Das Fit­ness­cen­ter mit 1.000 Kun­den – ein öffent­lich genutz­tes Gebäu­de?

Ein von einem wech­seln­den, ins­ge­samt ca.01.000 Per­so­nen umfas­sen­den Benut­zer­kreis auf­ge­such­tes Fit­ness­cen­ter fällt unter den Begriff des "öffent­lich genutz­tes Gebäu­des" im Sin­ne des § 50 Satz 1 BIm­SchG und des Art 12 Abs.1 Seve­so II-Richt­li­nie.

Das Fit­ness­cen­ter mit 1.000 Kun­den – ein öffent­lich genutz­tes Gebäu­de?

Nach § 50 Satz 1 BIm­SchG sind bei raum­be­deut­sa­men Pla­nun­gen und Maß­nah­men die für eine bestimm­te Nut­zung vor­ge­se­he­nen Flä­chen ein­an­der so zuzu­ord­nen, dass schäd­li­che Umwelt­ein­wir­kun­gen und von schwe­ren Unfäl­len im Sin­ne des Art. 3 Nr. 5 der Seve­so II-Richt­li­nie in Betriebs­be­rei­chen her­vor­ge­ru­fe­ne Aus­wir­kun­gen auf die aus­schließ­lich oder über­wie­gend dem Woh­nen die­nen­den Gebie­te sowie auf sons­ti­ge schutz­be­dürf­ti­ge Gebie­te, ins­be­son­de­re öffent­lich genutz­te Gebie­te, wich­ti­ge Ver­kehrs­we­ge, Frei­zeit­ge­bie­te und unter dem Gesichts­punkt des Natur­schut­zes beson­ders wert­vol­le oder beson­ders emp­find­li­che Gebie­te und öffent­lich genutz­te Gebäu­de, so weit wie mög­lich ver­mie­den wer­den. Der von der Vor­schrift ver­wen­de­te Begriff des "öffent­lich genutz­ten Gebäu­des" ist der Seve­so II-Richt­li­nie ent­nom­men, nach des­sen Art. 12 Abs.1 die Mit­glied­staa­ten u.a. dafür zu sor­gen haben, dass in ihrer Poli­tik der Flä­chen­aus­wei­sung oder Flä­chen­nut­zung und/​oder ande­ren ein­schlä­gi­gen Poli­ti­ken sowie den Ver­fah­ren für die Durch­füh­rung die­ser Poli­ti­ken lang­fris­tig dem Erfor­der­nis Rech­nung getra­gen wird, dass zwi­schen den unter die­se Richt­li­nie fal­len­den Betrie­ben einer­seits und Wohn­ge­bie­ten, öffent­lich genutz­ten Gebäu­den und Gebie­ten ande­rer­seits ein ange­mes­se­ner Abstand gewahrt bleibt, damit es zu kei­ner Zunah­me der Gefähr­dung der Bevöl­ke­rung kommt.

In der eng­li­schen Fas­sung der Richt­li­nie ist von "buil­dings and are­as of public use", in der fran­zö­si­sche Fas­sung von "les immeu­bles et zones fréquen­té par le public" die Rede. Nimmt man nicht nur die deut­sche, son­dern auch die eng­li­sche und die fran­zö­si­sche Sprach­fas­sung in den Blick, so folgt hier­aus ein wei­tes Ver­ständ­nis des Begriffs "öffent­lich genutz­tes Gebäu­de" 1, was im Übri­gen schon der Sinn und Zweck von Art. 12 Abs.1 Seve­so II-Richt­li­nie nahe­legt. Es kann also nicht dar­auf ankom­men, ob das Gebäu­de einem öffent­li­chen Zweck dient. Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob das Gebäu­de von einem unbe­grenz­ten und wech­seln­den Per­so­nen­kreis genutzt bzw. auf­ge­sucht wird 2. Dem­entspre­chend sind auch sowohl der Euro­päi­sche Gerichts­hof 3 als auch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 4 ohne wei­te­res davon aus­ge­gan­gen, dass ein Gar­ten­cen­ter unter den Begriff des öffent­lich genutz­ten Gebäu­des im Sin­ne des Art. 12 Abs. 1 Seve­so II-Richt­li­nie fällt.

Bei dem hier in Rede ste­hen­den Fit­ness­cen­ter, des­sen Benut­zer­kreis ca.01.000 Per­so­nen umfasst und monat­lich um etwa 30 Per­so­nen zunimmt, han­delt es sich danach unzwei­fel­haft um ein öffent­lich genutz­tes Gebäu­de im Sin­ne des § 50 Satz 1 BIm­SchG und des Art 12 Abs.1 Seve­so II-Richt­li­nie, da es von einem unbe­grenz­ten und wech­seln­den Per­so­nen­kreis auf­ge­sucht wird. Der Ein­wand, das Fit­ness­cen­ter sei "mit­glied­schaft­lich orga­ni­siert", führt zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung, da er nichts dar­an ändert, dass die Ein­rich­tung von jeder­mann benutzt wer­den kann, der zuvor einen ent­spre­chen­den Benut­zungs­ver­trag mit dem Betrei­ber des Fit­ness­cen­ters geschlos­sen hat.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden ‑Würt­tem­berg, Beschluss vom 29. April 2015 – 3 S 2101/​14

  1. Uech­tritz, BauR 2012, 1039, 1045[]
  2. Uech­tritz, a.a.O.; im Ergeb­nis eben­so OVG NRW, Urteil vom 3.09.2009 – 10 D 121/​07.NE – BauR 2010, 572; Jarass, BIm­SchG, 10. Aufl., § 50 Rn. 12; Hend­ler, DVBl.2012, 532, 535[]
  3. EuGH, Urteil vom 15.09.2011 – C‑53/​10UPR 2011, 443[]
  4. BVerwG, Urteil vom 20.12.2012 – 4 C 11.11, BVerw­GE 145, 290[]