Bebau­ungs­pla­nung im beschleu­nig­ten Verfahren

„Ande­re Maß­nah­men der Innen­ent­wick­lung“ nach § 13a Abs. 1 Satz 1 Bau­GB müs­sen nach Ziel und Inhalt der Ent­wick­lung der über­plan­ten Flä­che dienen.

Bebau­ungs­pla­nung im beschleu­nig­ten Verfahren

Nach § 13a Abs. 1 Satz 1 Bau­GB kann ein Bebau­ungs­plan für die Wie­der­nutz­bar­ma­chung von Flä­chen, die Nach­ver­dich­tung oder ande­re Maß­nah­men der Innen­ent­wick­lung (Bebau­ungs­plan der Innen­ent­wick­lung) im beschleu­nig­ten Ver­fah­ren auf­ge­stellt wer­den. Dies gilt ent­spre­chend für die Ände­rung und Ergän­zung eines Bebau­ungs­plans gemäß § 13a Abs. 4 Bau­GB in der hier maß­geb­li­chen Fas­sung durch das Gesetz zur Stär­kung der Innen­ent­wick­lung in den Städ­ten und Gemein­den und wei­te­ren Fort­ent­wick­lung des Städ­te­bau­rechts vom 11.06.20131

Nach Auf­fas­sung des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts2 erfasst der Ände­rungs­be­bau­ungs­plan eine Flä­che im Sied­lungs­be­reich der Gemein­de und stellt sich als ande­re Maß­nah­me der Innen­ent­wick­lung dar. Die Innen­ent­wick­lung müs­se bereits mit dem Plan nach § 13a Bau­GB bewirkt wer­den. Ledig­lich mit­tel­ba­re Vor­tei­le für die Innen­ent­wick­lung reich­ten nicht aus. Dar­aus fol­ge aber nicht, dass nur dem Plan­be­reich unmit­tel­bar zugu­te­kom­men­de Vor­tei­le die Anwen­dung des § 13a Bau­GB recht­fer­tig­ten. Viel­mehr könn­ten auch Vor­tei­le außer­halb des Plan­um­griffs eine ande­re Maß­nah­me der Innen­ent­wick­lung dar­stel­len, wenn sie nur hin­rei­chend nah zum Plan­ge­biet ein­trä­ten und hier­durch die Aus­nutz­bar­keit benach­bar­ter Sied­lungs­flä­chen ver­bes­sert wer­de. Die­se Aus­le­gung ver­stößt gegen revi­si­bles Recht. Die „ande­re Maß­nah­me der Innen­ent­wick­lung“ muss nach Ziel und Inhalt der Ent­wick­lung der über­plan­ten Flä­che dienen. 

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Die nicht zugelassene Berufung - und die Begründung der Verfassungsbeschwerde

Mit dem Tat­be­stands­merk­mal der Innen­ent­wick­lung beschränkt § 13a Abs. 1 Satz 1 Bau­GB sei­nen räum­li­chen Anwen­dungs­be­reich. Innen­ent­wick­lung ist nur inner­halb des Sied­lungs­be­reichs zuläs­sig; das gilt aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung auch für die Ände­rung oder Anpas­sung von Bebau­ungs­plä­nen3. Die äuße­ren Gren­zen des Sied­lungs­be­reichs dür­fen durch den Bebau­ungs­plan nicht in den Außen­be­reich erwei­tert wer­den4. § 13a Abs. 1 Satz 1 Bau­GB beschränkt den Anwen­dungs­be­reich des beschleu­nig­ten Ver­fah­rens indes­sen nicht nur räum­lich, son­dern auch inhalt­lich. Begüns­tigt wer­den nur Bebau­ungs­plä­ne für die Wie­der­nutz­bar­ma­chung von Flä­chen, die Nach­ver­dich­tung oder eine ande­re Maß­nah­me der Innen­ent­wick­lung. Dabei kommt es nicht dar­auf an, wie die Gemein­de die von ihr mit dem Bebau­ungs­plan beab­sich­tig­ten Maß­nah­men bezeich­net, son­dern allein dar­auf, dass sie mit die­sen „Innen­ent­wick­lung“ i.S.d. Vor­schrift betreibt5

Der unbe­stimm­te Rechts­be­griff der „ande­ren Maß­nah­me der Innen­ent­wick­lung“ dient nach der Kon­zep­ti­on des § 13a Abs. 1 Satz 1 Bau­GB als Auf­fang­tat­be­stand6. Er umfasst alle Maß­nah­men der Innen­ent­wick­lung, die nicht als Wie­der­nutz­bar­ma­chung von Flä­chen oder als Nach­ver­dich­tung zu beur­tei­len sind. Aus den genann­ten Bei­spielsfäl­len folgt jedoch eine inhalt­li­che Begren­zung zuläs­si­ger Maß­nah­men. Die benann­ten Fäl­le bezeich­nen städ­te­bau­li­che Maß­nah­men in dem Gebiet, wel­ches über­plant wird, und brin­gen damit zum Aus­druck, dass die maß­geb­li­chen Zie­le der Innen­ent­wick­lung (vor­nehm­lich) im Gel­tungs­be­reich des Bebau­ungs­plans erreicht wer­den müs­sen7. Das gilt auch für „ande­re Maß­nah­men der Innen­ent­wick­lung“. Die­se müs­sen nach Ziel und Inhalt der Ent­wick­lung der über­plan­ten Flä­che die­nen8, ein Bebau­ungs­plan nach § 13a Bau­GB muss mit­hin die bau­pla­nungs­recht­li­che Grund­la­ge für Maß­nah­men der Innen­ent­wick­lung selbst schaf­fen. Es reicht daher nicht aus, wenn auf­grund eines nur mit­tel­ba­ren Ursa­chen­zu­sam­men­hangs die Innen­ent­wick­lung in ande­ren Tei­len des Sied­lungs­be­reichs posi­tiv beein­flusst wird9. Die Aus­rich­tung auf die städ­te­bau­li­che Ent­wick­lung nach innen schließt des Wei­te­ren die allei­ni­ge Ver­fol­gung ande­rer Ziel­set­zun­gen aus, wie z.B. sol­che des Umwelt­schut­zes7

Die­se enge Aus­le­gung ist auch uni­ons­recht­lich gebo­ten. Nach § 2 Abs. 4 Bau­GB bedarf im Grund­satz jede Bebau­ungs­pla­nung einer Umwelt­prü­fung; das gilt über § 1 Abs. 8 Bau­GB auch für die Ände­rung, Ergän­zung oder Auf­he­bung eines Bebau­ungs­plans. Mit die­ser Vor­ga­be setzt der natio­na­le Gesetz­ge­ber die Vor­ga­ben aus dem Uni­ons­recht um, ins­be­son­de­re aus der Richt­li­nie 2001/​42/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 27.06.2001 über die Prü­fung der Umwelt­aus­wir­kun­gen bestimm­ter Plä­ne und Pro­gram­me10. Das beschleu­nig­te Ver­fah­ren nach § 13a Bau­GB ver­steht sich dazu als Aus­nah­me, weil hier auf die Durch­füh­rung einer Umwelt­prü­fung (§ 13a Abs. 2 Nr. 1 i.V.m. § 13 Abs. 3 Satz 1 Bau­GB) ver­zich­tet wer­den kann. Das ist uni­ons­recht­lich zwar zuläs­sig11. Eine exten­si­ve Aus­le­gung des Tat­be­stands­merk­mals der „ande­ren Maß­nah­me der Innen­ent­wick­lung“, die dazu führt, dass das beschleu­nig­te Ver­fah­ren ohne Umwelt­prü­fung im Sied­lungs­be­reich der Gemein­den zum Regel­ver­fah­ren wür­de12, wäre hier­mit jedoch nicht vereinbar. 

Danach lie­gen hier die Vor­aus­set­zun­gen nach § 13a Abs. 1 Satz 1 Bau­GB im hier ent­schie­de­nen Fall nicht vor. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt geht zwar zutref­fend davon aus, dass das Plan­ge­biet, das auf der Grund­la­ge eines Bebau­ungs­plans bau­lich genutzt wird, zum Sied­lungs­be­reich der Gemein­de gehört. Bei der ange­grif­fe­nen Pla­nung han­delt es sich jedoch nicht um eine „ande­re Maß­nah­me der Innen­ent­wick­lung“. Nach den für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts (§ 137 Abs. 2 VwGO) soll der Ände­rungs­be­bau­ungs­plan zur Ver­bes­se­rung des Orts­bil­des sowie vor allem zur Reduk­ti­on der zulas­ten der benach­bar­ten Wohn­be­völ­ke­rung gehen­den Emis­si­ons­träch­tig­keit bei­tra­gen. Die Plan­än­de­run­gen habe mit­hin die Ursprungs­pla­nung zum Vor­teil die­ses Orts­teils wie­der ein­fan­gen sol­len, nach­dem die Antrag­stel­le­rin kei­ne Anstal­ten getrof­fen hat­te, in dem zuläs­si­gen Maße eine Bio­gas­an­la­ge betrei­ben oder ande­re gewerb­li­chen Akti­vi­tä­ten ent­fal­ten zu wol­len. Der Gemein­de ging es danach mit dem Ände­rungs­be­bau­ungs­plan nicht um die Ent­wick­lung der über­plan­ten und im Eigen­tum der Antrag­stel­le­rin ste­hen­den Flä­che, son­dern aus­schließ­lich um mit­tel­ba­re Fol­ge­wir­kun­gen zuguns­ten ihres Sied­lungs­be­reichs. Sie ver­folg­te damit aus­schließ­lich Zie­le, die außer­halb des Plan­ge­biets lie­gen. Das genügt nicht für die Annah­me, es lie­ge eine ande­re Maß­nah­me der Innen­ent­wick­lung vor. 

Der Ände­rungs­be­bau­ungs­plan lei­det auf­grund der Wahl des beschleu­nig­ten Ver­fah­rens an beacht­li­chen Män­geln, weil die Gemein­de – inso­weit fol­ge­rich­tig – weder eine Umwelt­prü­fung vor­ge­nom­men (§ 2 Abs. 4 Bau­GB) noch einen Umwelt­be­richt (§ 2a Satz 2 Nr. 2 Bau­GB) erstellt hat. Der Feh­ler ist nach § 214 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 Bau­GB beacht­lich13. Der Man­gel wur­de von der Antrag­stel­le­rin inner­halb der Jah­res­frist des § 215 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Bau­GB gerügt. Er führt zur Gesamt­un­wirk­sam­keit des Änderungsbebauungsplans. 

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. Juni 2021 – 4 CN 6.19

  1. BGBl. I S. 1548[]
  2. Nds. OVG, Urteil vo m14.05.2019 – OVG 1 KN 14/​17[]
  3. BVerwG, Urteil vom 25.06.2020 – 4 CN 5.18, BVerw­GE 169, 29 Rn. 28 mit Ver­weis auf BT-Drs. 16/​2496 S. 12[]
  4. BVerwG, Urtei­le vom 04.11.2015 – 4 CN 9.14, BVerw­GE 153, 174 Rn. 22 f.; und vom 27.08.2020 – 4 CN 4.19, BVerw­GE 169, 219 Rn. 15[]
  5. BVerwG, Urteil vom 25.06.2020 – 4 CN 5.18 – a.a.O. Rn. 27[]
  6. Gierke/​Scharmer, in: Brü­gel­mann, Bau­GB, § 13a Rn. 61, Stand Okto­ber 2018; Krautz­ber­ger, in: Ernst/​Zinkahn/​Bielenberg/​Krautzberger, Bau­ge­setz­buch, Stand Febru­ar 2021, § 13a Rn. 30; Jae­ger, in: Spannowsky/​Uechtritz, Beck­OK Bau­GB, Stand 1.02.2021, § 13a Rn. 6; Dill­mann, BauR 2019, 1546 <1552>[]
  7. Gierke/​Scharmer, in: Brü­gel­mann, Bau­GB, § 13a Rn. 55, Stand Okto­ber 2018[][]
  8. sie­he etwa Kerk­mann, EurUP 2019, 206 <210> VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 07.05.2018 – 3 S 2041/​17 – Beck­RS 2018, 10322 Rn. 35[]
  9. Krautz­ber­ger, in: Ernst/​Zinkahn/​Bielenberg/​Krautzberger, Bau­ge­setz­buch, Stand Febru­ar 2021, § 13a Rn. 33[]
  10. ABl. L 197 S. 30 vom 21.07.2001[]
  11. BVerwG, Urteil vom 25.06.2020 – 4 CN 5.18, BVerw­GE 169, 29 Rn. 30[]
  12. vgl. schon Jachmann/​Mitschang, BauR 2009, 913 <926> fer­ner Krautz­ber­ger, DVBl 2014, 270 <271>[]
  13. BVerwG, Urtei­le vom 04.11.2015 – 4 CN 9.14, BVerw­GE 153, 174 Rn. 29; und vom 25.06.2020 – 4 CN 5.18, BVerw­GE 169, 29 Rn. 34[]