Der Asyl­an­trag in Ita­li­en

Von der Rück­füh­rung eines Asyl­be­wer­bers in den an sich zustän­di­gen Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on muss dann abge­se­hen wer­den, wenn das Asyl­ver­fah­ren oder die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in die­sem Mit­glied­staat an sys­te­mi­schen Män­geln lei­den und der Asyl­be­wer­ber des­halb ernst­haft Gefahr läuft, dort einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­ge­setzt zu sein. Das ist in Ita­li­en nicht der Fall.

Der Asyl­an­trag in Ita­li­en

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge eines soma­li­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen abge­wie­sen, der – nach­dem er einen Asyl­an­trag in Ita­li­en stell­te – die Prü­fung sei­nes zwei­ten Asyl­an­trags in Deutsch­land begehrt hat. Nach­dem ihm in Ita­li­en dort als Schutz­be­rech­tig­ter ein Blei­be­recht zuer­kannt wor­den war, kam er nach Deutsch­land und stell­te dort einen wei­te­ren Asyl­an­trag. Zur Begrün­dung gab er an, er sei in Ita­li­en obdach­los und auch ansons­ten sich selbst über­las­sen gewe­sen. Als Schutz­be­rech­tig­ter habe er weder Anspruch auf Unter­kunft noch auf staat­li­che Sozi­al­leis­tun­gen. Das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge erklär­te den Asyl­an­trag für unzu­läs­sig, da Ita­li­en für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig sei und sei­ne Zustän­dig­keit auch aner­kannt habe. Nach­dem das Ver­wal­tungs­ge­richt die Kla­ge, mit der der Klä­ger die sach­li­che Prü­fung sei­nes Asyl­an­trags in Deutsch­land begehrt, abge­wie­sen hat, ver­folgt der Klä­ger sein Ziel vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Rhein­land-Pfalz sei hier die euro­päi­schen Ver­ord­nung (soge­nann­te Dub­lin-II-Ver­ord­nung) maß­geb­lich: Danach sei Ita­li­en für das Asyl­ver­fah­ren des Klä­gers zustän­dig, nach­dem ihm dort als Schutz­be­rech­tig­tem ein Auf­ent­halts­ti­tel erteilt wor­den sei. Von der Rück­füh­rung in den an sich zustän­di­gen Mit­glied­staat müs­se nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs abge­se­hen wer­den, wenn das Asyl­ver­fah­ren oder die Auf­nah­me­be­din­gun­gen für Asyl­be­wer­ber in die­sem Mit­glied­staat an sys­te­mi­schen Män­geln lei­den wür­den und der Asyl­be­wer­ber des­halb ernst­haft Gefahr lau­fe, dort einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­ge­setzt zu sein. Nach Aus­wer­tung der vor­lie­gen­den Gut­ach­ten, Aus­künf­te und Berich­te und unter Wür­di­gung des Vor­trags des Klä­gers sei dies in Ita­li­en nicht der Fall. Zwar sei das ita­lie­ni­sche Asyl­sys­tem ins­be­son­de­re mit den hohen Antrags­zah­len in den Jah­ren 2008 und 2011 über­for­dert gewe­sen und lei­de noch immer an Män­geln. Dabei hand­le es sich aber nicht um sys­te­mi­sche Män­gel im dar­ge­stell­ten Sin­ne. Zum einen hel­fe Ita­li­en den man­gel­haf­ten Zustän­den ab, so dass sich die Situa­ti­on in bestimm­ten Berei­chen ver­bes­sert habe. Zum ande­ren stel­le sie sich nicht flä­chen­de­ckend, son­dern punk­tu­ell als unzu­rei­chend dar. Es kön­ne daher nicht davon gespro­chen wer­den, das Asyl- und Auf­nah­me­sys­tem sei fak­tisch außer Kraft gesetzt.

Sys­te­mi­sche Män­gel ergä­ben sich nach der Aus­kunfts­la­ge auch nicht für Per­so­nen, denen – wie dem Klä­ger – bereits ein Schutz­sta­tus zuge­spro­chen wor­den sei. Nach Aus­stel­lung der Auf­ent­halts­be­rech­ti­gung sei­en sie ita­lie­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen in Bezug auf den Zugang zum Arbeits­markt und zu dem Gesund­heits­sys­tem gleich­ge­stellt. Auch wenn die Für­sor­ge­leis­tun­gen in Ita­li­en schlech­ter als in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sei­en, begrün­de dies kei­nen Anspruch des Schutz­be­rech­tig­ten, in Deutsch­land blei­ben zu dür­fen.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 21. Febru­ar 2014 – 10 A 10656/​13.OVG