Das nicht ein­ge­hol­te wei­te­re Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Gemäß § 86 Abs. 1 Satz 1 VwGO hat das Gericht den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt von Amts wegen zu ermit­teln. Fehlt dem Gericht die hier­für erfor­der­li­che Sach­kun­de, muss es sach­ver­stän­di­ge Hil­fe in Anspruch neh­men.

Das nicht ein­ge­hol­te wei­te­re Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Kommt es maß­geb­lich auf den Gesund­heits­zu­stand einer Per­son an, ist daher regel­mä­ßig die Inan­spruch­nah­me ärzt­li­cher Fach­kun­de erfor­der­lich 1. Auf eine sol­che Sach­auf­klä­rung hin­sicht­lich medi­zi­ni­scher Fra­gen kön­nen die Betei­lig­ten hin­wir­ken, indem sie eine ent­spre­chen­de Beweis­erhe­bung bean­tra­gen. Ein Ver­fah­rens­feh­ler liegt daher vor, wenn die Ableh­nung eines Beweis­an­trags zu einer unter Beweis gestell­ten und nach dem Rechts­stand­punkt des Tat­sa­chen­ge­richts erheb­li­chen Tat­sa­che im Pro­zess­recht kei­ne Stüt­ze fin­det 2.

Über die Ein­ho­lung eines wei­te­ren Gut­ach­tens ent­schei­det das Gericht nach sei­nem Ermes­sen (§ 98 VwGO i.V.m. § 412 Abs. 1 ZPO).

Die unter­las­se­ne Ein­ho­lung zusätz­li­cher Gut­ach­ten kann des­halb nur dann ver­fah­rens­feh­ler­haft sein, wenn die vor­lie­gen­den Gut­ach­ten ihren Zweck nicht zu erfül­len ver­mö­gen, dem Gericht die zur Fest­stel­lung des ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts erfor­der­li­che Sach­kun­de zu ver­mit­teln und ihm dadurch die Bil­dung der für die Ent­schei­dung not­wen­di­gen Über­zeu­gung zu ermög­li­chen. Lie­gen dem Gericht bereits sach­ver­stän­di­ge Äuße­run­gen zu einem Beweis­the­ma vor, muss es ein zusätz­li­ches Gut­ach­ten des­halb nur ein­ho­len, wenn die vor­han­de­ne Stel­lung­nah­me von unzu­tref­fen­den tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen aus­geht, inhalt­li­che Wider­sprü­che oder fach­li­che Män­gel auf­weist oder Anlass zu Zwei­feln an der Sach­kun­de oder Unpar­tei­lich­keit des Gut­ach­ters besteht 3.

Die Ver­pflich­tung zur Ein­ho­lung eines wei­te­ren Gut­ach­tens folgt nicht schon dar­aus, dass ein Betei­lig­ter das vor­lie­gen­de Gut­ach­ten als Erkennt­nis­quel­le für unzu­rei­chend hält 4.

Ein Aus­for­schungs­be­geh­ren, das bereits nicht dem Vor­ab­be­schei­dungs­ge­bot des § 86 Abs. 2 VwGO unter­fällt 5, liegt vor, wenn "aus der Luft gegrif­fe­ne" Behaup­tun­gen, für deren Wahr­heits­ge­halt nicht ein­mal eine gewis­se Min­dest­wahr­schein­lich­keit besteht oder jeder Anhalts­punkt fehlt, zumal bei bereits vor­lie­gen­den fach­ärzt­li­chen Stel­lung­nah­men zu dem in Fra­ge ste­hen­den (medi­zi­ni­schen) The­men­kreis 6. Ein sol­cher Antrag ist aber an den Anfor­de­run­gen der gericht­li­chen Pflicht zur Sach­auf­klä­rung von Amts wegen (§ 86 Abs. 1 VwGO) zu mes­sen.

Hier­nach trifft den anwalt­lich ver­tre­te­nen Klä­ger aller­dings die Oblie­gen­heit, bereits in der Beru­fungs­in­stanz sei­ne pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten aus­zu­schöp­fen und in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zu rügen, dass und war­um die bean­trag­te Beweis­erhe­bung – nach sei­ner Ansicht – kein unzu­läs­si­ger Aus­for­schungs­be­weis sei. Denn die Vor­ab­be­schei­dung eines Beweis­an­trags in der münd­li­chen Ver­hand­lung dient gera­de dazu, dass die Pro­zess­be­tei­lig­ten sich in der Ver­fol­gung ihrer Rech­te auf die Erwä­gun­gen des Gerichts ein­stel­len und in ihrem wei­te­ren pro­zes­sua­len Ver­hal­ten dar­auf reagie­ren kön­nen 7. Dass der Klä­ger die­se Mög­lich­keit aus­ge­schöpft hät­te, ist weder dem Pro­to­koll über die münd­li­che Ver­hand­lung vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt noch der Beschwer­de­be­grün­dung zu ent­neh­men. Die Ver­fah­rens­rüge nach § 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO dient nicht dazu, Ver­säum­nis­se in der Tat­sa­chen­in­stanz wett­zu­ma­chen oder nach­zu­ho­len 8.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 4. Febru­ar 2016 – 5 C 12.15

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 25.07.2013 – 2 C 12.11, BVerw­GE 147, 244 Rn. 11 und Beschluss vom 26.05.2014 – 2 B 69.12, Buch­holz 237.0 § 53 BaWüLBG Nr. 5 Rn. 10[]
  2. stRspr, vgl. etwa BVerwG, Beschlüs­se vom 31.07.2014 – 2 B 20.14, Buch­holz 310 § 86 Abs. 1 VwGO Nr. 381 Rn. 18; und vom 29.05.2009 – 2 B 3.09, Buch­holz 235.1 § 58 BDG Nr. 5 Rn. 4[]
  3. BVerwG, Urteil vom 06.02.1985 – 8 C 15.84, BVerw­GE 71, 38, 45; Beschlüs­se vom 29.05.2009 – 2 B 3.09, Buch­holz 235.1 § 58 BDG Nr. 5 Rn. 7; und vom 26.09.2014 – 2 B 14.14, Buch­holz 235.1 § 57 BDG Nr. 5 Rn. 18 f. m.w.N.[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 26.02.2008 – 2 B 122.07, NVwZ-RR 2008, 477 Rn. 29 m.w.N.[]
  5. vgl. Eyermann/​Geiger, VwGO, 14. Aufl.2014, § 86 Rn. 27; Rixen, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 4. Aufl.2014, § 86 Rn. 87 m.w.N.[]
  6. stRspr, vgl. etwa BVerwG, Beschlüs­se vom 27.06.2014 – 2 B 76.13, Buch­holz 449 § 3 SG Nr. 75 Rn. 17; vom 29.04.2002 – 1 B 59.02, Buch­holz 402.240 § 53 Aus­lG Nr. 60 S. 100; vom 14.01.1998 – 3 B 214.97- Buch­holz 310 § 86 Abs. 1 VwGO Nr. 286 S. 34; vom 29.03.1995 – 11 B 21.95, Buch­holz 310 § 86 Abs. 1 VwGO Nr. 266 S. 10 f.; und vom 25.01.1988 – 7 CB 81.87, Buch­holz 310 § 86 Abs. 1 Nr.196 S. 14 m.w.N.; eben­so BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 18.06.1993 – 2 BvR 1815/​92DVBl 1993, 1002, 1003[]
  7. stRspr, vgl. etwa BVerwG, Urteil vom 23.06.1961 – 4 C 308.60, BVerw­GE 12, 268, 269; und vom 26.06.1968 – 5 C 111.67, BVerw­GE 30, 57, 58; Rixen, a.a.O. § 86 Rn. 83 m.w.N.[]
  8. stRspr, vgl. etwa BVerwG, Beschluss vom 24.07.2014 – 2 B 85.13, Buch­holz 310 § 86 Abs. 1 VwGO Nr. 382 Rn. 7 m.w.N.[]