Das Kom­mu­nal­wahl­recht und die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Eine (vor­geb­li­che) Ver­let­zung sei­nes pas­si­ven Wahl­rechts auf kom­mu­na­ler Ebe­ne ermög­licht kei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de. Inso­weit steht dem Beschwer­de­füh­rer ein mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de rüge­fä­hi­ges Recht nicht zur Sei­te (Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG).

Das Kom­mu­nal­wahl­recht und die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Wäh­rend bei Bun­des­tags­wah­len die Ver­let­zung der Wahl­rechts­grund­sät­ze des Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG im Wege einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gerügt wer­den kann, fehlt eine ver­gleich­ba­re Gewähr­leis­tung, wenn es um die Durch­set­zung die­ser Grund­sät­ze bei all­ge­mei­nen poli­ti­schen Wah­len und Abstim­mun­gen im Sin­ne von Art. 20 Abs. 2 Satz 2 GG auf der Ebe­ne der Län­der geht 1.

Art. 38 GG erfasst unmit­tel­bar nur die Wah­len zum Deut­schen Bun­des­tag. Eine ana­lo­ge Anwen­dung auf Wah­len in den Län­dern schei­det mit Rück­sicht auf die selb­stän­di­gen Ver­fas­sungs­räu­me von Bund und Län­dern aus. Zwar ver­langt Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG, dass die Grund­sät­ze der all­ge­mei­nen, unmit­tel­ba­ren, frei­en, glei­chen und gehei­men Wahl auch bei poli­ti­schen Wah­len in den Län­dern gel­ten. Die Län­der haben die­sem Ver­fas­sungs­ge­bot bei der Rege­lung des Wahl­rechts zu ihren Län­der­par­la­men­ten und auf kom­mu­na­ler Ebe­ne zu genü­gen. Dem Ein­zel­nen ver­mit­telt Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG jedoch kei­ne mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de rüge­fä­hi­ge sub­jek­ti­ve Rechts­po­si­ti­on. Das objek­tiv­recht­li­che Ver­fas­sungs­ge­bot des Art. 28 Abs. 1 Satz 2 GG kann auch nicht über die in Art. 2 Abs. 1 GG ver­bürg­te all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit als sub­jek­ti­ves Recht ein­ge­for­dert wer­den. Im Anwen­dungs­be­reich von Art. 28 Abs. 1 Satz 2, Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG schei­det auch ein Rück­griff auf den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG aus 2.

Die Län­der genie­ßen im Rah­men ihrer Bin­dung an die Grund­sät­ze des Art. 28 GG im staats­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Bereich Auto­no­mie. In die­sem Bereich dür­fen sie das Wahl­sys­tem und Wahl­recht zu ihren Par­la­men­ten und den kom­mu­na­len Ver­tre­tun­gen des Vol­kes selbst regeln 3. Die Län­der gewähr­leis­ten auch den sub­jek­tiv­recht­li­chen Schutz des Wahl­rechts bei poli­ti­schen Wah­len in ihrem Ver­fas­sungs­raum allein und abschlie­ßend 4.

Zwar kann der Beschwer­de­füh­rer im Hin­blick auf die von ihm gel­tend gemach­te Ver­let­zung sei­nes pas­si­ven Wahl­rechts über den auf Län­der­ebe­ne gewähr­leis­te­ten ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Rechts­schutz hin­aus kei­nen lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Rechts­schutz erlan­gen. Nach Art. 75 Nr. 6 der Ver­fas­sung des Lan­des Sach­sen-Anhalt in Ver­bin­dung mit § 2 Nr. 7, §§ 47 ff. des Geset­zes über das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de nur gegen Lan­des­ge­set­ze statt­haft, nicht gegen Maß­nah­men und Ent­schei­dun­gen von Trä­gern der Ver­wal­tung oder Orga­nen einer Gemein­de; eben­so wenig kön­nen Gerichts­ent­schei­dun­gen statt­haf­ter Gegen­stand einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt sein 5. Dies ist von Ver­fas­sungs wegen jedoch auch nicht gebo­ten; Art. 19 Abs. 4 GG ver­bürgt kei­nen sub­jek­ti­ven ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Rechts­schutz 6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Mai 2010 – 2 BvR 511/​10

  1. vgl. BVerfGE 99, 1, 7; BVerfG, Beschlüs­se vom 16.03.2005 – 2 BvR 315/​05, NVwZ-RR 2005, 494 f.; vom 09.03.2009 – 2 BvR 120/​09, NVwZ 2009, 776 f.; und vom 03.07.2009 – 2 BvR 1291/​09[]
  2. vgl. BVerfGE 99, 1, 7 ff.[]
  3. vgl. BVerfGE 99, 1, 11[]
  4. vgl. BVerfGE 99, 1, 12, 17; BVerfG, Beschlüs­se vom 16.03.2005, a.a.O.; vom 09.03.2009, a.a.O., S. 777; und vom 03.07.2009, a.a.O.[]
  5. vgl. auch LVerfG LSA, Beschluss vom 23.07.2001 – LVG 2/​01[]
  6. vgl. BVerfGE 99, 1, 19; BVerfG, Beschluss vom 09.03.2009, a.a.O., S. 777[]