Zuviel arbei­ten­de Feu­er­wehr­be­am­te in Bran­den­burg

Feu­er­wehr­be­am­te, die sich frei­wil­lig bereit erklärt haben, über die uni­ons­recht­lich zuläs­si­ge Höchst­ar­beits­zeit von 48 Stun­den in der Woche hin­aus Dienst zu leis­ten, kön­nen hier­für von ihren Dienst­herrn – den beklag­ten Städ­ten – Frei­zeit­aus­gleich ver­lan­gen. Kann der Dienst­herr den pri­mär auf Frei­zeit­aus­gleich gerich­te­ten Aus­gleichs­an­spruch der Beam­ten nicht bin­nen Jah­res­frist erfül­len, so besteht ab dem Fol­ge­mo­nat der Gel­tend­ma­chung die­ses Anspruchs ein Ent­schä­di­gungs­an­spruch in Geld.

Zuviel arbei­ten­de Feu­er­wehr­be­am­te in Bran­den­burg

Dies hat nun das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig in einer Rei­he von Ver­fah­ren ent­schie­de­nen, in denen um den Aus­gleich für uni­ons­rechts­wid­ri­ge Zuviel­ar­beit von Feu­er­wehr­be­am­ten in den Städ­ten Pots­dam, Ora­ni­en­burg und Cott­bus gestrit­ten wur­de. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat­te dabei über Aus­gleichs­an­sprü­che von kom­mu­na­len Feu­er­wehr­be­am­ten im Land Bran­den­burg im Wesent­li­chen im Zeit­raum zwi­schen 2007 und 2013 zu ent­schei­den. Wäh­rend die­ser Zeit ver­rich­te­ten die kla­gen­den Beam­ten auf eige­nen Antrag Schicht­dienst mit bis zu 56 Wochen­stun­den. 2010 und spä­ter mach­ten sie gel­tend, die Dienst­zeit, die über die uni­ons­recht­lich zuläs­si­ge Höchst­ar­beits­zeit von 48 Wochen­stun­den hin­aus­ge­he, sei infol­ge feh­ler­haf­ter Anwen­dung und Umset­zung von Uni­ons­recht als uni­ons­rechts­wid­ri­ge Zuviel­ar­beit finan­zi­ell abzu­gel­ten.

Damit hat­ten sie in den Vor­in­stan­zen über­wie­gend Erfolg 1.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun auf die Revi­sio­nen der beklag­ten Städ­te die auf den uni­ons­recht­li­chen Haf­tungs­an­spruch gestütz­ten Kla­gen der Feu­er­wehr­be­am­ten für die Zeit­räu­me abge­wie­sen, die vor der erst­ma­li­gen Gel­tend­ma­chung des Aus­gleichs­an­spruchs für uni­ons­rechts­wid­ri­ge Zuviel­ar­beit durch die Beam­ten lagen. Für die Zeit­räu­me nach der Gel­tend­ma­chung des Aus­gleichs für die Zuviel­ar­beit hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt jeweils das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg zurück­ver­wie­sen.

Dem Grun­de nach ist, so das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, ein uni­ons­recht­li­cher Haf­tungs­an­spruch der Klä­ger gegen ihre Dienst­her­ren zu beja­hen. Die uni­ons­recht­lich feh­ler­haf­te Umset­zung der nach der EU-Arbeits­zeit­richt­li­nie mög­li­chen Aus­nah­me­re­ge­lung („Opt-Out“) von der wöchent­li­chen Höchst­ar­beits­zeit von 48 Stun­den (mit Ein­ver­ständ­nis der Beam­ten) ist zwar vom bran­den­bur­gi­schen Lan­des­ge­setz­ge­ber zu ver­ant­wor­ten. Die Anwen­dung des feh­ler­haf­ten Lan­des­rechts – hier: von Rechts­ver­ord­nun­gen über die Arbeits­zeit von Feu­er­wehr­be­am­ten aus den Jah­ren 2007 und 2009 – ist aber den beklag­ten Städ­ten als Dienst­her­ren der Feu­er­wehr­be­am­ten anzu­las­ten. Denn damit haben sie den Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts nicht beach­tet. Die Rechts­ver­ord­nun­gen ver­let­zen offen­kun­dig jeden­falls das in der EU-Arbeits­zeit­richt­li­nie gere­gel­te Nach­teils­ver­bot, wonach kei­nem Arbeit­neh­mer Nach­tei­le dar­aus ent­ste­hen dür­fen, dass er nicht bereit ist, mehr als 48 Stun­den inner­halb eines Sie­ben­ta­ges­zeit­raums zu arbei­ten. Die­ses Nach­teils­ver­bot hat der bran­den­bur­gi­sche Gesetz­ge­ber erst in einer 2014 in Kraft getre­te­nen Rechts­ver­ord­nung über die Arbeits­zeit von Feu­er­wehr­be­am­ten nor­miert.

Auch auf der Grund­la­ge des uni­ons­recht­li­chen Haf­tungs­an­spruchs hat der Dienst­herr aber nur die uni­ons­rechts­wid­ri­ge Zuviel­ar­beit aus­zu­glei­chen, die ab dem auf die erst­ma­li­ge Gel­tend­ma­chung fol­gen­den Monat geleis­tet wird. Ansprü­che, deren Fest­set­zung und Zah­lung sich – anders als beam­ten­recht­li­che Besol­dungs- oder Ver­sor­gungs­an­sprü­che – nicht unmit­tel­bar aus Gesetz erge­ben, bedür­fen einer vor­he­ri­gen Gel­tend­ma­chung. Für Ansprü­che wegen rechts­wid­ri­ger Zuviel­ar­beit gilt dies in beson­de­rer Wei­se. Die­se sind nicht pri­mär auf die Zah­lung eines finan­zi­el­len Aus­gleichs gerich­tet, son­dern auf die Besei­ti­gung des rechts­wid­ri­gen Zustands. Durch den Hin­weis des Beam­ten ist daher zunächst eine Prü­fung sei­nes Dienst­herrn ver­an­lasst, ob eine Ände­rung der Arbeits­zeit­ge­stal­tung erfor­der­lich ist und ob eine rechts­wid­ri­ge Zuviel­ar­beit – etwa durch Anpas­sung der maß­geb­li­chen Dienst­plä­ne – ver­mie­den oder durch die Gewäh­rung von Frei­zeit­aus­gleich kom­pen­siert wer­den kann. Ohne ent­spre­chen­de Rüge muss der Dienst­herr nicht davon aus­ge­hen, jeder Beam­te wer­de die Über­schrei­tung der aktu­el­len Arbeits­zeit­re­ge­lung bean­stan­den. Auch hin­sicht­lich der mög­li­chen finan­zi­el­len Aus­gleichs­pflicht hat der Dienst­herr ein berech­tig­tes Inter­es­se dar­an, nicht nach­träg­lich mit unvor­her­seh­ba­ren Zah­lungs­be­geh­ren kon­fron­tiert zu wer­den.

Ab dem Monat nach einer berech­tig­ten Rüge des Beam­ten hat der Dienst­herr, kom­pen­siert er die rechts­wid­ri­ge Zuviel­ar­beit nicht mit Frei­zeit­aus­gleich, die­se Zuviel­ar­beit nach den Grund­sät­zen über die Mehr­ar­beits­ver­gü­tung aus­zu­glei­chen. Der finan­zi­el­le Aus­gleich erfolgt dabei nicht pau­schal nach der Dif­fe­renz zwi­schen der Höchst­ar­beits­zeit und der geneh­mig­ten Zuviel­ar­beit. Er rich­tet sich viel­mehr nach den vom Beam­ten kon­kret geleis­te­ten Dienst­stun­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 21. Juli 2017 – 2 C 31.16; 2 C 32.16; 2 C 33.16; 2 C 34.16; 2 C 35.16; 2 C 36.16; 2 C 37.16; 2 C 38.16; 2 C 39.16; 2 C 40.16; 2 C 41.16; 2 C 42.16; 2 C 43.16; 2 C 44.16

  1. VG Pots­dam, Urtei­le vom 11.09.2013 – 2 K 838/​12; 2 K 1286/​11; 2 K 1357/​12; 2 K 1372/​11; 2 K 1956/​12; und 2 K 2814/​13; und vom 16.10.2013 – 2 K 1241/​12; 2 K 1267/​12; 2 K 1292/​12; 2 K 1367/​12; 2 K 1399/​12; und 2 K 2562/​12; VG Cott­bus, Urtei­le vom 28.02.2013 – 5 K 914/​11;OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urtei­le vom 18.06.2015 – 6 B 19.15; 6 B 26.15; 6 B 27.15; 6 B 28.15; 6 B 29.15; und 6 B 32.15; und vom 01.07.2015 – 6 B 20.15; 6 B 21.15; 6 B 22.15; 6 B 23.15; 6 B 24.15; 6 B 25.15; 6 B 30.15[]