä­tig­keit gleich zu ach­ten­den Wei­se ver­fehlt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Juni 2016 – 2 BvL 3/​12, 2 BvL 6/​12, 2 BvL 5/​12, 2 BvL 4/​12

  1. BVerfG, Urteil vom 05.05.2015 – 2 BvL 3/​12, 2 BvL 6/​12, 2 BvL 5/​12, 2 BvL 4/​12
  2. BVerfGE 139, 64
  3. BVerfGE 139, 64, 71
  4. GVBl S. 654
  5. vgl. BVerfGE 6, 300, 303 f.; 68, 132, 140; 100, 263, 265
  6. vgl. – im Hin­blick auf eine vor­an­ge­gan­ge­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de – BVerfGE 68, 132, 141
  7. vgl. zu die­sem Aspekt BVerfGE 100, 263, 265