Das Bau­recht und der selbst nicht geset­zes­treue Nach­bar

Wie beim bau­ord­nungs­recht­li­chen Abstands­flä­chen­recht kann sich auch im Bau­pla­nungs­recht ein Nach­bar nach Treu und Glau­ben regel­mä­ßig nicht auf die Ver­let­zung sol­cher nach­bar­schüt­zen­der Vor­schrif­ten oder Fest­set­zun­gen beru­fen, die er sei­ner­seits nicht ein­hält, wenn die Ver­let­zung durch das ange­grif­fe­ne Vor­ha­ben nicht schwe­rer wiegt als der eige­ne Ver­stoß und in gefah­ren­recht­li­cher Hin­sicht kei­ne völ­lig untrag­ba­ren Zustän­de ent­ste­hen [1].

Das Bau­recht und der selbst nicht geset­zes­treue Nach­bar

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg hat mehr­fach für den Bereich des bau­ord­nungs­recht­li­chen Abstands­flä­chen­rechts ent­schie­den, dass ein Nach­bar, der sei­ner­seits den erfor­der­li­chen Grenz­ab­stand nicht ein­hält, nach dem Grund­satz von Treu und Glau­ben dar­an gehin­dert ist, die Ver­let­zung des Grenz­ab­stands beim Bau­herrn zu rügen, wenn die Ver­let­zung nach­bar­schüt­zen­der Abstands­re­ge­lun­gen durch das ange­grif­fe­ne Vor­ha­ben nicht schwe­rer wiegt als der eige­ne Ver­stoß und in gefah­ren­recht­li­cher Hin­sicht kei­ne völ­lig untrag­ba­ren Zustän­de ent­ste­hen (vgl. VGH Bad.-Württ., Beschlüs­se vom 04.01.2007 – 8 S 1802/​06; vom 24.01.2006 – 8 S 638/​05; und vom 16.11.2004 – 3 S 1898/​04; sowie Urteil vom 18.11.2002 – 3 S 882/​02, VBlBW 2003, 235)). Die­se über­ge­ord­ne­ten Grund­sät­ze für den Aus­schluss bzw. die Begren­zung treu­wid­ri­ger Rügen müs­sen in glei­cher Wei­se auch bei Ver­stö­ßen gegen dritt­schüt­zen­de Vor­schrif­ten des Bau­pla­nungs­rechts gel­ten, sei­en es Ver­stö­ße gegen Fest­set­zun­gen in Bebau­ungs­plä­nen oder sei­en es Zuwi­der­hand­lun­gen gegen das Gebot der Rück­sicht­nah­me. Betrof­fe­ne Nach­barn kön­nen auch sol­che bau­pla­nungs­recht­li­chen Rechts­ver­stö­ße grund­sätz­lich dann nicht gel­tend machen, wenn sie selbst mit (bei objek­ti­ver Betrach­tung) qua­li­ta­tiv und quan­ti­ta­tiv min­des­tens glei­chem Gewicht von eben die­sen Vor­schrif­ten abge­wi­chen sind; nur in sol­chen einer nach ihrem Gewicht „über­schie­ßen­den“ Rechts­ver­let­zung des Nach­barn ist das – auf fai­ren Aus­gleich ange­leg­te – nach­bar­li­che Gemein­schafts­ver­hält­nis zu des­sen Las­ten gestört [2].

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 29. Sep­tem­ber 2010 – 3 S 1752/​10

  1. Fort­füh­rung von VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 04.01.2007 – 8 S 1802/​06; und Urteil vom 18.11.2002 – 3 S 882/​02[]
  2. vgl. VGH Bad.-Württ., Urteil vom 18.11.2002, a.a.O. m.w.N.[]