Burun­di: Sub­si­diä­rer Schutz wegen Unru­hen

Die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on in Burun­di (Stand: 09/​2015) gebie­tet die Zuer­ken­nung von sub­si­diä­rem Schutz für Asyl­be­wer­ber aus die­sem Her­kunfts­staat. Sie ist als inner­staat­li­cher bewaff­ne­ter Kon­flikt iSd. § 4 Abs. 1 Nr. 3 AsylVfG iVm. Art. 15 lit. c QRL zu betrach­ten, der Zivil­per­so­nen einer ernst­haf­ten indi­vi­du­el­len Bedro­hung des Lebens oder ihrer Unver­sehrt­heit aus­setzt.

Burun­di: Sub­si­diä­rer Schutz wegen Unru­hen

Nach einer Rei­se­war­nung des Aus­wär­ti­gen Amts vom 28.09.2015 kam es

"…seit dem 26.04.2015 … im Stadt­ge­biet von Bujum­bu­ra fast täg­lich zu Demons­tra­tio­nen. Beson­ders betrof­fen waren die nörd­li­chen Bezir­ke Nya­ka­bi­ga, Cibi­to­ke, Bute­re­re und Muta­ku­ra, sowie im Süden Bujum­bu­ras die Bezir­ke Musa­ga, Kin­in­do und Kina­ni­ra. Demons­tran­ten errich­te­ten dort Stra­ßen­sper­ren und hin­der­ten Pas­san­ten an der Durch­fahrt. Die­se Demons­tra­tio­nen sind durch Poli­zei­ein­sät­ze, auch unter Ein­satz von Schuss­waf­fen und Hand­gra­na­ten, been­det wor­den. Seit­her kommt es aller­dings im gesam­ten Stadt­ge­biet Bujum­bu­ras und zuletzt auch in ande­ren Lan­des­tei­len an öffent­li­chen Plät­zen zu Anschlä­gen mit Hand­gra­na­ten. Zie­le waren häu­fig Bus­bahn­hö­fe, Taxi­stän­de oder loka­le Restau­rants. Nachts patrouil­lie­ren Poli­zei und Armee in den o.g. Stadt­vier­teln und set­zen Schuss­waf­fen ein. In den betrof­fe­nen Stadt­be­zir­ken kommt das öffent­li­che Leben kom­plett zum Still­stand, im übri­gen Bujum­bu­ra ist es erheb­lich beein­träch­tigt.

Span­nun­gen wer­den auch aus ande­ren Lan­des­tei­len, ins­be­son­de­re aus Ngo­zi, Kirun­do, Ijenda/​Mwaro und Mata­na gemel­det. Inter­net und Mobil­te­le­fon­netz sind teil­wei­se unter­bro­chen. Wei­te­re Demons­tra­tio­nen sind zu erwar­ten. Die Prä­senz der Sicher­heits­kräf­te in der Innen­stadt und an den Zufahrts­stra­ßen wur­de deut­lich erhöht. Im Zusam­men­hang mit den Wah­len ist mit poli­tisch moti­vier­ter Gewalt zu rech­nen. Es wird drin­gend gera­ten, sich von öffent­li­chen Demons­tra­tio­nen wie von Par­tei­ver­samm­lun­gen und poli­ti­schen Kund­ge­bun­gen fern­zu­hal­ten und öffent­li­che poli­ti­sche Aus­sa­gen zu unter­las­sen.

Im Übri­gen besteht in Burun­di auch wei­ter­hin die Gefahr ter­ro­ris­ti­scher Anschlä­ge. Die Dro­hun­gen der soma­li­schen Al-Shabab-Miliz mit Ver­gel­tungs­ak­tio­nen als Reak­ti­on auf die Betei­li­gung des burun­di­schen Mili­tärs an der AMISOM-Mis­si­on in Soma­lia sind ernst zu neh­men. Beson­de­re Vor­sicht und Wach­sam­keit ist des­halb beim Besuch von öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen mit poten­ti­el­lem Sym­bol­cha­rak­ter gebo­ten. Es wird emp­foh­len, Men­schen­an­samm­lun­gen (Märk­te, Bus­bahn­hö­fe und Stra­ßen­bars) zu mei­den und abend­li­che Aus­gän­ge auf das Not­wen­di­ge zu beschrän­ken."

Die­se Unru­hen wir­ken sich aller­dings auf die begehr­te Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft nicht aus, weil die geschil­der­te Ent­wick­lung kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung des Asyl­be­wer­bers als Per­son oder als eines Ange­hö­ri­gen einer Grup­pe von Per­so­nen im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 3 b AsylVfG begrün­det.

Die sich ver­schlech­tern­de Sicher­heits­la­ge in Burun­di begrün­det jedoch beacht­li­che Wie­der­auf­grei­fens­grün­de im Sin­ne von § 71 a AsylVfG i. V. m. 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG hin­sicht­lich der begehr­ten Zuer­ken­nung sub­si­diä­ren Schut­zes im Sin­ne von § 4 AsylVfG, die der Asyl­an­trag im Sin­ne der §§ 13 Abs. 2, 71 Abs. 1 und 71 a Abs. 1 AsylVfG mit erfasst.

Die gewalt­sa­men Zusam­men­stö­ße zwi­schen oppo­si­tio­nel­len Grup­pen und staat­li­chen Ein­hei­ten in Burun­di stel­len eine ernst­haf­te indi­vi­du­el­le Bedro­hung des Lebens oder der Unver­sehrt­heit einer Zivil­per­son infol­ge will­kür­li­cher Gewalt im Rah­men eines inter­na­tio­na­len oder inner­staat­li­chen bewaff­ne­ten Kon­flikts im Sin­ne von Art. 15 lit. c der Qua­li­fi­zie­rungs­richt­li­nie – QRL – 2011/​95/​EU des Euro­päi­schen Par­la­men­tes und des Rates vom 13.12 2011 und § 4 Abs. 1 Nr. 3 AsylVfG dar.

Mit der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 1 geht das Gericht dabei davon aus, dass ein inner­staat­li­cher bewaff­ne­ter Kon­flikt im Sin­ne von Art. 15 lit. c der Qua­li­fi­zie­rungs­richt­li­nie und § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 AsylVfG eine Situa­ti­on beschreibt, in der die regu­lä­ren Streit­kräf­te eines Staa­tes auf eine oder meh­re­re bewaff­ne­te Grup­pen tref­fen oder in der zwei oder meh­re­re bewaff­ne­te Trup­pen auf­ein­an­der­tref­fen, ohne dass die­ser Kon­flikt als bewaff­ne­ter Kon­flikt, der kei­nen inter­na­tio­na­len Cha­rak­ter auf­weist, im Sin­ne des huma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts ein­ge­stuft zu wer­den braucht und ohne dass die Inten­si­tät der bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zung, der Orga­ni­sa­ti­ons­grad der vor­han­de­nen bewaff­ne­ten Streit­kräf­te oder die Dau­er des Kon­flikts Gegen­stand einer ande­ren Beur­tei­lung als der des im betref­fen­den Gebiet herr­schen­den Grads an Gewalt ist.

Nach die­sem Maß­stab sind die jüngs­ten Gewalt­aus­brü­che in Burun­di ein inner­staat­li­cher bewaff­ne­ter Kon­flikt im Sin­ne von Art. 15 lit. c QRL und § 4 Abs. 1 Nr. 3 AsylVfG, weil sich die Akti­vi­tä­ten der oppo­si­tio­nel­len Grup­pen nicht auf die blo­ße Mei­nungs­kund­ga­be und poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung beschrän­ken, son­dern durch Angrif­fe auf Regie­rungs­ver­tre­ter und will­kür­li­che Stra­ßen­sper­ren ein erheb­li­ches Maß an Gewalt­aus­übung zei­gen und regie­rungs­na­he Ein­hei­ten dar­auf wie­der­um mit erheb­li­cher Gewalt­an­wen­dung auch gegen die Zivil­be­völ­ke­rung erwi­dern. Dane­ben tre­ten die Akti­vi­tä­ten der Jugend­mi­liz Imbone­ra­ku­re, deren Mit­glie­der will­kür­lich Gewalt gegen die Zivil­be­völ­ke­rung aus­üben, teil­wei­se bewaff­net sind und dabei kei­ner erkenn­ba­ren staat­li­chen Kon­trol­le unter­lie­gen.

Der inner­staat­li­che bewaff­ne­te Kon­flikt begrün­det auch eine ernst­haf­te indi­vi­du­el­le Bedro­hung des Lebens oder der Unver­sehrt­heit von Zivil­per­son in Burun­di, der die­se allein durch ihre Anwe­sen­heit im Kon­flikt­ge­biet aus­ge­setzt sind.

Ob ein Kon­flikt eine hin­rei­chend ver­dich­te­te Gefah­ren­la­ge begrün­det, ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts nicht allein an einer quan­ti­ta­ti­ven Gegen­über­stel­lung der Todes­op­fer im Ver­hält­nis zur Zivil­be­völ­ke­rung zu betrach­ten, son­dern im Rah­men einer wer­ten­den Gesamt­be­trach­tung mit Blick auf die Anzahl der Opfer und die Schwe­re der Schä­di­gun­gen (Todes­fäl­le und Ver­let­zun­gen) bei der Zivil­be­völ­ke­rung 2 und die Qua­li­tät und Erreich­bar­keit der loka­len medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung 3. Nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te sind außer­dem die quan­ti­ta­ti­ve und geo­gra­phi­sche Ver­brei­tung von gegen die Zivil­be­völ­ke­rung gerich­te­ter oder sie beson­ders gefähr­den­der Gewalt sowie die Zahl der ver­letz­ten und ver­trie­be­nen Zivil­per­so­nen ein­zu­be­zie­hen 4.

Nach die­sen qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Maß­stä­ben greift eine rein sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keits­be­trach­tung im Sin­ne star­rer Pro­zent­rech­nun­gen, also eines Ver­gleichs der Fall­zah­len mit der Bevöl­ke­rungs­zahl, zu kurz. Sie erfasst kei­ne Fäl­le im nicht doku­men­tier­ten Dun­kel­feld, die mit zuneh­men­der Inten­si­tät eines Kon­flikts häu­fi­ger auf­tre­ten, und ist nicht pro­gno­se­ori­en­tiert 5.

Wäh­rend sich 90 Tote bei der Nie­der­schla­gung der Pro­tes­te im Früh­jahr 2015 6, 148 doku­men­tier­te Fäl­le von Über­grif­fen auf mut­maß­li­che Regie­rungs­geg­ner und 60 doku­men­tier­te Fäl­le von Fol­ter 7 bezo­gen auf die Gesamt­be­völ­ke­rung Burun­dis zah­len­mä­ßig noch über­schau­bar aus­neh­men, zei­gen die Inten­si­tät der doku­men­tier­ten Gewalt, die Men­ge der flüch­ten­den Zivil­be­völ­ke­rung und die Ein­schät­zung der inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen ein ande­res Bild.

Amnes­ty Inter­na­tio­nal berich­tet von will­kür­li­chen Angrif­fen, die nicht an eine tat­säch­li­che oppo­si­tio­nel­le Betä­ti­gung anknüp­fen, son­dern schon den Wohn­ort als Anlass genü­gen las­sen. Die Grup­pie­run­gen der Imbone­ra­ku­re agier­ten teil­wei­se bewaff­net und ohne erkenn­ba­re staat­li­che Kon­trol­le, Über­grif­fe wür­den nicht auf­ge­klärt 8. Auch die in der Rei­se­war­nung des Aus­wär­ti­gen Amts beschrie­be­nen Stra­ßen­sper­ren durch Oppo­si­tio­nel­le, deren gewalt­sa­me Auf­lö­sung mit Schuss­waf­fen und Hand­gra­na­ten durch die Regie­rungs­ar­mee und Anschlä­ge an öffent­li­chen Orten wie Bus­bahn­hö­fen, Taxi­stän­den oder loka­len Restau­rants stei­gern erheb­lich das Risi­ko der Zivil­be­völ­ke­rung, auch ohne eige­ne oppo­si­tio­nel­le Betä­ti­gung durch Gewalt­an­wen­dung ver­letzt zu wer­den.

Dass auch die Zivil­be­völ­ke­rung die Lage ent­spre­chend ein­schätzt, zeigt die erheb­li­che Anzahl von fast 200.000 Flücht­lin­gen, die in die Nach­bar­län­der geflo­hen sind 9 und kei­ne Hoff­nung auf eine bal­di­ge Rück­kehr hegen 10. Die Afri­ka­ni­sche Uni­on sieht das Risi­ko einer Aus­wei­tung des Kon­flikts auf die gesam­te Zwi­schen­se­en­re­gi­on mit "kata­stro­pha­len Kon­se­quen­zen" 11. Eine kurz­fris­ti­ge Ent­span­nung der Lage ist nach alle­dem der­zeit nicht zu erwar­ten.

Die in dem ange­foch­te­nen Bescheid getrof­fe­ne Fest­stel­lung, dass Abschie­bungs­ver­bo­te nach § 60 Abs. 2 bis 7 Auf­en­thG nicht vor­lie­gen, ist ange­sichts der Zuer­ken­nung des sub­si­diä­ren Schut­zes gegen­stands­los 12. Die Auf­he­bung des Aus­rei­se­auf­for­de­rung und Abschie­bungs­an­dro­hung folgt aus § 34 Abs. 1 AsylVfG.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2015 – 10 A 10743/​14

  1. EGMR, Urteil vom 30.01.2014 – Rs. C 285/​12[]
  2. BVerwG, Urteil vom 27.04.2010 – BVerwG 10 C 4.09, BVerw­GE 136, 360[]
  3. BVerwG, Urteil vom 17.11.2011 – BVerwG 10 C 13.10[]
  4. EGMR, Urteil vom 28.06.2011 – 8319/​07 u. 11449/​07, Sufi und Elmi – zum iden­ti­schen Schutz­ni­veau des Art. 3 EMRK[]
  5. in die­sem Sin­ne auch Markard, NVwZ 2014, 565, 568[]
  6. vgl. "Hotel Burun­di" vom 28.08.2015, abge­ru­fen unter ecoi.net/doc/311751 am 30.09.2015[]
  7. vgl. BAMF Brie­fing notes vom 10.08.2015; und vom 17.08.2015, abge­ru­fen unter ecoi.net/doc/310168 bzw. ecoi.net/doc/310449 am 30.09.2015[]
  8. vgl. Amnes­ty Inter­na­tio­nal: Just tell me what to con­fess to; abge­ru­fen unter ecoi.net/doc/310730 am 30.09.2015[]
  9. vgl. BAMF brie­fing notes vom 17.08.2015, a. a. O.[]
  10. vgl. "Ter­ror-stri­cken Burun­di refu­gees see no hope of return” vom 14.09.2015, a. a. O.[]
  11. vgl. Agen­tur Fran­ce Pres­se, "Burun­di cri­sis poses 'cata­stro­phic' risk for regi­on", abge­ru­fen unter ecoi.net/doc/310277 am 30.09.2015[]
  12. vgl. BVerwG, Urteil vom 26.06.2002 – BVerwG 1 C 17.01[]