Das uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht – und die eige­nen Kin­der

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on kann einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen ein uni­ons­recht­li­ches Auf­ent­halts­recht sui gene­ris zuste­hen, das aus Art.20 AEUV abge­lei­tet wird.

Das uni­ons­recht­li­che Auf­ent­halts­recht – und die eige­nen Kin­der

Die­ses setzt vor­aus, dass ein vom Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen abhän­gi­ger Uni­ons­bür­ger ohne den gesi­cher­ten Auf­ent­halt des Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen fak­tisch gezwun­gen wäre, das Uni­ons­ge­biet zu ver­las­sen und ihm dadurch der tat­säch­li­che Genuss des Kern­be­stands sei­ner Rech­te als Uni­ons­bür­ger ver­wehrt wird 1.

Die Gewäh­rung eines sol­chen Auf­ent­halts­rechts kann nach der Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs jedoch nur "aus­nahms­wei­se" oder bei "Vor­lie­gen ganz beson­de­re® Sach­ver­hal­te" erfol­gen 2. Ver­hin­dert wer­den soll näm­lich nur eine Situa­ti­on, in der der Uni­ons­bür­ger für sich kei­ne ande­re Wahl sieht als einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen, von dem er recht­lich, wirt­schaft­lich oder affek­tiv abhän­gig ist, bei der Aus­rei­se zu fol­gen oder sich zu ihm ins Aus­land zu bege­ben und des­halb das Uni­ons­ge­biet zu ver­las­sen 3. Gegen eine recht­li­che und wirt­schaft­li­che Abhän­gig­keit spricht etwa die Tat­sa­che, dass ein min­der­jäh­ri­ger Uni­ons­bür­ger – wie hier – mit einem sor­ge­be­rech­tig­ten Eltern­teil zusam­men­lebt, der über ein Dau­er­auf­ent­halts­recht ver­fügt und berech­tigt ist, einer Erwerbs­tä­tig­keit nach­zu­ge­hen. Aller­dings ist es mög­lich, dass des­sen unge­ach­tet eine so gro­ße affek­ti­ve Abhän­gig­keit des Kin­des von dem nicht auf­ent­halts­be­rech­tig­ten Eltern­teil besteht, dass sich das Kind zum Ver­las­sen des Uni­ons­ge­biets gezwun­gen sähe, wenn dem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen ein Auf­ent­halts­recht ver­wei­gert wür­de. Einer sol­chen – hier vom Beru­fungs­ge­richt zu tref­fen­den – Fest­stel­lung muss die Berück­sich­ti­gung sämt­li­cher Umstän­de des Ein­zel­falls unter Berück­sich­ti­gung des Kin­des­wohls zugrun­de lie­gen, ins­be­son­de­re des Alters des Kin­des, sei­ner kör­per­li­chen und emo­tio­na­len Ent­wick­lung, des Gra­des sei­ner affek­ti­ven Bin­dung sowohl zu dem Eltern­teil, der Uni­ons­bür­ger ist, als auch zu dem Eltern­teil mit Dritt­staats­an­ge­hö­rig­keit und des Risi­kos, das mit der Tren­nung von Letz­te­rem für das inne­re Gleich­ge­wicht des Kin­des ver­bun­den wäre 4. Dabei ist auch die Dau­er einer zu erwar­ten­den Tren­nung des Kin­des vom dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen Eltern­teil zu berück­sich­ti­gen. Inso­weit spielt eine Rol­le, ob der Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge das Uni­ons­ge­biet – etwa zur Nach­ho­lung des Visum­ver­fah­rens – für unbe­stimm­te Zeit oder aber nur für einen kur­zen, ver­läss­lich zu begren­zen­den Zeit­raum zu ver­las­sen hat 5.

Sind die Vor­aus­set­zun­gen für ein uni­ons­recht­li­ches Auf­ent­halts­recht aus Art.20 AEUV erfüllt, ist dem durch Aus­stel­lung einer Beschei­ni­gung zum Nach­weis die­ses Rechts Rech­nung zu tra­gen. Hier­bei han­delt es sich um kei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis nach natio­na­lem Recht mit den sich aus dem Auf­ent­halts­ge­setz erge­ben­den Beschrän­kun­gen und Ver­fes­ti­gungs­mög­lich­kei­ten. Es ist auch kei­ne Auf­ent­halts­kar­te nach dem FreizügG/​EU aus­zu­stel­len, da eine sol­che in Umset­zung der Vor­ga­ben aus der Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie ande­re Vor­aus­set­zun­gen hat, die hier nicht erfüllt sind. Viel­mehr han­delt es sich um die Beschei­ni­gung eines uni­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­rechts eige­ner Art, wie sie in § 4 Abs. 5 Auf­en­thG für das Bestehen eines asso­zia­ti­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­rechts vor­ge­se­hen ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 12. Juli 2018 – 1 C 16.17

  1. grund­le­gend: EuGH, Urtei­le vom 19.10.2004 – C‑200/​02 [ECLI:EU:C:2004:639], Zhu und Chen, Rn. 25 ff.; vom 08.03.2011 – C‑34/​09 [ECLI:EU:C:2011:124], Zam­bra­no, Rn. 41 ff.; in jün­ge­rer Zeit: Urtei­le vom 13.09.2016 – C‑165/​14 [ECLI:EU:C:2016:675], Ren­dón Mar­tin, NVwZ 2017, 218 Rn. 51 ff.; vom 10.05.2017 – C‑133/​15 [ECLI:EU:C:2017:354], Cha­vez-Vil­chez, NVwZ 2017, 1445 Rn. 70 ff.; vom 08.05.2018 – C‑82/​16 [ECLI:EU:C:2018:308], K.A, Rn. 64 ff; vgl. auch BVerwG, Urteil vom 30.07.2013 – 1 C 9.12, BVerw­GE 147, 261 Rn. 33 ff.[]
  2. EuGH, Urtei­le vom 15.11.2011 – C‑256/​11 [ECLI:EU:C:2011:734], Dere­ci, NVwZ 2012, 97 Rn. 67; vom 08.11.2012 – C‑40/​11 [ECLI:EU:C:2012:691], Iida, NVwZ 2013, 357 Rn. 71; und vom 08.05.2018 – C‑82/​16, Rn. 51[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 30.07.2013 – 1 C 9.12, BVerw­GE 147, 261 Rn. 34[]
  4. vgl. EuGH, Urteil vom 10.05.2017 – C‑133/​15, Rn. 71; BVerwG, Urteil vom 30.07.2013 – 1 C 15.12, BVerw­GE 147, 278 Rn. 32 ff.[]
  5. vgl. dazu EuGH, Urteil vom 08.05.2018 – C‑82/​16, Rn. 56 und 58[]