Das nach­bar­recht­li­che Rück­sicht­nah­me­ge­bot und die her­an­na­hen­de Wohn­nut­zung

Der Eigen­tü­mer eines gewerb­lich genutz­ten Grund­stücks kann sich gegen eine her­an­na­hen­de Wohn­be­bau­ung weh­ren, für die eine Befrei­ung für die fest­ge­setz­ten Bau­gren­zen erteilt wur­de.

Das nach­bar­recht­li­che Rück­sicht­nah­me­ge­bot und die her­an­na­hen­de Wohn­nut­zung

Ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer – sowie auch ein Erb­bau­be­rech­tig­ter 1 – kann sich gegen ein Bau­vor­ha­ben auf einem Nach­bar­grund­stück nur dann mit Erfolg zur Wehr set­zen, wenn die Geneh­mi­gung die­ses Vor­ha­bens ihn in sei­nen eige­nen Rech­ten ver­letzt (vgl. § 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO). In die­sem Sinn nach­bar­schüt­zend sind nur sol­che bau­recht­li­chen Bestim­mun­gen, deren Ver­let­zung nach dem erkenn­ba­ren Wil­len des Norm­ge­bers ein sub­jek­tiv-öffent­li­ches (eige­nes) Abwehr­recht des betrof­fe­nen Nach­barn begrün­det 2.

Der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer hat ein Abwehr­recht gegen die Bau­ge­neh­mi­gungs­be­schei­de, wenn die Bau­be­hör­de bei ihrer Ermes­sens­ent­schei­dung über die bean­trag­te Befrei­ung für das teil­wei­se Über­schrei­ten der hin­te­ren Bau­gren­ze nicht die gebo­te­ne Rück­sicht auf die Inter­es­sen der anlie­gen­den Grund­stücks­ei­gen­tü­mer genom­men hat.

Den Fest­set­zun­gen der hin­te­ren Bau­gren­zen kommt zwar kei­ne die Nach­barn schüt­zen­de Wir­kung zu. Der Nach­bar hat aber ein Abwehr­recht gegen das geneh­mig­te Bau­vor­ha­ben, weil die Bau­be­hör­de bei ihrer Ermes­sens­ent­schei­dung über die bean­trag­te Befrei­ung für das teil­wei­se Über­schrei­ten der hin­te­ren Bau­gren­ze nicht die gebo­te­ne Rück­sicht auf die Inter­es­sen der Nach­barn genom­men hat. Denn dar­in liegt ein Ver­stoß gegen das nach­bar­schüt­zen­de Gebot der Rück­sicht­nah­me, das inso­weit in dem Begriff "nach­bar­li­che Inter­es­sen" im § 31 Abs. 2 Bau­GB ver­an­kert ist.

Das nach­bar­schüt­zen­de Gebot der Rück­sicht­nah­me ist dann ver­letzt, wenn von dem Vor­ha­ben nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen aus­ge­hen, die die Nut­zung auf dem Nach­bar­grund­stück unzu­mut­bar beein­träch­ti­gen. Ein Nach­bar kann ledig­lich sol­che Nut­zungs­stö­run­gen abweh­ren, die als rück­sichts­los zu wer­ten sind. Dies ist dann der Fall, wenn eine Abwä­gung, in der die Schutz­wür­dig­keit der Betrof­fe­nen, die Inten­si­tät der Beein­träch­ti­gung und die Inter­es­sen des Bau­herrn zu berück­sich­ti­gen sind, ergibt, dass die mit dem geneh­mig­ten Bau­vor­ha­ben ver­bun­de­nen Beein­träch­ti­gun­gen bei der Nut­zung des eige­nen Grund­stücks für den Nach­barn bil­li­ger­wei­se unzu­mut­bar sind 3.

Dies ist hier der Fall. Denn die Klä­ge­rin muss auf­grund der durch das Bau­vor­ha­ben der Bei­gela­de­nen hin­zu­kom­men­den Wohn­nut­zung mit immis­si­ons­schutz­recht­li­chen Beschrän­kun­gen ihrer im Kern­ge­biet recht­mä­ßig aus­ge­üb­ten Nut­zun­gen rech­nen.

Denn nach der TA Lärm, der als norm­kon­kre­ti­sie­ren­der Ver­wal­tungs­vor­schrift bei der Bestim­mung der Zumut­bar­keits­gren­ze im vor­lie­gen­den Nach­bar­kon­flikt Bin­dungs­wir­kung zukommt, sind für die hier gege­be­ne so genann­te Gemenge­la­ge die IRW für ein all­ge­mei­nes Wohn­ge­biet maß­geb­lich, die durch die recht­mä­ßi­ge Nut­zung der Grund­stü­cke der Klä­ge­rin in Bezug auf die neue Wohn­nut­zung im Bau­vor­ha­ben der Bei­gela­de­nen nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Dies hat die Beklag­te bei der ihr im Rah­men der Ermes­sens­ent­schei­dung über die von der Bei­gela­de­nen bean­trag­te Befrei­ung für das teil­wei­se Über­schrei­ten der hin­te­ren Bau­gren­ze ver­kannt.

Die TA Lärm vom 26.08.1998 4 hat als norm­kon­kre­ti­sie­ren­de Ver­wal­tungs­vor­schrift auch bei der Bestim­mung der Zumut­bar­keits­gren­ze im vor­lie­gen­den Nach­bar­kon­flikt Bin­dungs­wir­kung.

So kommt der TA Lärm, soweit sie für Geräu­sche den unbe­stimm­ten Rechts­be­griff der schäd­li­chen Umwelt­ein­wir­kun­gen kon­kre­ti­siert, eine im gericht­li­chen Ver­fah­ren zu beach­ten­de Bin­dungs­wir­kung zu. Die nor­ma­ti­ve Kon­kre­ti­sie­rung des gesetz­li­chen Maß­stabs für die Schäd­lich­keit von Geräu­schen ist jeden­falls inso­weit abschlie­ßend, als sie bestimm­te Gebiets­ar­ten und Tages­zei­ten ent­spre­chend ihrer Schutz­be­dürf­tig­keit bestimm­ten IRW zuord­net und das Ver­fah­ren der Ermitt­lung und Beur­tei­lung der Geräuschim­mis­sio­nen vor­schreibt 5.

Die­se Bin­dungs­wir­kung besteht eben­so bei der Bestim­mung der Zumut­bar­keits­gren­ze in Nach­bar­kon­flik­ten, wie sie das Rück­sicht­nah­me­ge­bot for­dert. Denn das Bun­des­im­mis­si­ons­schutz­recht und damit auch die auf der Grund­la­ge von § 48 BIm­SchG erlas­se­ne TA Lärm legen die Gren­ze der Zumut­bar­keit von Umwelt­ein­wir­kun­gen für den Nach­barn und damit das Maß der gebo­te­nen Rück­sicht­nah­me mit Wir­kung auch für das Bau­recht im Umfang sei­nes Rege­lungs­be­reichs grund­sätz­lich all­ge­mein fest 6.

Damit stellt die TA Lärm nicht nur Anfor­de­run­gen an die Errich­tung und den Betrieb von emit­tie­ren­den Anla­gen, son­dern sie gilt auch für Kon­flik­te wie dem vor­lie­gen­den zwi­schen einer latent stö­ren­den gewerb­li­chen Nut­zung und einer her­an­rü­cken­den Wohn­be­bau­ung. Denn aus der Spie­gel­bild­lich­keit der gegen­sei­ti­gen Ver­pflich­tun­gen aus dem Rück­sicht­nah­me­ge­bot für die in Kon­flikt gera­te­nen Nut­zun­gen ergibt sich, dass mit der Bestim­mung der Anfor­de­run­gen an den emit­tie­ren­den Betrieb auf der Grund­la­ge der TA Lärm zugleich das Maß der vom Nach­barn zu dul­den­den Umwelt­ein­wir­kun­gen und mit­hin die gemein­sa­me Zumut­bar­keits­gren­ze im Nut­zungs­kon­flikt fest­steht 7.

Ver­wal­tungs­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 16. April 2013 – 11 K 168/​11

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 11.05.1989 – 4 C 1/​88, BVerw­GE 82, 61 m.w.N.[]
  2. vgl. etwa OVG Ham­burg, Beschluss vom 07.05.1990 – Bs II 65/​90[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 05.08.1983 – 4 C 96/​79[]
  4. GMBl 1998, 503; TA Lärm 1998[]
  5. BVerwG, Urteil vom 29.12.2007 – 4 C 2.07, m.w.N.[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.09.1999 – 4 C 6/​98[]
  7. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.11.2012 – 4 C 8/​11[]