Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on ist kei­ne Behör­de

Die Bun­des­po­li­zei­in­spek­tio­nen sind kei­ne Behör­den, stell­te jetzt der Bun­des­ge­richts­hof fest.

Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on ist kei­ne Behör­de

Der Begriff der Behör­de ist in allen gesetz­li­chen Vor­schrif­ten in einem ein­heit­li­chen Sinn auf­zu­fas­sen, und zwar im Sinn des Staats- und Ver­wal­tungs­rechts [1]. Danach ist eine Behör­de eine in den Orga­nis­mus der Staats­ver­wal­tung ein­ge­ord­ne­te, orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit von Per­so­nen und säch­li­chen Mit­teln, die mit einer gewis­sen Selb­stän­dig­keit aus-gestat­tet dazu beru­fen ist, unter öffent­li­cher Auto­ri­tät für die Errei­chung der Zwe­cke des Staa­tes oder von ihm geför­der­ter Zwe­cke tätig zu sein [2]. Es muss sich um eine Stel­le han­deln, deren Bestand unab­hän­gig ist von der Exis­tenz, dem Weg­fall, dem Wech­sel der Beam­ten oder der phy­si­schen Per­son, der die Besor­gung der in den Kreis des Amtes fal­len­den Geschäf­te anver­traut ist [3]. Dass das Bun­des­po­li­zei­ge­setz und die Ver­ord­nung über die Zustän­dig­kei­ten der Bun­des­po­li­zei­be­hör­den die Bun­des­po­li­zei­in­spek­tio­nen nicht nen­nen, ist inso­weit ohne Bedeu­tung. Denn selbst feh­ler­haft errich­te­te Behör­den und deren Trä­ger sind im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit bis zur end­gül­ti­gen Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit nicht als inexis­tent zu behan­deln [4].

Für den Begriff der Behör­de ist eine orga­ni­sa­to­ri­sche Selb­stän­dig­keit not­wen­dig [5]. Indiz für eine Ver­selb­stän­di­gung der Ein­rich­tung zu einer Behör­de ist ins­be­son­de­re die Fähig­keit der Ein­rich­tung, in eige­nem Namen zu han­deln, die ihrer­seits durch eine gesetz­li­che Rege­lung zuer­kannt oder durch Rechts­vor­schrif­ten zuge­wie­sen wird [6].

Eine sol­che Befug­nis fin­det sich für die Bun­des­po­li­zei­in­spek­tio­nen weder im Bun­des­po­li­zei­ge­setz noch in der Ver­ord­nung über die Zustän­dig­kei­ten der Bun­des­po­li­zei­be­hör­den. Die Bun­des­po­li­zei­in­spek­tio­nen sind unselb­stän­di­ge Unter­glie­de­run­gen der Bun­des­po­li­zei­di­rek­tio­nen [7]. Sie ste­hen den Arbeits­ein­hei­ten einer Behör­de wie Ämtern und Dienst­stel­len gleich [8]. Sol­chen Ämtern kommt eine Behör­den­ei­gen­schaft nur dann zu, wenn sie kraft gesetz­li­cher Rege­lung gebil­det wer­den müs­sen [9]. So ver­hält es sich mit den Bun­des­po­li­zei­in­spek­tio­nen anders als mit den frü­he­ren Bun­des­po­li­zei­äm­tern [10] gera­de nicht. Sie neh­men öffent­li­che Auf­ga­ben im Sin­ne von § 1 Abs. 4 VwVfG wahr, ohne dass ihnen eige­ner Behör­den­cha­rak­ter zukommt [11].

Als Unter­glie­de­rung der Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on wird das Han­deln der Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on man­gels Selb­stän­dig­keit der jeweils zustän­di­gen Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on zuge­rech­net [11]. Anträ­ge, die eine Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on stellt, sind Anträ­ge der über­ge­ord­ne­ten Bun­des­po­li­zei-direk­ti­on. Antrag­stel­len­de Behör­de ist die jewei­li­ge Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on, auch wenn die­se nicht aus­drück­lich als Antrag­stel­le­rin aus­ge­wie­sen wird, son­dern die Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on als Antrag­stel­le­rin erscheint.

Des­halb ist es unschäd­lich, wenn der Antrag in Frei­heits­ent­zie­hungs­sa­chen nicht (auch) die über­ge­ord­ne­te Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on nach § 71 Abs. 3 Nr. 1 FamFG auf­führt, da eine Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on man­gels eige­ner ori­gi­nä­rer gesetz­li­cher Zustän­dig­kei­ten nur als Ver­tre­te­rin für die Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on auf­tre­ten kann. Dem­entspre­chend ist die über­ge­ord­ne­te Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on und nicht (auch) die Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on Betei­lig­te des Ver­fah­rens im Sin­ne des § 418 Abs. 1 FamFG.

Die Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on Bad Bent­heim konn­te und woll­te allein für die Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Han­no­ver tätig wer­den. Dies ergibt sich auch aus den wei­te­ren mit dem Aus­set­zungs­an­trag nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts, dass die Inge­wahrsam­nah­me des Betrof­fe­nen und der Auf­griffs­be­richt durch die Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on Bad Bent­heim für die Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Han­no­ver erfolgt sind. Hier­durch wird zugleich deut­lich, dass die Bun­des­po­li­zei­in­spek­ti­on ein die­ser zuge­hö­ri­ger Teil ist und allein die Bun­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Han­no­ver zustän­di­ge Ver­wal­tungs­be­hör­de nach §§ 417 Abs. 1 FamFG, § 71 Abs. 3 Nr. 1 Auf­en­thG, § 57 Abs. 1 Bun­des­po­li­zei­ge­setz i.V.m. § 2 Abs. 1 Nr. 2 Ver­ord­nung über die Zustän­dig­kei­ten der Bun­des­po­li­zei­be­hör­den für den vor­lie­gen­den Haft­an­trag ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. März 2010 – V ZB 79/​10

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BGH, Beschlüs­se vom 12.07.1951 – IV ZB 5/​51, NJW 1951, 799; und vom 16.10.1963 – IV ZB 171/​63, NJW 1964, 299[]
  2. BGH, Beschluss vom 16.10.1963, a.a.O.; BVerfGE 10, 20, 48; BVerwG NJW 1991, 2980[]
  3. BGH, Beschluss vom 12.07.1951, a.a.O.[]
  4. BVerfGE 1, 14, 38; BVerwG NvWZ 2003, 995, 996[]
  5. Schlies­ky in Knack/​Hennecke, VwVfG, 9. Aufl., § 1 Rdn 71; Schmitz in Stelkens/​Bonk/​Sachs, VwVfG, 8. Aufl., § 1 Rdn. 248[]
  6. Schlies­ky in Knack/​Hennecke, a.a.O., § 1 Rdn. 72, 73[]
  7. Wag­ner, JURA 2009, 96, 97[]
  8. vgl. hier­zu Schlies­ky in Knack/​Hennecke, aaO, § 1 Rdn. 71; Schmitz in Stelkens/​Bonk/​Sachs, aaO, § 1 Rdn. 248[]
  9. Schmitz in Stelkens/​Bonk/​Sachs, aaO, § 1 Rdn. 251[]
  10. vgl. § 57 Abs. 2 Satz 1 Bun­des­po­li­zei­ge­setz in der bis zum 29. Febru­ar 2008 gel­ten­den Fas­sung[]
  11. Wag­ner JURA 2009, 96, 97[][]