Wahl des Per­so­nal­rats­vor­stan­des – die stärks­te Wahl­vor­schlags­lis­te

Die in der Min­der­heit geblie­be­ne stärks­te Wahl­vor­schlags­lis­te mit min­des­tens einem Drit­tel Stim­men­an­teil hat Anspruch dar­auf, dass eines ihrer Mit­glie­der als Ergän­zungs­mit­glied in den Per­so­nal­rats­vor­stand gewählt wird, falls sie nicht bereits bei der Wahl der Grup­pen­spre­cher zum Zuge gekom­men ist.

Wahl des Per­so­nal­rats­vor­stan­des – die stärks­te Wahl­vor­schlags­lis­te

Der Per­so­nal­rats­vor­stand kommt nach §§ 32, 33 BPers­VG zustan­de. Der Per­so­nal­rat bil­det ihn aus sei­ner Mit­te; dem Vor­stand muss ein Mit­glied jeder im Per­so­nal­rat ver­tre­te­nen Grup­pe ange­hö­ren; die Grup­pen­ver­tre­ter wäh­len das auf sie ent­fal­len­de Vor­stands­mit­glied (§ 32 Abs. 1 Satz 1 bis 3 BPers­VG). Auf die­se Wei­se wer­den in einem Per­so­nal­rat mit Beam­ten und Arbeit­neh­mern die bei­den Grup­pen­spre­cher gewählt (vgl. § 5 Satz 1 BPers­VG). Regel­mä­ßig wird einer von ihnen zum Per­so­nal­rats­vor­sit­zen­den und der ande­re zu sei­nem Stell­ver­tre­ter bestimmt (vgl. § 32 Abs. 2 BPers­VG). In gro­ßen Dienst­stel­len, in wel­chen der Per­so­nal­rat elf oder mehr Mit­glie­der hat (vgl. § 16 Abs. 1 BPers­VG), wählt er aus sei­ner Mit­te mit ein­fa­cher Stim­men­mehr­heit zwei wei­te­re Mit­glie­der in den Vor­stand (§ 33 Satz 1 BPers­VG). Wei­ter bestimmt § 33 Satz 2 BPers­VG: "Sind Mit­glie­der des Per­so­nal­ra­tes aus Wahl­vor­schlags­lis­ten mit ver­schie­de­nen Bezeich­nun­gen gewählt wor­den und sind im Vor­stand Mit­glie­der aus der­je­ni­gen Lis­te nicht ver­tre­ten, die die zweit­größ­te Anzahl, min­des­tens jedoch ein Drit­tel aller von den Ange­hö­ri­gen der Dienst­stel­le abge­ge­be­nen Stim­men erhal­ten hat, so ist eines der wei­te­ren Vor­stands­mit­glie­der aus die­ser Lis­te zu wäh­len."

Vor­aus­set­zung für die Anwen­dung der Vor­schrift ist zunächst, dass Per­so­nal­rats­mit­glie­der aus Wahl­vor­schlags­lis­ten mit ver­schie­de­nen Bezeich­nun­gen gewählt wor­den sind. Das ist stets der Fall, wenn der Per­so­nal­rat nach den Grund­sät­zen der Ver­hält­nis­wahl, also im Wege der Lis­ten­wahl gewählt wor­den ist 1.

Als Wahl­vor­schlags­lis­te im Sin­ne von § 33 Satz 2 BPers­VG sind nicht die für die ein­zel­nen Grup­pen ein­ge­reich­ten Wahl­vor­schlä­ge zu ver­ste­hen, son­dern die grup­pen­über­grei­fen­de Zusam­men­fas­sung der­je­ni­gen Wahl­vor­schlä­ge, wel­che die­sel­be Bezeich­nung tra­gen und damit eine ein­heit­li­che gewerk­schaft­li­che, ver­bands­po­li­ti­sche oder – wie bei frei­en Lis­ten – dienst­stel­len­in­ter­ne Inter­es­sen­aus­rich­tung erken­nen las­sen 2.

Unter den Schutz der Vor­schrift fällt nur eine Lis­te, wel­che min­des­tens ein Drit­tel aller von den Ange­hö­ri­gen der Dienst­stel­le abge­ge­be­nen Stim­men erhal­ten hat. Rech­ne­risch kön­nen dies nur die stärks­te und die zweit­stärks­te Lis­te sein. Denn für alle ande­ren Lis­ten bleibt zusam­men nur noch ein Stim­men­an­teil von weni­ger als ein Drit­tel übrig.

§ 33 Satz 2 BPers­VG gewährt den Min­der­hei­ten­schutz nach sei­nem Wort­laut aus­drück­lich der Lis­te mit der zweit­größ­ten Anzahl abge­ge­be­ner Stim­men. Damit nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen ist die Berück­sich­ti­gung der stärks­ten Lis­te, die min­des­tens ein Drit­tel der abge­ge­be­nen Stim­men erzielt hat, jedoch im Per­so­nal­rat in der Min­der­heit ist. Wie bereits das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zutref­fend aus­ge­führt hat, kann § 33 Satz 2 BPers­VG in der Wei­se gele­sen wer­den, dass "min­des­tens" die Lis­te mit der zweit­größ­ten Stim­men­zahl, die außer­dem das Drit­tel­kri­te­ri­um erfüllt, in den Genuss der getrof­fe­nen Rege­lung kommt.

Sinn und Zweck der Vor­schrift gebie­ten eine dahin­ge­hen­de Aus­le­gung. Sie gehen dahin, star­ken Wahl­min­der­hei­ten eine Ver­tre­tung im erwei­ter­ten Per­so­nal­rats­vor­stand zu sichern 3.

Der Schutz­be­darf der zweit­stärks­ten Lis­te ist augen­fäl­lig, wenn die stärks­te Lis­te über die Mehr­heit sowohl im Per­so­nal­rat ins­ge­samt als auch jeweils bei den Ver­tre­tern bei­der Grup­pen ver­fügt. In die­sem Fall könn­te die stärks­te Lis­te ihre Vor­stands­kan­di­da­ten ohne die Rege­lung in § 33 Satz 2 BPers­VG voll­stän­dig durch­brin­gen.

Nicht wesent­lich anders ver­hält es sich, wenn die zweit­stärks­te Lis­te sowohl im Per­so­nal­rat ins­ge­samt als auch bei den Ver­tre­tern bei­der Grup­pen jeweils in der Min­der­heit ist. In die­sem Fall könn­te sie sich gegen den Wil­len der auf die ande­ren Lis­ten ent­fal­len­den Mehr­heit mit kei­nem ihrer Vor­stands­kan­di­da­ten durch­set­zen.

Eine ver­gleich­ba­re Situa­ti­on besteht aber auch dann, wenn die stärks­te Lis­te sowohl im Per­so­nal­rats­ple­num als auch bei den Ver­tre­tern bei­der Grup­pen jeweils in der Min­der­heit ist. Gegen den Wil­len der auf die ande­ren Lis­ten ent­fal­len­den Mehr­heit kann sie sich mit kei­nem ihrer Vor­stands­kan­di­da­ten durch­set­zen. Das Bedürf­nis nach Min­der­hei­ten­schutz ist hier nicht anders als in den bei­den vor­ge­nann­ten Fall­ge­stal­tun­gen. Dass die frag­li­che Lis­te im Ver­gleich zu jeder ande­ren Lis­te die rela­ti­ve Mehr­heit hat, ändert nichts dar­an, dass sie sowohl bei der Wahl der Grup­pen­spre­cher nach § 32 Abs. 1 BPers­VG als auch bei der Wahl der Ergän­zungs­mit­glie­der nach § 33 Satz 1 BPers­VG in der Min­der­heits­po­si­ti­on ist 4.

Im Ergeb­nis ändert sich nichts, wenn man eine direk­te Anwen­dung der Rege­lung in § 33 Satz 2 BPers­VG wegen ihres Wort­lau­tes auf die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung nicht für mög­lich hält. In die­sem Fall drängt sich Ana­lo­gie gera­de­zu auf. Dann läge eine plan­wid­ri­ge Lücke vor, die aus den vor­ge­nann­ten teleo­lo­gi­schen Grün­den im Ein­klang mit dem mut­maß­li­chen Wil­len des Gesetz­ge­bers durch ent­spre­chen­de Anwen­dung der Rege­lung in § 33 Satz 2 BPers­VG auf die hier gege­be­ne Fall­ge­stal­tung zu schlie­ßen wäre.

Weder der Wort­laut der Rege­lung in § 33 Satz 2 BPers­VG noch der sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­hang mit § 32 BPers­VG noch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te bei­der Vor­schrif­ten lie­fern einen greif­ba­ren Anhalt dafür, dass die Ver­tre­ter der betref­fen­den – stärks­ten oder zweit­stärks­ten – Wahl­vor­schlags­lis­te für den Erhalt des Min­der­hei­ten­schut­zes den Ver­such unter­nom­men haben müs­sen, für die Wahl der Grup­pen­spre­cher zu kan­di­die­ren. Eine der­ar­ti­ge Annah­me ver­bie­tet sich zudem des­we­gen, weil kein Per­so­nal­rats­mit­glied ver­pflich­tet ist, für einen Vor­stands­pos­ten zu kan­di­die­ren. Für die Anwen­dung von § 33 Satz 2 BPers­VG ist allein erheb­lich, dass Mit­glie­der der betref­fen­den Wahl­vor­schlags­lis­te vor der Wahl der Ergän­zungs­mit­glie­der nicht im Per­so­nal­rats­vor­stand ver­tre­ten sind. Es ist daher belang­los, ob Mit­glie­der der Lis­te bei der Wahl der Grup­pen­spre­cher durch­ge­fal­len sind oder gar nicht erst kan­di­diert haben. Dem­ge­mäß han­delt die Min­der­hei­ten­lis­te nicht miss­bräuch­lich, wenn sie das Ange­bot der Mehr­heit, ihr das Amt eines der Grup­pen­spre­cher zu ver­schaf­fen, nicht annimmt 5.

Leh­nen alle Mit­glie­der der in Betracht kom­men­den Lis­te mit Aus­nah­me eines Mit­glieds das Amt des Vor­stands­mit­glie­des ab, dann bleibt dem Per­so­nal­rat kei­ne ande­re Wahl, als die­ses Mit­glied in den erwei­ter­ten Vor­stand auf­zu­neh­men. Die "Wahl" beschränkt sich in die­sem Fall auf die Pflicht der Auf­nah­me die­ses einen Mit­glieds in den erwei­ter­ten Vor­stand, ohne dass es dazu einer Mehr­heits­ent­schei­dung des Per­so­nal­rats bedarf. Es ist nicht sach­wid­rig, wenn die Min­der­heit, die geschützt wer­den soll, einen gewis­sen Ein­fluss hat und dadurch ein Per­so­nal­rats­mit­glied ihres Ver­trau­ens in den Vor­stand brin­gen kann. Der Min­der­hei­ten­schutz ist effek­tiv, wenn die Min­der­hei­ten­lis­te den einen ihr zuste­hen­den Vor­stands­pos­ten mit einem Kan­di­da­ten beset­zen kann, den sie in beson­de­rem Maße für geeig­net hält, ihre dienst­stel­len­be­zo­ge­nen und ver­bands­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen in die Vor­stands­ar­beit ein­zu­brin­gen 6.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 17. März 2014 – 6 P 8.2013 -

  1. vgl. Kröll, in: Altvater/​Baden/​Berg/​Kröll/​Noll/​Seulen, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, 8. Aufl.2013, § 33 Rn. 4; Jacobs, in: Richardi/​Dörner/​Weber, Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht, 4. Aufl.2012, § 33 Rn. 15[]
  2. vgl. BT-Drs. 7/​176 S. 29 zu § 32; Beschluss vom 23.02.1979 – 6 P 39.78, BVerw­GE 57, 286 = Buch­holz 238.3 A § 33 BPers­VG Nr. 1; Ger­hold, in: Lorenzen/​Etzel/​Gerhold/​Schlatmann/​Rehak/​Faber, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, § 33 Rn. 5; Ilbertz, in: Ilbertz/​Widmaier/​Sommer, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, 12. Aufl.2012, § 33 Rn. 10; Fischer/​Goeres/​Gronimus, in: GKÖD Bd. V, K § 33 Rn. 10; Jacobs, a.a.O. § 33 Rn. 18; Kröll, a.a.O. § 33 Rn. 7 ff.[]
  3. vgl. BT-Drs. 7/​176 S. 29 zu § 32; Beschlüs­se vom 23.02.1979 a.a.O. S. 288 bzw. S. 2; vom 28.02.1979 – 6 P 81.78, Buch­holz 238.3 A § 33 BPers­VG Nr. 2 S. 7; vom 27.09.1990 – 6 P 23.88, Buch­holz 250 § 33 BPers­VG Nr. 4 S. 4; und vom 19.08.2010 – 6 PB 10.10, Buch­holz 251.7 § 29 NWPers­VG Nr. 1 Rn. 12[]
  4. eben­so OVG Müns­ter, Beschluss vom 25.11.1993 – 1 A 346/​93.PVB – S. 11[]
  5. vgl. BVerwG, Beschluss vom 19.08.2010 a.a.O. Rn. 13[]
  6. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 28.02.1979 a.a.O. S. 6 f.; und vom 19.08.2010 a.a.O. Rn. 12 f.[]