Beschwer durch kla­ge­ab­wei­sen­des Pro­zes­s­ur­teil

Der Be­klag­te ist durch ein kla­ge­ab­wei­sen­des Pro­zes­s­ur­teil be­schwert, wenn das Pro­zes­s­ur­teil nicht in dem­sel­ben Um­fang in Rechts­kraft er­wächst wie ein Sachur­teil und des­halb die strei­ti­ge Fra­ge in einem Fol­ge­pro­zess er­neut auf­ge­wor­fen wer­den könn­te [1].

Beschwer durch kla­ge­ab­wei­sen­des Pro­zes­s­ur­teil

Für das zivil­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ist aner­kannt, dass der Beklag­te beschwert sein kann, wenn die Kla­ge durch Pro­zes­s­ur­teil statt durch Sachur­teil abge­wie­sen wird. Denn die Rechts­kraft des Sachur­teils geht wei­ter als die des Pro­zes­s­ur­teils [2]. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat sich dem für das ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ange­schlos­sen [3].

An die­ser Recht­spre­chung hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt fest. § 92 Abs. 1 Satz 2 VwGO bringt zum Aus­druck, dass auch der Beklag­te ab dem dort genann­ten Zeit­punkt einen Anspruch auf gericht­li­che Ent­schei­dung hat [4]. Damit wird dem Umstand Rech­nung getra­gen, dass der Beklag­te zu sei­ner Ver­tei­di­gung bereits Anstal­ten gemacht und finan­zi­el­len Auf­wand gehabt hat [5]. Die­sel­be Wer­tung liegt der Recht­spre­chung zugrun­de, wonach der Beklag­te bei berech­tig­tem Inter­es­se trotz Erle­dig­t­er­klä­rung durch den Klä­ger einen Anspruch auf Nach­prü­fung hat, ob die Kla­ge gegen ihn zu Recht erho­ben wor­den ist [6].

Eine Beschwer ist danach zu beja­hen, wenn das Pro­zes­s­ur­teil nicht in dem­sel­ben Umfang in Rechts­kraft erwächst wie ein Sachur­teil. Dies ist hier der Fall. Der Beklag­te hat zu gewär­ti­gen, dass die Fra­ge, die Gegen­stand des hie­si­gen Ver­fah­rens ist, in einem Fol­ge­pro­zess – etwa in dem ange­kün­dig­ten Amts­haf­tungs­pro­zess sowie in dem Rechts­streit um die Rück­gän­gig­ma­chung der Fol­gen der Ver­äu­ße­rung – erneut auf­ge­wor­fen wird, ohne dass er die mate­ri­el­le Rechts­kraft ein­wen­den kann.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 12. Janu­ar 2012 – 7 C 5.11

  1. im An­schluss an BVerwG, Ur­tei­le vom 10.02.1960 – 5 C 14.58, BVerw­GE 10, 148, 149 = Buch­holz 436.4 § 4 MuSchG Nr. 2; und vom 10.04.1968 – 4 C 160.65, Buch­holz 310 § 121 VwGO Nr. 29 = NJW 1968, 1795; sowie Be­schluss vom 14.02.2011 – 7 B 49.10, NVwZ 2011, 509[]
  2. BGH, Urteil vom 18.11.1958 – VIII ZR 131/​57, BGHZ 28, 349; BAG, Beschluss vom 19.11.1985 – 1 ABR 37/​83NJW 1987, 514[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 10.02.1960 – 5 C 14.58, BVerw­GE 10, 148, 149 = Buch­holz 436.4 § 9 MuSchG Nr. 2; Beschluss vom 15.03.1968 – 7 C 183.65, BVerw­GE 29, 210, 211 = Buch­holz 310 § 121 VwGO Nr. 28; Urteil vom 10.04.1968 – 4 C 160.65, Buch­holz 310 § 121 VwGO Nr. 29 = NJW 1968, 1795[]
  4. vgl. Clausing, in: Scho­ch­/­Schmidt-Aßman­n/­Pietz­ner, VwGO, § 92 Rn. 25[]
  5. vgl. Becker-Eber­hard, in: Münch­ner Kom­men­tar zur ZPO, 3. Aufl.2007, § 269 Rn. 1[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 14.01.1965 – 1 C 68.61, BVerw­GE 20, 146, 154 = Buch­holz 310 § 161 Abs. 2 VwGO Nr. 12[]