Zen­tra­le Dienst­vor­schrif­ten der Bun­des­wehr – und ihre Anfech­tung

Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Ver­tei­di­gung sind nicht unmit­tel­bar anfecht­bar.

Zen­tra­le Dienst­vor­schrif­ten der Bun­des­wehr – und ihre Anfech­tung

Nach § 17 Abs. 1 WBO kann ein Sol­dat die Wehr­dienst­ge­rich­te anru­fen, wenn sein Antrag bzw. sei­ne Beschwer­de eine Ver­let­zung sei­ner Rech­te oder eine Ver­let­zung von Vor­ge­setz­ten­pflich­ten ihm gegen­über zum Gegen­stand hat, die im Zwei­ten Unter­ab­schnitt des Ers­ten Abschnitts des Sol­da­ten­ge­set­zes mit Aus­nah­me der §§ 24, 25, 30 und 31 gere­gelt sind. Dar­aus folgt, dass der Sol­dat nur sol­che Maß­nah­men und Unter­las­sun­gen (§ 17 Abs. 3 WBO) sei­ner mili­tä­ri­schen Vor­ge­setz­ten einer gericht­li­chen Über­prü­fung unter­zie­hen las­sen kann, die unmit­tel­bar gegen ihn gerich­tet sind oder die, obwohl an ande­re Sol­da­ten gerich­tet, in Form einer Rechts­ver­let­zung oder eines Pflich­ten­ver­sto­ßes in sei­ne Rechts­sphä­re hin­ein­wir­ken 1. Wen­det sich ein Sol­da­ten gegen eine Rege­lung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Ver­tei­di­gung, die aus­schließ­lich an sei­ne Vor­ge­setz­ten oder an ande­re Dienst­stel­len der Bun­des­wehr gerich­tet ist, ohne ihn kon­kret und unmit­tel­bar in eige­ner Per­son zu tref­fen, ist die­ser Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung unzu­läs­sig. Denn eine vom Ein­zel­fall los­ge­lös­te all­ge­mei­ne Nach­prü­fung von Anord­nun­gen, Erlas­sen oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten des Bundesministers/​des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Ver­tei­di­gung auf ihre Recht­mä­ßig­keit im Sin­ne eines Nor­men­kon­troll­ver­fah­rens ist der Wehr­be­schwer­de­ord­nung fremd 2. Das Wehr­be­schwer­de­ver­fah­ren dient nicht dazu, das Han­deln oder die Anord­nun­gen bzw. Erlas­se der zustän­di­gen Vor­ge­setz­ten im All­ge­mei­nen zu über­prü­fen; es ist kein Instru­ment der objek­ti­ven Rechts­kon­trol­le oder einer all­ge­mei­nen Auf­sicht über die Bun­des­wehr. Das Ver­fah­ren dient viel­mehr dem indi­vi­du­el­len, sub­jek­ti­ven Rechts­schutz des Sol­da­ten.

Nach die­sen Maß­stä­ben han­delt es sich bei den vom Sol­da­ten gerüg­ten Rege­lun­gen der ZDv A‑1340/​50 zu den Richt­wer­ten bei Beur­tei­lun­gen nicht um anfecht­ba­re trup­pen­dienst­li­che Maß­nah­men im Sin­ne des § 17 Abs. 1, Abs. 3 WBO. Die­sen Rege­lun­gen fehlt die Qua­li­tät eines unmit­tel­ba­ren Ein­griffs in die sub­jek­ti­ven Rech­te des beur­teil­ten Sol­da­ten. Die ZDv A‑1340/​50 rich­tet sich als Ver­wal­tungs­vor­schrift – wie ins­be­son­de­re aus Nr. 102 Buchst. a und c, Nr. 103 und Nr. 301 zu erse­hen ist – an die beur­tei­len­den Vor­ge­setz­ten und die wei­te­ren höhe­ren Vor­ge­setz­ten, die zu der Beur­tei­lung Stel­lung neh­men. In bestimm­ten Vor­schrif­ten (z.B. Nr. 901 und Nr. 1204 Buchst. a ZDv 20/​6) sind auch die per­so­nal­be­ar­bei­ten­den Dienst­stel­len der Bun­des­wehr Adres­sa­ten der ZDv A‑1340/​50. Die vom Sol­da­ten ange­grif­fe­nen Vor­schrif­ten zu den Richt­wer­ten sind sämt­lich dadurch gekenn­zeich­net, dass sie nicht den ein­zel­nen Beur­teil­ten oder zu beur­tei­len­den Sol­da­ten in die Pflicht neh­men, son­dern den zur Beur­tei­lung des Sol­da­ten ver­pflich­te­ten zustän­di­gen Dis­zi­pli­nar­vor­ge­setz­ten, den nächst­hö­he­ren Vor­ge­setz­ten und gege­be­nen­falls wei­te­re höhe­re Vor­ge­setz­te. Erst wenn in Umset­zung der vor­be­zeich­ne­ten Bestim­mun­gen von die­sen zustän­di­gen Vor­ge­setz­ten eine plan­mä­ßi­ge Beur­tei­lung erstellt (oder gege­be­nen­falls zu einem bestimm­ten Stich­tag unter­las­sen) wird, kann der betrof­fe­ne Sol­dat gegen die­se Maß­nah­me (bzw. deren Unter­las­sung) mit den Rechts­be­hel­fen nach der Wehr­be­schwer­de­ord­nung vor­ge­hen und dann die Inzi­dent­kon­trol­le der von ihm bean­stan­de­ten Rege­lun­gen der ZDv A‑1340/​50 betrei­ben. Damit ist sei­nem Anspruch auf Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes nach Art.19 Abs. 4 GG genügt 3.

Aus dem Beschluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 25.10.2011 4 folgt nichts ande­res. In die­ser Ent­schei­dung hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­spro­chen, dass ein Sol­dat aus den spe­zi­el­len Vor­schrif­ten zur Durch­füh­rung von Beur­tei­lungs­ge­sprä­chen in Nrn. 507 und 508 ZDv 20/​6 im Ein­zel­fall geschütz­te indi­vi­du­el­le Rech­te her­lei­ten kann, obwohl sie aus­schließ­lich den beur­tei­len­den Vor­ge­setz­ten in die Pflicht neh­men (und die­sen vor dem Vor­wurf einer "Über­ra­schungs­be­ur­tei­lung" schüt­zen sol­len, vgl. Nr. 508 Buchst. a Satz 3 ZDv 20/​6). Im damals zu ent­schei­den­den Fall stand das indi­vi­du­el­le Recht des betrof­fe­nen Sol­da­ten auf Wah­rung der Chan­cen­gleich­heit im Beur­tei­lungs­ver­fah­ren in Rede; er hat­te sei­ne plan­mä­ßi­ge Beur­tei­lung ange­foch­ten und deren Rechts­wid­rig­keit unter ande­rem mit dem Hin­weis auf unter­las­se­ne Beur­tei­lungs­ge­sprä­che behaup­tet. Dabei ging es um die Fra­ge, ob eine Beur­tei­lung schon des­halb rechts­wid­rig sein kann, weil die Ver­fah­rens­be­stim­mun­gen über die Beur­tei­lungs­ge­sprä­che ver­letzt sind; in die­sem Kon­text war im Rah­men der Über­prü­fung der Beur­tei­lung die "dritt­schüt­zen­de Wir­kung" der Nrn. 507 und 508 ZDv 20/​6 zu erwä­gen. Es ging hin­ge­gen nicht – wie im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren – um die abs­trak­te gericht­li­che Kon­trol­le von ein­zel­nen Bestim­mun­gen der Beur­tei­lungs­vor­schrift.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 24. Mai 2016 – 1 WB 4.16

  1. stRspr, vgl. z.B. BVerwG, Beschlüs­se vom 06.09.1990 – 1 WB 109.89, BVerw­GE 86, 316; vom 04.03.2004 – 1 WB 51.03; und vom 24.05.2011 – 1 WB 14.11, Rn. 14 m.w.N.[]
  2. stRspr, – auch zum Fol­gen­den – z.B. BVerwG, Beschlüs­se vom 25.10.2000 – 1 WB 84.00, BVerw­GE 112, 133; vom 08.05.2001 – 1 WB 25.01, Buch­holz 311 § 17 WBO Nr. 42; und vom 24.05.2011 – 1 WB 14.11, Rn. 14[]
  3. stRspr, vgl. z.B. zu den Vor­gän­ger­be­stim­mun­gen der ZDv 20/​6: BVerwG, Beschluss vom 24.05.2011 – 1 WB 14.11, Rn. 15 m.w.N.[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 25.10.2011 – 1 WB 51.10, BVerw­GE 141, 113, Rn. 31[]