Berufs­aus­bil­dung und vor­zei­ti­ges Zivil­dienst-Ende

Nach § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG kann ein Dienst­leis­ten­der auf sei­nen Antrag aus dem Zivil­dienst ent­las­sen wer­den, wenn das Ver­blei­ben im Zivil­dienst für ihn wegen per­sön­li­cher, ins­be­son­de­re beruf­li­cher oder wirt­schaft­li­cher Grün­de, die nach dem für den Dienstein­tritt fest­ge­setz­ten Zeit­punkt ent­stan­den sind, eine beson­de­re Här­te bedeu­ten wür­de. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 1 kann ein zusätz­li­cher Zeit­ver­lust von mehr als sechs Mona­ten zwi­schen der vor­ge­se­he­nen Dienst­zeit und dem nächst­mög­li­chen Aus­bil­dungs­be­ginn eine beson­de­re Här­te dar­stel­len.

Berufs­aus­bil­dung und vor­zei­ti­ges Zivil­dienst-Ende

Das Bun­des­amt für den Zivil­dienst berech­net die­sen Zeit­ver­lust aus­ge­hend von dem ohne den Zivil­dienst mög­li­chen Aus­bil­dungs­be­ginn (hier: 16. August 2010) und stellt dann dar­auf ab, wann der nächst­mög­li­che Ter­min für den Aus­bil­dungs­be­ginn nach Ableis­tung des Zivil­diens­tes sei (hier: 16. August 2011). Die­ser sich dabei erge­ben­de Zeit­ver­lust (hier: zwölf Mona­te) sei dann um die vol­le Dau­er des Zivil­diens­tes von neun Mona­ten (vgl. § 24 Abs. 2 Satz 1 i. V. m. § 5 Abs. 1a WPflG) zu kür­zen, wodurch im kon­kre­ten, jetzt vom Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg ent­schie­de­nen Fall des Antrag­stel­lers sich ein Zeit­ver­lust von dann nur drei Mona­ten errech­net. Zur Begrün­dung die­ser Berech­nungs­me­tho­de beruft sich die Antrags­geg­ne­rin auf den als ermes­sens­bin­den­de Ver­wal­tungs­vor­schrift zu qua­li­fi­zie­ren­den Erlass des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend vom 21. Dezem­ber 2009 betref­fend die Berech­nung des Zeit­ver­lus­tes als beson­de­re Här­te nach § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG.

Gemäß die­sem Minis­te­rial­er­lass ist für die Ermitt­lung des eine beson­de­re Här­te im Sin­ne von §§ 11 Abs. 4 Satz 1 bzw. 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG begrün­den­den Zeit­ver­lus­tes der Zeit­raum zwi­schen dem ohne den Zivil­dienst mög­li­chen Stu­di­en- oder Aus­bil­dungs­be­ginn und dem nächst­mög­li­chen Ter­min nach Ableis­tung des Zivil­diens­tes maß­ge­bend. Erst wenn die­ser Zeit­raum nach Abzug der abzu­leis­ten­den Zivil­dienst­dau­er neun Mona­te oder – wie hier – zumin­dest sechs Mona­te über­steigt, ist grund­sätz­lich von einer beson­de­ren Här­te aus­zu­ge­hen oder eine Ent­schei­dung nach der Bil­lig­keits­re­ge­lung zu tref­fen.

Die­ser Minis­te­rial­er­lass wird nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg vom Bun­des­amt für den Zivil­dienst jedoch feh­ler­haft ange­wen­det. Inso­weit folgt das Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg den Aus­füh­run­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts Neu­stadt in des­sen Beschluss vom 27. Juli 2010 2:

Dass mit dem in dem Minis­ter­er­lass ent­hal­te­nen Pas­sus „Abzug der abzu­leis­ten­den Zivil­dienst­dau­er“ stets die vol­le, also die gesetz­li­che Dau­er des Zivil­diens­tes von 9 Mona­ten (§ 24 Abs. 2 Satz 1 i. V. m. § 5 Abs. 1a WPflG) gemeint ist, kann im Hin­blick auf die mit die­sem Minis­te­rial­er­lass bezweck­te ein­heit­li­che, auf eine gleich­ar­ti­ge Behand­lung die­ser Fäl­le abzie­len­de sach­ge­rech­te Ermes­sens­aus­übung der Behör­de bei der Prü­fung des Vor­lie­gens einer beson­de­ren Här­te wegen Zeit­ver­lus­tes nicht ange­nom­men wer­den. Denn wür­de man der Berech­nungs­me­tho­de der Antrags­geg­ne­rin fol­gen, so käme man in den Fäl­len, in denen der Dienst­pflich­ti­ge sei­nen Dienst bereits ange­tre­ten hat und des­halb wegen einer vor dem Ende der regu­lä­ren Dienst­zeit begin­nen­den Aus­bil­dung nur eine vor­zei­ti­ge Ent­las­sung nach § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG in Betracht kommt, unter kei­ner vor­stell­ba­ren Kon­stel­la­ti­on zu einem Zeit­ver­lust, der 6 Mona­te über­steigt. Mit­hin käme man in die­sen Fäl­len auch nie zum Vor­lie­gen einer nach die­sem Minis­te­rial­er­lass ab einem Zeit­ver­lust von mehr als 6 Mona­ten anzu­neh­men­den beson­de­ren Här­te. Bei der Berech­nungs­me­tho­de der Antrag­stel­le­rin wird der­je­ni­ge, der sei­nen Dienst ange­tre­ten und damit im Zeit­punkt der nach § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG erfolg­ten Antrag­stel­lung auf vor­zei­ti­ge Ent­las­sung schon eine gewis­se Dienst­zeit abge­leis­tet hat, gegen­über dem­je­ni­gen benach­tei­ligt, der sei­nen Dienst erst noch anzu­tre­ten hat, also noch die vol­le Zivil­dienst­dau­er abzu­leis­ten hat. Denn dem den Dienst bereits ableis­ten­den Zivil­dienst­leis­ten­den wird bei der Berech­nungs­me­tho­de der Antrags­geg­ne­rin die Zivil­dienst­zeit bei der Ermitt­lung des Zeit­ver­lus­tes prak­tisch „dop­pelt“ in Abzug gebracht, denn zum einen hat die­ser bereits eine gewis­se Dau­er Zivil­dienst geleis­tet – womit bereits ein – aller­dings hin­zu­neh­men­der – Zeit­ver­lust bei sei­ner Aus­bil­dung ent­steht, und zum ande­ren muss er sich noch­mals die vol­le gesetz­li­che Zivil­dienst­dau­er bei der Berech­nung des Zeit­ver­lus­tes in Abzug brin­gen las­sen, wodurch sich dann rein rech­ne­risch sein Zeit­ver­lust erheb­lich – näm­lich stets um 9 Mona­te – redu­ziert, obwohl er nach dem regu­lä­ren Ende sei­nes Zivil­diens­tes tat­säch­lich aber einen über 6 Mona­te betra­gen­den Zeit­ver­lust bis zum Beginn sei­ner Aus­bil­dung hat. Der Pas­sus „nach Abzug der abzu­leis­ten­den Zivil­dienst­dau­er“ kann des­halb sach­ge­rech­ter­wei­se nur die noch abzu­leis­ten­de Zivil­dienst­dau­er mei­nen, die bei einem den Dienst noch nicht ange­tre­te­nen Zivil­dienst­leis­ten­den mit den vol­len 9 Mona­ten und bei einem den Dienst bereits ableis­ten­den Zivil­dienst­leis­ten­den – wie auch dem Antrag­stel­ler – mit der von die­sem noch abzu­leis­ten­den Rest­dau­er des Zivil­diens­tes anzu­set­zen ist. Nur bei einem sol­chen Ver­ständ­nis macht der sich nicht nur auf die Zurück­stel­lung vom, son­dern auch auf die vor­zei­ti­ge Ent­las­sung aus dem Zivil­dienst wegen beson­de­rer Här­te nach §§ 11 Abs. 4 Satz 1 bzw. 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG bezie­hen­de Minis­te­rial­er­lass als ermes­sens­bin­den­de Ver­wal­tungs­vor­schrift Sinn.

Ver­wal­tungs­ge­richt Olden­burg, Beschluss vom 1. Sep­tem­ber 2010 – 7 B 2151/​10

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 13.11.1969 – VIII C 92.69, BVerw­GE 34, 188 ff., vom 28.11.1973 – 8 C 166.71, und vom 25.10.1978 – VIII C 25.77[]
  2. VG Neu­stadt, Beschluss vom 27.07.2010 – 3 L 701/​10.NW[]