Das Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit – und die staat­li­che Schutz­pflicht

Das Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG schützt nicht nur als sub­jek­ti­ves Abwehr­recht gegen staat­li­che Ein­grif­fe. Es ent­hält auch die staat­li­che Pflicht, sich schüt­zend und för­dernd vor die Rechts­gü­ter Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit zu stel­len und sie vor rechts­wid­ri­gen Ein­grif­fen von Sei­ten ande­rer zu bewah­ren.

Das Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit – und die staat­li­che Schutz­pflicht

Auch der Schutz vor Beein­träch­ti­gun­gen der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit und der Gesund­heit ist von Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG umfasst 1. Eine auf Grund­rechts­ge­fähr­dun­gen bezo­ge­ne Risi­ko­vor­sor­ge kann eben­falls von der Schutz­pflicht der staat­li­chen Orga­ne umfasst sein 2.

Die sich aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG erge­ben­de Schutz­pflicht erfor­dert auch Maß­nah­men zum Schutz vor gesund­heits­schä­di­gen­den und gesund­heits­ge­fähr­den­den Aus­wir­kun­gen von Flug­lärm 3.

Die aus den Grund­rech­ten fol­gen­den sub­jek­ti­ven Abwehr­rech­te gegen staat­li­che Ein­grif­fe einer­seits und die sich aus der objek­ti­ven Bedeu­tung der Grund­rech­te erge­ben­den Schutz­pflich­ten ande­rer­seits unter­schei­den sich inso­fern grund­le­gend von­ein­an­der, als das Abwehr­recht in Ziel­set­zung und Inhalt ein bestimm­tes staat­li­ches Ver­hal­ten ver­bie­tet, wäh­rend die Schutz­pflicht grund­sätz­lich unbe­stimmt ist. Die Auf­stel­lung und nor­ma­ti­ve Umset­zung eines Schutz­kon­zepts ist Sache des Gesetz­ge­bers, dem grund­sätz­lich auch dann ein Ein­schät­zungs, Wer­tungs- und Gestal­tungs­spiel­raum zukommt, wenn er dem Grun­de nach ver­pflich­tet ist, Maß­nah­men zum Schutz eines Rechts­guts zu ergrei­fen. Die­ser lässt auch Raum, etwa kon­kur­rie­ren­de öffent­li­che und pri­va­te Inter­es­sen zu berück­sich­ti­gen 4. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann die Ver­let­zung einer sol­chen Schutz­pflicht nur fest­stel­len, wenn Schutz­vor­keh­run­gen ent­we­der über­haupt nicht getrof­fen sind, wenn die getrof­fe­nen Rege­lun­gen und Maß­nah­men offen­sicht­lich unge­eig­net oder völ­lig unzu­läng­lich sind, das gebo­te­ne Schutz­ziel zu errei­chen, oder wenn sie erheb­lich hin­ter dem Schutz­ziel zurück­blei­ben 5. Die Ent­schei­dung, wel­che Maß­nah­men gebo­ten sind, um den Schutz zu gewäh­ren, ist ver­fas­sungs­ge­richt­lich damit nur begrenzt über­prüf­bar. Nur unter beson­de­ren Umstän­den kann sich die Gestal­tungs­frei­heit des Gesetz­ge­bers in der Wei­se ver­en­gen, dass allein durch eine bestimm­te Maß­nah­me der Schutz­pflicht Genü­ge getan wer­den kann 6.

Aus der Schutz­pflicht des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG folgt auch eine Über­prü­fungs- und Nach­bes­se­rungs­pflicht des Gesetz­ge­bers. Hat die­ser eine Ent­schei­dung getrof­fen, deren Grund­la­ge durch neue, im Zeit­punkt des Geset­zes­er­las­ses noch nicht abzu­se­hen­de Ent­wick­lun­gen ent­schei­dend in Fra­ge gestellt wird, kann er von Ver­fas­sungs wegen gehal­ten sein, zu über­prü­fen, ob die ursprüng­li­che Ent­schei­dung auch unter den ver­än­der­ten Umstän­den auf­recht­zu­er­hal­ten ist 7.

Die gefes­tig­te Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, dass neue wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se einer Pla­nungs- oder Zulas­sungs­ent­schei­dung in der Regel erst dann zugrun­de zu legen sind, wenn sie sich in der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on durch­ge­setzt haben, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht bean­stan­det 8. Es ist in ers­ter Linie Auf­ga­be des Norm­ge­bers, den Erkennt­nis­fort­schritt der Wis­sen­schaft mit geeig­ne­ten Mit­teln nach allen Sei­ten zu beob­ach­ten und zu bewer­ten, um gege­be­nen­falls wei­ter­ge­hen­de Schutz­maß­nah­men tref­fen zu kön­nen. Eine Ver­let­zung sei­ner Nach­bes­se­rungs­pflicht kann gericht­lich erst fest­ge­stellt wer­den, wenn evi­dent ist, dass eine ursprüng­lich recht­mä­ßi­ge Rege­lung zum Schutz der Gesund­heit auf­grund neu­er Erkennt­nis­se oder einer ver­än­der­ten Situa­ti­on untrag­bar gewor­den ist 9.

Behörd­li­che Pla­nungs­ent­schei­dun­gen und deren ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Bestä­ti­gung kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Ergeb­nis nur ein­ge­schränkt dar­auf­hin über­prü­fen, ob sie das Will­kür­ver­bot beach­ten und ver­hält­nis­mä­ßig sind. Dem Plan­ge­ber ist gesetz­lich eine Gestal­tungs­be­fug­nis und damit die Kom­pe­tenz ein­ge­räumt, die erfor­der­li­che Abwä­gung selbst vor­zu­neh­men. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann – wie jedes Gericht – sei­ne eige­ne Abwä­gung nicht an die Stel­le der­je­ni­gen des Plan­ge­bers set­zen; es hat nur zu prü­fen, ob sich die­se und deren ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Bestä­ti­gung in den ver­fas­sungs­recht­lich vor­ge­zeich­ne­ten Gren­zen hal­ten. Hier­für ist maß­ge­bend, ob der erheb­li­che Sach­ver­halt zutref­fend und voll­stän­dig ermit­telt, also ins­be­son­de­re die Betrof­fe­nen ange­hört wur­den, und ob anhand die­ses Sach­ver­halts der Ent­schei­dung alle sach­lich betei­lig­ten Belan­ge und Inter­es­sen zugrun­de gelegt sowie umfas­send und in nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se abge­wo­gen wor­den sind. Soweit hier­bei über Zie­le, Wer­tun­gen und Pro­gno­sen zu befin­den ist, beschränkt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sei­ne Nach­prü­fun­gen dar­auf, ob die­se Ein­schät­zun­gen und Ent­schei­dun­gen offen­sicht­lich feh­ler­haft oder ein­deu­tig wider­leg­bar sind oder der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ord­nung wider­spre­chen 10.

Zudem ist, wenn wie hier ein fach­ge­richt­li­ches Ver­fah­ren statt­ge­fun­den hat, zu beach­ten, dass die Fest­stel­lung und Wür­di­gung des Tat­be­stands, auf des­sen Grund­la­ge die Abwä­gungs­ent­schei­dung ver­fas­sungs­ge­richt­lich kon­trol­liert wird, Sache der dafür all­ge­mein zustän­di­gen Gerich­te und der Nach­prü­fung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt grund­sätz­lich ent­zo­gen ist. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt greift hier nicht schon ein, wenn eine Ent­schei­dung am ein­fa­chen Recht gemes­sen falsch ist, son­dern nur, wenn die Fest­stel­lung und Wür­di­gung des Tat­be­stan­des selbst gegen Grund­rech­te ver­stößt 11.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 2. Juli 2018 – 1 BvR 612/​12

  1. vgl. BVerfGE 142, 313, 337 Rn. 69[]
  2. vgl. BVerfGE 49, 89, 140 ff.; 53, 30, 57; 56, 54, 78[]
  3. vgl. BVerfGE 56, 54, 73 ff.; BVerfG, Beschluss vom 20.02.2008 – 1 BvR 2722/​06, Rn. 78; Beschluss vom 29.07.2009 – 1 BvR 1606/​08, Rn. 10; Beschluss vom 15.10.2009 – 1 BvR 3474/​08, Rn. 26; Beschluss vom 04.05.2011 – 1 BvR 1502/​08, Rn. 37[]
  4. vgl. BVerfGE 96, 56, 64; 121, 317, 356, 360; 133, 59, 76 Rn. 45; 142, 313, 337 Rn. 70[]
  5. vgl. BVerfGE 56, 54, 80; 77, 170, 215; 92, 26, 46; 125, 39, 78 f.; 142, 313, 337 f. Rn. 70[]
  6. vgl. BVerfGE 56, 54, 73 ff.; 77, 170, 214 f.; 79, 174, 202; 142, 313, 338 Rn. 71; BVerfGK 13, 303, 321; BVerfG, Beschluss vom 04.05.2011 – 1 BvR 1502/​08, Rn. 38[]
  7. vgl. BVerfGE 49, 89, 130 f.; 56, 54, 78 f.; BVerfGK 10, 208, 211 f.; 16, 68, 72; BVerfG, Beschluss vom 28.02.2002 – 1 BvR 1676/​01, Rn. 10 ff.[]
  8. vgl. BVerfGK 13, 303, 323[]
  9. vgl. BVerfGE 56, 54, 81; BVerfGK 10, 208, 211 f. m.w.N.; BVerfG, Beschluss vom 04.05.2011 – 1 BvR 1502/​08, Rn. 38[]
  10. vgl. BVerfGE 76, 107, 121 f.; 95, 1, 22 f.; 134, 232, 353 Rn. 323; BVerfGK 13, 294, 296 f.; BVerfG, Beschluss vom 19.12 2002 – 1 BvR 1402/​01, Rn. 14; Beschluss vom 16.12 2015 – 1 BvR 685/​12, Rn.20[]
  11. stRspr seit BVerfGE 1, 418, 420[]