Beweis­erhe­bung und Min­der­hei­ten­rech­te im par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schuss

Der Unter­su­chungs­aus­schuss zur Auf­klä­rung des Luft­an­griffs von Kun­duz muss­te dem Antrag der Aus­schuss­min­der­heit nicht statt­ge­ben, die Zeu­gen Gene­ral a. D. Schnei­der­han und Staats­se­kre­tär a. D. Dr. Wichert dem Zeu­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Dr. Frei­herr zu Gut­ten­berg in einer erneu­ten Ver­neh­mung gegen­über­zu­stel­len. Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof. Die Ver­tre­ter der Aus­schuss­min­der­heit haben nach die­ser Ent­schei­dung auch nicht die Befug­nis, die ableh­nen­de Ent­schei­dung der Aus­schuss­mehr­heit gericht­lich über­prü­fen zu las­sen.

Beweis­erhe­bung und Min­der­hei­ten­rech­te im par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schuss

In der Nacht vom 3. auf den 4. Sep­tem­ber 2009 ver­an­lass­te der mili­tä­ri­sche Lei­ter des Pro­vinz-Wie­der­auf­bau­teams (PRT) in Kun­duz (Afgha­ni­stan) einen Luft­schlag auf zwei ent­führ­te Tank­last­wa­gen, der zu einer Viel­zahl von Todes­op­fern führ­te. Zu des­sen Auf­klä­rung, ins­be­son­de­re zu sei­ner Ver­ein­bar­keit mit natio­na­len und inter­na­tio­na­len poli­ti­schen, recht­li­chen und mili­tä­ri­schen Vor­ga­ben für den Ein­satz in Afgha­ni­stan, sowie zum jewei­li­gen Infor­ma­ti­ons­stand inner­halb der Bun­des­re­gie­rung und der Bun­des­wehr kon­sti­tu­ier­te sich der Ver­tei­di­gungs­aus­schuss als Unter­su­chungs­aus­schuss. Die­ser ver­nahm eine Viel­zahl von Zeu­gen, dar­un­ter Bun­des­mi­nis­ter Dr. Frei­herr zu Gut­ten­berg, Staats­se­kre­tär a. D. Dr. Wichert und Gene­ral a. D. Schnei­der­han. Zur Klä­rung von Wider­sprü­chen in den Aus­sa­gen der letzt­ge­nann­ten Zeu­gen bean­trag­ten die Ver­tre­ter der Aus­schuss­min­der­heit – bestehend aus Abge­ord­ne­ten der Frak­tio­nen SPD, BÜNDNIS 90/​DIE GRÜNEN und DIE LINKE – die­se Zeu­gen erneut im Rah­men einer Gegen­über­stel­lung zu ver­neh­men. Die­ser Antrag wur­de von der Aus­schuss­mehr­heit – Abge­ord­ne­ten der Frak­tio­nen von CDU/​CSU und FDP – abge­lehnt.

Die Aus­schuss­min­der­heit hat dar­auf­hin durch mehr als ein Vier­tel der Mit­glie­der des Aus­schus­ses beim Bun­des­ge­richts­hof bean­tragt fest­zu­stel­len, dass die Aus­schuss­mehr­heit mit ihrer ableh­nen­den Ent­schei­dung gegen das Gesetz zur Rege­lung des Rechts der Unter­su­chungs­aus­schüs­se des Deut­schen Bun­des­ta­ges (Unter­su­chungs­aus­schuss­ge­setz – PUAG) ver­sto­ßen habe und ver­pflich­tet sei, die Ver­neh­mungs­ge­gen­über­stel­lung durch­zu­füh­ren.

Nach dem Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs betrifft die Ver­neh­mungs­ge­gen-über­stel­lung eines Zeu­gen mit ande­ren Zeu­gen im Unter­su­chungs­aus­schuss-ver­fah­ren allein die Art und Wei­se der Beweis­auf­nah­me. Über die Fra­ge, ob sie für den Unter­su­chungs­zweck gebo­ten und durch­zu­füh­ren ist, ent­schei­det nach den Rege­lun­gen des PUAG der Unter­su­chungs­aus­schuss abschlie­ßend mit der Mehr­heit der abge­ge­be­nen Stim­men. Auch eine qua­li­fi­zier­te Min­der­heit von einem Vier­tel der Aus­schuss­mit­glie­der hat danach kei­nen Anspruch dar­auf, eine Gegen­über­stel­lung gegen den Wil­len der Mehr­heit durch­set­zen zu kön­nen. Das PUAG räumt ihr auch nicht das Recht ein, die ableh­nen­de Ent­schei­dung der Mehr­heit gericht­lich über­prü­fen zu las­sen. Hier­ge­gen bestehen unter ver­fas­sungs­recht­li­chen Gesichts-punk­ten kei­ne Beden­ken.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. August 2010 – 3 ARs 23/​10