Mit­wir­kungs­ver­bot für ein begüns­tig­tes Rats­mit­glied

Ein Gemein­de­rats­mit­glied darf nicht bei einem Sat­zungs­be­schluss mit­wir­ken, durch den er einen unmit­tel­ba­ren per­sön­li­chen bzw. wirt­schaft­li­chen Vor­teil erhält. Die Aus­nah­me von die­sem Mit­wir­kungs­ver­bot, wonach es nicht gilt bei Rats­mit­glie­dern, die ledig­lich einer Berufs­grup­pe oder eines Bevöl­ke­rungs­teils ange­hö­ren, deren gemein­sa­me Belan­ge berührt wer­den, liegt nicht vor, wenn eine offen­sicht­lich unmit­tel­bar begüns­tig­te Grup­pe, der das Rats­mit­glied ange­hört, ver­gleichs­wei­se klein ist.

Mit­wir­kungs­ver­bot für ein begüns­tig­tes Rats­mit­glied

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz in dem hier vor­lie­gen­den Fall einen Bescheid zur Berech­nung wie­der­keh­ren­der Aus­bau­bei­trä­ge für rechts­wid­rig erklärt, weil bei der Beschluss­fas­sung der zugun­de­lie­gen­den Sat­zung ein von der Mit­wir­kung aus­ge­schlos­se­nes Rats­mit­glied betei­ligt war. Der Gemein­de­rat der beklag­ten Orts­ge­mein­de Win­den beschloss im Jahr 2009 eine Sat­zung zur Erhe­bung von wie­der­keh­ren­den Bei­trä­gen für den Aus­bau öffent­li­cher Stra­ßen. Bei der Umstel­lung von ein­ma­li­gen Aus­bau­bei­trä­gen auf wie­der­keh­ren­de Bei­trä­ge kön­nen die Gemein­den nach dem Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz den Umfang einer frü­he­ren Belas­tung durch einen ein­ma­li­gen Bei­trag berück­sich­ti­gen. Die Sat­zung der Beklag­ten ent­hält eine sol­che Ver­scho­nungs­re­ge­lung, wonach Grund­stü­cke, die Zugang zu bestimm­ten Stra­ßen haben, erst in spä­te­ren Jah­ren bei der Ermitt­lung des wie­der­keh­ren­den Bei­trags berück­sich­tigt und bei­trags­pflich­tig wer­den. An der Beschluss­fas­sung des Gemein­de­rats nahm auch eine Per­son teil, die Eigen­tü­mer von zwei Grund­stü­cken ist, die von der Ver­scho­nungs­re­ge­lung erfasst sind. Gegen einen Bescheid der Beklag­ten zur Berech­nung wie­der­keh­ren­der Aus­bau­bei­trä­ge erhob der hier­von Betrof­fe­ne Kla­ge, der das Ver­wal­tungs­ge­richt statt­gab.

Mit sei­ner Ent­schei­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richt bestä­tigt und den Bescheid als rechts­wid­rig ange­se­hen, weil die Aus­bau­bei­trags­sat­zung der Beklag­ten, auf die er sich stüt­ze, unwirk­sam sei. Denn an dem Sat­zungs­be­schluss habe der Eigen­tü­mer eines Grund­stücks mit­ge­wirkt, der nach der Gemein­de­ord­nung hier­von aus­ge­schlos­sen gewe­sen sei. Er hät­te durch die in der Sat­zung ent­hal­te­ne Ver­scho­nungs­re­ge­lung näm­lich einen unmit­tel­ba­ren Vor­teil, weil das Grund­stück auf­grund die­ser Rege­lung für vier Jah­re von der Bei­trags­pflicht befreit wäre. Damit sei zugleich ein unmit­tel­ba­res per­sön­li­ches bzw. wirt­schaft­li­ches Inter­es­se an der Ent­schei­dung gege­ben.

Die Aus­nah­me von die­sem Mit­wir­kungs­ver­bot, wonach es nicht gilt, wenn das Rats­mit­glied ledig­lich als Ange­hö­ri­ger einer Berufs­grup­pe oder eines Bevöl­ke­rungs­teils, deren gemein­sa­me Belan­ge berührt wer­den, betrof­fen ist, lie­ge nicht vor. Zwar stell­ten die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer in einer ver­schon­ten Stra­ße einen Bevöl­ke­rungs­teil dar, den das gemein­sa­me Inter­es­se ver­bin­de, von der Bei­trags­pflicht für einen mög­lichst lan­gen Zeit­raum befreit zu sein. Nach dem Zweck des Mit­wir­kungs­ver­bots sei aber bei der Aus­le­gung der Aus­nah­me­be­stim­mung dar­auf abzu­stel­len, ob die mög­li­chen Son­der­in­ter­es­sen für die Hal­tung des Rats­mit­glieds bestim­men­den Ein­fluss gewin­nen könn­ten. Ein Rats­mit­glied kön­ne daher auch als Teil einer Grup­pe mit gemein­sa­men Belan­gen an sei­ner Mit­wir­kung gehin­dert sein, ins­be­son­de­re dann, wenn – wie hier – eine offen­sicht­lich unmit­tel­bar begüns­tig­te Grup­pe ver­gleichs­wei­se klein sei. Gera­de in der vor­lie­gen­den Situa­ti­on, in der sich die Fra­ge stel­le, wel­che Grund­stü­cke über meh­re­re Jah­re von der Bei­trags­pflicht aus­ge­nom­men wer­den, kön­ne der Anschein erweckt wer­den, das Rats­mit­glied, das von einer sol­chen Ver­scho­nungs­re­ge­lung pro­fi­tie­ren wür­de, könn­te bei sei­ner Ent­schei­dung auch von per­sön­li­chen Inter­es­sen an einem Vor­teil gelei­tet wer­den.

Im Übri­gen bestehe die Mög­lich­keit, zunächst eine Aus­bau­sat­zung zu ver­ab­schie­den, an der grund­sätz­lich alle Rats­mit­glie­der mit­wir­ken könn­ten, und eine Ver­scho­nungs­re­ge­lung einer geson­der­ten Sat­zung vor­zu­be­hal­ten, an der die Rats­mit­glie­der mit Grund­stü­cken in den ver­schon­ten Stra­ßen nicht mit­wir­ken dürf­ten.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 10. Dezem­ber 2013 – 6 A 10605/​13.OVG