Coro­na – und das Ver­bot von Präsenzunterricht

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb der Eil­an­trag einer Gemein­de gegen das infek­ti­ons­schutz­be­ding­te Ver­bot von Prä­senz­un­ter­richt an Schu­len ohne Erfolg, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt lehnt den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung ab.

Coro­na – und das Ver­bot von Präsenzunterricht

Die Antrag­stel­le­rin ist eine Gemein­de im Frei­staat Sach­sen und Trä­ge­rin von zwei Grund­schu­len, einer Mit­tel­schu­le sowie fünf Kin­der­ta­ges­ein­rich­tun­gen. Sie wen­det sich, rich­tig ver­stan­den, gegen § 28b Abs. 3 Infek­ti­ons­schutz­ge­setz (IfSG) in der Fas­sung vom 22.04.20211 und die Aus­fer­ti­gung des vom Deut­schen Bun­des­tag am 21.04.2021 beschlos­se­nen Gesetz­ent­wurfs2 durch den Bun­des­prä­si­den­ten. Die Rege­lung ver­let­ze sie in ihrem Recht auf kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung (Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG).

Der Gesetz­ge­ber dür­fe Gemein­den Ange­le­gen­hei­ten der ört­li­chen Gemein­schaft nur aus über­ra­gend wich­ti­gen Grün­den des Gemein­wohls ent­zie­hen. Da die Begrün­dung zu § 28b Abs. 3 IfSG in kei­ner Wei­se dar­auf ein­ge­he, dass ein Ver­bot von Prä­senz­un­ter­richt in die kom­mu­na­le Trä­ger­schaft der Schu­len ein­grei­fe, lei­de das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren inso­weit an einem voll­stän­di­gen Abwä­gungs­aus­fall. Die vom Gesetz­ge­ber vor­ge­nom­me­ne Kom­pen­sa­ti­on für die Schlie­ßung von Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und Kin­der­ta­ges­stät­ten durch Not­be­treu­ung und digi­ta­le Unter­richts- und Lern­an­ge­bo­te erfas­se die Lebens­wirk­lich­keit der Bür­ger im Gebiet der Antrag­stel­le­rin in kei­ner Weise.

Der iso­lier­te Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung war abzu­leh­nen, weil der Antrag zu 1., fest­zu­stel­len, dass § 28b Absatz 3 Infek­ti­ons­schutz­ge­setz in sei­ner vom Bun­des­tag am 21.04.2021 beschlos­se­nen Fas­sung3 ver­fas­sungs­wid­rig sei, in der Haupt­sa­che jeden­falls von vorn­her­ein unzu­läs­sig wäre und sich der Antrag zu 2., zu unter­sa­gen, dass der Bun­des­prä­si­dent das vor­ge­nann­te Gesetz aus­fer­tigt, zudem erle­digt hat.

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Der Antrag zu 1. ist unzu­läs­sig, weil er die Haupt­sa­che vor­weg­näh­me. Grün­de dafür, dass eine sol­che Vor­weg­nah­me aus­nahms­wei­se zuläs­sig wäre, sind nicht ersichtlich.

Soweit man den Antrag im Lich­te der in Art. 28 Abs. 2 GG ent­hal­te­nen Rechts­schutz­ga­ran­tie4 als Antrag auf Aus­set­zung der Anwend­bar­keit von § 28b Abs. 3 IfSG ver­steht, wäre eine in der Haupt­sa­che noch zu erhe­ben­de (Kommunal-)Verfassungsbeschwerde von vorn­her­ein unzu­läs­sig. Eine mög­li­che Ver­let­zung der Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie von Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG durch die ange­grif­fe­ne Rege­lung ist von der Antrag­stel­le­rin nicht dar­ge­legt wor­den und auch nicht ersicht­lich. § 28b Abs. 3 IfSG berührt weder den Bestand an kom­mu­na­len Auf­ga­ben und ist inso­weit nicht geeig­net, das in Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG ver­an­ker­te ver­fas­sungs­recht­li­che Auf­ga­ben­ver­tei­lungs­prin­zip zuguns­ten der Gemein­den5 zu beein­träch­ti­gen. Noch ist erkenn­bar, dass die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit der Kom­mu­nen, ins­be­son­de­re ihre Orga­ni­sa­ti­ons, Per­so­nal- und Finanz­ho­heit6, durch die ange­grif­fe­ne Rege­lung in § 28b Abs. 3 IfSG betrof­fen würde.

Der Antrag zu 2. ist unzu­läs­sig, weil er sich ange­sichts der am 22.04.2021 erfolg­ten Aus­fer­ti­gung des bean­stan­de­ten Geset­zes durch den Bun­des­prä­si­den­ten erle­digt hat. Es kommt des­halb nicht dar­auf an, dass im Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes nach § 32 Abs. 1 BVerfGG gegen Geset­ze – vom Son­der­fall der Zustim­mungs­ge­set­ze zu völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­gen gemäß Art. 59 Abs. 2 GG7 oder ver­gleich­ba­ren Kon­stel­la­tio­nen im Rah­men der Euro­päi­schen Uni­on abge­se­hen8 – für vor­beu­gen­den Rechts­schutz kein Raum ist.

Soweit der Antrag zu 2. als auf vor­über­ge­hen­de Aus­set­zung der Geset­zes­wir­kung gerich­tet zu ver­ste­hen sein soll­te, erweist er sich aus den genann­ten Grün­den9 auch als unbe­grün­det, weil der Antrag in der Haupt­sa­che von vorn­her­ein unzu­läs­sig wäre.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 21. Mai 2021 – 2 BvQ 43/​21

  1. BGBl I S. 802[]
  2. vgl. BT-Drs.19/28444[]
  3. Druck­sa­che 19/​28444[]
  4. vgl. BVerfGE 150, 1 <105 f. Rn. 217>[]
  5. vgl. BVerfGE 79, 127 <150 f.> 83, 363 <383> 91, 228 <236> 110, 370 <400> 137, 108 <156 Rn. 114> 138, 1 <19 Rn. 54> 147, 185 <223 Rn. 79> BVerfG, Beschluss vom 07.07.2020 – 2 BvR 696/​12, Rn. 50[]
  6. vgl. BVerfGE 138, 1 <18 Rn. 52> 147, 185 <215 Rn. 59>[]
  7. vgl. BVerfGE 1, 396 <411 ff.> 24, 33 <53 f.> 112, 363 <367> 123, 267 <329> 132, 195 <234 f. Rn. 92> 134, 366 <391 f. Rn. 34 f.> 142, 123 <177 Rn. 91> 153, 74 <132 Rn. 94>[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.04.2021 – 2 BvR 547/​21, Rn. 71[]
  9. vgl. Rn. 5[]

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