Bür­ger­meis­ter­wahl und die Kla­ge­be­fug­nis des Gemein­de­ver­ban­des einer Par­tei

Die Kla­ge­be­fug­nis eines CDU-Gemein­de­ver­ban­des besteht auch ohne vor­he­ri­gen Ein­spruch gegen die Gül­tig­keit der Bür­ger­meis­ter­wahl.

Bür­ger­meis­ter­wahl und die Kla­ge­be­fug­nis des Gemein­de­ver­ban­des einer Par­tei

So ent­schied jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig, dass die Kla­ge des CDU-Gemein­de­ver­ban­des Kal­le­tal gegen die teil­wei­se Ungül­tig­erklä­rung der Wahl des Bür­ger­meis­ters sowie der Wahl des Rates der Gemein­de Kal­le­tal vom 30. August 2009 nicht des­halb unzu­läs­sig ist, weil der CDU-Gemein­de­ver­band kei­nen Ein­spruch gegen die Fest­stel­lung des Wahl­er­geb­nis­ses ein­ge­legt hat­te.

Da das Wahl­lo­kal im Wahl­be­zirk 130 bei der Aus­zäh­lung der Stim­men zeit­wei­se ver­schlos­sen war, hat­te der Rat der Gemein­de Kal­le­tal auf einen Ein­spruch des SPD-Gemein­de­ver­ban­des Kal­le­tal die Wah­len im Wahl­be­zirk 130 für unwirk­sam erklärt und deren Wie­der­ho­lung ange­ord­net. Der Ver­stoß gegen den Grund­satz der Öffent­lich­keit sei ein erheb­li­cher Ver­fah­rens­man­gel. Dage­gen hat der CDU-Gemein­de­ver­band mit der Begrün­dung Kla­ge erho­ben, der Feh­ler habe das Wahl­er­geb­nis nicht beein­flusst.

Das erst­in­stanz­lich mit der Kla­ge befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Min­den hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben [1]. Auf die Beru­fung der Gemein­de hat dage­gen das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter die Kla­ge als unzu­läs­sig abge­wie­sen, weil der CDU-Gemein­de­ver­band nicht kla­ge­be­fugt sei [2]. Das in § 41 Abs. 1 KWahlG NW ein­ge­räum­te Kla­ge­recht gegen den Beschluss des Gemein­de­ra­tes über die Gül­tig­keit der Wahl ste­he nur sol­chen Par­tei­en und Wäh­ler­grup­pen zu, die zuvor gemäß § 39 Abs. 1 KWahlG Ein­spruch ein­ge­legt hat­ten. Des­halb kön­ne mit der Kla­ge nur die Ungül­tig­erklä­rung, nicht aber die Gül­tig­erklä­rung der Wahl ange­strebt wer­den.

Die­se Ent­schei­dung hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf­ge­ho­ben, weil sie gegen den sich aus dem Grund­ge­setz erge­ben­den Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en ver­stößt. Der Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en gilt gene­rell im poli­ti­schen Pro­zess und muss sowohl vom Gesetz­ge­ber als auch von den Gerich­ten bei der Aus­le­gung der Geset­ze beach­tet wer­den. Aus die­sem Grund­satz ist zwar nicht her­zu­lei­ten, dass den Par­tei­en Rech­te im Wahl­prü­fungs­ver­fah­ren zuste­hen müs­sen. Wenn der Gesetz­ge­ber aber, wie in Nord­rhein-West­fa­len in den §§ 39 ff. KWahlG, den Par­tei­en im Wahl­prü­fungs­ver­fah­ren Ein­spruchs- und Kla­ge­rech­te ein­räumt, dann muss er dabei alle Par­tei­en gleich behan­deln. Der nord­rhein-west­fä­li­sche Gesetz­ge­ber hat die­sen Grund­satz beach­tet, indem er in § 39 Abs. 1 KWahlG sol­chen Par­tei­en und Wäh­ler­grup­pen, die an der Wahl teil­ge­nom­men haben, ein Ein­spruchs­recht gegen die Gül­tig­keit der Wahl gewährt und in § 41 Abs. 1 KWahlG vor­sieht, dass gegen den Beschluss der Ver­tre­tung über die Gül­tig­keit der Wahl Kla­ge erho­ben wer­den kann. Die Aus­le­gung des Beru­fungs­ge­richts, nur gegen die Gül­tig­erklä­rung der Wahl, nicht aber gegen die Ungül­tig­erklä­rung der Wahl kön­ne geklagt wer­den, ver­kürzt das Kla­ge­recht der Par­tei­en aber ein­sei­tig und ver­letzt damit den Grund­satz der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en; sie lässt die gebo­te­ne Waf­fen­gleich­heit der Par­tei­en im Wahl­prü­fungs­ver­fah­ren ver­mis­sen. Wenn nach dem Kom­mu­nal­wahl­ge­setz einer Par­tei, die die Wahl für ungül­tig hält, das Kla­ge­recht zusteht, so muss auch eine ande­re Par­tei, die die Wahl für gül­tig hält und des­halb kei­ne Ver­an­las­sung hat­te, Ein­spruch gegen die ursprüng­li­che Fest­stel­lung des Wahl­er­geb­nis­ses ein­zu­le­gen, die Chan­ce haben, einen Rats­be­schluss, mit dem die Wahl für ungül­tig erklärt und die Wahl­wie­der­ho­lung ange­ord­net wird, einer gericht­li­chen Über­prü­fung zu unter­zie­hen.

Da das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter zur Begründ­etheit der Kla­ge kei­ne Fest­stel­lun­gen getrof­fen hat, war die Streit­sa­che an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Es wird nun zu prü­fen haben, ob die Ver­let­zung des Öffent­lich­keits­grund­sat­zes kau­sal für das Wahl­er­geb­nis war.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 7. März 2012 – 8 C 7.11

  1. VG Min­den, Urteil vom 24.02.2010 – 3 K 3343/​09[]
  2. OVG NRW, Beschluss vom 05.11.2010 – 15 A 860/​10[]