Beweis­last für die Exis­tenz von Orts­stra­ßen

Für die Exis­tenz von Orts­stra­ßen bzw. Bebau­ungs­plä­nen, die nach dem Badi­schen Orts­stra­ßen­ge­setz als Vor­aus­set­zung für die Her­stel­lung einer Orts­stra­ße zu for­dern sind, trägt der­je­ni­ge die Beweis­last, der sich auf das Vor­han­den­sein sol­cher Plä­ne beruft.

Beweis­last für die Exis­tenz von Orts­stra­ßen

Im Ein­zel­fall kann es in Betracht kom­men, dass ein Gericht die Über­zeu­gung von der tat­säch­li­chen Exis­tenz eines Orts­stra­ßen bzw. Bebau­ungs­plans bereits auf­grund hin­rei­chend ver­läss­li­cher Indi­zi­en gewinnt. An die Indi­zi­en dür­fen nicht zu gerin­ge Anfor­de­run­gen gestellt wer­den.

Bei der Bewer­tung etwa vor­han­de­ner Indi­zi­en über den Bau von Stra­ßen ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass es im ehe­ma­li­gen Groß­her­zog­tum Baden an recht­li­che Regeln gebun­de­nen Stra­ßen­bau nicht nur auf Grund­la­ge des Orts­stra­ßen­ge­set­zes, son­dern auch auf Grund­la­ge eines (all­ge­mei­nen) Stra­ßen­ge­set­zes gab.

Nach § 49 Abs. 6 KAG Baden-Würt­tem­berg kann (auch) nach den Bestim­mun­gen des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes kein Erschlie­ßungs­bei­trag erho­ben wer­den für eine vor­han­de­ne Erschlie­ßungs­an­la­ge, für die eine Erschlie­ßungs­bei­trags­schuld auf Grund der bis zum 29.06.1961, dem Tag vor Inkraft­tre­ten des Bun­des­bau­ge­set­zes, gel­ten­den Vor­schrif­ten nicht ent­ste­hen konn­te. Die Vor­schrift des § 49 Abs. 6 KAG ent­spricht den Vor­gän­ger­re­ge­lun­gen in den §§ 242 Abs. 1 Bau­GB bzw. 180 Abs. 2 BBauG. Ob eine Stra­ße im Rechts­sin­ne (das heißt im Sin­ne der zuvor genann­ten Vor­schrif­ten) „vor­han­den“ ist, beur­teilt sich nicht nur nach der tat­säch­li­chen Exis­tenz einer Stra­ße (am 29.06.1961), viel­mehr rich­tet sich das aner­kann­ter­ma­ßen nach dem bis zum Inkraft­tre­ten des Bun­des­bau­ge­set­zes gel­ten­den Lan­des­recht 1.

Für den badi­schen Lan­des­teil Baden-Würt­tem­bergs, in dem sich die beklag­te Stadt befin­det, konn­te nach dem Inkraft­tre­ten des Badi­schen Orts­stra­ßen­ge­set­zes (wört­lich: „Gesetz, die Anla­ge der Orts­stra­ßen und die Fest­stel­lung der Bau­fluch­ten, sowie das Bau­en längs der Land­stra­ßen und Eisen­bah­nen betref­fend“) in sei­ner ursprüng­li­chen Fas­sung vom 20.02.1868 (Groß­her­zog­lich Badi­sches Regie­rungs­blatt Nr. XVII vom 21.03.1868, S. 286 ff.) – OSt­rG – eine Orts­stra­ße im Rechts­sinn, das heißt eine zum Anbau bestimm­te oder dem Anbau die­nen­de öffent­li­che Stra­ße, nur noch auf­grund eines nach dem Orts­stra­ßen­ge­setz (in sei­nen ver­schie­de­nen Fas­sun­gen) oder den Auf­bau­ge­set­zen vom 18.08.1948 und vom 25.11.1959 auf­ge­stell­ten Orts­stra­ßen, Stra­ßen- und Bau­fluch­ten- oder Bebau­ungs­plans ent­ste­hen, weil die Gemein­den neue Orts­stra­ßen nur noch nach den Vor­schrif­ten die­ser Geset­ze, das heißt nur nach Maß­ga­be ver­bind­li­cher Plä­ne, her­stel­len durf­ten. Eine Stra­ße kann dem­nach im badi­schen Lan­des­teil nur dann als „vor­han­den“ bzw. „her­ge­stellt“ ange­se­hen wer­den, wenn sie in einem der zuvor genann­ten Plä­ne fest­ge­stellt war und sie ent­spre­chend die­sem Plan bis zum Inkraft­tre­ten des Bun­des­bau­ge­set­zes, das heißt bis zum 29.06.1961, plan­ge­mäß her­ge­stellt war. Fehl­te es an einem rechts­ver­bind­li­chen Plan für die Stra­ße oder wur­de die Stra­ße nicht bis zum 29.06.1961 plan­ge­mäß her­ge­stellt, liegt eine vor­han­de­ne Stra­ße im Sin­ne des § 49 Abs. 6 KAG nicht vor 2.

Im hier ent­schie­de­nen Fall konn­te die N. Stra­ße nach dem Inkraft­tre­ten des Badi­schen Orts­stra­ßen­ge­set­zes die Eigen­schaft einer Orts­stra­ße nicht erlan­gen, weil es an einem Plan im zuvor genann­ten Sin­ne fehlt. Dass ein sol­cher Plan zumin­dest heu­te nicht mehr auf­find­bar ist und es auch nie­man­den gibt, der einen sol­chen Plan jemals zu Gesicht bekom­men hat, ist zwi­schen den Betei­lig­ten nicht strei­tig. Es gibt aber dar­über hin­aus – ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers – auch kei­ne Indi­zi­en, die hin­rei­chend sicher dar­auf schlie­ßen las­sen, dass es einen sol­chen Plan ein­mal gege­ben hat. Es gibt ledig­lich hin­rei­chend siche­re Hin­wei­se dar­auf, dass die N. Stra­ße in den Jah­ren 1869/​1870 erst­mals her­ge­stellt sowie spä­ter in den Jah­ren 1930 und 1933 erneu­ert bzw. geteert wor­den ist.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg ist aber nach Aus­wer­tung aller Erkennt­nis­quel­len, ins­be­son­de­re auch nach Aus­wer­tung der his­to­ri­schen Unter­la­gen aus dem Archiv der ehe­mals selb­stän­di­gen Gemein­de W., nicht davon über­zeugt, dass es einen Orts­stra­ßen- bzw. Bebau­ungs­plan nach dem dama­li­gen Orts­stra­ßen­recht gege­ben hat, auf des­sen Grund­la­ge die N. Stra­ße in den Jah­ren 1869/​1870 oder 1930 bzw.1933 her­ge­stellt wur­de. Dabei ist davon aus­zu­ge­hen, dass für die Exis­tenz von Orts­stra­ßen- bzw. Bebau­ungs­plä­nen, die nach dem Badi­schen Orts­stra­ßen­ge­setz als Vor­aus­set­zung für die Her­stel­lung einer Orts­stra­ße zu for­dern sind, der­je­ni­ge die Beweis­last trägt, der sich auf das Vor­han­den­sein sol­cher Plä­ne beruft 3, hier also der Klä­ger.

Einen sol­chen Nach­weis für die Exis­tenz eines dem erst­ma­li­gen Bau der N. Stra­ße zugrun­de lie­gen­den Orts­bau- bzw. Orts­stra­ßen­plans nach dem Badi­schen Orts­stra­ßen­ge­setz hat der Klä­ger nicht zu erbrin­gen ver­mocht. Dabei ver­kennt die Kam­mer nicht, dass es für einen Stra­ßen­an­lie­ger regel­mä­ßig sehr schwer ist, den vol­len Beweis einer förm­li­chen Orts­bau­pla­nung in lan­ge zurück­lie­gen­der Zeit (hier aus den Jah­ren 1869/​1870) zu erbrin­gen. Des­halb kann es im Ein­zel­fall in Betracht kom­men, dass ein Gericht die Über­zeu­gung von der tat­säch­li­chen Exis­tenz eines Orts­stra­ßen- bzw. Bebau­ungs­plans bereits auf­grund hin­rei­chend ver­läss­li­cher Indi­zi­en gewin­nen kann 4. Aller­dings dür­fen an die Indi­zi­en nicht zu gerin­ge Anfor­de­run­gen gestellt wer­den, wenn die im vor­ste­hen­den Absatz beschrie­be­ne Beweis­last sich nicht in ihr Gegen­teil ver­keh­ren soll. Die vor­ge­brach­ten Tat­sa­chen müs­sen viel­mehr einen Sach­ver­halt nahe­le­gen, bei dem eine Stra­ßen­pla­nung nach dem Badi­schen Orts­stra­ßen­ge­setz unter­stellt wer­den muss. Allein die Tat­sa­che eines Stra­ßen­baus lässt nicht not­wen­di­ger­wei­se auf die Exis­tenz eines Orts­stra­ßen- bzw. Bebau­ungs­plans schlie­ßen 5.

Bei der Bewer­tung etwa vor­han­de­ner Indi­zi­en über den Bau von Stra­ßen auf­grund von Plä­nen und sons­ti­gen förm­li­chen Hand­lun­gen ist u. a. auch zu berück­sich­ti­gen, dass es im ehe­ma­li­gen Groß­her­zog­tum Baden an recht­li­che Regeln gebun­de­nen Stra­ßen­bau nicht nur auf der Grund­la­ge des Orts­stra­ßen­ge­set­zes gab. So gab es neben dem Orts­stra­ßen­ge­setz vor allem auch ein (all­ge­mei­nes) Stra­ßen­ge­setz, das „Gesetz über die Ein­tei­lung, Anla­ge und Unter­hal­tung der öffent­li­chen Wege“ vom 14.01.1868 6, das also etwa zur glei­chen Zeit (sogar noch etwas vor­her) in Kraft trat wie das Orts­stra­ßen­ge­setz. Die­ses Gesetz wur­de spä­ter neu­ge­fasst durch das Stra­ßen­ge­setz vom 14.06.1884 7. Auch nach die­sem (all­ge­mei­nen) Stra­ßen­ge­setz war die (erst­ma­li­ge) Anle­gung, die Ver­bes­se­rung und die Unter­hal­tung von Gemein­de­we­gen, Kreis­stra­ßen und Land­stra­ßen gleich­falls in rechts­förm­li­cher Wei­se gere­gelt 8. Bei­de Rege­lungs­wer­ke, das Orts­stra­ßen­ge­setz einer­seits und das Stra­ßen­ge­setz ande­rer­seits, unter­schie­den sich in ihrem Anwen­dungs­be­reich dar­in, dass ers­te­res dem (geziel­ten) Anbau von Wohn­stät­ten inner­halb der Orts­be­bau­ung dien­te, letz­te­res in ers­ter Linie all­ge­mein ver­kehr­li­chen Zwe­cken. Im Hin­blick auf die Erfor­der­lich­keit förm­li­cher (Stra­ßen­bau- und Vermessungs-)Pläne, die förm­li­che Aus­schrei­bung der Ver­ga­be von (Werk-)Leistungen und (Baustof-)Lieferungen für die Her­stel­lung der Stra­ße sowie den rechts­förm­li­chen Grund­er­werb für die zur Her­stel­lung der Stra­ße not­wen­di­gen Flä­chen, gab es schon aus tat­säch­li­chen Grün­den kei­ne struk­tu­rel­len Unter­schie­de. Nur dann, wenn der Stra­ßen­bau auf dem Orts­stra­ßen­ge­setz beruh­te, kann die Annah­me einer vor­han­de­nen Stra­ße im Sin­ne von § 49 Abs. 6 KAG in Betracht kom­men.

Nach die­sen Grund­sät­zen ver­mag das Ver­wal­tungs­ge­richt auf­grund der von dem Klä­ger genann­ten Indi­zi­en für das Vor­lie­gen eines Orts­stra­ßen- bzw. Bebau­ungs­plans nicht die Über­zeu­gung zu gewin­nen, dass es einen sol­chen Plan für den Aus­bau der N. Stra­ße tat­säch­lich gege­ben hat.

Dass es für den Aus­bau der N. Stra­ße in den Jah­ren 1869/​1870 hand­schrift­li­che Pläne/​Zeichnungen eines Feld­mes­sers gibt, besagt nichts im Hin­blick auf die Exis­tenz eines Orts­stra­ßen- oder Bebau­ungs­plans. Bei dem dama­li­gen Stra­ßen­bau han­del­te es sich um die Neu­an­la­ge eines Weges bzw. einer Stra­ße auf einer neu­en Tras­se. Wie auch der Klä­ger in Über­ein­stim­mung mit den Zeich­nun­gen des Feld­mes­sers vor­trägt, ver­lief der Weg, der schon davor vom Orts­kern von W. nach Wes­ten führ­te, in ganz ande­rer (unbe­gra­dig­ter) Wei­se. Dass die Gemein­de für die­se Neu­tras­sie­rung des Weges bzw. der neu­en Stra­ße die Diens­te eines Ver­mes­sers in Anspruch genom­men hat, ist aus tech­ni­schen Grün­den zumin­dest nahe­lie­gend, wenn nicht gar not­wen­dig gewe­sen. Die Inan­spruch­nah­me eines Ver­mes­sers zur Her­stel­lung einer neu­en Wege­an­la­ge macht in glei­cher Wei­se Sinn für den Bau einer Stra­ße, die in ers­ter Linie dem all­ge­mei­nen Ver­kehr, u. a. der Ver­bin­dung der Gemein­de mit dem über­ört­li­chen Ver­kehrs­netz, die­nen soll­te, wie für den Bau einer dem Anbau von Wohn­stät­ten die­nen­den Orts­stra­ße im Sin­ne des Orts­stra­ßen­ge­set­zes. Das Glei­che gilt im Hin­blick auf den in den Akten der ehe­mals selb­stän­di­gen Gemein­de W. beleg­ten Grund­er­werb durch Ankauf von Flä­chen von den pri­va­ten Anlie­gern und die Ver­ga­be von Stra­ßen­bau­ar­bei­ten und der Lie­fe­rung von Stra­ßen­bau­ma­te­ria­li­en. Dass die vor­lie­gen­den hand­ge­fer­tig­ten Plä­ne des Feld­mes­sers aus­schließ­lich Zeich­nun­gen über den rei­nen Stra­ßen­kör­per und nicht auch über seit­li­che Bau­fluch­ten oder der­glei­chen ent­hiel­ten, mag sogar eher als Indiz dafür gel­ten, dass er eben nicht mit der ver­mes­sungs­tech­ni­schen Umset­zung einer Orts­stra­ßen­pla­nung nach dem Orts­stra­ßen­ge­setz 9, son­dern (nur) mit der Anla­ge einer (vor allem ver­kehr­li­chen Zwe­cken die­nen­den) Stra­ße beauf­tragt war.

Dafür könn­te auch spre­chen, dass die ent­spre­chen­den his­to­ri­schen Unter­la­gen über den dama­li­gen Stra­ßen­bau über­schrie­ben sind mit „Kos­ten­an­schlag über die Anla­ge einer Zufahrts­stra­ße beim Ort W.“ bzw. mit „Zufahrt­stra­ße von der Land­stra­ße nach W.“. Die­se Wort­wahl spricht eher für den Bau einer dem all­ge­mei­nen Ver­kehr die­nen­den („Zufahrts“-)Straße und gegen den Bau einer vor allem der Errich­tung von Wohn­be­bau­ung die­nen­den Orts­stra­ße.

Das wird auch bestä­tigt durch die tat­säch­li­che Bau­ent­wick­lung in den Fol­ge­jah­ren. Denn es hat auch nach den Recher­chen des Klä­gers immer­hin ca. 30 Jah­re (bis 1898) gedau­ert, bis nach der Errich­tung des Gast­hau­ses „…“, die schon vor dem Aus­bau der N. Stra­ße erfolg­te und allein durch die Neu­tras­sie­rung der B. L.straße ver­an­lasst war, und (des­halb) mit dem spä­te­ren Stra­ßen­bau der N. Stra­ße nichts tun gehabt haben konn­te, das ers­te Gebäu­de an der (neu­en) N. Stra­ße errich­tet wur­de. Auch in den Jah­ren danach hielt sich die Nach­fra­ge nach einer Bebau­ung der N. Stra­ße in Gren­zen. Erst nach wei­te­ren zehn bis 14 Jah­ren (1908 und 1912) folg­ten wei­te­re zwei Gebäu­de und noch wei­te­re 21 Jah­re spä­ter (1933) das ins­ge­samt vier­te. Auch das spricht dafür, dass es bei der Neu­an­la­ge der N. Stra­ße in den Jah­ren 1869/​1870 kein wirk­li­ches Bedürf­nis für die Errich­tung von Wohn­be­bau­ung an die­ser Stra­ße gab.

Dass der Gemein­de­rat von W. die N. Stra­ße spä­ter, in den Jah­ren 1930 und 1933, also mehr als 60 Jah­re nach der erst­ma­li­gen Anla­ge, in zwei Beschlüs­sen als Orts­stra­ße bezeich­ne­te, sagt dem­ge­gen­über wenig aus. Denn selbst für den (wenig wahr­schein­li­chen) Fall, dass die jeweils bei­läu­fi­gen Bemer­kun­gen in die­sen Beschlüs­sen inso­weit über­haupt im Bewusst­sein der Bedeu­tung des Begriffs „Orts­stra­ße“ im Rechts­sinn gemacht wor­den sein soll­ten, ist zu beden­ken, dass inzwi­schen, das heißt mehr als 60 Jah­re nach dem erst­ma­li­gen Aus­bau, eben doch eini­ge Bebau­un­gen – zusam­men mit der „…“ gab es damals bereits vier bzw. fünf bebau­te Grund­stü­cke – ent­lang der N. Stra­ße ent­stan­den sind, so dass die Ein­woh­ner von W. die N. Stra­ße inzwi­schen – untech­nisch – als eine dem Anbau die­nen­de Orts­stra­ße bzw. als eine „Stra­ße im Ort“ wahr­ge­nom­men haben mögen. Auf die­se spä­te, 60 Jah­re nach Her­stel­lung der N. Stra­ße zum Aus­druck gebrach­te Sicht­wei­se kommt es jedoch nicht an. Viel aus­sa­ge­kräf­ti­ger ist dem­ge­gen­über die Bezeich­nung der N. Stra­ße im Zeit­punkt ihrer Neu­an­la­ge als „Zufahrts­stra­ße von der Land­stra­ße nach W.“, also zu einem Zeit­punkt, in dem es wegen der kon­kret anste­hen­den Pla­nung und Finan­zie­rung (ggf. auch im Wege eines dem heu­ti­gen Erschlie­ßungs­bei­trag ver­gleich­ba­ren Bei­zugs­ver­fah­rens gemäß den Art. 12 ff. OSt­rG vom 20.02.1868 [a.a.O.] einer­seits oder gemäß § 4 des [all­ge­mei­nen] Stra­ßen­ge­set­zes vom 14.01.1868 [a.a.O.] ande­rer­seits, bei­des erst ein Jahr vor dem Bau der N. Stra­ße erlas­se­ner und des­halb im all­ge­mei­nen Bewusst­sein sicher­lich noch fri­scher Geset­ze) von weit­aus grö­ße­rer Bedeu­tung war, sich Gedan­ken über die recht­li­che Qua­li­fi­zie­rung der Stra­ße zu machen.

Allein die Tat­sa­che, dass an der N. Stra­ße in den Jah­ren 1898, 1908, 1912 und 1933 Bau­vor­ha­ben errich­tet wur­den, recht­fer­tigt – ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers – eben­falls nicht die Schluss­fol­ge­rung, dass die N. Stra­ße des­halb die Qua­li­tät einer Orts­stra­ße erlangt haben muss. Dage­gen spricht zum einen, dass die Bau­tä­tig­keit erst etwa drei­ßig Jah­re nach Her­stel­lung der Stra­ße ein­setz­te und auch danach kei­ne grö­ße­ren Aus­ma­ße ange­nom­men hat­te, so dass dar­aus kei­ne Rück­schlüs­se auf die Qua­li­fi­zie­rung der Stra­ße im maß­geb­li­chen Zeit­punkt ihrer Her­stel­lung gezo­gen wer­den kön­nen. Auf der ande­ren Sei­te war es auch an „nor­ma­len“ (Verkehrs-)Straßen in der Nähe von Sied­lun­gen nicht unüb­lich, sie nach ihrer Ent­ste­hung als Anbau­stra­ßen zu nut­zen. Das wider­sprach auch durch­aus nicht der dama­li­gen Rechts­la­ge. So ist u. a. in § 31 Abs. 1 des (all­ge­mei­nen) Stra­ßen­ge­set­zes vom 14.06.1884 10 aus­drück­lich Fol­gen­des gere­gelt: „Auf dem längs der öffent­li­chen Wege befind­li­chen Pri­vat­ei­gen­tum dür­fen, vor­be­halt­lich der für Orts­stra­ßen gel­ten­den beson­de­ren Bestim­mun­gen, bau­li­che Anla­gen aller Art bei Land­stra­ßen nur in einer Ent­fer­nung von 3,6 Meter, bei Kreis­stra­ßen und Gemein­de­we­gen nur in einer sol­chen von 2 Meter ange­bracht wer­den.“ Nach Absatz 3 der zuvor zitier­ten Vor­schrift konn­ten im Ein­zel­fall Aus­nah­men von die­sen Abstän­den zuge­las­sen wer­den (wört­lich: „Wenn nach den Umstän­den eine Benach­tei­li­gung der öffent­li­chen Inter­es­sen nicht zu erwar­ten ist, kann durch die Ver­wal­tungs­be­hör­de … von der Ein­hal­tung die­ser Ent­fer­nung Nach­sicht erteilt wer­den.“). Die­se Rege­lung (im all­ge­mei­nen Stra­ßen­ge­setz) wider­spricht auch nicht den erst in spä­te­ren Fas­sun­gen des Orts­stra­ßen­ge­set­zes, ins­be­son­de­re in der Fas­sung des Geset­zes vom 15.10.1908 11, ein­ge­führ­ten §§ 11 und 12 OSt­rG über die Beschrän­kun­gen des Bau­ens außer­halb bestehen­der Orts­stra­ßen. Denn ein Bau­ver­bot auf­grund von § 12 OSt­rG erfor­der­te ent­we­der – nach Absatz 1 – den vor­he­ri­gen Erlass einer zeit­lich aus­drück­lich zu befris­ten­den „orts­po­li­zei­li­chen Vor­schrift“, in etwa ver­gleich­bar mit einer heu­ti­gen Poli­zei­ver­ord­nung, für deren Exis­tenz in der dama­li­gen Zeit in der Gemein­de W. kei­ne Anhalts­punk­te gege­ben sind, oder – nach Absatz 2 – im Ein­zel­fall eine aus­drück­li­chen Unter­sa­gung durch die „Bau­po­li­zei­be­hör­de nach Ver­neh­mung des Gemein­de­rats“ bei Vor­lie­gen bestimm­ter Gefähr­dungs­la­gen und Beein­träch­ti­gun­gen oder Behin­de­run­gen bestehen­der oder nach Maß­ga­be von Orts­stra­ßen­plä­nen geplan­ter Orts­stra­ßen. Auch aus § 11 OSt­rG ergab sich ein Bau­ver­bot nur bei feh­len­der Ver­bin­dung zum nächs­ten befahr­ba­ren öffent­li­chen Weg und ansons­ten feh­len­der, für die Nut­zung der jewei­li­gen Gebäu­de erfor­der­li­cher Erschlie­ßungs­an­la­gen 12. Damit stand § 11 OSt­rG einer Bebau­ung an einem vor­han­de­nen Gemein­de­weg, einer Kreis- oder Land­stra­ße, durch den bzw. durch die die Ver­bin­dung zum Stra­ßen­netz ver­mit­telt wur­de, grund­sätz­lich gera­de nicht ent­ge­gen.

Auch der Umstand, dass die spä­te­re Bebau­ung an der N. Stra­ße, wie der Klä­ger vor­trägt, wei­test­ge­hend par­al­lel zur Stra­ße aus­ge­führt wor­den ist und in etwa glei­che Abstän­de zu die­ser wahrt, ist kein hin­rei­chen­des Indiz für das Vor­lie­gen eines Orts­stra­ßen- bzw. Bebau­ungs­plans nach dem Orts­stra­ßen­ge­setz mit Fest­set­zun­gen über eine Bau­flucht. Eine sol­che in der N. Stra­ße heu­te anzu­tref­fen­de Bebau­ung, die geprägt ist von der Aus­rich­tung an die bereits vor­han­de­nen Gebäu­de in der Nach­bar­schaft, kann eben­so gut Aus­druck eines natür­li­chen städ­te­bau­li­chen Emp­fin­dens der jewei­li­gen Bau­herrn bzw. Archi­tek­ten oder Ergeb­nis einer infor­mel­len Ein­fluss­nah­me der Orts- oder frü­he­ren Gemein­de­ver­wal­tung auf die Bau­wei­se (gewe­sen) sein. Dar­über hin­aus zeigt auch gera­de die im vor­ste­hen­den Absatz zitier­te Vor­schrift des § 31 des (all­ge­mei­nen) Stra­ßen­ge­set­zes vom 14.06.1884, dass es damals auch außer­halb des Anwen­dungs­be­reichs des Orts­stra­ßen­ge­set­zes recht­li­che Regeln zur Ein­hal­tung einer Art von Bau­flucht gab. Es ist im Übri­gen kei­ne Sel­ten­heit, wenn nicht gar ein sehr häu­fig anzu­tref­fen­des, bekann­tes Phä­no­men, dass sich in ver­gan­ge­nen Jah­ren und Jahr­zehn­ten in inner­ört­li­chen Lagen tat­säch­li­che Bau­fluch­ten auch ohne vor­he­ri­ge rechts­förm­li­che Fest­le­gung her­aus­ge­bil­det haben.

Ins­ge­samt bele­gen die vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen, dass ein Aus­bau der N. Stra­ße nach Maß­ga­be eines auf dem Orts­stra­ßen­recht beru­hen­den Orts­stra­ßen- oder Bebau­ungs­plans zumin­dest nicht nach­ge­wie­sen ist. Das hat zur Fol­ge, dass die Kam­mer nach den aner­kann­ten Regeln der Beweis­last davon aus­zu­ge­hen hat, dass es einen sol­chen Orts­stra­ßen- oder Bebau­ungs­plan nicht gege­ben hat.

Die N. Stra­ße ist auch nicht des­halb eine „vor­han­de­ne“ Stra­ße im Sin­ne von § 49 Abs. 6 KAG, weil sie eine so genann­te his­to­ri­sche Orts­stra­ße wäre, das heißt eine bereits bei Inkraft­tre­ten des (ers­ten) Badi­schen Orts­stra­ßen­ge­set­zes am 20.02.1868 vor­han­de­ne Orts­stra­ße. Das ist zu Recht zwi­schen den Betei­lig­ten nicht strei­tig, weil die tat­säch­li­che bzw. die nicht vor­han­de­ne Bebau­ung an der N. Stra­ße in jener Zeit, wie sie sich aus alten Plä­nen erschließt, einer sol­chen Annah­me ein­deu­tig ent­ge­gen­steht 13.

Nach­dem hier­nach davon aus­zu­ge­hen ist, dass die N. Stra­ße kei­ne vor­han­de­ne Stra­ße im Sin­ne von § 49 Abs. 6 KAG ist, weil sie nicht auf­grund eines Orts­stra­ßen- und Bebau­ungs­plans nach dem Orts­stra­ßen­ge­setz her­ge­stellt wor­den und auch sonst kei­ne his­to­ri­sche Orts­stra­ße ist, kommt es auf die zwi­schen den Betei­lig­ten aus­gie­big dis­ku­tier­te Fra­ge, ob der tat­säch­li­che Aus­bau die­ser Stra­ße den übli­chen tech­ni­schen Anfor­de­run­gen der jewei­li­gen Epo­che und/​oder einem etwai­gen Orts­stra­ßen­plan ent­spro­chen hat, nicht an.

Aus der in den Akten der Beklag­ten befind­li­chen Beschei­ni­gung des Bür­ger­meis­ter­amts der Beklag­ten vom 20.01.1976, mit der für ein ande­res eben­falls an der N. Stra­ße gele­ge­nes Grund­stück (Flst.Nr. …) bestä­tigt wur­de, dass die Erschlie­ßungs­an­la­ge nach § 127 BBauG und nach Lan­des­recht fer­tig gestellt, der Erschlie­ßungs­bei­trag nach dem Bun­des­bau­ge­setz bezahlt und nach Lan­des­recht zu 50 % bezahlt und zu 50 % nach Abschluss der Maß­nah­me zu zah­len ist, kann der Klä­ger in die­sem Ver­fah­ren kei­ne Rech­te ablei­ten. Die­se offen­sicht­lich auf einem Form­blatt einer Bau­spar­kas­se aus­ge­stell­te Beschei­ni­gung dien­te allein dem Zweck der Finan­zie­rung eines Bau­vor­ha­bens sowie ggf. der Belei­hung des betref­fen­den Wohn­grund­stücks. Sol­che Beschei­ni­gun­gen wur­den von den Gemein­de­ver­wal­tun­gen zuguns­ten der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer regel- und rou­ti­ne­mä­ßig aus­ge­stellt. Aus sol­chen rou­ti­ne­mä­ßig aus­ge­stell­ten Beschei­ni­gun­gen kann gene­rell nicht geschlos­sen wer­den, dass die Gemein­de die schwie­ri­ge, eine Aus­wer­tung his­to­ri­scher Befun­de erfor­dern­de Rechts­fra­ge, ob es sich bei der betref­fen­den Stra­ße um eine vor­han­de­ne Stra­ße nach altem Lan­des­recht han­delt, einer gründ­li­chen Prü­fung unter­zo­gen hat 14. Die hier zu beur­tei­len­de Beschei­ni­gung ist im Übri­gen zumin­dest wider­sprüch­lich; bei wohl­wol­len­dem Ver­ständ­nis kann ihr allen­falls eine Aus­sa­ge zur Zah­lung von Anlie­ger­bei­trä­gen nach dem im Jahr 1976 gel­ten­den Lan­des­recht ent­nom­men wer­den, zu dem das Erschlie­ßungs­bei­trags­recht, um das es hier jedoch allein geht, das damals aber noch aus­schließ­lich im Bun­des­recht gere­gelt war, aber nicht gehör­te. Auch reicht eine sol­che Beschei­ni­gung nicht zum Beleg dafür, dass tat­säch­lich bereits Anlie­ger­bei­trä­ge gezahlt wur­den. Für die­se Behaup­tung tra­gen die Bei­trags­pflich­ti­gen die mate­ri­el­le Beweis­last, der sie u. a. in zumut­ba­rer Wei­se durch Vor­la­ge des Zah­lungs­be­legs oder des Bei­trags­be­scheids nach­kom­men kön­nen und müs­sen 15.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg, Urteil vom 11. Juli 2012 – 4 K 1621/​10

  1. sie­he Reif, in: Gössl/​Reif, Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz für Baden-Würt­tem­berg, Stand: Febr.2012, Bd. II, § 49 Anm.03.02.01.1, m.w.N.; sie­he auch VG Frei­burg, Urteil vom 06.07.2011 – 4 K 659/​10[]
  2. stän­di­ge Rspr. des VGH Bad.Württ., sie­he Nach­wei­se bei Reif, a.a.O., § 49 Anm.03.02.01.1, 3.02.2. und 3.02.03.2; sie­he auch VG Frei­burg, Urteil vom 06.07.2011, a.a.O.[]
  3. VGH Bad.Württ., Urtei­le vom 05.03.1998 – 2 S 615/​96 – und vom 27.02.1992 – 2 S 37/​90 – sowie Beschluss vom 14.11.1996 – 2 S 371/​96 , m.w.N.; Urteil der Kam­mer vom 06.07.2011, a.a.O.; Reif, a.a.O., § 49 Anm.03.02.05.1, m.w.N.[]
  4. vgl. hier­zu VG Stutt­gart, Urteil vom 17.12.2003 – 2 K 2687/​03 , juris; Reif, a.a.O., § 49 Anm.03.02.05.1, m.w.N.[]
  5. stän­di­ge Rspr., sie­he VGH Bad.Württ., Beschlüs­se vom 23.03.1990 – 2 S 2284/​90; und vom 14.11.1996, a.a.O., m.w.N.; Reif, a.a.O., § 49 Anm.03.02.05.1[]
  6. Groß­her­zog­lich Badi­sches Regie­rungs­blatt Nr. II vom 15.01.1868, S. 13 ff.[]
  7. Geset­zes- und Ver­ord­nungs­blatt Nr. XXVI vom 09.07.1884 für das Groß­her­zog­t­hum Baden, 1884, S. 285 ff.[]
  8. vgl. hier­zu VG Frei­burg, Urteil vom 06.07.2011, a.a.O., m.w.N.; Reif, a.a.O., § 49 Anm.03.02.2.1[]
  9. zum not­wen­di­gen Inhalt eines Orts­stra­ßen- bzw. Bebau­ungs­plans nach dem Orts­stra­ßen­ge­setz sie­he VG Frei­burg, Urteil vom 06.07.2011, a.a.O., m.w.N.[]
  10. a.a.O.[]
  11. Geset­zes- und Ver­ord­nungs­blatt Nr. XLVI vom 15.10.1908 für das Groß­her­zog­t­hum Baden, 1908, S. 605 ff.[]
  12. vgl. hier­zu Flad, Das Badi­sche Orts­stra­ßen­ge­setz, Karls­ru­he, 1909, S. 79 ff. und 226 ff.; zur den ent­spre­chen­den, inhalt­lich etwas anders lau­ten­den Vor­schrif­ten in den Art. 9 und 10 OSt­rG in der Fas­sung vom 06.07.1896 [Geset­zes- und Ver­ord­nungs­blatt Nr. XIX vom 06.07.1896 für das Groß­her­zog­t­hum Baden, 1896, S. 213 ff.], sie­he Walz, Badi­sches Ort­stra­ßen­recht, Hei­del­berg, 1900, S. 140 ff.[]
  13. zu den Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me einer his­to­ri­schen Orts­stra­ße sie­he – aus­führ­lich – VG Frei­burg, Urteil vom 06.07.2011, a.a.O., m.w.N.[]
  14. so u. a. VGH Bad.Württ., Beschluss vom 16.01.2008 – 2 S 25/​07; VG Frei­burg Urteil vom 06.07.2011, a.a.O.[]
  15. sie­he hier­zu auch VG Frei­burg, Urteil vom 06.07.2011, a.a.O.[]