Das unwür­di­ge Ver­hal­ten eines Dr.

Die wis­sen­schafts­be­zo­ge­ne Aus­le­gung einer lan­des­hoch­schul­recht­li­chen Vor­schrift, nach der ein Dok­tor­grad ent­zo­gen wer­den kann, wenn sich der Inha­ber durch sein spä­te­res Ver­hal­ten der Füh­rung des Gra­des als unwür­dig erwie­sen hat, genügt – anders als ein auf die Ent­täu­schung nicht hin­rei­chend fass­ba­rer gesell­schaft­li­cher Vor­stel­lun­gen über den Dok­tor­grad bzw. des­sen Trä­ger abstel­len­des Ver­ständ­nis – dem rechts­staat­li­chen Gebot der hin­rei­chen­den gesetz­li­chen Bestimmt­heit und ver­letzt dar­über hin­aus kei­nes der durch das Grund­ge­setz gewähr­leis­te­ten Grund­rech­te.

Das unwür­di­ge Ver­hal­ten eines Dr.

Die Vor­schrift des § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW (Gesetz über die Hoch­schu­len in Baden-Würt­tem­berg (Lan­des­hoch­schul­ge­setz BW – LHG BW) vom 1. Janu­ar 2005, GBl S. 1, hier anwend­bar in der Fas­sung des Geset­zes vom 14. Juli 2009, GBl S. 317, 331)), wonach der von einer baden-würt­tem­ber­gi­schen Hoch­schu­le ver­lie­he­ne Hoch­schul­grad unbe­scha­det der §§ 48 und 49 LVwVfG BW ent­zo­gen wer­den kann, wenn sich der Inha­ber durch sein spä­te­res Ver­hal­ten der Füh­rung des Gra­des als unwür­dig erwie­sen hat, gehört dem nach § 137 Abs. 1 VwGO nicht revi­si­blen Lan­des­recht an. Sie ver­stößt nicht gegen das Grund­ge­setz.

Damit erteilt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt der Ansicht eine Absa­ge, der in § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW ent­hal­te­ne unbe­stimm­te Rechts­be­griff der Unwür­dig­keit gehö­re dem revi­si­blen Recht an. Die­se Ansicht beruft sich zu Unrecht dar­auf, dass der Begriff aus der die Ent­zie­hung wegen nach­träg­li­cher Unwür­dig­keit durch spä­te­res Ver­hal­ten betref­fen­den Vor­schrift des § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) des frü­he­ren Geset­zes über die Füh­rung aka­de­mi­scher Gra­de (GFaG) [1] mit bun­des­ein­heit­li­cher Gel­tung über­kom­men sei und das Hoch­schul­recht der Län­der den Ent­zug des Dok­tor­gra­des durch­weg an die Vor­aus­set­zung der Unwür­dig­keit knüp­fe.

Das vor­kon­sti­tu­tio­nel­le Gesetz über die Füh­rung aka­de­mi­scher Gra­de galt in sei­nem wesent­li­chen Norm­be­stand nach Inkraft­tre­ten des Grund­ge­set­zes wegen sei­ner Zuge­hö­rig­keit zum Hoch­schul­recht und damit zur Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz der Län­der gemäß Art. 123 Abs. 1 GG als Lan­des­recht fort [2]. Die Gel­tung des Geset­zes in allen dama­li­gen Län­dern mach­te es nicht zu Bun­des­recht und führ­te man­gels einer aus­drück­li­chen Anord­nung der Lan­des­ge­setz­ge­ber nach Art. 99 GG auch unter dem Gesichts­punkt der Rechts­ein­heit und des Anspruchs der Bür­ger auf Gleich­be­hand­lung nicht dazu, dass es als revi­si­bel ange­se­hen wer­den konn­te [3]. Für Rege­lun­gen, die – wie § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW – nach der suk­zes­si­ven Auf­he­bung des Geset­zes über die Füh­rung aka­de­mi­scher Gra­de in den Län­dern an die Stel­le des § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) GFaG getre­ten sind, besteht erst recht kein Anknüp­fungs­punkt für die Annah­me einer Revi­si­bi­li­tät [4], zumal längst nicht alle Län­der der­ar­ti­ge Nach­fol­ge­re­ge­lun­gen erlas­sen haben [5]. Der Senat hat dem­nach nur zu prü­fen, ob die durch den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof aus­ge­leg­te Ent­zie­hungs­vor­schrift als sol­che oder ihre Anwen­dung auf den kon­kre­ten Fall dem (Verfassungs-)Recht des Bun­des wider­spricht.

Die Vor­schrift des § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW ist nicht ver­fas­sungs­wid­rig. Der in ihr ent­hal­te­ne unbe­stimm­te Rechts­be­griff der Unwür­dig­keit erfährt durch sei­nen Wis­sen­schafts­be­zug, den der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof im Wege der für den Senat nach § 173 VwGO i.V.m. § 560 ZPO ver­bind­li­chen Normaus­le­gung fest­ge­stellt hat, eine Kon­kre­ti­sie­rung, die dem in dem Rechts­staats­prin­zip und damit im Wesent­li­chen in Art.20 Abs. 3 GG zu ver­or­ten­den Gebot der Geset­zes­be­stimmt­heit genügt. Die Norm ist in die­ser Aus­le­gung auch mit dem Grund­recht der Wis­sen­schafts­frei­heit aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG, der in Art. 12 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­ten Berufs­frei­heit, dem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht aus Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG und dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar.

Nach ihrer Aus­le­gung durch den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ist die lan­des­recht­li­che Ent­zie­hungs­vor­schrift des § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW wis­sen­schafts­be­zo­gen zu ver­ste­hen. Anders als dies bei den auf einen berufs­qua­li­fi­zie­ren­den Abschluss gerich­te­ten Hoch­schul­gra­den der Fall sei, wer­de durch den Dok­tor­grad nicht ledig­lich ein ein­mal erreich­ter Aus­bil­dungs­stand nach­ge­wie­sen. Viel­mehr beschei­ni­ge die Erlaub­nis zur Füh­rung des Dok­tor­gra­des dem Inha­ber gemäß § 38 Abs. 2 Satz 1 LHG BW die Befä­hi­gung zu ver­tief­ter – und auch selb­stän­di­ger – wis­sen­schaft­li­cher Arbeit. Damit wer­de der Inha­ber öffent­lich sicht­bar als Mit­glied der aka­de­mi­schen Wis­sen­schafts­ge­mein­de („sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty“) aus­ge­wie­sen. Er gelan­ge durch die­se Zuschrei­bung in dem arbeits­tei­li­gen Pro­zess des wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritts in den Genuss eines Ver­trau­ens­vor­schus­ses, was die Ein­hal­tung der Regeln der Wis­sen­schaft­lich­keit anbe­lan­ge. Die Kern­pflicht wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens bestehe in der Wah­rung der wis­sen­schaft­li­chen Red­lich­keit, zu der auch § 3 Abs. 5 Satz 1 LHG BW aus­drück­lich ver­pflich­te. Ein Titel­in­ha­ber erwei­se sich des­halb dann als unwür­dig im Sin­ne des § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW, wenn sich der mit der Ver­lei­hung des Dok­tor­gra­des begrün­de­te Anschein wis­sen­schafts­kon­for­men Arbei­tens ange­sichts gra­vie­ren­der Ver­stö­ße gegen die Grund­sät­ze guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis und Red­lich­keit – ins­be­son­de­re in Form der Fäl­schung von For­schungs­er­geb­nis­sen – als unzu­tref­fend her­aus­stel­le und zum Schutz vor Irre­füh­rung kor­ri­giert wer­den müs­se. Dem­ge­mäß sehe auch § 3 Abs. 5 Satz 3 LHG BW vor­sätz­li­che oder grob fahr­läs­si­ge Falsch­an­ga­ben in wis­sen­schafts­er­heb­li­chem Zusam­men­hang als bei­spiel­haft für einen Ver­stoß gegen die all­ge­mein aner­kann­ten Grund­sät­ze guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis an.

Durch die­se Aus­füh­run­gen hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof den Rege­lungs­ge­halt der lan­des­recht­li­chen Vor­schrift des § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW dahin­ge­hend umris­sen, dass sie von den durch Prü­fung erlang­ten Hoch­schul­gra­den nur den Dok­tor­grad erfasst und für des­sen Ent­zie­hung wegen spä­te­rer Unwür­dig­keit vor­sätz­li­che oder grob fahr­läs­si­ge Ver­stö­ße gegen wis­sen­schaft­li­che Kern­pflich­ten vor­aus­setzt.

Mit die­sem Inhalt steht § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW nicht in Wider­spruch zu dem in dem bun­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­staats­prin­zip wur­zeln­den [6] Gebot der hin­rei­chen­den gesetz­li­chen Bestimmt­heit.

Das Bestimmt­heits­ge­bot zwingt den Gesetz­ge­ber nicht, den Tat­be­stand einer Norm mit genau erfass­ba­ren Maß­stä­ben zu umschrei­ben. Dass ein Gesetz unbe­stimm­te, der Aus­le­gung und Kon­kre­ti­sie­rung bedürf­ti­ge Begrif­fe ver­wen­det, ver­stößt allein noch nicht gegen den rechts­staat­li­chen Grund­satz der Norm­klar­heit und Jus­ti­tia­bi­li­tät. Das Gesetz muss nur so bestimmt sein, wie dies nach der Eigen­art der zu ord­nen­den Lebens­sach­ver­hal­te mit Rück­sicht auf den Norm­zweck mög­lich ist. Unver­meid­ba­re Aus­le­gungs­schwie­rig­kei­ten in Rand­be­rei­chen sind dann von Ver­fas­sungs wegen hin­zu­neh­men. Erfor­der­lich ist aller­dings stets, dass die von der Norm Betrof­fe­nen die Rechts­la­ge erken­nen und ihr Ver­hal­ten danach ein­rich­ten kön­nen. Sie müs­sen in zumut­ba­rer Wei­se fest­stel­len kön­nen, ob die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Rechts­fol­ge vor­lie­gen [7].

Die­se Bestimmt­heits­an­for­de­run­gen wür­den ver­fehlt, woll­te man für die Bestim­mung der Unwür­dig­keit im Sin­ne der Ent­zie­hungs­vor­schrift, wie von der älte­ren Instanz­recht­spre­chung [8], der frü­hen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts [9] und gro­ßen Tei­len der Lite­ra­tur [10] für die Vor­gän­ger­norm des § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c)) GFaG ver­tre­ten, auf die Ent­täu­schung tra­di­tio­nel­ler gesell­schaft­li­cher Vor­stel­lun­gen über den Dok­tor­grad als öffent­li­che Wür­de eige­ner Art, als her­aus­ge­ho­be­ner Rang oder als ehren­vol­le Kenn­zeich­nung der Per­sön­lich­keit sei­nes Trä­gers abstel­len. Weder haben der­ar­ti­ge all­ge­mei­ne Vor­stel­lun­gen, sofern sie in der Gesell­schaft über­haupt auch heu­te noch bestehen, eine nor­ma­ti­ve Grund­la­ge, noch sind die Hoch­schu­len insti­tu­tio­nell oder fach­lich zur Abga­be und Durch­set­zung ent­spre­chen­der Wert­ur­tei­le beru­fen. Die Fall­ge­stal­tun­gen, in denen eine Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des wegen spä­te­rer Unwür­dig­keit gerecht­fer­tigt wäre, wür­den nicht in hin­rei­chen­der Wei­se erkenn­bar [11].

Dem­entspre­chend haben das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in den weni­gen, sehr kur­zen Ent­schei­dun­gen, in denen expli­zit die Bestimmt­heit des Unwür­dig­keits­be­griffs des frü­he­ren § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c) GFaG in Fra­ge stand, der Sache nach eine restrik­ti­ve, ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung die­ses unbe­stimm­ten Rechts­be­griffs für erfor­der­lich gehal­ten. Bestim­mend für die­se Recht­spre­chung ist der Kam­mer­be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 30. Novem­ber 1988 [12], des­sen Erwä­gun­gen sich das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt [13] zu eigen gemacht hat. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt [14] hat die Unschär­fe des Unwür­dig­keits­be­griffs her­vor­ge­ho­ben und Zwei­feln Aus­druck ver­lie­hen, inwie­weit Ver­hal­tens­wei­sen, die kei­nen unmit­tel­ba­ren Bezug zu der mit dem Dok­tor­grad ver­bun­de­nen fach­lich-wis­sen­schaft­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on hät­ten, zur Begrün­dung eines Unwert­ur­teils her­an­ge­zo­gen wer­den dürf­ten. Des­halb wer­de eine Aus­le­gung, die eine funk­tio­nel­le Ver­knüp­fung – des sei­ner­zeit gege­be­nen straf­ba­ren Ver­hal­tens – mit dem Wesen und der Bedeu­tung des aka­de­mi­schen Gra­des her­stel­le, den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen in beson­de­rer Wei­se gerecht.

Die­sen bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ansatz hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof unter Auf­nah­me ein­schlä­gi­ger dog­ma­ti­scher Grund­le­gun­gen in der Lite­ra­tur [15] durch die auf die sys­te­ma­ti­schen Bezü­ge inner­halb des Lan­des­hoch­schul­ge­set­zes gestütz­te wis­sen­schafts­be­zo­ge­ne Inter­pre­ta­ti­on des Unwür­dig­keits­be­griffs in § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW wei­ter­ent­wi­ckelt. Er ist auf die­se Wei­se zu einer kon­sis­ten­ten Beschrei­bung des Rege­lungs­be­reichs der Ent­zie­hungs­vor­schrift gelangt, die deren Begren­zung ohne Wei­te­res ersicht­lich wer­den lässt. Die Vor­schrift erfasst danach im Wesent­li­chen die Ver­let­zung von Pflich­ten, die sich unab­hän­gig von den inner­halb der Wis­sen­schaft erar­bei­te­ten Zusam­men­stel­lun­gen der Anfor­de­run­gen an eine gute wis­sen­schaft­li­che Pra­xis [16] im Sin­ne eines Begriffs­kerns [17] bereits aus dem Begriff der Wis­sen­schaft als sol­chem, das heißt dem ernst­haf­ten Ver­such zur Ermitt­lung von Wahr­heit erge­ben. In ver­gleich­ba­rer Wei­se hat der Senat [18] in ande­rem Zusam­men­hang die durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG garan­tier­te indi­vi­du­el­le For­schungs­frei­heit des Hoch­schul­leh­rers in Bezie­hung zu der Ver­ant­wor­tung der Hoch­schu­le für die Pfle­ge der Wis­sen­schaf­ten gesetzt, die aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG als objek­ti­ver, das Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft und Staat regeln­der wert­ent­schei­den­der Grund­satz­norm ableit­bar ist. Dem im vor­lie­gen­den Fall in Rede ste­hen­den Fäl­schungs- und Mani­pu­la­ti­ons­ver­bot kön­nen danach – wie etwa § 3 Abs. 5 Satz 3 LHG BW im Hin­blick auf Hoch­schul­an­ge­hö­ri­ge bestimmt – vor allem die ver­gleich­bar gewich­ti­gen Ver­bo­te der Ver­let­zung des geis­ti­gen Eigen­tums und der Beein­träch­ti­gung der For­schungs­tä­tig­keit Ande­rer an die Sei­te gestellt wer­den.

Mit die­ser Aus­le­gung des Unwür­dig­keits­be­griffs ver­trägt es sich indes nicht, wenn – wenn­gleich nicht im Zusam­men­hang mit der Fra­ge der Bestimmt­heit der Ent­zie­hungs­vor­schrift, son­dern mit der­je­ni­gen ihrer Ver­ein­bar­keit mit dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz – offen­ge­las­sen wird, ob neben den Fäl­len einer wis­sen­schafts­be­zo­gen begrün­de­ten Unwür­dig­keit auch bei schwe­ren Ver­feh­lun­gen außer­halb des Wis­sen­schafts­be­triebs eine Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des in Betracht kom­men könn­te. Der in § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW ent­hal­te­ne Unwür­dig­keits­be­griff, der nach den Maß­ga­ben des Lan­des­hoch­schul­rechts über die Bedeu­tung des Dok­tor­gra­des wis­sen­schafts­be­zo­gen zu ver­ste­hen ist, kann aus Grün­den des bun­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Bestimmt­heits­ge­bots nicht zugleich unter Her­an­zie­hung ande­rer Kri­te­ri­en inter­pre­tiert wer­den, die man­gels nor­ma­ti­ver Rege­lung ihrer­seits nur in der oben genann­ten Ent­täu­schung nicht hin­rei­chend fass­ba­rer gesell­schaft­li­cher Vor­stel­lun­gen über den Dok­tor­grad und des­sen Trä­ger bestehen kön­nen. Dies gilt auch für die unter ande­rem in der frü­he­ren Recht­spre­chung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs zu § 4 Abs. 1 GFaG [19] und in dem hie­si­gen Ver­fah­ren noch von dem erst­in­stanz­li­chen Urteil befür­wor­te­te Beschrän­kung des Unwür­dig­keits­be­griffs auf beson­ders schwe­re oder ver­werf­li­che Straf­ta­ten jeden­falls dann, wenn die­se Taten kei­nen Wis­sen­schafts­be­zug auf­wei­sen. Vor die­sem Hin­ter­grund ist der Senat zu der Fest­stel­lung befugt, dass die von dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof gefun­de­ne wis­sen­schafts­be­zo­ge­ne Aus­le­gung des Unwür­dig­keits­be­griffs in § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW als abschlie­ßend anzu­se­hen ist [20].

In der wis­sen­schafts­be­zo­ge­nen Aus­le­gung durch den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ist § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW mit dem Grund­recht der Wis­sen­schafts­frei­heit aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG ver­ein­bar.

Von vorn­her­ein kein Raum besteht für die Annah­me, das indi­vi­du­el­le Wis­sen­schafts­frei­heits­recht sei dadurch ver­letzt, dass die Unwür­dig­keit im Sin­ne der lan­des­recht­li­chen Ent­zie­hungs­vor­schrift über­haupt in vor­sätz­li­chen oder grob fahr­läs­si­gen Ver­stö­ßen gegen wis­sen­schaft­li­che Kern­pflich­ten gefun­den wer­de. Denn ein der­ar­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten wird bereits von dem Schutz­be­reich des Grund­rechts nicht erfasst [21].

Ein unzu­läs­si­ger Ein­griff in die indi­vi­du­el­le Wis­sen­schafts­frei­heit liegt auch nicht dar­in begrün­det, dass die Vor­schrift als Reak­ti­on auf die in Rede ste­hen­den spä­te­ren wis­sen­schaft­li­chen Pflicht­ver­stö­ße den Zugriff auf den Bestand des zuvor red­lich erwor­be­nen Dok­tor­gra­des ermög­licht. Denn der damit für den Trä­ger des Gra­des ver­bun­de­ne Nach­teil fin­det sei­ne Rech­fer­ti­gung in dem Gehalt des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG als objek­ti­ver Grund­satz­norm, weil er nach dem von dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof fest­ge­stell­ten Rege­lungs­ge­halt der lan­des­recht­li­chen Ent­zie­hungs­vor­schrift der Siche­rung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Wis­sen­schafts­pro­zes­ses dient. In der Wis­sen­schaft als prin­zi­pi­ell offe­nem Sys­tem muss jeder wis­sen­schaft­lich Täti­ge mit sei­nen For­schun­gen auf den Erkennt­nis­sen ande­rer auf­bau­en und dar­auf ver­trau­en kön­nen, dass die­se nicht mani­pu­liert sind. Wird die­ses Ver­trau­en ver­letzt, lei­det neben der Qua­li­tät der jewei­li­gen For­schungs­ar­beit auch die Prä­zi­si­on des Fach­dis­kur­ses. Dies kann die Glaub­wür­dig­keit des Wis­sen­schafts­be­triebs ins­ge­samt beschä­di­gen [22]. Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber nach Fest­stel­lung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs dem ver­lie­he­nen Dok­tor­grad die Funk­ti­on zuge­schrie­ben, im Fall der wei­te­ren Teil­nah­me sei­nes Trä­gers am Wis­sen­schafts­pro­zess als Aus­weis für des­sen Wil­len und Fähig­keit zur per­ma­nen­ten Ein­hal­tung der wis­sen­schaft­li­chen Kern­pflich­ten zu die­nen. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber hat die­se Zuschrei­bung mit einer ent­spre­chen­den Ver­hal­tens­er­war­tung ver­knüpft und für den Fall der Nicht­er­fül­lung der Erwar­tung die Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des vor­ge­se­hen. Die­ses Rege­lungs­sys­tem stellt sich unter Berück­sich­ti­gung der Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve und des Gestal­tungs­spiel­raums des Lan­des­ge­setz­ge­bers nicht als unver­hält­nis­mä­ßig im wei­te­ren Sin­ne dar. Ins­be­son­de­re sind die gesetz­ge­be­ri­sche Zuschrei­bung und Ver­hal­tens­er­war­tung nicht des­halb als fehl­sam zu beur­tei­len, weil das ent­spre­chen­de Ver­trau­en in den Dok­tor­grad in der Wis­sen­schaft bzw. in ein­zel­nen ihrer Berei­che in tat­säch­li­cher Hin­sicht unter­schied­lich stark aus­ge­prägt sein mag.

Einen unver­hält­nis­mä­ßi­gen Cha­rak­ter gewinnt die in § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW gere­gel­te Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des wegen eines spä­te­ren wis­sen­schafts­be­zo­ge­nen unwür­di­gen Ver­hal­tens fer­ner nicht des­halb, weil die Vor­schrift kei­ne Bestim­mung über eine Befris­tung der Ent­zie­hungs­ent­schei­dung ent­hält. Denn in Fäl­len, in denen sich eine Auf­recht­erhal­tung der Ent­zie­hungs­ver­fü­gung als unzu­mut­bar erwei­sen soll­te, kann dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz dadurch Rech­nung getra­gen wer­den, dass die Ent­zie­hungs­ent­schei­dung auf der Grund­la­ge der nach § 137 Abs. 1 Nr. 2 VwGO revi­si­blen Vor­schrift des § 49 Abs. 1 LVwVfG BW, auf die § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW aus­drück­lich ver­weist, wider­ru­fen wird [23]. Unab­hän­gig hier­von besteht grund­sätz­lich die Mög­lich­keit eines Neu­erwerbs des Dok­tor­gra­des [24].

Schließ­lich kön­nen etwai­ge für das Grund­recht der sub­jek­ti­ven Wis­sen­schafts­frei­heit bedeut­sa­me Beson­der­hei­ten des Ein­zel­fal­les im Rah­men der nach § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW erfor­der­li­chen Ermes­sens­aus­übung berück­sich­tigt wer­den.

Die wis­sen­schafts­be­zo­gen aus­ge­leg­te Ent­zie­hungs­vor­schrift des § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW ver­letzt nicht das Grund­recht der Berufs­frei­heit aus Art. 12 Abs. 1 GG.

Ein­schrän­kun­gen der Berufs­frei­heit, die sich als Fol­ge einer auf Grund der Vor­schrift ver­füg­ten Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des für Tätig­kei­ten im Wis­sen­schafts­be­trieb erge­ben, sind ent­spre­chend den Dar­le­gun­gen zu Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gerecht­fer­tigt, weil sie zum Schutz der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Wis­sen­schafts­pro­zes­ses, einem über­ra­gend wich­ti­gen und ver­fas­sungs­recht­lich in dem objek­ti­ven Rege­lungs­ge­halt des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG ver­an­ker­ten Gemein­schafts­gut, erfor­der­lich und auch sonst ver­hält­nis­mä­ßig sind. Des­halb müs­sen die von einer Ent­zie­hungs­ent­schei­dung Betrof­fe­nen auch mit die­ser ver­bun­de­ne fak­ti­sche Beein­träch­ti­gun­gen einer Berufs­aus­übung [25] außer­halb des Wis­sen­schafts­be­reichs hin­neh­men. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber war auf Grund der ihm zuste­hen­den Pau­scha­lie­rungs- und Typi­sie­rungs­be­fug­nis nicht ver­pflich­tet, bereichs­spe­zi­fi­sche Ver­bo­te zur Füh­rung des Dok­tor­gra­des vor­zu­se­hen. Eine im Ein­zel­fall gege­be­ne beson­de­re Betrof­fen­heit in beruf­li­cher Hin­sicht kann wie­der­um in die Ermes­sens­aus­übung nach § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW ein­flie­ßen.

Aus den bis­he­ri­gen Dar­le­gun­gen folgt zugleich, dass – im Hin­blick auf einen etwai­gen, mit der Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des zusam­men­hän­gen­den Ver­lust gesell­schaft­li­chen Anse­hens – das durch Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG geschütz­te all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht in der wis­sen­schafts­be­zo­gen inter­pre­tier­ten Norm des § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW eine ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Gren­ze fin­det.

Der Umstand, dass der wohl über­wie­gen­de Teil der Pro­mo­vier­ten man­gels wei­te­rer wis­sen­schaft­li­cher Tätig­keit nach der Pro­mo­ti­on dem Anwen­dungs­be­reich des wis­sen­schafts­be­zo­gen ver­stan­de­nen § 35 Abs. 7 Satz 1 LHG BW fak­tisch nicht unter­fällt, begrün­det kei­nen Ver­stoß gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG. Er ist viel­mehr des­halb sach­lich gerecht­fer­tigt, weil von den besag­ten Titel­trä­gern kei­ne Gefahr einer Stö­rung des Wis­sen­schafts­pro­zes­ses durch Ver­let­zung wis­sen­schaft­li­cher Kern­pflich­ten aus­geht [26].

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 31. Juli 2013 – 6 C 9.12

  1. vom 7. Juni 1939, RGBl I S. 985[]
  2. stRspr seit BVerwG, Urteil vom 26.02.1960 – 7 C 198.59, BVerw­GE 10, 195, 195 f. = Buch­holz 421.11 § 4 Ges. Aka­dem. Gra­de Nr. 1 S. 1 f., zuletzt Urteil vom 25.08.1993 – 6 C 4.91, BVerw­GE 94, 73, 76 f. = Buch­holz 421.11 § 2 GFaG Nr. 14 S. 14[]
  3. BVerwG, Beschlüs­se vom 26.11.1976 – 7 B 48.75, Buch­holz 421.11 § 2 GFaG Nr. 4 S. 2, vom 17.03.1978 – 7 B 14.77, Buch­holz 421.11 § 2 GFaG Nr. 6 S. 7 und vom 20.07.1984 – 7 B 116.84, Buch­holz 421.11 § 2 GFaG Nr. 8 S. 4[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 10.03.1997 – 6 B 72.96, Buch­holz 421.11 § 4 GFaG Nr. 4[]
  5. vgl. die Zusam­men­stel­lung der ein­schlä­gi­gen Lan­des­vor­schrif­ten bei: Stumpf, BRJ Son­der­aus­ga­be 1/​2011, 36 Fn. 325[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 07.05.2001 – 2 BvK 1/​00, BVerfGE 103, 332, 384; BVerwG, Urteil vom 23.03.2011 – 6 CN 3.10, BVerw­GE 139, 210 = Buch­holz 421.2 Hoch­schul­recht Nr. 175 Rn. 22[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 07.05.2001 a.a.O. S. 384 f. m.w.N.[]
  8. etwa: OVG NRW, Urteil vom 14.01.1963 – V A 747/​62, MDR 1965, 515, 516; Nds. OVG, Urteil vom 20.10.1965 – V OVG A 58/​63, OVGE 21, 441, 443 ff.; BayVGH, Urtei­le vom 21.07.1966 – Nr. 184 VI 65 – DVBl 1967, 89; und vom 14.02.1969 – Nr. 182 III 67 – VGHE 22, 111, 112; vgl. auch noch: OVG Ber­lin, Urteil vom 26.04.1990 – 3 B 19/​89, NVwZ 1991, 188; OVG Koblenz, Urteil vom 31.07.1991 – 2 A 10260/​91, NVwZ-RR 1992, 79, 80[]
  9. BVerwG, Beschluss vom 06.09.1966 – 7 B 201.65, Buch­holz 421.11 § 4 Ges. Aka­dem. Gra­de Nr. 2 S. 4[]
  10. z.B. Thie­me, Deut­sches Hoch­schul­recht, 3. Aufl.2004 Rn. 420, 436 f., 441; Men­zel, JZ 1960, 461[]
  11. Lorenz, DVBl 2005, 1244; Mau­rer, Pro­mo­ti­on, in: Flämig/​Kimminich/​Krüger/​Meusel/​Rupp/​Scheven/​Schuster/​Graf Sten­bock-Fer­mor, Hrsg., Hand­buch des Wis­sen­schafts­rechts, Bd. 1, 2. Aufl.1996, S. 768 f., 776; Stumpf, a.a.O. S. 36[]
  12. BVerfG, Beschluss vom 30.11.1988 – 1 BvR 900/​88; vgl. im Übri­gen noch: BVerwG, Beschluss vom 18.12.1992 – 1 BvR 1475/​92; und dazu: BVerwG, Beschluss vom 10.03.1997 a.a.O.[]
  13. BVerwG, Beschlüs­se vom 07.09.1990 – 7 B 127.90, Buch­holz 421.11 § 4 GFaG Nr. 2 S. 9 und vom 25.08.1992 – 6 B 31.91, Buch­holz 421.11 § 4 GFaG Nr. 3 S. 13[]
  14. BVerwG, Kam­mer­be­schluss vom 30.11.1988 a.a.O.[]
  15. Lorenz, a.a.O. S. 1242 ff.; v. Coelln, FuL 2011, 278 f.; im Aus­gangs­punkt auch Tie­de­mann, ZRP 2010, 55 und spä­ter Stumpf, a.a.O. S. 37 f.[]
  16. zum Bei­spiel: Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft, Vor­schlä­ge zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis – Emp­feh­lun­gen der Kom­mis­si­on „Selbst­kon­trol­le in der Wis­sen­schaft“, Denk­schrift 1998 mit Ergän­zung vom Juli 2013[]
  17. vgl. dazu: Schmidt-Aßmann, NVwZ 1998, 1226; Schul­ze-Fie­litz, WissR, Bei­heft 21, 2011 S. 6[]
  18. BVerwG, Urteil vom 11.12.1996 – 6 C 5.95, BVerw­GE 102, 304, 308 ff. = Buch­holz 421.2 Hoch­schul­recht Nr. 150 S. 63 ff.[]
  19. BVerwG, Urteil vom 18.03.1981 – IX 1496/​79, JZ 1981, 661, 663; eben­so: Sta­ros­ta, DÖV 1987, 1052[]
  20. vgl. dazu all­ge­mein: BVerwG, Urteil vom 17.10.1986 – 7 C 79.85, BVerw­GE 75, 67, 72 = Buch­holz 422.2 Rund­funk­recht Nr. 18 S. 33[]
  21. vgl. BVerwG, Urteil vom 11.12.1996 a.a.O. S. 312 bzw. S. 67; Lin­ke, WissR 1999, 160; Lorenz, a.a.O. S. 1244 f.[]
  22. vgl. Goe­cken­jan, JZ 2013, 725; Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft, a.a.O. S. 27[]
  23. zur Auf­he­bung einer Ent­zie­hungs­ent­schei­dung nach dem frü­he­ren Gesetz über die Füh­rung aka­de­mi­scher Gra­de unter Ver­weis auf § 4 Abs. 4 GFaG: VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 18.03.1981 a.a.O. S. 664; Thie­me, a.a.O. Rn. 446; vgl. auch: Mau­rer, a.a.O. S. 777[]
  24. Stumpf, a.a.O. S. 48[]
  25. vgl. zu sol­chen Beein­träch­ti­gun­gen all­ge­mein: BVerwG, Urteil vom 18.10.1990 – 3 C 2.88, BVerw­GE 87, 37, 41 ff. = Buch­holz 11 Art. 12 GG Nr.209 S. 27 ff.[]
  26. vgl. Stumpf, a.a.O. S. 38[]